Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 31-32 (5.8.1927)
- Date
- 1927-08-05
- Page
- Seite 455 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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455 Wenn Dr. Bertha Badt meint: .And selbst das ..unreine Gewürm" im selben Gedicht scheint wörtlich einer Stelle in dem Ausspruch desselben Weisen zu entsprechen: „Wohin gehst Tu? — Zu Moder und Gewürm/ so sehe ich den Spruch eines Minnesängers hierher, um „die nivellierende soziale Tendenz" eines Nichtjudcn aus noch etwas früherer Zeit zu zeigen, der zugleich „auch mit den versteckten Kleinodien der jüdischen Gemeinschaft" Berührung hat. 8wer äne vorhte, ficrre got, wil sprechen diniu zehen gebot, und brichet diu, daz ist ntht rechtiu minrte. Dich heizet vater maneger vif: swer min ze bruoder niht enwil, der spricht diu starken wort uz krankem sinne1). Wir wahsen üz fleischern dinge:2) spise frumei uns, diu wirf ringe, so si dur den imimt gevert ). wer kan den herren von dem knehte scheiden, swa er ir gebeine blözez fönde4), hat er ir joch lebender künde5), so gewürme das fleisch verzert? im dienent kristcn, Juden unde beiden, der elliu lebenden wunder nert8). (Walther v. V> Bogelweide.) Wer deine zehn Gebote spricht So furchtlos und sie dennoch bricht. Mein Herr und Gott, dem fehlt noch wahre Minne. So mancher wohl dich Vater nennt: Wer mich als Bruder nicht erkennt, Ter spricht das starke Wort mit schwachem Sinne. Wir wachsen all' aus gleichem Samen, Tie Speise schwindet, die wir nahmen. Wenn sie Nahrung uns gewährt. Wer kann den Knecht vom Herrn noch unterscheiden, Kannt' er auch beide wohl im Leben, Wird ihm ihr bloß Gebein gegeben. Nachdem Gewürm das Fleisch verzehrt? Ihm dienen Christen, Juden sowie Heiden, Ter alle lebenden Wunder nährt. (Simrocks Aebertragung.) Zu dem Gedanken, daß Herr und Knecht dort gleich sind, verweist Wilmanns ans Hiob 19 (auch Wernher spricht ähnlich so), und zu dem Gewürm nach dem Tode zitiert er die Parallele beim Kanzler (Minnesänger), bei Freidank (den wurmen ist der IIp beschert) und als Quelle besonders Jesus Sirach 10, 13: „Denn wenn der Mensch gestorben ist, da wird er Maden und Getier und Würmer bekommen", — übrigens eine ziemlich allgemein bekannte Erfahrung. — Spuren tiefen Wipens in jüdischen Dingen verraten die uns überlieferten Gedichte Süßkinds nicht. Gemessen an der Gelehrsamkeit eines Rabbi Meir von Rothenburg war dieser Fahrende wahrscheinlich ein Amhaarez. Was er an jüdischem Wissen verrät, konnte er mühelos aus dem jüdischen Leben in seiner Heimatgemeinde geschöpft haben. Wir sollten uns doch davor hüten, die Bedeutung der Persönlichkeit Süßkinds, wozu in unseren Kreisen leider so oft Neigung besteht. superlativisch zu steigern. Tie 12 oder 10 kleinen Sprüche, die Süßkind zuzuschreiben sind — Minnelieder im eigentlichen Sinne besitzen wir nicht von ihm —, berechtigen uns nicht, ihn etwa Dichtergrößen wie Wolfram und Walther an die Seite zu stellen. Uns interessiert dieser Fahrende hauptsächlich aus kulturhistorischen Gründen. Seine Verse, denen man einige Betonungssehler wohl nachsagen kann, die allerdings auch der Tertüberlieferung zur Last fallen könnten, verraten doch, wie ein sicher strenger Richter (Roethe) zugeben muß. gute Schulung. Und es ist überaus bedeutungsvoll, daß damals deutsche Juden nicht nur ausnehmend der deutschen Literatur gegenüberstanden, sondern schöpferisch m i t w i r k t e n zu Leistungen, die das recht beträchtliche mittlere Niveau der verbreiteten- Kunstübung erreichten. Es trifft aber nicht zu. wenn Dubnow in seiner .Meltgeschichte des jüdischen Volkes" (Bd. 5,197) behauptet: „Manche seiner Strophen stellen eine Nachahmung der biblischen Psalmen dar", und die Berechtigung zu einer Kontrastierung. wie sie sich ihm aus jenen in ihrer Echtheit anzuzroeifelndcn Strophen ergibt: „Nicht beneidenswert war jedoch das Los des jüdischen Minnesängers, der in den Brutstätten des Lasters (?) einen Hymnus auf die Tugend anstimmt", ist sicher zu bestreiten. Dubnow scheint denn doch die Feinheit der höfischen Kultur, wie sie uns die Kenntnis der großen Werke jener Zeit vermittelt, nicht zu beachten. Jenes Walther-Wort: Tagent und reine minne swer die suochen wil, * * der sol körnen in unser lant war keine unwahre Phrase. Wenn es gilt, den Anteil der Juden in dem andauernden Krieg gegen die Unkultur aufzuweisen, eine ..Judenzählung", die unsere Ehre ebenso glanzvoll wie jener berüchtigte-Versuch im. Weltkriege aufstrahlen lasten wird, so kömren wir mit Stolz aus ganz andere Größen verweisen als aus jenen bescheidenen fahrenden Sänger Süßkind von Trimberg. *) Die gewaltigen Worte mit matt-em Geiste. *) aus gleichem Stoffe srbilü-c-t. * ) wird unwert, wenn sic ihren Weg durch den Mund genommen. Hot. entblößt fände. ) hätte et sie auch rar LeLe» gekannt. ) alles, was es Wunderbares slbt oder die zahllosen Massen der redenden nährt. MM« ©8' Bon Dr. Ernst Heilborn. Es ist notwendig, sich den gesellschaftlichen Unterbau um die Wende des 18. und 19. Jahrhunderts zu vergegenwärtigen: noch ging ein Adliger, der eine Bürgerliche heiratete, seiner ^tandesvorter.e verlustig; an manchen deutschen Höfen mußten bürgerliche Qfsizrere strammstehen, während ihre adligen Kameraden saßen; in Berlm mußte eine bürgerliche Dame, die mit einer Gräfin zu Tisch falb um mindestens sechs Stühle von ihr getrennt sein; in den Theatern waren den Bürgerlichen nur die hintersten Sitzreihen zugänglrch, sie mußten vielfach stehen, bis der Adel Platz genommen hatte — und aus solchem gesellsckMlichen Unterbau erlebt sich plötzlich, wie durch Magie aus niederem Mauerwerk in einer Nacht erstellter Turm, eine Krönung der Berliner Geselligkeit, die in Freiheit des Beisammenseins, geistiger Mitteilung, seelischem Reichtum bislang in Deutschland ihresgleichen nicht wieder gefunden hat. Das macht: das Judentum war in die Gesellschaft eingetreten, will sagen, die jüdische Frall. Diese Blüte der Berliner Gesellschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts geht auf die Namen der Henriette H e r z, der Fron Sara L e v y , der Rahel L e v i n und der Mendelssohns. Sie nvaren es, die flüchtigen und verplauderten Stunden den nachtönenden Glockenhall zu sichern wußten. Ein Blühen, wie aus Steppensand heraus, und es verschlägt nichts, wenn inan den märkischen Ackerboden der Zeit an dessen Stelle setzt, — und doch lvaren die sozialen Vorbedingungen unmerklich geschaffen gewesen. Henriette Herz war die Gattin jenes Dr. Marcus Herz, der als Arzt zu den wagemutigsten und angesehensten zählte; die Madame Levy war eine Tochter des zu Friedrichs II. Zeiten vielgenannten, sehr reich gewordenen Kaufmanns Jtzig, ihre Schwestern die Baronessen v. Arnstein und v. Eskeles. die auf dem Wiener Kongreß eine beachtete Stellung einnahmen; Rahels Eltern hatten es zu Wohlstand gebracht, ihre Mutter war gewiß nicht ohne Bildung; den Mendelssohns verdankte das Deutschland ^der Aufklärung bereits einen seiner klarsten Köpfe. In gewister Weife standen sie alle also doch auf gesichertem Boden —: dazu diese Fähigkeit unmittelbarer Erfayung der Ideen der Zeit, lieber dem Westen war es wetterleuchteud hell geworden. Mußten bei uns zulande noch immer Bürgerliche hinter Adeligen strammstehen, nun wohl, dasselbe Deutschland und dieselbe Zeit sahen die adligen französischen Emigranten als Köche, Tanzlehrer und Pastetenbäcker ein geducktes Dasein führen. Des' weiteren: neben oder über allen Ständen batte sich die deutsche Dichtung dcs Humanitätszeitalters den Menschen entdeckt. Don all diesen Feinhörigen vernommen, war ein Klang des brüderlichen Du in der Luft. Und wie diese Zeit in ihrer gesamten Wetterlage den freien und ungezwungenen, den geistig angeregten und seelisch beiocgteu Verkehr von Mensch zu Mensch ermöglichte so war zugleich in dem Widerstreit zwischen Rationalismus und Romantik, die doch keineswegs nur literarische Begriffe waren, sondern auch eine Weltanschauung, eine Gcistesrichtung, einen Gemütszustand bedeuteten, der Zündstoff gegeben, der das tote Pulver der schleichenden Tagesereignisse in einer Teestunde zur Explosion bringen mochte. Entscheidend blieb wie in aller Geselligkeit, nein, wie in allem Menschentum, die Persönlichkeit. Das Judentum, bislang kaum beachtet, oder als ein Fremdes mißtrauisch von Fremden angeblickt, hatte dieser erwachenden Geistigkeit Persönlichkeiten Zu stellen. Und es war insonderheit die jüdische Frau, der es gegeben war, entscheidend hervorzutretcn. - Nur mit dunkler Ahnung vermag man rätselnd zu ertasten, welck)e seelischen Entwicklungen Generationen hindurch im Verborgenen vor sich gegangen sein müssen. Dem rein äußerere Eindruck nach steht diese neue jüdisch Frau unvermittelt, Minerva gleich im vollen Schmuck der Waffen dem Kopf des Schöpfers entstiegen, da. Persönlichkeiten, in der reichsten Bedeutung des Wortes. Die „tragische Muse" nannten die Berliner Henriette Herz, vielleicht aber nur deshalb, weil ihr eine selten hohe und schlanke Gestalt gegeben war (nur bei der Ausstehenden, nicht bei der Sitzenden ermaß man. wie sehr sie die anderen Frauen überragte), und weil sich die Nase sehr gradlinig zu klassischem Profil au die Stirne schloß. Viel Güte und Wohlwollen mögen die Augen und der gern lächelnde Mund verraten haben. Auf „Wohlwollen und Duldsamkeit" hat man sie und den um sie versammelten Kreis getauft. Als halbes Kind Frau eines gealterten Mannes geworden, hat es den Anschein, als wäre sie in der Ehe nahezu unberührt gebliebem.