Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 31-32 (5.8.1927)
- Date
- 1927-08-05
- Page
- Seite 454 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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454 Von Dr. Meier Spanier (Berlin) imm ♦ Süßkind von Trimberg, ein Jude und Minnesänger, verdankt seine unleugbare Popularität in jüdischen Kreisen dem Umstande, daß wir nur einen dieser Art kennen. Seine Erscheinung wirkt um so auffallender, -da man zumeist den Beruf des „Minnesängers" mit einem falschen, romantischen Schimmer umkleidet. Es ist freilich interessant genug, daß unter der großen Zahl der fahrenden Leute, die durch den Vortrag ihrer kunstvoll gebauten Strophen für Abwechselung im Einerlei des Tages, für die Uebermittelung von Neuigkeiten und für geistige Anregung auf einsamen Herrenhosen sorgten und dafür mehr oder weniger resolut Gabe heischten, daß unter diesen mittelalterlichen Rezitatoren eigener Werke ein Jude war. Woher wiffen wir denn eigentlich, daß es einen jüdischen Fahrenden dieser Art. gab? Nun, ein Schreiber der berühmten Manessischen Sammlung, die uns in der großen Heidelberger Liederhandschrift vorliegt, überschreibt 12 Spruchstrophen mit den Worten: Süßkind, der -Jude von Trimberg. Tie beigesügte, selbstverständlich aus'der Phantasie geschöpfte Illustration zeigt einen bärtigen Juden mit langem Mantel und trichterförmigem Hute vor einem geistlichen Würdenträger und dessen Bereitung. Anlaß zur Ausgestaltung des Bildes gab wohl nur die Strophe, in der den Herren angekündigt wird, daß der Fahrende, da sie niht weint geben, hinfort nicht mehr singen werde. Aehnlich wie prominente Mimen unserer Tage den nicht reichlich genug lohnenden Direktoren mit dem Nimmermehrspielenwollen drohen, wodurch dann eine Tragik heraufbeschworen wird, die am intensivsten von den Kündern des nicht immer ernst gemeinten Entschlusses gesuhlt wird, so gehört es zur Heischetechnik der Fahrenden, daß sie den Abschied für immer in Aussicht stellen, wenn man ihrer Not nicht steuere. In demselben Ton wie diese Strophe ist denn auch eine andere geformt, die von des Dichters häuslichem Elend spricht und die Freigebigen um Hilfe bittet zu Speise und Kleidung. Aber gerade die Echtheit dieser beiden Strophen hat man bezweifelt. Der Ton ist nicht von der Art der übrigen Sangesweisen unseres Tächters, und es erscheint wirklich etwas seltsam, wenn ein Jude gesagt haben sollte: Unt w!l mir einen Sangen bari Und laß mir einen langen Bart län wachsen griser hä re, Wachsen von grauen Haaren, ich wil in alter Juden leben Nach alter Judensitte will ich fortan leben mich hinnan vurwert ziehen. Und stille meines Weges Ziehen. - Min mantel, der sol wesen Der Mantel soll umfahn mich iane, lang tief unter einem huole, Tief unter meinem Hute, demüeticlic sol sin min ganc Demütig!ich fei nun mein Gang, unt selten mö gesingen hove- Und nie mehr sing ich höfischen Sichen $ancf Gesang. ' *it mich die herren scheiden Seit mich die Herren schieden * von Irguofe. von dem Gute. Immerhin sind diese Gründe nicht von solcher Stärke, daß sie völlig überzeugen könnten. Doch sollte man davon abse'hen, aus diesen beiden Strophen allein die Lebensgeschichte Süßkinds mit der üblichen Sicherheit konstruieren zu wollen. Kann man den Juden nicht aus den übrigen zchn Strophen erkennen? Hier sei zunächst einem gerade in. dieser Hinsicht beachtlichen Beurteiler, dem kenntnisreichen Erforscher mittelalterlicher Dichtung, E u st a v N o e t h e das Wort gegeben: „Wüßten wir's nicht, wir würden den Juden aus seinen Sprüchen nicht herauswrttern." . Aber wre man z. SB. Ähnlichkeiten bei Bildern von Verwandtei erkennt, wenn man auf die Tatsache der Verwandtschaft aufmerksan gemacht wird, so glaubt nun auch Roethe. ..den Juden zu spüren" „Seme einzige religiöse Strophe zeigt eine deistische Anschauung dre für den Juden besonders gut sucht." Roethe meint das folgende Gedicht, in dem der erhabene Welten lenker rmt innigem, religiösem Gefühl in einer hohen und edler Anschauung gepriesen wird: , Kung^ herre, hoch gelopter got, was du vermacht! du luchtest mit dem tage und finsterst mit der nacht, davon diu weit vil froid und ruwe hat. Kung aller eren, dir noch nie gebrast, wie den tac du zierest mit der sunnen glast, und ouch diu naht dins mänen lieht wol statt Du bernst himel mit den stern, O König, hochgelobter Gott, das All fühlt deine Macht. Tn leuchtest mit dem Tage und dunkelst mit der Nacht, Daß es dcr Melt an Freude und Frieden nicht gebricht. König! Alle Ehre gebühret dir allein. Wie zierest du den Tag mit - Hellem Sonnenschein, Und auch die Nacht schmückt deines Mondes Licht. Tu schufst den Himmel und der Sterne Schar, din Schönheit iemer mac ge- Und deine Schönheit währet wem rnunerdar. du hasrt’ze geben gäbe vil, der Viel hast du uns zu spenden — niht zergät. das wankt und weichet nicht. (Beide Uedertragungen von Dr. Bertha B a d t in: „Iüd. Bücherei-, Welt-Verlag.) Roethe führt fort: „Als die typischen Vertreter der Weisheit erscheinen bei ihm nicht die Pfaffen, sondern die Nekromanten und Propheten. Im angstvollen Gedenken an den Tod und die ungewisse Zukunft nachher fehlt ihm die freudige Zuversicht, die sich bei den christlichen Gängern meist einstellt: den Stachel des Todes fühlt er schmerzhaft voraus." In diesem Punkte muß man Roethe widersprechen. Er verkennt den sieghaften jüdischen Optimismus, der sogar im Mittelalter trotz aller Leiden und Verfolgungen niemals die frohe Zukunftshoffnung aufgegeben hat und immer wieder durch sie gestärkt wurde. Mag sein, daß hier eine individuelle schwermütige Veranlagung sich äußert, sonst möchte ich glauben, daß gerade nach dieser Richtung eine Beeinflussung dlirch eine Umwelt vorliegt, auf die Mahnreden christlicher Bußprediger einzuwirkeu pflegten. „Mehr ned) bedeutet seine nivellierende Tendenz, die den emanzipationslnsiigeu Juden verraten könnte: der Reiche soll den Armen nicht verachten; wer adlig handelt, ist adlig; der Adel taugt nichts, der nicht adlig tut, sonst wird das Adelkleid zum Haderlumpen." Also der dem Juden aus Urzeiten anerzogene Gercchtigkeitsdrang. sein edelstes Erbgut, wird in einem säst tadelnden Tone beurteilt. Ter emauzipationslustige Jude — aus dem Ende des 13. Jahrhunderts! — verficht die nivellierende Tendenz, den Armen menschlich zu achten und vom Adel adlige Gesinnung zu erwarten. Muß sich dieser Jude schämen? „Namentlich aber fällt eine atrophe auf, in der Süßkind darstellt, wie die Tugend oft nur eine Folge der Notwendigkeit ist. Ta heißt's: manch Gehrender nehme gern Wucherzinsen, ohne sich um Gott und der Menschen Fluch zu kümmern, wenn er nur das nötige Kapital besäße. Hört man da nicht den Juden, der sich und seine Stammesgenopen gegen den typischen Borwurf des Wuchers verteidigt? Und das alte Fabelmotiv der Wolfsklage, das den Wolf jammern laßt, er müsse rauben, weil ihm ehrlicher Erwerb der Nahrung abgeschnitten sei, das gewinnt im Munde des mittelalterlichen Juden einen eigentümlich melancholischen Nebensinn. Aber da interpretieren wir vielleicht schon hinein." Roethe hätte hier noch darauf Hinweisen können, mit welcher Schärfe auch christliche Chronisten und Minnesänger das Wuchern der Christen verdammen, das nicht aus Zwang, sondern aus niedriger Geldgier geübt wurde. (Vergleiche meine. Anmerkung in Murners Narrenbeschwörung zu Kap. 67 Mit dem Judenspieß rennen.) Tr. Bertha Badt, die Süßkinds Gedichte vortrefflich in neuhoch, deutsche Form gebracht hat, nennt in einem Nachwort ihrer kleinen Ausgabe („I ü d i s ch e B ü ch e r e i", B d. 6) den Dichter mit vollem Recht einen „Asiimilierten". Aber sie bezieht das Wort eigentlich nur auf das äußere Gewand seiner Dichtung. „Sieht man in seine Gedankenwelt hinein, so steht der Jude mit einem Male ganz einsam da, abgesondert von seinen Gefährten" — von dieser Einsamkeit sollte man in diesem Falle wirklich nicht reden. Tenn man konnte zu sämtlichen Aeußerungen dieses Fahrenden Parallelen ans deutschen Minnesängern stellen, und -Roethe hat gewiß recht, wenn er sagt: „S. entsernt sich kaum von den Anschauungen, die der ganzen Poesie der Zeit gemeinsam -sind." Wie könnte es auch anders sein? Er trug seine Sprüche ja der christlichen Gesellschaft vor; da konnte er in religiöser Hinsicht nur Anschauungen äußern, die Gemeinsames betrafen. Es gehört doch nicht zum Wesen des „Asiimilierten," Eigenes zu verleugnen oder Unjüdisches zu künden. Es ist daher auch ganz. selbstverständlich und bedarf keiner besonderen Hervorhebung, daß er sich vom Marienkult fernhält (man vergleicht übrigens Heines Anmerkung zu seiner „Wallfahrt nach Kevelaar"). und es liegt wirklich sehr nahe, daß er die tugeudhaste Frau im Anschluß an das populäre Frauenlob der Sprüche Salomos preist. Hier findet sich nun der einzige wirklich deutliche Nachklang aus dem biblischen Schrifttum: ir licht rerlcschcl tut in nacht. Io jichbe balcilo nciroh, Spr. 31, IS), und mir scheint fast, als ob er dieser Wendung eine geistreiche allegorische Deutung gibt. Mag sein, daß in dem oben abgedruckten religiösen Gedicht Reminiszenzen aus dem Abendgebet (hamaawir jaum umowi lajlo) zu finden sind, aber daß sich in Süßkinds Gedichten Berührungen finden, nicht nur mit der Bibel, die, wie Bertha Badt sehr' richtig lx> merkt, „schon laugst Gemeingut der Weltschatzkammer geworden war," „sondern mit den versteckten (?) Kleinodien der jüdischen Gemeinschaft, dem Siddur, dem Talmud," darin geht unsere verehrte Autorin, die wisieuschastlich genug geschult ist, um Gelbhaus' und Lewius Reminiszcuzeujagd zurückzuweiseu, doch nun auch ihrerseits zu weit. Wenn sie auf einen nicht nur in der jüdischen Literatur so populären Gedanken hindeutet, wie er Aboth 3, 1 geäußert wird, weil S. sagt: Wenn ich gedenke, was ich was, ald was ich bin, ald was ich werden muoss, so ist alle min froidc dahin, so darf man ja auch an die alte deutsche Hausinschrift erinnern: Ich kam, weiß nit woher. Ich bin und weiß nit wer. Ich leb', weiß nit wie lang. Ich sterb' und weiß nit wann. Ich fahr, weiß nit wohin. Mich wundert's daß ich fröhlich bin.