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Central-Verein-Zeitung · 1927-08-05 · 31-32 (5.8.1927) · p. Seite 453

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
31-32 (5.8.1927)
Date
1927-08-05
Page
Seite 453 (sequence 21)
Language
German
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453 weitesten Urkunde des- Men-chengeschlechts* konnte er, da Herder immer „schweben* sagt und lieber noch, wie später Mendelssohn, weder/' sie nickt enttichmcn. Während er wohl von Herder das kaufen des EottesMtts über den Wogen hot. Tenn Herder kann sich nicht «genug tun im rlusmalen des Gemäldes, wie „Geist des Himmels, Hauch Gottes, sich von droben her senkt, die Fluten durchwüh.h, emporwebt: wo er wandelt, webt himmlische Gegenwart: und'alleä ist Schauer'.", der .wehenden Lun Gottes*, des „webenden Tturms* dieser'„Nachtttenech diestr Be'chreionng „der brainendsten Tckauer de2' Nachlwinds*. „wo auch der Ausdruck mit Nacht und Woaen kämpst* —'und in doch weit, entfern: oon der nüchternen Torheit alter und neuer Kommentatoren, diesen brausendsten Ccttesstrirm nun für einen „bloßen heftigen Wind* erklären zu wollen. Und Goethe hat dann, in kühner Intuition den Sinn der Grelle erfassend, wo die Kräste'panmmg jenes Augenblicks der Urschöpfung Unvereinbares noch in eines ballt, den Braus und das Brüten Zw'ammenaeschlosien in den sausenden Geist, der über den Wogen brütet. Jiiöischeßormkräfte an örutschemUulturgut. Von Dr. Michael Mnller-Clauvius. 1. Gelegentlich. der Vorarbeiten zu meinem Buch über die „Deutsche Rassenangft* wandte ich mich an einen sehr jungen, aber namentlich auf ynellenkundlichem Gebiet sehr tenntnisreichen Historiker mit deyn Vorschlag, an der Sammlung von alten Tokumenten. wie ich ne im zweiten Kapitel verwertete, mitzuarl'eiten. Tazu mu§te er über die Grundidee des Buches unterrichtet werden. Er lehnte die Mitarbeit indenen leidemchaftlich ab. In seinem Brief hieß es unter anderem: „Was wir brauchen, ist im Gegenteil ein Buch, das bcn Titel tragen mühte: Wie Vollmacht über den Inden? Es mühte ein Hoheslied des deutschen nationalen Willens sein ... Mit der Vollmacht über den Juden mühte jeder nationale Heilungsprozeh ansangen. Tenn der Jude, mit dem wir weder Schicksal noch Gesinnung je gemein hatten, ist ein fremder und hemmender Zersetzungskeim in unserem Volkskörper. Tie reinsten Teutschen erkennen es, aber die^Maye folgt nur träge und bleibt lau. ' Man muh ihr die Gedanken heiß machen. Wer Ohren hat zu hören, der höre!!...* Ich konnte dem jungen Freunde antworten, dah sein Schreiben seine eigene Theorie auf das merkwürdigste und vollkommenste widerlege. Tenn in den wenigen Sätzen seines Schreibens bedient 'er sich zweimal, und zwar an den nachdrücklichsten stellen, spezifisch jüdischer, der Bibelentnommener Wendungen: des bildlichen Ausdrucks vom „Hohenlied* und des überaus ohrenfälligen. anschaulich-eindringlichen Rufes: ,Böer Ohren hat zu hören, der höre.* Er verwende also, psychologisch gesprochen, gerade in den Augenblicken, in denen er eine sprach.iche Steigerung, eine besonders heihe, mitreißende Werbekraft seines Sprechens ausbieten will, jüdische Formen. Ter ganze Brief sei ersichtlich eine ganz spontane, -gefühlsgeborene Willensäußerung — und dah gerade aus so spontaner Gefühlsaufwallung heraus jüdische Formen sprachsteigernd und sprachgipfelnd sich einstellen, das zeige symptomatisch. wie sehr in seinem psychischen Zentrum eine Berührung nicht nur, sondern eine Synrhese aus deutscher und jüdischer Formgebung und Fvrmkraft unbewußt sich vollzogen habe — so unbewußt Zwar und doch so fest, daß diew Formen selbst i n e i n e m A f f e k t gegen den Juden jchlcchihin seinen Ausdruck gestalten. 2. Unsere Zeit sieht nicht Psychologisch. Sie hat nicht Muhe dazu. Ihr bleibt nur so.viel Blühe, in rohen Typen zu sehen — und dazu allzuoft in alten, übernommenen Typen. Ties ist der Grund, weshalb die geistige Welt keinen reinen, klaren Raum ^ruehr bildet, sondern mit den drückenden Wolken der Mißverständnisie, der Vorurteile, der Verfemungen immer mehr sich erfüllt. Und dcch zerfallen von der einfachen und unvoreingenommenen psychologischen Ausdeutung eines alltäglichen Erlebnisies wie des oben skizzierten ganze Wälle rasieutheoretischer Konstruktionen und völkischer Togmen. Man hat oft und eindringlich dargestellt, wie bereit und fähig und geöffnet der deutsche Geist sich erwiesen hat, hellenische und römische Kulturgüter in sich auszunehmcn und produktiv in kulturelles Eigenleben umzusetzen. Daraus beruht die deutsche Kulturkraft. das; sie vor den klassischen Kulturformen nicht ratlos, blind, zugeschlopen stand, sondern ihnen durchaus gewachsen war. Diese deutsche Kulturkraft zog eben die fertigen klassischen Kulturformen in ihre drängende und schöpferische Eigenbewegung hinein, nutzte sie, band sie an den eigenen biologischen Werdedcang und wertete sie. ein höchst produktiver Vorgang, in deutsche Kulturgüter um. Ter Teutsche ist mit Recht stolz auf diesen Anteil an der Antike. Allein was nun geschehen sollte, ist eine eindringliche psychologische und geisll>sgeschichtüche Analyse, die in ihrem Ergebnis aufdeckt, wie weit die deutsche Kulturkraft diespezifisch jüdischen Kulturkrafte, insonderheit die ethischen und religiösen, in ihre Eigenbewegung hineingezogen hat, und welche formenden und fortentwickeluden Werte dabei die jüdstchen Kulturkräfte aus een deutschen Geist überstrahlt haben. Ter Weg von dem grimmen, unerlösten Hagen des Nibelungenliedes zum Armen -Lreinrich, der erlöst wird, und zum Hochbild Parznals, der sich selbst'erlöst — das ist ein seltsamer, vielverschlungener Weg, auf dem sich die Vermählung uralter g e^r m a n t - cher Religion und Ethik mit der klassrichen ü d i s ch e n G r l ö s u n g s i d e e vollzogen hat. Wir freuen uns an Wolframs Parsistrl, und gern wird erIwn denen, die am stolzesten auf ihr Teutschtum sind, als ein deurfuzesittliches Symbol ausgestellt. Gr ist es. Und doch mühte Adolf Bartels ihn aus der Geschichte .per: deutschen Literatur verweisen. Tenn im Parzifal ist germanuche Ethik und jüdisch-christliche Religiosität zu unlöslicher organischer Synthese verbunden, wie in den Figuren des Bamberger Lomes römisches und deutsches Formgesühl. Hier wie da ist die Synthese schöpferisch gewesen. Hier wie da hat sie klassische deutsche Werke gezeugt. 3. In diesem engen Rahmen ist nicht mehr möglich als Andeutung und Schattenriß. ' Allein, da wir von der Sprache ausgingen, darf noch einmal an das Buch erinnert werden, das Nietzsche einmal das beste deutsche Buch nennt: Luthers Bibel. Erinnern wir uns jenes Urteils Nietzsches: „Gegen Luthers Bibel gehalten, ist fast alles übrige nur -Literatur' — ein Ting, das nicht in Teutschland gewachsen ist und darum auch nicht in deutsche Herzen hineinwuchs und -wächst, wie es die Bibel getan hat.* Was aber bedeutet dies, daß das größte deutsche Sprachkunst» werk zugleich das klassische jüdische Buch ist? Was bedeutet es, dah eben dieser klassische jüdische Geist in die stärkste deutsche Sprachform sich Prägen ließ und so geprägt in die deutschen Herzen hineinwachsen konnte? Es bedeutet dcch wohl, daß jener symptomatische Brief, den wir oben betrachteten, nicht eben recht hat, wenn er behauptet, der Teutsche habe weder Schicksal noch Gesinnung je mit dem jüdischen Geiste gemein gehabt. Es bedeutet vielmehr, daß die klassische Leistung des jüdischen Geistes eine produktive Energie in der deutschen Kutturentwicklung gewesen ist. Und es bedeutet, dah der Antisemitismus nicht durch deutsche Art und deutsche Geistesgeschichte begründet wird, sondern daß die Analyse des geistigen Werdens Deutschlands ihm jede Möglichkeit der Rechtfertigung entzieht. An der Sarnmlung der klassischen Dokumente des Judentums hat sich die Sprache, die Kraft, die Leidenschaft Luthers entzündet. Das allen Abtönungen Geöffnete seiner Sprache, fein Rhythmus und die Magie seines Rhythmus', der große schritt, das Hochgewachsene seiner Sprache, dieses aus dem Urquell der Volkssprache schöpfende — und doch wieder über der Alltagssprache wie auf Bergen Hinschreitende seines -^tils ist deutschen Ursprungs. Aber das Bild, das Symbol, die unerhörte Farbigkeit und die hieratische Geweihtheit feiner Sprache hat er aus dem Alten Testament. ^Richt nur in seiner Bibelübersetzung. Unter seinen Händen werden die Bücher der Propheten und der Psalmen deutsche Lieder. Nach zehn Jahren schon sind diese Lieder deutsche Volkslieder gewesen — und heute, nach vierhundert Jahren, sind sie immer noch Volkslieder. die in zahllosen Wendungen des mühevollen Alltags symbolisch erklingen. Auf der Sprache Luthers steht Hans Sachs. Steht Goethe. S t e h t F i ch t e. S t e h t N i e tz s ch e. Sie sind nicht schlechtere Teutsche. weil Geist und Wort des Riesen Luther am klassischen Werk des Judentums schöpferisch entzündet wurden. Iüöisch-öeutsche Literatur im Mittelalter. . . Es gibt in der uns erhaltenen jüdisch-deutschen Literatur der alten Zeit Beweise genug dafür, daß die schriftstellernden Juden des späten Mittelalters nicht schlechter und nicht besser geschrieben haben als ihre christlichen Mitbürger, wenn sie sich von dem Zwange eines lehrhaften Uebersepuugsdeutsch freimachen konnten. In Wortschatz, Satzbau und Stil sind ihre literarischen Erzeugnisse, abgesehen von den zu Nnterrichlszwecken angesertigten Bttwttül>ersetzungen. Geist vom Geiste der zeitgenössischen deutschen Volksliteratur. Schon die Vorreden zu den verschiedenen Uebersetzungen beweisen das. Mehr noch die ganze große weltliche Litratnr. die das alte deutsche Judentum gepflegt hat. die geographischen und geschichtlichen Werke in Prosa, die seinsinrnge Weisheilsliteratur in Prosa und Poesie, und vor allem die epische. lyrisck)e. Sagenmib Novellendichtnng. in der uns noch immer üngehobene Literatur, urrd kulttlrgeschichttick)e Schätzedeutsch-jüdischen Geisteslel>ens des Mittelalters und der'Neuzeit erhalten sind. Es gibt in dieser Literatur Zeugnisie für eine Fähigkeit uiid Kunst der Sprachführung, die sich mit Erfolg auch an ganz schwierige Ausgaben gemacht ljat . . .* Proscssor Icke. W. Staerk (Aus „Iahrb. f. jlld. Defch. -u. Ltt.* 19-27),

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