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Central-Verein-Zeitung · 1927-08-05 · 31-32 (5.8.1927) · p. Seite 452

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
31-32 (5.8.1927)
Date
1927-08-05
Page
Seite 452 (sequence 20)
Language
German
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452 Prinzip ist dasselbe. „Wo das Volk nicht zuerst von Gott unterrichtet ist/ schreibt Luther, „da ist es unmöglich, zu beten; ja, es wird keiner für sich selbst recht beten können, wo er sich nicht zuvor selbst den Glauben vorpredigt." Auch hier kann nur angedeutet werden, welche kulturelle Bedeutung diese Einrichtung der regelmäßigen Vorlesungen gewonnen hat. Wenn die Bibel das Buch der Menschheit geworden ist, wenn sie die Herzen der Menschen zu allen Zeiten gewonnen hat wie kein anderes Schriftwerk irgendeines anderen Volkes, so hat sie das in erster Reihe dem Umstand zu verdanken, daß Synagoge und Kirche sie zu einem Volksbuche gemacht haben. Als der Höhepunk des kirchlichen Gottesdienstes ist das Gemein degebet zu betrachten, dessen Inhalt wiederum aufs stärkste von der Synagoge beeinflußt worden ist. Im Mittelpunkt des christlichen Gemeindegebets steht die Lobpreisung der Größe und Macht Gottes und der Tank für das von ihm geschenkte Heil. So ist auch das jüdische Gebet auf dem Hymnus, auf Lobpreisung und Tank, aufgebmck; „Gelobt seist du, Ewiger, unser Gott" ist die Grundform aller jüdischen Gebete, selbst die Bitten schließen mit dieser hymnischen Form; das wichtigste Bittgebet der Synagoge heißt „schmone esre ivrakot", das Gebet der achtzehn Lobpreisungen. Und wie sich in der jüdischen Literatur diese hymnische Grundlage zu einer Verherrlichung der Schöpfung und zu einer Versenkung in die während des Geschichtsverlanfs erfahrenen göttlichen Wohltaten erweitert, so auch in den christlichen Gebeten. Tasselbe läßt sich von dem Gegenstück zur Verherrlichung Gottes sagen, von dem Bekenntnis der Niedrigkeit und der Sündhaftigkeit des Menschen; auch hier knüpft die christliche Liturgie an das jüdische Vorbild an. Und vollends gilt das vom Bittgebet: „Tie Bitte um die großen und himmlischen Anliegen, die individuellen wie die universellen". wie der Kirchenvater S eigenes sich ausdrückt, sind in der jüdischen Liturgie vorgebitdet. Tie Bitten richten sich ausschließlich aus solche Werte, die der Gemeinschaft von Nutzen sind oder, soweit sie den einzelnen betreffen, für jeden in gleicher Weise erstrebenswert und unentbehrlich find. Ten Höhepunkt der Bitten im jüdischen Gebet aber bildet.die um die Errichtung des Gottesreiches auf Erden, die in ganz besonders feierlicher Form die Gebete für die sabbate und Festtage ausfüllt. Es ist heute von der gesamten christlichen Liturgieforschung zugestanden, wie stark die Form der Bitte, wie der Gegenstand der Fürbitte in der Kirche durch die alte jüdische Ueberlieferung angeregt worden ist und wie trotz aller Veränderung dieser alte Kern noch heute deutlich zu erkennen ist. Bedarf es noch eines Hinweises auf Einzelheiten, so sei zunächst an den Sanktus erinnert, der einen Höhepunkt der christlichen Messe bildet, wie die Kedusclia mit den Gipfel der Feierlichkeit im Gottesdienst der Synagoge darstellt. Hier wie dort wird im Anschluß an das 6. Kapitel des Propheten Jesaia dichterisch geschildert, wie die Engelscharen im Gesang des Drei-mal-heilig dem Höchsten huldigen. Und zum Abschluß sei des Pri estersegens gedacht, der den christlichen und den jüdischen Menschen von der Wiege bis zur Bahre begleitet. tJer.ViT5ktEl-conve^ ria VERBINDUNGEN* DEUTSCHER STIVENTEX JC7DI- \5®5X GLAJJ&ENS VERENL-iEN' aWORMICKEM/ r—M"Myg,a————— PHI FÜHRER DES K.C 2 V SEINEM ZUGEHGNET Mrarbcircr: Kurt Alexander, Leo Baeck, Hermann Verlock, Julius Brodnitz, Mar Tieuemann, I. Elbogen, Sigmund /eist, Ernst Frankel, Felix Goldmann. Alfred Gold- .schnudt, Ludwig Haas, Julius Hellbrauner, * Friedrich Hertz. Joses Hirsch, Bruno Italiener. Benno Jacob, Ernst Jacob, Ludwig Kämpfer, Reinhold Lewin. Leo Löwen stein, I a cob Ma rx, Paul Riege r, Werner Rosenberg. Felix Rosenthal. Eugen Schmidt, Heinrich Stern, Hugo Steinthal, Siegfried Urias, Hermann Vogel. Sün, A. Warschauer. runo Weil, Alfred Wiener. 3» d«zlchen zum Preise vvrr 8 28. philo Verlag und Vuchhanälung S. m. d. tz., Berlin $W 68. Unmittelbare Einwirkung öer hebräischen Hibel aus Goethes Sprache. Von Dr. Franz Rosenzwerg. Allbekannt ist, daß unsere Bibel durch die Luthersche Hebetsehung unsere deulsche Sprache aufs stärkste beeinflußt hat. Zwar ist neuerdings nachgewiesen, daß die Behauptung, Luther habe un'ere Schriftsprache geschaffen, in dieser Form nicht aufrechterhalten wer. den kann. Ader was^viel wichtiger ist: Luthers Bibel hat die Wiedergeburt unserer spräche in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts, ohne die unser Teutsch heute eine innerlich und äußerlich romanisterte Mischsprache wäre wie das Englische, erst ermöglich;. Wie tief etwa Goethes Gebrauch seiner Muttersprache, und hier wirklich im genauesten Sinn: seiner Mutter-Sprache. aus dieser Quelle schöpfte, das hat er ja selbst oft genug bekannt; man lese, um eine Vorstellung davon zu'bekommen, des ^geistreichen Balten Victor Hehn schönen Aussatz: „Goethe und die spräche der Bibel". All diese Einflüsse gehen durch das Medium der Luther-Bibel. Zwar ist auch die in einem Matze reich an H e b r a i s m e n , das man heute, eben weil durch sie die hebräischen Wendungen deutsche geworden sind, nicht mehr ahnt; Luther hat ganz bewußt, gerade an Stellen, die ihm als die theologischen und religiösen Brennpunkte erschienen, „der hebräischen spräche Raum gelassen, w o s ie es besser macht, denn unser Teutsch tun k a n n". Aber unmittelbare, also nicht durch Luther vermittelte. Einwirkungen des - hebräischen Textes auf unsere klmmche Sprache sind kaum bekannt. Um so mehr verdient der folgende Fall einer solchen Einwirkung die Teilnahme, die das Seltene sür sich verlängere darf. In Rudolf Hildebrands unermeßlich reichem Artikel „Geist" bringt das Grimmsche Wörterbuch auf Spalte 26d6 zwei Goethe- Stellen. wo der Geist, in deutlicher, von Hildebrand auch hervorgehobener, Anspielung auf den zweiten Vers der Bibel, „b r ü t e t". Hildebrand fügt hinzu: auch brüten müsse hier schwebend gedacht sein. 1784 schrieb Goethe in dem merkwürdigen Au nah „lieber den Granit": „da dieser Gipfel noch als eine meerumflossene Insel in den alten Wassern da stand, um sie jauste der Geist, der über d e u W o g e n brütete". Und wiederum in dem weltgeschichtsphilosophischen Altcrsaufsatz „Geistes-Epochen nach Hermanns neusten Mitteilungen" heißt es: „Wüste Leerheit umfängt erst alles, der Geist jedoch brütet schon über Beweglichem und Gebildetem." Ticstu beiden Stellen sind etwa noch hinznzusügen als mehr abgewandelte, aber ebenso deutlich erkennbare Anspielungen: Natürliche Tochter, III, 4: Wenn über werdend Wachsendem vorher Ter Vatersinn mit Wonne brütend schwebte. Wilhelm Meisters Lehrjahre 16 (und entsprechend schon im Hrmeisterst. „Meine Einbildungskraft brütete über der kleinen Welt, die gar bald eine andere Gestalt gewann"; Aufsatz über Justus Möser: „diSEinbildungskraft brütet über einer wüsten Sinnlichkeit". Wir stehen also vor der überraschenden Tatsache, daß Goethe in den verschiedensten Epochen seines Lebens diesen geläufigen Satz der Luther-Bibel: „und der Geist Gottes schwebet auf dem Wasser" mit brsnen statt schweben anzuführen gewohnt war, — wenn es in „An Schwager Kronos" heißt: Vom Gebirg zum Gebirg Schwebet der ewige Geist. so ist das bezeichnenderweise eben trotz der Worte „schweben" und „Geist" keine Anspielung aus die Situation von Gen. 1,2. Nun zeigt ja schon das „um sie sauste der Geist, der über den Wogen brütete" des erstangeführten, am engsten zitathafterr Satzes, daß Goethe um das Wesen der ruaell an dieser Stelle, wo sie ja noch nicht Geist im heutigen abstrakten Sinne ist, sondern in dem sinnlichübersinnlichen Sinne den „Geist" zu Luthers Zeit noch hatte, also Gottcssaus, Gottesbraus. Bescheid wußte. Und jo geht auch „brüten" offenbar aus die hebräischen Studien zurück, die der Knabe getrieben halte, und von denen das vierte Buch von „Dichtung und Wahrheit" erzählt. Die Bedeutung des seltenen und schwierigen Zeitworts gibt, allerer, auch an den Kirchenvater Hieronymus gelangte, Heberlieferung folgend, schon der klassische jüdische Kommentator des Mittelalters Naschi — seiner Gewohnheit nach französisch — durch couvcr, also durch brütcu wieder. Und die Mehrzahl der neueren Gelehrten, u. a. Franz Telitzsch, Tillmann, Gunkel, Holzinger, folgt ihm; noch der neueste Geuesiskommentar, die 1924 erschienene 2. Auflage des „Prockschschen, übersetzt: brüten. Auch dem achtzehnten Jahrhundert war diese Interpretation geläufig. In dem äußerst knappen Taschenlerikon des Neubegründers der judaistischon Studien, des älteren Buxlorf, wird das Wort wiedergegeben durch „sich vogelartig hin und her bewegen: brüten". Und in der deutschen Hebersctznnb des englischen Bibelwerls, aus die den Knaben Goethe sein hebräischer Lehrer zur Beschwichtigung seiner „hergebrachten Fragen und Zweifel" verwies, fand er wenigstens den eindeutigen Hinweis, daß das Wort sich auf die „Handlung eines Vogels" beziehe. Woher er Au seiner Entscheidung für „brüten" gekommen ist. weiß ich nicht. Aus Herders genialer. Erklärung des Schöpsunaskapitels in der

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