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Central-Verein-Zeitung · 1927-08-05 · 31-32 (5.8.1927) · p. Seite 450

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
31-32 (5.8.1927)
Date
1927-08-05
Page
Seite 450 (sequence 18)
Language
German
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450 forschen ein-rücfen und zwangen sogar das ckltpreußifche Kultus- Ministerium zun Anerkennung seiner außergewöhnlichen wissenschaftlichen Verdienste. Unter seiner Leitung wurde das erste pflanzenphysiologische Institut Preußens an der Breslauer Universität eingerichtet, und er selbst wurde unseres Wissens als erster Jude in Preußen zum ordentlichen Professor an der genannten Hochschule ernannt. Auf welch fruchtbaren Boden die grundlegenden Forschungen Ferdinand Cohns gefallen waren, das offenbarte sich eines Tages, als ein bis dahin gänzlich unbekannter Kreisphysikus aus dem Städtchen Wallst ein in der Provinz Posen sich im Pflanzenphysiologischen Institut einfand und ihm die Ergebnisse seiner mikroskopischen Forschungen vorwies. _<£3 war nämlich kein anderer als Robert Koch, der Cohn in lückenloser VersuckMeihenfolge den Tuberkelbazillus als den wirklichen Krankheitserreger der Tuberkulose nachwies. Auf den Grundlagen des Meisters hatte der geniale Schüler abseits von jeder Verbindung mit der Gelehrtenwelt sein weltberühmtes Werk begonnen. Ferdinand Cohn versicherte später seinen Freunden und Schülern, daß dieser Tag der schönste feines Lebens sei. Ter große Forscher war ein ebenso großer Mensch, in depen kindlich reiner Seele kein Raum für das Neidgesühl Platz hatte. Sein tiefes Menschengefühl nötigte ihn förmlich dazu, die wissenschaftlichen Errungenschaften der allgemeingebildeten Lesewelt vorzulegen. Und fo entstand fein klassisches Buch „Die Pflanze', eine unübertroffene Musterleistung auf dem Gebiete populärwiyenschaftlicher Darstellung überhaupt, das nur noch in Humboldts „Ansichten der Natur"' und in Liebigs „Chemischen Briefen' seinesgleichen findet. 20k>rc dem gleichen Bestreben, echte nakwwipenschaftliche Bildung ins Volk zu tragen, legte auch die mit seinem Berufskollegen Professor Goeppert durchgeführte Umgestaltung des Botanischen Ga-rtens der Universität Breslau Zeugnis ab. Diese Verdienste um seine Vaterstadt wurden durch die Verleihung des Chrenbürgerbrieses anerkannt. Mit berechtigtem Stolze dürfen wir auf diesen großen Forscher und von echt jüdischem Geist erfüllten Menschen Hinblicken. Seine Schüler legten auf das Grab eine Cranitplatte nieder, auf dor lediglich zu lesen ist: Ferdinand Cohn. Wir aber fügen den alten Spruch hinzu: Secher Zaddik Li werocho, zu deutsch: Die Erinnerung an einen Edeln gereicht zum Segen. Eine völlig andersartige Persönlichkeit tritt uns in Paul Ehrlich entgegen. War der Breslauer Pslanzenphysiologe ein Meister in der leichtfaßlichen Darstellung selbst schwierigster wissen- ^hastlichsr Grundprobleme, so rang Paul Ehrlich mühselig mit der Sprache, um sü-r sein anschauliches medizinisches Denken das geeignete Wort zu finden. Er war genötigt, sich für die von ihm neu in die Wissenschaft eingeführten oder neu einzuführenden Begriffe gewissermaßen eine neue Sprache, eine neue Terminologie zu schaffen. Ein Umstand, der sich als außerordentlich erschwerend für das Verständnis der neuen Ehrlichschen Gedankenwelt in der Medizin erwies. Erst allmählich gelang es, diesen Schleier 3» lüften, dann -aber.Migte es sich um so deutlicher, welch ein fruchtbarer Keim in seiner wissenschaftlichen Arbeitshypothese von der Seitenkettentheorie innerhalb des Zellebens lag., Schon in seiner Assistentenzeit in der Frerichschen Klinik in Berlin beschäftigte den in jugendlicher Gärung begriffenen Geist ganz besonders lebhaft die Frage von der Immunität, d. h. von der Widerstandsfähigkeit des trevischen Organismus gegenüber Angriffen gewiyer Kleinlebewesen. War die lebendige Zelle imstande, sich des eingedrungenen Angreifers durch Erzeugung von Schutzstossen zu erwehren? Es kann hier natürlich nicht davon die Rede sein, den Lesern ein Bild von der Entwicklung der biologisch-pathologischen Vorstellungen und Lehren Spau! Ehrlichs zu übermitteln. Genug, sie gewannen nach und nach die bewundernde Zustimmung der gesamten medizinischen wissenschaftlichen Welt. Panl Ehrlich erhielt in Gemeinsckaft mit Jlia Metschnikow den Nobelpreis für D e r d i e n st e um die wissenschaftliche Medizin, die Göttinger llniversität ernannte ihn zum öffentlichen ordentlichen Ehrenprosepor innerhalb ihrer Fakultät, und -der altpreußische Staat verlieh ihm sogar die „E x z e lle n 5". Zur vollen Entfaltung seiner genialen schöpferischen Tätigkeit gelangte er indepen erst, als er die Leitung des Institutes für experunentelle Therapie in dem sogenannten Speyerhause in Frankfurt a. M. übernahm. Was von dieser Zentralstelle aus für die wirksame Venvertung der vorzugsweise von Behring erschlossenen Heilserumtherapie -in unermüdlich nachprüfender Arbeit täglich zum Wohle zahlloser Erkrankter und durch Verhütung von Neuerkrankungen geleistet wird, gehört bereits der Geschichte an. Die breite Öffentlichkeit weiß von Paul Ehrlich kaum etwas anderes, als daß er der Erfinder der weltberühmten Salvarsankur ft. Dies bezeichnet indeyen nur einen einzigen Abschnitt seiner wissenschaftlichen Forschungsarbeit, und nicht einmal den bedeut- Ken. Man sagt wahrlich nicht zuviel aus. wenn man den im l so weltfremden Forscher der Reihe der großen Wohltäter der Menschheit beigesellt. Und nun noch mit einigen Worten zu dem großen Physiker Heinrich Hertz. - Ten leiden genannten Forschern war es von einem gütigen Geschick vergönnt gewesen, ihre seltenen Geistesgaben voll auszuwerten. Heinrich Hertz hingegen ist aus der Mittagshöhe feines dLebens mitten in seinem Schassen von einem tückischen Verhängnis dahinge rafft worden. Aber er hat mit seiner Entdeckung Von der Gleichartigkeit dor Natur der elektrischen und der Licht» wellen der 'gesinnten Menschheit ein Vermächtnis hinterlaffen, Jüt dessen völlige Verwertung sie noch für eine geraume Zeit Arbeit zu leisten haben wird. Die Hertzsche Lehre mußte erst zum Gemeingut der Techniker geworden sein, bevor an die Wunder der drahtlosen Heber mittlung von Nachrichten aller Art, bevor an die Wunder der Radioübertragungen zu denken war. Und dabei stehen wir hier erst an 'der Schwelle dieser erdumspannenden Neuerung. Wir sind mit unseren Vetrachtrmgen zu Ende. Den dreihier. Lrrz skizzierten jüdischen Naturforschern hat ein gütiges Geschick originale Schasfenskrast mit auf ihren Lebensweg gegeben. Das war ihr Glück. Sie selber jedoch haben durch die selbstlose Hingabe cm ihre Bestimmung, an ihren Beruf, durch ihre unablässige Arbeit an dem Dienst der Erkenntnis sich der ihnen von der Natur verliehenen Gaben in vollstem Maße würdig gezeigt.. Das bleibt ihr Verdienst. Wir aber wollen der Vorsehung unseren demütigen Dank dafür abstatten, daß sie aus unserer Glaubensgemeinschaft solch ein helleuchtendes wissenschaftliches Dreigestirn hat hervorstrahlen lassen. Julius Popper. Ein unbekannter jüdischer Entdecker. Im Jahre 1885 drang die erste Nachricht von Goldfunden im Feuerlande nach Buenos-Aires. Feuerland, südlichstes Südamerika, war bekannt als ein wildes und großartiges Land mit gewaltigen Gletschern und Hochtälern, kaum besiedelt, unwirtlich, unzugänglich und zu einem großen Teile noch unerforscht. Ein neues Kalifornien lockte. Ta trat ein Mann auf, ein rumänischer Jude, mit Namen Julius Popper,. der bis dahin in Buenos Aires als Ingenieur gearbeitet hatte. Es gelang ihm, einen Trupp von etwa fünfzig Mann um sich zu sanuneln — „Flüchtlinge und Verbrecher schlimmster Sorte/ wie Monsignore de Agostini in seinem Feuerlandwerk sagt —, und er machte sich mit seiner Expedition auf den Weg. Seine Leute waren gut ausgerüstet und bewaffnet, und so gelang es ihnen, unter Poppers kluger und verwegener Führung, in kurzer Zeit tatsächlich reiche Goldlager zu finden. Popper gründete die Niederlassung LI Paramo, und durch die Läuterungsanstalt, die er dort einrichtete, gingen-unglaubliche Mengen Metall. Aber die Nachricht von Poppers Funden sprach sich herum. AuS Punta Arenas an der Magalhaesstraße brach eine Menge von Abenteurern nach EI Paramo auf. Popper fürchtete, sich mit feiner kleinen Schar der disziplinlosen Zuzügler nicht erwehren zu können. So ließ er Strohpuppen mit Uniformen bekleiden und auf Pferde binden, dann ging er allein zu den Neuankömmlingen, forderte ihnen das schon gefundene Gold ab und befahl, das Gebiet sofort zu räumen. Man weigerte sich, man bedrohte ihn. Als aber in der Ferne die „Kavallerie"' Poppers auftauchte, liefen die neuen Schatzgräber davon Und kamen nicht wieder. Im Jahre 1888 unternahm der kühne Mann mehrere große Entdeckungsreisen ins Innere des Landes. Er fand wieder gewaltige Eoldlager. Aus der Lennoxinsel und der Isla Nuova erbeuteten vierzehn Oesterreicher von Poppers Truppe in 27 Tagen 115 Kilogramm Gold. Eine andere Gruppe fand an einem Tage 14 Kilogramm. Nach seiner Rückkehr ging Popper daran, seine Kolonie auch innerlich zu konsolidieren. Er ließ Münzen prägen (deren Vorderansicht ein Lama, deren Kehrseite einen Indianer darstellt), er fi'ihrte für den Verkehr mit LI Paramo eigene Marken ein, er schuf eine Gerichtsbarkeit, eine Miliz. Aber eben diese Maßnahmen und vor allem auch die Versagung der Leute von Punta Arenas durch Poppers „Armee' brachte ihm die Feindschaft des legitimen Gouverneurs der Provinz ein.. Man konstatierte, daß Popper keinerlei formelles Recht aus das von ihm ausgebeutete Land besaß, man entdeckte, daß Popper ein Jude war und schlug'daraus Kapital, man hielt zu Punta Arenas am 9. August 1883 eine große Protestversammlung gegen den „Jngeniero' ab, man rüstete gegen ihn eine Expedition aus. Aber Popper hielt sich in seinem El Paramo um so leichter, als an kriegerische Maßnahmen größeren Stiles im arktischen Klima des Feuerlandes nicht gedacht werden kann. Es scheint, daß die Negierung Popper schließlich wider Willen anerkannt und sich mit ihm versöhnt hat, denn im Jahre 1891 finden wir ihn in Buenos Aires, wo die Geographische Gesellschaft ihm zu Ehren eine Vollversammlung abhiclt. -Er hielt eine Rede, die von der Gesellschaft mit Poppers Porträt und einer von ihm ausgcnommenen Karte deS Feuerlandes heransgegeben wurde. Aus diesem Bericht, der zum Teile ernste und fruchtbare Gelehrtenarbeit, zum Teile eine Zurückweisung der gegen Popper gerichteten Vorwürfe darstellt, seinur erwähnt, daß er allein in EI Paramo 600 Kilogramm Gold erbeutete, wovon 175 Kilogramm nach Buenos Aires an die Münze gegangen sind. 90 Kilogramm an die Firma Wehrhahn,in Punta Arenas, ein Hamburger Haus; der Rest ist verstreut. Seine Begleiter nennt er „ergeben und energisch"'

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