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Central-Verein-Zeitung · 1927-08-05 · 31-32 (5.8.1927) · p. Seite 449

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
31-32 (5.8.1927)
Date
1927-08-05
Page
Seite 449 (sequence 17)
Language
German
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Atlantic Photo m gewesen« Im Sinne der vorhin gemachten Ausführungen Dnnen wir nicht ohne innere Genugtuung feststellen, daß bei 1ina jüdische Gelehrte, in untrüglichem Gefühl für Notwendigkeiten im Wandel der Zeiten, sich in selbstloser Hingabe der damals ganz aussichtslosen Disziplin gewidmet und suy unneraänallche Verdienste um einen bedeutsamen Fortfchritt an? naturwissenschaftlichem Felde erworben haben. Ganz gewiß find christliche Gelehrte von Weltgeltung auf dem Gebiete der Biochemie tätig gewesen. Namen wie H o P p e - S e y l e r , Hofmeister, Salkowski und Hoffet bezeugen dies. Aber diese Männer, von denen der letzte einen Lehrstuhl der eigentlichen Physiologie innegehabt hat, wären allein niemals imstande gewesen, ihrem Wissenszlveige die jetzt einsetzende Entwicklung zu bescheren. Dazu bedurste es eines Massenaufgebots' der Talente und vieler überzeugender genialer Leistungen. Die Biochemie ist nicht scharf abgegrenzt gegen die Chemie einerseits und gegen die biologischen Wissenschaften anderseits, und so hat es der geschichtliche Verlauf bedingt, daß in beiden Lagern Männer stehen, von denen sür das neue Fach die Fundamente gegraben und die Mauern gefügt sind. Wenn man um fünfzig Jahre zurückgeht, so leitet ein ganz großer jüdischer Forscher eine neue Aera ein. Es ist Moritz Traube, des bekannten Klinikers Bruder, ihm vielleicht an Originalität wie an Kraftsülle der Persönlichkeit überlegen. Privatgelehrter und zugleich Weinhändler, ein Naturforscher großen Stils. In mustergültiger Weise hat Traube die moderne Lehre von den einfachen Orydationsprozesien und damit von den Atmungsvorgängen angebahnt. Moritz Traube ist sein ganzes Leben Privatmann geblieben; erst nach seinem Tode ist ihm, einem der Bahnbrecher, Gerechtigkeit in der Geschichte widerfahren. Max Jaffa in Königsberg ist einer der ganz wenigen gewesen, der gegen Ende des letzten Jahrhunderts in der Stadt Kants einen ordentlichen Lehrstuhl erhielt. Seine Entdeckungen, welche die Umwandlung der dem Tierkorper einverleibten Substanzen betrafen, trugen ihm unvergänglichen Ruhm ein. Unendliches verdankt die Biochemie dem universellen Genius Paul Ehrlichs und der einzigartigen Lebensarbeit Richard W i l l st ä t t e r s. Wir dürfen bei dieser Betrachtung keinen Unterschied Machen zwischen den Männern, die am Glauben ihrer Väter sfesthielten, und denen, die sich von ihm abwandten, da nur jvon Verbundenheit mit dem Judentum in diesem Zusammenhänge die Rede sein kann. Heidenhain in Breslau, der die Biochemie der histologischen Färbungen schuf, Oskar Liebreich in Berlin, der Entdecker der schlasmachenden Wirkung des Chlorachydrats, F. R ö h m a n n, ebenfalls in Breslau, B r i e g e r, der Mitarbeiter Robert Kochs, der srül^- verstorbene Julius Morgenroth, der später gleichfalls ^im Kochschen Institut gearbeitet und neue Wege der Chemotherapie erschloyen hat. N. Z u n tz. der die biochemischen Wirkungen des Höhenklimas geklärt und das Wesen der Verdanungsarbeit ergründet hat, Fi lehne in Breslau, der die fieberwidrige und schmerzstillende Wirkung des Antipyrins und Pyramidons feststellie, Cohnheim in Heidelberg, dem die Auffindung eines merkwürdigerweise übersehenen Fermentes der Verdauung gelang, A. E l l i n g e r in Frankfurt, deyen Untersuchungen über den intermediären Stosfivcchsel neue Erkenntniste brachten, sind Männer, deren Schassen ein nachhaltiger Einfluß beschieden war. Aus neuerer Zeit muß man vor allen Dingen Lconor Michaelis nennen, der Die physikalisch-chemische Richtung der Biochemie in ungeahnter Weise bereichert hat, Felix Ehrlich in Breslau, dem Die schwierige Aufklärung weitverbreiteter Naturstoffe und die Entdeckung eines neuen Eiweißbausteines gelungen ist. Jacques Loeb, der in seiner zweiten Heimat Amerika mit biochemischen Methoden die ungeschlechtliche Entwicklung tierischer Eizellen zu wahren Organismen bewirkte, Otto Marburg in Berlin, desien bahnbrechende Untersuchungen auf dein Gebiete der Assimilation und der Atmung zu den .stolzesten Leistungen der deutschen Wissenschaft zählen, Otto Meyerhof in Berlin, dessen grundlegende Forschungen über das Wesen der Muskeltätigkeit ihm in jungen Jahren ~*E '.übernationale Anerkennung durch den Nobel-Preis verschafften. Otto Löwi in Graz, der neue biochemische Beziehungen der von einem Organ auf das andere ausgeübten "'E'je ausdeckte, E. P. Pick in Wien, der wertvolle Beiträge £*5. serologischen Prozesse lieferte, Spiro, früher rn Straßburg, jetzt in Basel, der durch originelle und wichtige Arbeiten viele Zweige der Biochemie befruchtete. Z. R. III (A merika-Zeppelin) Unter den massgeblichen Konstrukteuren Dr. Karl Arnstein Von Dr. I. Kaftan „Habcnt sua fata libelli", lautet der bekannte Spruch eines im übrigen unbekannt gebliebenen spätrömischen Schriftstellers. Aber nicht bloß Notizbücher, Flugschriften, literarische Hefte aller Art haben ihre Schicksale. .Man dürste vielleicht -den alten Spruch ein wenig verändern und sagen: Habent sua nomiria fata, Namen haben ihre Schicksale. Gelingt nämlich auf irgendeinem technischen Gebiete einem Glücklichen ein großer entscheidender Wurf, dann fliegt sein Name irn Nu über alle Lande, um zuletzt sogar? zu einem Symbol zu werden. Wer dagegen in jahrelanger unverdrossener, ununterbrochen mühseliger Geistesarbeit in seiner WerLstütte still abgeschlossenum eine neue t-iesg reifen de Erkenntnis ringt, wem es beschieden war, eine neue von gewaltigsten Folgewirkungen begleitete wissenschaftliche Tatsache der gesamten Kulturwelt zu^überrnitteln, dessen Name durchbricht nur in äußerst seltenen Fällen die Enge der eigentlichen Berussgenossenschast. Von drei solcken wissenschaftlichen Pfadfindern soll in nachfolgenden Zeilen ois Rede sein. Zunächst sei hier -des großen Breslauer Pf l a n z en p h y s i o - logen Ferdinand Cohn gedacht, ^ein wiyenschaftlicheZ Arbeitsgebiet lag im Bereiche der niedrigsten pflanzlichen Lebewesen. Seinem unermüdlich von Schritt zu Schritt vordringenden Scharfsinn gelang es, eine ganze Reihe wichtiger Fragen der allgemeinen Biologie endgültig zu lösen oder doch ihrer Losung sehr nahe KN bringen. Immer wieder, von neuem betonte er die Unerläßlichst der genauesten Erforschung der Leb ensbeding ungen nicht bloß der verschiedenen Gattungen dieser Kleinlebewesen, sodern der verschiedenen Spezies. Er entwarf auch die Grundzüge der für diess Forschungen unerbittlich notwendigen Methoden. Diese mit ernrs bewundernswerten Folgerichtigkeit durchgeführten wisienschaftliö^s Arbeiten ließen ihn sehr bald in die erste Reihe der großen Natur- (Fortsetzung des Aufsatzes Seite 450) Otto v. Fürth in Wien, der sich um den Ausbau der Biochemie nach zahlreichen Richtungen erfolgreich bemüht hat. Martin Jacoby in Berlin, der in feinsinniger und selbstschöpferischer Weise die Chemie der Jmmunitütsvorgänge und die Lehre von den Fermentwirkungen bereichert hat, Julius W o h l g e m u t h in Berlin, der theoretisch und praktisch wichtige Verfahren der Enzymbestimmungen angab, Pinc u s s e n in Berlin, der die Mikromethoden verbessert hat. SiS alle sind Männer, die in der angedeuteten Richtung Bedeutcndes geleistet haben. Nicht vergeben werden darf Carl Oppenheimer, der mit zahlreichen immer wieder neu aufgelegten Lehrbüchern als unerreichter Didakt zu deü jüdischen Förderern der biochemischen Wissenschaft zählt. Führende Biochcniiker jüdischer Herkunft finden wir auch im Auslande, so Errera und Es front in Brüssel, Heuriques in Kopenhagen, Fernbach am Institut Pasteur zu Paris, Kasimir Funk in Warschau, Land st einer und Leven e am Rockefeller-Jnstitut in New Dork und F o d o r, der an der neugegründeten Universität zu Jerusalem wirkt. Die gegebene Liste ist gewiß nicht vollständig, aber dis Fülle von Namen, die in der ganzen Welt einen Klang haben rind mit Ehre genannt werden, zeigt, wie Gelehrte jüdischer Herkunft an der Fortentwicklung eines scheinbar abliegenden Teiles unserer Kultur einen wichtigen Anteil haben. Dabe! muß hervorgehoben werden, daß alle diese Naturforscher sich als Feld der Betätigung ein Gebiet gesucht haben, auf dem nicht leicht klingender Lohn zu gewinnen ist. ein Fach, das zu den abstraktesten und immateriellsten zählt, und daS in Deutschland seinen Bearbeitern zumeist keine lockenden AuS» sichten gewährt hat. Für manche Enttäuschungen, die vielen der Genannten nicht erspart geblieben sind, hat sie ein starker Glaube an die idealen Güter dieses Daseins entschädigt Solcher Glaube ist seit Jahrtausenden im Judentum gestählt und lebendig. ' 1 i

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