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Central-Verein-Zeitung · 1927-08-05 · 31-32 (5.8.1927) · p. Seite 448

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
31-32 (5.8.1927)
Date
1927-08-05
Page
Seite 448 (sequence 16)
Language
German
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44$ experimentellen Pathologie und der Ausarbeitung der leitenden Gedanken der Medizin den Anteil der Juden nicftf wegdenken. Sie sind rerchtÄH an der Entdeckung-ge schichte beteiligt, spielen eine große Rolle in den neu aufkommenden Wissenschaften Bakteriologie, Jnnnunitätskehre und Chemotherapie. Tie neue Psychotherapie und Organotherapie (Herlkunst durch tierische und menschliche Organe) haben auf den wichtigsten Gebieten jüdische Führer. An der Ausbildung der Spezialitäten und der klinischen Einzelfragen sind ne wieder stark beteiligt. Nicht zuletzt auch an der neuen sozialen Medizin. Es wäre trotz allem, auch paradox pointiert, nicht richtig zu sagen, die deutsche Medizin des 19. Jahrhunderts sei ein Werk nur der Inden. Aber ebenso falsch wäre es. den Latz aufzustellen, daß die entscheidenden Großtaten niemals von jüdischen Aerzten stammten, sondern nur eine rührige und verdienstvolle hilssarbeit sei. Jüdische Aerzte haben am Bau der modernen Medizin als führende Meister mitgearbeitet. Daß die Juden gute praktische A e r z t e sind, ist allgemein bekannt. Ein Blick au? das Leben zeigt, daß sie nicht nur da etwas leisten, wo es auf die Kräfte des Verstandes mtb ^des Gemütes ankommt, sondern auch in den technisch-chirurgischen Fäck^rn. Man erwartet eigentlich, daß dem nicht so ist. Tas Leben zeigt, wie groß die Jrrtümer sind, zu denen Vorurteile führen. Für die Soziologie der Juden ist eine der wichtigsten Tatsachen, daß sie als Aerzte das Vertrauen aller Stande des Volkes genießen. Wenn die Abneigung des ..arischen" Menschen gegen den jüdischen wirklich so aus den tiefsten Gründen der Seele käme, wie das selbst Juden oll glauben, dann könnte in der elementaren Not um Leben und Gesundheit das Vertrauen zum jüdischen Arzte nicht so groß sein. Am Krankenbette und in der Sprechstunde herrscht Vertrauen gegen Vertrauen: da ist von Grenzen, die das tiefste Menschliche trennen, nichts zu merken. Und dieses Verhältnis ist nicht einseitig. Tenn wie man sich von keinem Ärzte behandeln lassen kann, den: man nicht Achtung entgegenbringt, so kann man auch keinen Kranken und Leidenden behandeln, in dem man das gequälte, leidende und duldende Geschöpf nicht ehrt und achtet, oft bewundert und verehrt. Noch etwas können wir jüdische Aerzte uns zur Ehre anrechnen. An dem mystischen und schwindelhaften Heilwesen, das sich eben mehr denn je seit langer Zeit breitmacht, an dem Heilnnsug, mit dem pch so viel Geld so leicht verdienen läßt, sind die Inden kaum beteiligt. Es liegt ihnen nicht. Es gehört nicht zu ihren Fehlern. Man wird auch kaum betrügerische oder wucherische Aerzte unter den Inden finden. Tie Medizin läßt mehr ihre Stärken als ihre Schwächen zur Enffaltunq kommen. Sie war im Jahrhundert der Enurnzipation eine gute Schule, eine Drücke über den klaffenden Abgrund gewesen. Als Gelehrter hat der jüdische Arzt neben viel Behinderung doch auch viel öffentliche Achtling, als Praktiker immer Gleichberechtigung genopen, und das ha! dazu beigetragen, an den ^häden zu heilen, die die Jahrhunderte der bürgerlichen Ehrlosigkeit seiner Seele trotz allen Widerstandes eingebrannt haben. Tie jüdischen Aerzte konnten früher als die Angehörigen vieler anderer Berufe ungeschmäht durchs Leben gehen. Man mlkß sich schon besinnen, um typisch jüdische Schwächen als Epische Eigenschaften des jüdischen Arztes aufzufinden. Tenn daß sie betriebsam, rastlos und ehrgeizig sind, daß sie empfindsam sind und oft übermäßig auf äußere Eindrücke reagieren, macht sie nicht zu schlechten Aerzten und Forschern. Mindestens ist ihre Arbeit als Ganzes gesehen fleißig, gründlich und gewissenhaft. Reklamesucht und schlampiges Arbeiten findet man bei ihnen nicht niehr als bei nichtjüdischen Aerzten. m WWÄtW MMlM MWN MUMM. Das jedem Studenten bekannte „Allgemeine DcntsckeKommerskmch" von Schauenburg weist eine Weibevon Aonnncrslicdern <mf, deren Text oder Melodien von Juden stamm cn — ein Beweis, wie diese im Scherz nud Ernst des Studentenlebens den deutschen Volksliedcrton zu finden wußten. Besonders beliebt find: Sind wir nicht zur Herrlichkeit geboren. Sind wir nicht zur Herrlichkeit geboren? Sind wir nicht gar schnell emxorgcdiehn? ' A. wollbeim. Der Graf von Rüdeshcim. Das war der Graf von Wüdcsheim, mit Gütern reich beglückt, Bloch. Benda. Fiducit. Ls hatten drei Gesellen ein fein Kollegium. Elias Safomou. Scheiden. Ein rornig «urZehaNen. &• mf Mendelssohn. 1839. L. EL ist bestimmt m Got-teS Rar, daß man vom Liebsten, .» r. ml waS man hak, muß schei » den, wie »wohl doch mchtS im Bon Carl Neuberg (Berlin-Dahlem). In dem bekannten Roman „Der Golem" fchildert^Gustav Meyrink an der Figur des Trödlers Aaron Wassertrum den Juden, dem eine niedere materialistische Lebensauffassung zur eigentlichen- Natur geworden ist: ihm gegenüber steht als handelnde Persönlichkeit die des Archivars Schemajah Hillel, dessen Tawin dem Studium transzendentaler Schriften, also der Ergründung letzter geistiger Werte, gewidmet ist. In solchen Gestalten, deren zeitenlos symbolisches Wesen der Dichter in den schillernden Mantel übersinnlicher Attribute hüllt, treten uns die äußersten Extreme seelischer Veranlagung vor Augen. Diese sind ganz gewiß nicht bei Juden und anderen Völkern verschieden. Aber oft und ungerechtermaßen ist gegen uns Juden der Vorwurf erhoben worden, in unserem Trachten und handeln dem Verlangen nach Erwerb in ungebührlicher Weise nachzugeben. Unzweifelhaft hat es die historische Entwicklung mit sich gebracht, daß in allen Perioden die Juden Träger und hervorragende Vertreter des Geschäftstebens gewesen sind. Aber ebenso häufig treffen wir zu jeglichen Zeiten, sogar zu denen schwerster Bedrückung und kaum erträglicher Beschränkungen, Denker und Dichter unter den Juden, Männer, deren Betätigung in des Wortes tiefstem Sinne sich nicht in dem Reich von dieser Welt bewegt. Selbst nach der Aufklärungs- Periode, die den Juden theoretisch die Möglichkeit geboten hat. sich jeder gelehrten Disziplin zuzuwenden, ist, wenigstens in Deutschland, der tatsächliche Zustand der gewesen, daß ihnen in praxi der normale Ausstieg zu den höchsten Stellen wissenschaftlicher Berufe verwehrt blieb. Ein den Eingeweihten nicht verborgenes Gegenspiel lies darauf hinaus,' daß bei Geltung liberaler Auffaffungen in den Ministerien die Fakultäten fast durchweg reaktionär waren, und wenn ein freierer Geist an den Hochschulen wehte, haben die staatlichen Autoritäten zumeist eine fortschrittsfeindliche Stellung eingenommen. Die Auswirkung dieser Handhabung, die letzten Endes in allgemein-politischen Verhältnissen begründet ist, war für die jüdischen Gelehrten eindeutig; sie läßt sich klar durch das vergangene halbe Jahrhundert verfolgen. Unter den obwaltenden Umstünden ist den jüdischen Naturforschern in der Mehrzahl der Fälle nur eine einzige Möglichkeit offen-» geblieben, sich nach ihren Befähigungen zu betätigen und oft unter großen äußeren Hemmniffen sowie schweren Entbehrungen den von ihnen als richtig erkannten Weg zu gehen. Sie bestand darin, außerhalb der offiziell anerkannten und durch die bestehenden Institutionen geschützten Bereiche sich neue Gebiete der Forschung zu suchen und hier, so wie im alltäglichen Leben mittelalterlichen Abgeschiedenseins oft an der Peripherie der Städte, auf Grenzgebieten sich eine sorgenvolle und ungewisse wissenschaftliche Existenz zu gründen. Diese unvergleichliche Erscheinung wird durch eine interessante Entwicklung offenbar, die gerade in der letzten Zeit die Lefsentlichkeit beschäftigt hat. Sie verdient bei den Erörterungen über die Erkenntnis der daseinsumfasscnden Beziehungen zwischen Chemie und Biologie hervorgehoben zu werden. Von den Organisationen der Fachleute und einzelnen einsichtigen Gelehrten ist im Interesse des Unterrichts und der Forschung ein lauter Ruf nach Gründung biochemischer Institute erhoben. Während in außerdeutschen Landen, und zwar nicht nur in den alten Kulturstaaten Europas, sondern auch in Amerika und Japan, längst ordentliche Lehrstühle und' Forschungsanstalten für das Gebiet der Biochemie existieren, hat in unserer Heimat die historische Entwicklung einen anderen Verlauf eingeschtageu. Teils eine Verkennung der Sachlage, teils eine engherzig-egoistische Stellungnahme einflußreicher Physiologen und Chemiker haben es verhindert, daß einer neuen Disziplin an der Markscheide der beiden Wiffenszweige der ihr gebührende Platz zugewiesen wurde. Erft das erschreckende Bewußtsein, daß eme Ueberslügelung der deutschen Leistung, auf die wir alle Hoffnung des Wiederaufbaus setzen, durch das Ausland teilweise schon erfolgt ist und zum Teil für die nächste Zeit droht, hat zur Einkehr geführt. Wer ist nun ^Deutschland der Wegmacher für diese neue, jetzt von allen weiten für notwendig erachtete Bewegung

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