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Central-Verein-Zeitung · 1927-08-05 · 31-32 (5.8.1927) · p. Seite 447

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
31-32 (5.8.1927)
Date
1927-08-05
Page
Seite 447 (sequence 15)
Language
German
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447 teben Morgen Stirn und Arm mit den Gcbetriemen umwand und am Sabbat unter keinen Umständen einen Brief geöffnet hätte". Denn wie viel jüdische Namen entlM diese deutsche Walhalla, an deren Abkunst höchsten? ein „von jüdischen Eltern" erinnert. Es wäre lehrreich, den Anteil der Juden an der deutschen Kultur einmal durch eine Prüfung dieser Sammlung festzustellen. Jacob Vernays ist ein leuchtendes Beispiel, daß ein treuer. Jude ein Stotz Deutschlands sein kann, die beste Widerlegung seines nicht minder berühmten Bruders Michael, Oes Literaturhistorikers, der es für nötig fand, sein Deutschtum durch die Taufe'Ztl beweisen, was ihm von jenem nie verziehen wurde und selbst den Zutritt zu dem Sterbebett der Mutter verschloß. Ter Gerechte lebt durch seine Treue. Sie hat Jacob Beruays nicht weniger als seine geistige Bedeutung und die Hochachtung der Besten erworben. Wir dürfen stolz auf den Platz sein, den dieser Glaubensgenosse in einer allgemeinen deutschen Biographie einnimmt. Aerzie fe Lshchundsr-k. Don Professor I*r. mcd. Richard Koch (Frankfurt a. M.) Ueber den Anteil der jüdischen Aerzte an der deutschen Medizin des 19. Jahrhunderts zu schreiben, ist dadurch erschwert, daß man nicht leicht erfahren kann, welche Aerzte jüdischen Glaubens oder jüdischer Abstammung sind, irnd dadurch, daß besonders in den letzten Jahrzehnten die Zahl bekannter jüdischer Aerzte so groß ist, daß rnan sie mir in breit angelegter Arbeit zn würdigen versuchen kann. Diese Zeilen können nur Andeutendes und ganz Unvollkommenes bringen. Die Bedeutung der Juden in der Heilkunde ist nie bestritten worden. In den letzten beiden Menschenaltern ist die Reihe glänzender Namen jüdischer Aerzte allein im deutschen Sprachgebiete so groß, daß ihre einfache Aufzählung den hier zur Verfügung stehenden Raum weit überschreiten würde. Das ist um so merkwürdiger, als die äußeren Umstände es den jüdischen Aerzten viel schwerer gemacht haben, zu besonderer Bedeutung zu gelangen, als ihren Kollegen christlichen Glaubens oder „arischen Geblütes". Denn im allgemeinen kann ein bedeutender Arzt in unserem Heimatlande erst dann seine Kräfte voll entfalten, wenn ihm die ordentliche Professur erreichbar ist. Erst dann kann er an die Lösung großer Aufgaben herantreten, wenn er über die Kranken der Universitätskliniken, über Assistenten, Laboratorien, Zeitschriften in ungeminderter Selbständigkeit verfügen kann. In Wirklichkeit haben nur sehr wenige dies Ziel erreicht. Erst 1847 kam als erster jüdischer Privatdozent in Preußen Robert Remak (1815 bis 1865) zur Habilitation und brachte es trotzdem erst zwölf Jahre später zum außerordentlichen und niemalszum ordentlichen Professor. Er hat die mikroskopische Anatomie der Nerven aufgedeckt, die grundlegenden Tatsachen der Embryologie und die Herkunft der Gewebe aus den drei Keimblättern festgestellt. Tie Legende erzählt, daß fein klinischer Chef Schönlein die Kabinettsorder, die diese Dozentur ermöglichte. Friedrich Wilhelm IV. beim Kartenspiel durch Neberrumpelung abgewonnen hätte. Ter erste ordentliche Profesior der Medizin ist vielleicht Julius C o h n h e i m (1839 bis 1884) gewesen. Er gehört zu den Pathologen allerersten Ranges. Er begründete die Lehre von der Entstehung des Eiters durch Auswanderung weißer Blutkörperchen aus den Gefäßen. Aber beide sind nicht die ersten jüdischen deutschen Aerzte gewesen, deren Namen der Medizingeschichie angehören. Die Entnücklung der Medizin in dem großen Jahrhundert der: Naturwissenschasten zählt solche Namen auf all ihren Blättern. Zu Beginn des Jahrhunderts stand die Medizin im Zeichen der Philosophie. Was die Aerzte damals dachten und wollten, scheint der Generation von heute verworren und abwegig. Man wird vermutlich auch dieser Zeit später gerechter werden. Adalbert Friedrich Markus (1753 bis 1816) gehört zu den Repräsentanten dieser Zeit. Erst im Banne der Brownschen Erregungslehre, dann ein Anhänger S ch e l l i n g s. ging er denselben Weg wie die meisten großen Aerzte der Zeit. Seine' Verdienste mit das Medizinalwesen Bayerns sind unbestritten. Bor ihm war M a r c u s Herz (1747 bis 1803), der Gatte der Henriette Herz, fhysiker, Philosoph und Arzt, von ähnlicher Bedeutung gewesen. iner etwas späteren Periode gehört Benedict Sstilling (1810 bis 1879) au. Er war lange der einzige, der in Deutschland die operative Entfernung der Eicrstöcke ausübte, er bildete eine Methode der Blutstilluna aus, gehört zu den größten Gehirnanatomen und klärte die Borgänge der Gefäßverstopfung durch Blutaerinsel. Vielleicht hat kein Arzt größeren Verdienst um die Befruchtung der deutschen durch die um die Jahrhundertmitte höher stehende französische Medizin. Ein Stern erster Größe ist der Anatom und Patholog Jakob Heule (1809 bis 1885). Ein großer Teil der zu seiner Zeit noch möglichen anatomischen Entdeckungen stammt von ihm. Er ist der erklärbare Verknüpfung der Vorgänge im gesunden und kranken Körper zum Ziele der Forschung machte. Die Rolle der lebenden Krankheitserreger bei den Infektionskrankheiten hat er durch klare Folgerunaeu gleichsam vorweggenommen. Seine umfangreichen Werke gehören zur ewig jungen medizinischen Literatur des Jahrhunderts. Der Name von Moritz (Schiss (1823 bis 1896).ist nicht von der Geschichte der Lehre von der Erregbarkeit der Muskeln und Nerven und der Erkenntnis der Abhängigkeit der Zuckerbildung in der Leber durch nervöse Erregung zu trennen. Unter den Klinikern, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die deutsche Medizin zur Weltgeltung brachten, ist Ludwig Traube (1818 bis 1876) einer der ersten. Er führte die in Frankreich und Lesterreich entstandenen Methoden der Auskultation und Perkussion in Berlin ein. Das war erst 1843. Nicht viel später waren Hvhrrohr und Klopfhammer das Bernf'sabzeichen des Arztes. Origineller sind seine Leistungen auf dem Gebiete der Physiologie der Krankheiten von Lunge und Herz. Er zeigte die Abhängigkeit der Atmung und des Herzschlages von einander und vom 'Nervensystem, erklärte die Wirkung der Digitalisblätter im Tierexperiment und verwob im Unterricht und in der Praxis diese neuen Erkenntnisse so, daß sein Ruf als Lehrer und Arzsi noch heute in den Schülern seiner Schüler nachlebt. Zu den praktisch wichtigsten Entdeckungen der Zeit gehört die der örtlichen Betäubung durch Kokain, die S a l o m o n Stricker (1834 bis 1889) gelang. Auf dieser Entdeckung beruht die Methode der Lokalanästhesie von Schleich. In der Entdeckungsgeschichte der lebenden Krankheitserreger tauchen reichlich jüdische Namen aus. So entdeckte Albert Neißer (1855 bis 1916) den Erreger der Gonorrhoe, den Gonokokkus. Tie Namen von Ehrlich und von Wassermann, von Weigert und E d i n g e r sind noch in so frischer Erinnerung, daß es genügt, sie hier nur zu erwähnen. Bon Lebenden sei noch an Freud sind Steinach erinnert. Weniger bekannt ist, daß an der Entdeckung der Wassermannschen Reaktion noch andere jüdische Aerzte (Plaut, Bruck) beteiligt sind, und daß eine andere wichtige biologische Methode der Diagnostik, mit der man das Fleckfieber ans dem Blute erkennt, von dem früh von dieser Krankheit hinweggerafften Edmund Weil (1-880 bis 1922) entdeckt, viel zum Schutze Deutschlands beitrug, als diese Krankheit von Rußland aus im Kriege Heer und Heimat bedrohte. In den letzten Jahren brachte durch die Entdeckung des Insulins die bereits 1689 durch Minkowski gemachte Entdeckung der Abhängigkeit des Diabetes von der innersekretorischen Funktion der Bauchspeicheldrüse eine später kostbare Frucht. Bon verstorbenen jüdischen Klinikern sei noch der hochverdiente Hermann Senator (1834 bis 1911), einer der Aerzte Kaiser Friedrichs, erwähnt. Je näher wir an die Gegenwart heranrücken, umso unmöglicher wird es, aus der Fülle bedeutender Forscher einzelne zu nennen. Man würde zu vielen Ungenannten Unrecht tun. Man kann kaum eine medizinischwissenschaftliche Frage bearbeiten, ohne auf Arbeiten ersten Ranges deutscher jüdischer Aerzte zu stoßen. Ost sind es Abhandlungen, mit denen die Bearbeitung der Fragen beginnt. Ebensowenig kann man die Geschichte einer der zahlreichen Spezialfächer untersuchen, die im 19. Jahrhundert entstanden oder ausblühten, ohne aus Juden an wichtiger, manchmal an erster Stelle, zu treffen.- Vielen dieser Gelehrten wurde kein Tank. Früh wurden sie aus der wissenschaftlichen Laufbahn herausgeripen, das Liebste, die wissenschaftliche Arbeit, wurde ihnen genommen. Tie meisten verbrachten ihr Leben in schleckst oder gar nicht bezahlten Stellungen, ohne äußeres Ansehen und Versorgung im Alter. Wie viele überhaupt nicht zur Entfaltung kamen, weil ihnen keine Gelegenheit gegeben wurde, davon erzählt keine Geschichte. Am schlimmsten sind zwei Umstände: Die Beschränkung der Juden in der Chirurgie und in den rein theoretischen Fächern. Beiden kann sich nur der widmen, der wenigstens die Möglichtest vor sich sieht, eine hauptamtliche Stellung.zu erreichen. Tenn der Chirurg braucht mehr noch als ein anderer Arzt die wissenschaftliche Klinik, wenn er Besonderes leisten soll, der Anatom und Physiolog, der Patholog und Pharmakoloa, der keine private Erwerbsarbeit leisten kann, muß schon einen an Tollkühnheit grenzenden Idealismus haben, wenn er einen Beruf ergreist, der ihn nie zu einer Lebensstellung führt. In der Chirurgie haben die Beschränkungen dazu geführt, daß sich die jüdischen Chirurgen der in Deutschland erst spät beachteten Chirurgie der Harnwege .zuwandten und so dieses Gebiet zur Blüte brachten. Auch manch andere Spezialität, besonders die Dermatologie, aber auch, die Kinder- und die Nervenheilkunde entstanden zum Teil durch jüdischen Tatendrang, der im Muttergebiet kein Wirkungsfeld finden konnte. Auch die Geschickte der Medizin ist reichlich durch jüdische Arbeit, dir sonst keine Auswirkung fand, befruchtet. ‘ Bisher war nur die Rede von wisienschaftlicher Forschung in der Medizin, in die die Inden durch die politischen Verhältnisse erst spät eintreten und in der sie verblüffend viel geleistet haben. Man sagt oft, daß die Juden zwar befähigt feien, Leistungen hervorzubringen, die über dem Durchschnitt liegen, daß sie aber keine ganz großen Leistungen aufzuweisen hätten. In der Medizin gilt das ganz gewiß nicht. Die Zahl der jüdischenAerzte, die, ohne das Allerhöchste zu leisten, über den Durchschnitt hinaus befähigt sind, ist wohl besonders groß, und das ist nicht einmal ein Vorteil für sie, denn es zwingt sie in ein Leben, das voll Arbeit und übervoll an Enttäuschungen ist. Aber auch die Geschichte bildenden Aerzte sind im 19. Jahrhundert zu einem deutlich sichtbaren Teile Juden gewesen. Zu Beginn des Jahrhunderts ist cs mehr so. daß man unter den für die Zeit repräsentativen Aerzten auch Juden findet. Schon vor der Jahrhundertmitte aber beginnt die unvertretbare schöpferische Mitarbeit. Um diese Zeit verdankt besonders die Lehre vom Bau und den Verridjtuncjcn des Gehirns, Rückenmarks und der Nerven jüdischer Arbeit entscheidenden Zuwachs, dann kann man aus der Entwicklung der

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