Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1927-08-05 · 31-32 (5.8.1927) · p. Seite 446

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
31-32 (5.8.1927)
Date
1927-08-05
Page
Seite 446 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2277379-2277729-2277760--03868-2284426
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

446 Don Rabbiner Dr. B. Jacob. Eine vorurteilslose Kulturgeschichte des deutschen Volkes wird ernst den Juden des neunzehnten^ Jahrhupderts.^des Zeitalters ihrer Emanzipation, bezeugen, daß sie sich aus jedem Felde um ihr Vaterland wohlverdient gemacht heben. Es gibt kaum ein Gebiet gedeihlichen menschlichen Strebens, in denn sie sich nicht weit über ihren zahlenmäßigen Anteil an der Bevölkerung ruhmvoll betätigt haben. Wenn es für einen so selbstverständlichen Anspruch wie dre Gleichberechtigung Eingeborener eines Befähigungsnachweises bedurfte, so haben ihn die deutschen Juden wahrlich erbracht. Als Beispiel möchten wir heute ein Gebiets der ^Wisienschaft wählen, das sich nicht gerade dem Tagesinteresie ausdrängt, die kla s s i s ch e A l t e r t u m s wi s s e n s ch a f t und eine ihrer Zierden im Deutschland des neunzehnten Jahrhunderts, den Juden Jacob Bernays, der 1824 in Hamburg geboren und 1881 als Oberbibliothekar und außerordentlicher Profesior zu Bonn gestorben ist. Der Name dieses Mannes ist keinem Philologen unbekannt, seine in manchen Stücken einzigartige Bedeutung ist von den maßgebendsten Stimmen gewürdigt worden. Schon in jungen Jahren besaß er nicht nur eine immense Gelehrsamkeit selbst ans entlegenen Gebieten seiner Wisienschaft und ihrer Geschichte sowie eine gründliche Kenntnis der älteren christlichen Religionsgeschichie, sondern auch eine allgemeine geschichtliche Bildung von seltenem Umfange und eindringender Tiefe. Er war — wie ihn Franz X. Kraus, selbst ein umfassender Gelehrter, nannte — einer der berufensten Kritiker Europas, von überlegener Sicherheit der wissenschaftlichen Methode, Schärfe und Feinheit des Urteils, und dazu besaß er die Gabe einer glänzenden Darstellung und eine Meisterschaft des deutschen Stils. Jede seiner gelehrten Untersuchungen ist von vollendeter Reife, ein Kleinod an Gehalt und Fassung, für den Jünger der Wissenschaft eine hohe Schule der Kritik imb Methode, für ihren Liebhaber ein erlesener Genuß. Die Größten seiner Wisienschaft bezeigten ihm ihre Verehrung, und ein Hermann U se ne r unterzog sich der Ausgabe, nach dem Tode des Forschers seine Gesammelten Abhandlungen herauszugeben. „Die einzige Vereinigung des vielartigsten, selbsterworbenen Wihens, — sagt er in der Vorrede — die ihm unter ben Zeitgenossen eine hervorragende Sonderstellung gab, würde allein schon Bernays' Schriften aus lange hin ihre Bedeutung sichern. Die großen Forscher des 16. und 17. Jahrhunderts, deren Werke er kannte wie kein anderer, auf die er uns hinzuweisen nicht ermüdete, leuchteten ihm voran. Eine lebendig vergegenwärtigende und in die Tiefe dringende Anschauung des klassischen Altertums, nicht nur in seinem geistigen, sondernauch in seinem staatlichen Ta fern, getragen von einem ungemein feinen Sprach- und Stilgefühl; die genaueste, in täglichem Verkehr genährte Kenntnis der religiösen Urkunden und älteren Literatur des jüdischen Volkes; eine in unserer Zeit nicht gewöhnliche Vertrautheit mit dem Neuen Testament und den Vätern der.christlichen Kirche; ein ausgebreitetes Jntereye für die großen Zu der schweren und dunklen Schreibweise Cohens, zu der streng geradlinigen Methodik seines bohrenden Denkens steht in eigentümlichem Gegensatz Georg Simmel, der Meister des philosophischen Esiais, der in überaus geistreichen Schriften Schopenhauer und Nietzsche, Goethe, Kant und Rembrandt in eigenartig neue, stets seyelude Beleuchtung - rückt, der die Tinge und Probleme nie von einer, sondern stets von mehreren Seiten her betrechtet, aber es doch kunstvoll versteht, diese von verschiedenen Punkten her gezogenen Linien zu einem Bilde des Gegenstandes zu einen. Sein Denken neigt zum Relativismus, zum Subjektivismus und Psychologismus, das Interesse, das die Abhängigkeit der Gedanken und. Werte vom Menschen und der Gesellschaft ihm einslößt, macht ihn zu einem "der hervorragendsten Vertreter der jungen Disziplin der Sozidlogie. 'Von der jürrgsten Vergangenheit kommen wir endlich zu den noch Lebenden der unmittelbaren Gegenwart. Recht eigentlich im Mittelpunkt dieser philosophischen Gegenwart steht die Richtung der „Phänomenologie", der „Wesensschau". Ter Begründer und das anerkannte Haupt dieser Schule aber ist Edmund H u s s e r l, dessen Logische Untersuchungen" um die Jahrhundertwende epochemack)end wirkten. Cohen, Simmel, Husserl — drei in der Richtung ihres Philosophierend grundverschiedene Denker, die aber zugleich dies gemeinsam haben, daß sie nicht nur als Schriftsteller, sondern auch als Lehrer vom Katheder deutsck>er Universitäten eine ungemein starke Wirkung entfaltet haben. — Der Schule der südwestdeutschen Kantianer (Windelband—Richert) steht der feinsinnige Acsthetiler und Logiker Jonas Cohn nahe; unter den Psychologen unserer Zeit steht an hervorragender Stelle William Stern in Hamburg, der psychologische Beobachter vor allem des Kiudesalters, der aber mit seinem Werk „Person und Sache" auch als Philosoph sich seinen Platz erobert hat. Julius Go l dste i n in Darmstadt, von Troeltsch zu den „nnterrichtetsten und feinsten Kopsen unserer Gegenwartsphilosophie" gezählt, hat in der „Soziologie der Technik" sich ein eigenes Gebiet geschaffen und mit seinen von tiefer Kenntnis der ausländisck)en Philosophie (James, Bergson) zeugenden Arbeiten gerade die deutsche Philosophie wertvoll bereichert. _ : . Wir aber,, die wir in deutscher Sprache philosophierend lehren und lernen, wissen diesen Männern, die eme unverlierbare und unentbehrlich Stelle ln der deutschen Philosophie einnehmen, herzlich Dank für olles, was wir ihnen verdanken. y y. > „ ., Heines Originalhandschrifi der „Loreley“ (Im Besitz des Verlages Brockhaus, Leipzig.) Gestalten der neueren Geschichte und Literatur Deutschlands, Englands, Frankreichs: das sind die stofflichen Voraussetzungen dieser Schriften." Schon sein erstes größeres Werk, die „Biographie von Joseph Justus Scaliger, dem König der Philologen" (1855), gewidmet seinem Lehrer und väterlichen Freunde Nitschl, zeigt' diese Vorzüge in glänzendem Lichte, das nicht vollendete über Gibbons. Geschichtswerk würde gezeigt haben, wie er das 18. Jahrhundert kannte. Bahnbrechend waren seine Forschungen über Heraklit und Aristoteles, von dessen berühmter Theorie über das Drama er eine noch heute viel ventilierte Auslegung gegeben hat; andere behandeln das ausgehende Altertum. Mit dem Judentum berühren sich mehr oder weniger die Untersuchungen: lieber das Phokylideische Gedicht. — Ueber die Chronik des Sulpicius Severus. — Theophrastos Schrift über die Frömmigkeit (gewidmet der Berliner Akademie der Wissenschaften, die ihn zu ihrem Mitgliede ernannt hatte) u. a. Mehr noch als die Ergebnisse ist das Bleibende an ihnen die vorbildlich gewordene Methode geisteswissenschaftlicher historischer Forschung. Dieser große deutsche Gelehrte nun war zugleich ein Jude im Dollsinn des Wortes: nach Erziehung, Wissen, geistiger Struktur und Lebensführung bis an sein Ende. Sein Vater war der in der neueren jüdischen Geschichte wohlbekannte Hamburger Oberrabbincr, oder wie er sich lieber nannte, Chacham Isaak Bernays. In dem von geistigen Jnteresien belebten Elternhause erhielt der hochbegabte Sohn eine gründliche Vorbereitung, die ihm „für die große, dem Menschengeschlecht ausgegebene Arbeit, die Bibel mit der griechischrömischen Bildung zu vereinen", früh. Verständnis einimpfte. Das anhaltende Studium der jüdischen Literatur hätte ihn auch dann nicht verlasien, wenn er nicht für eine Reihe von Jahren als Lehrer an sie gebunden gewesen wäre. Er war wie viele andere ein Opfer der auf die Revolution von 1848 folgenden preußischen Reaktion, und die dringendste Befürwortung hochgestellter Gönner vermochte nicht, dem vielversprechenden ftmgcn Gelehrten den Weg für die akademische Laufbahn, für die allein er geschaffen war, freizumachen. Als daher dem unbemittelten Privatdozenten von dem Minister Raumer bedeutet worden war, daß er als Jude auch in Zukunft auf eine Anstellung nicht zu rechnen habe, folgte er, darin eine hohe Aufgabe zum Besten des Judentums erblickend, einem Ruf an das 1853 eröffnete Jüdisch-Theologische Seminar zu Breslau, an dem er bis 1866 mit Zacharias Frankel und Hirsch Crätz das glänzende^ Treigestirn bildete, wie es keine jüdische Lehranstalt wieder besesien hat. Diese Jahre waren für ihn besonders fruchtbar. Als er endlich als Oberbibliothekar nach Bonn berufen wurde — zu einer ordentlichen Prcfesiur hat er es nie gebracht —. kehrte er an die Universität zurück, an der er einst der Lieblingsschüler eines Nitschl gewesen war. Hier floß sein Gelehrtenleben in demselben gleichmäßigen Strom fort, als das eines Weisen, in der größten, echt "jüdisch-antiken Bedürfnislosigkeit, wenn er auch mit manchen Wunderlichkeiten den Typus des weltfremden, unerschütterlich ernsthaften, selbst im Alltag stets im akademischen Stil redenden deutschen Gelehrten von dazumal war, allezeit „im Würdigsten beschäftigt", umgeben von einem allsgesuchten Kreise von Freunden und Schülern, zugleich gebunden durch die strengste Treue gegen das jüdisch-religiöse Gesetz, die ihn, wie einst Mendelssohn, für seine christliche Umgebung, die einen solchen Juden im Zeitalter der Assimilation nicht begreifen konnte, zu einem Phänomen. wenn nicht zu einem Rätsel machte. Arrßer manchen zeitgenössischen Anspielungen (z. B. in den Briefen Berthold Auerbachs, der einmal bei ihm einen Sederabend strengster Observanz verlebte) kann man hiervon eine anziehende Schilderung in den .Jugenderinnerungen Carmen Sylvas lesen, der Königin von Rumänien und Tochter des Fürsten Wied, in dessen Schloß am Ufer des Rheins der junge geistvolle Gelehrte verkehrte. Er genoß nach dem Zeugnis der Tochter - die unbegrenzte Verehrung der fürstlichen' Eltern. Oder in Briefen des Sohnes von Ehr. I. Bunsen, des preußischen Gesandten in London, in dessen Hanfe er eine Zeitlang gastlich ' ausgenommen war. So schreibt dieser einmal. - daß sie erst am Sonntag reisen würden, da Freitag und Samstag Bernays' wegen ausgeschlossen seien. Auch in dieser Umgebung hielt er auss peinlichste die Speisegesetze. Tie strenge der Sabbatserer ging bei ihm bis zum Aeußersten und grundsätzlich studierte er au diesem Tage nur hebräische Bücher. Derselbe silsener hat von ihm ein erhebendes Lebensbild in der „Allgemeinen deutschen Biographie" entworfen und^wir find ihm dankbar, daß er diese allerdings nicht zn übersehende «Leite seiner Persönlichkeit nicht übergangen hat, daß er zum Beispiel berichtet, daß B.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.