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Central-Verein-Zeitung · 1927-08-05 · 31-32 (5.8.1927) · p. Seite 445

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
31-32 (5.8.1927)
Date
1927-08-05
Page
Seite 445 (sequence 13)
Language
German
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Sun KrossMk Sr. L ». AAk, Rabbiner Sr. N. 3nto6, KrsWA ßr. med. RISnrb KeK, Mtftot Sr. Coä Reubers, Dr. med. 3. Man. SWredaklem Naul Elbrgrn. WMr Senker in der deutsOen WMssAe. Don Prof. Dr. E. v. Aster (Gieszen). Die Geschichte der Philosophie ist die Geschichte des grübelnden und fragenden, Rätsel suchenden und Rätsel lösenden Menschengeistes. In mannigfachen, mit Zeiten und Kulturen sich wandelnden Formen und Verkleidungen treten sie ihm entgegen, in vielerlei Sprachen werden sie gestellt und sind doch im Grunde immer dieselben ewigen Probleme des Seins und der Wahrheit, des höchsten Gutes und Sinnes menschlichen Daseins, des Woher und Wohin der großen Welt und unseres eigenen kleinen Ich. Und insbesondere ist von der Geschichte unserer abendländisch-neuzeitlichen Kultur die Philosophie unabtrennbar — diese Philosophie, die, im einzelnen sich vielfach verzweigend und in eine Fülle von streitenden Richtungen auseinandergehend, doch ohne drei gemeinsame Quellen bis zum heutigen Tage undenkbar wäre: ohne die Begriffswelt der Griechen, ohne die formende und gestaltende Krast der lateinischen Sprache und ohne die religiöse Gedankenwelt der Bibel. _ Die Bibel — wir brauchen nur dies eine Wort zu nennen, um die Bedeutung zu zeigen, die das Judentum für die. Entwicklung der abendländischen Völker besitzt Sie ist ja_ in Wahrheit das Buch der Bücher, an dem der Geist aller dieser Völker in seiner Kindheit das Lesen und das Denke-, lernte und zu dem der reife Geist immer wieder grübelnd, suchend, deutend zurückkehrt. Und wie hier ein Niederschlag jüdisck)en Geistes als eine Quelle am Anfang der abendländischen Eerstesentwicklung steht, so ist auch die weitere Geschichte ihrer Kultur und im besonderen der abendländischen Philosophie von Leistungen jüdischer Denker vielfach durchzogen. Eine wichtige Rolle spielt die jüdische Philosophie der Salomon Jbn Gebirol (Avicebron), Mofes Maimonides, Levi bin .Gerson im Anfang des Mittelalters als Vermittler zwischen arabischer und christlicher Wissenschaft, als Uebermittter des arabischen Aristotelismus an das Abendland und damit als Bedingung der aristotelischen Hochscholastik. Und wie wäre aus der Geschichte der neueren Philosophie, die Persönlichkeit und die Lehre Spinozas sort^ zudenken? Zu seiner Zeit als Pantheist und „Atheist" verfemt und gefürchtet, feiert der einsame jüdische Denker im Haag seine glänzende Auferstehung um die Wende des 18. und 19. Jahrhunderts, seit Lessing, Goethe, Fichte, Schelling, Schlerermacher — wie diese Namen schon zeigen, vor allem in der deutschen Philosophie und im besonderen in der deutschen Romantik. So stehen wir mit dem Namen Spinoza schon bei dem Thema: die Bedeutung jüdischer Leistungen für die deutsche Philosophie. Es gibt, das sei zunächst betont, keine spezifisch jüdische Philosophie in dem Sinne, daß dem jüdisck)en Geist etwa eine bestimmte philosophische Richtung oder Denkweise besonders läge, er für sie sozusagen prädestiniert wäre, ihr gar „rassenmäßig" verhaftet fei. Am wenigsten gilt das für den „Materialismus", den Oberflächlichkeit und Unkenntnis in Bausch und Bogen dem „Idealismus" entgegenstellt, um dann die Geschichte der deutschen Kultur in den Mythos vom Kampf zwischen dem jüdischen Materialismus und deutschen Idealismus zu verwandeln. Die Glanzzeit der materialistischen Theorie fällt bei uns in die vierziger und fünfziger Jahre, nach dem Zusammenbruch des Hegelianismus, in die Zeit, da der mächtig sich entwickelnden Naturwissenschaft keine ebenbürtige Philosophie zur Seite stand. (Ihre Propheten sind Ludwig Feuerbach, Büchner, Carl Vogt, Moleschott, unter denen sich kein Jude befindet.) Vielmehr finden wir in fast allen philosophischen Richtungen, die in Deutschland überhaupt vertreten sind, auch Denker jüdischer Abstammung an mehr oder minder bedeutsamer Stelle, als Mitarbeiter in der großen Schar derer, die sich die reine Gedankenarbeit und -Problematik zum Lebensberuf erwählt haben. Natürlich finden wir bei manchem von ihnen spezifisch jüdisches Erbgut — bei Spinoza läßt sich der Einfluß der jüdischen Philosophen des Mittelalters und der Renaissance (Leone Ebreo) feststellen; Moses Mendelssohn hängt in seiner Art am Glauben der Väter und sucht (wie andere, christlich. Denker im Christentum) in der südisck)en die reinste Form der Dernunftreligwn; bei Hermann Cohen spürt man stark. den Geist, ja das Pathos der altiestamentlickM Propheten. Aber dieses Sich-geltend-Machen jüdischer Tradition ist eine Sache geistiger Beeinflussung und Erziehung, nicht des Blutes und der v^lTc. keine jüdische Philosophie in Deutschland, sondern nur judyche Denker in der Entwicklung der deutschen Philosophie, hier und Bister und Bahnbrecher, dann wieder als mcthodchche Fortsetzer und Anhänger einer begonnenen Richtung. E^ne der charakteristischsten Erscheinungen der deutschen Aufklärung (ihren „edelsten Vertreter" nennt ihn Eduard Zeller) ist Moses Mendelssohn, der Freund Lessings und Kants. Ein warm, herziger, kluger und seiner Denker, ein unmutiger und geschmackvoller Schrrststeller („Wenn die Muse der Philosophie sich eine Sprache erkiesen würde, so würde sie die Sprache Mendelssohns wählen", sagt Kant), getragen von dem überzeugten Glauben an die natürliche Harmonie der menschlichen Interessen und an die schöpferische Krast der Vernunft, verkörpert er uns so recht das Wesen, freilich auch die Grenzen der Aufklärung, — Kants Wendung zur Kritik der Vernunft, seine Zerstörung der überkommenen Metaphysik der Gottes- und Unsterblichkeitsbeweise sieht er mit Bestürzung, Trauer und Unbehagen. Mit dem letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts gewinnt die Kantische Philosophie ihre herrschende Stellung im deutschen Geistesleben. wird .Kants Vernunftkritik der Ausgangspunkt einer neuen philosophischen Entwicklung. Popularisierende Schüler und Verehrer, Feinde und Gegner, -endlich selbständige Denker und Fortbildner der Kantischen Lehren regen sich in der philosophischen Literatur. Die Richtung, die diese selbständige Fortbildung einschlägt, geht, wie bekannt, zum konstruktiven Idealismus Fichtes. Unter den Männern aber, die von Kant zu Fichte, von der Vernunftkriiik zur Wissenschastslchre hinüberführen, spielt eine wichtige Rolle eine der merkwürdigsten Persönlichkeiten aus der Geschichte der Philosophie: der pol- Nische Jude Salomon M a i * rnon, Aus erbärmlichen Verhältnissen arbeitet er sich unter erschütternden Schicksalen empor, seine Lebensbeschreibung fesselte Goethe so stark, daß er den Verfci|fct nach Weimar ziehen wollte. In grübelnder, bohrender Denkarbeit setzt er sich, der als Erwachsener unter größten Schwierigkeiten die Kenntnis des Deutschen und Lateinischen, der Mathematik und der Hauptwerke der Philosophie sich angecignet hatte, in einer Schrift mit dem ErundgedankenKants auseinander, und Kant selbst, dem er die Arbeit einsendet, urteilt: Niemand von allen Gegnern habe ihn in der Hauptfrage so wohl verstanden, und es möchten wohl auch wenige zu diesen tiefen Untersuchungen so viel Scharfsinn besitzen wie Salomon Maimon. Seine späteren Schriften, vor allem der „Versuch einer neuen Logik", stellen, wie schon gesagt, eine wuchtige Etappe' in der Entwicklung des konstruktiven Idealismus dar; Maimon tat den entscheidenden Schritt, in dem Fichte sein Nachfolger wurde, sagt der beste lebende Kenner der Maimonschen Philosophie (F. Kuntze). Aus der Schule Herbarts gehen die beiden Freunde M. Laza.ru 8 und H. Steinthal hervor, ersterer der Verfasier des seinerzeit viel (telefenen, feinsinnigen und liebenswürdigen, populär gehaltenen „Leben der ^reele", letzterer namentlich auf dem Gebiete der Sprachphitosophis von Bedeutung. Ein besonderes Verdienst haben sich beide durch die von ihnen herausgegebene (seit 1859) Zeitschrift für Völkerpsychologie" erworben, mit der sie für ein bis dahin kaum in Eingriff genommenes Gebiet ein Organ schufen. Die Mitte des 19. Jahrhnirderts bringt dann nach der Auflösung der Hegelschen Schule das bekannte Versiegen des philosophischen Interesses, die Herrschaft des Materialismus, bis in den sechziger und siebziger Jahren das neu erwachende Kantstudium eine Wandlung einleitet. Unter den Männern aber, die die „neukantische" Bewegung geschaffen haben, sind neben Helmholtz, Kuno Fischr und Friedrich Albert Lange zwei jüdische Namen an hervorragender Stelle zu nennen: Otto Liebmann mit seiner temperamentvollen Schrift „Kant und die Epigonen", der spätere langjährige und erfolgreiche Lehrer an der Jenenser Universität, und Hermann Cohen, der Altmeister der „Marburger Schule". Seine Werke — „Kants Theorie der Erfahrung", dann später die Darstellung der Kantischen Ethik und Aesthetik — lehrten uns Kants Philosophie von einer ganz neuen Seite her sehen, waren eine in ihrer Art geniale Neuschöpfung der kritischen Philosophie aus ihrem Zentrum heraus, aus' der Idee der wissenschstlichen Methode. Cohen war selbst in erster Linie Philosoph, nicht Historiker, so viel ihm Kant bedeutete, ein so langes, eindringendes, liebevolles Studium er auf ihn verwandt hatte, so war sein eigentliches Ziel doch das sachliche, freilich dasselbe, dem Kant selbst zugestrebt hatte: das philosophische Verständnis der menschlichn Kultur in ihren verschiedenen, un Wesen der einen menschlichen Vernunft zusammenhängenden Seiten, der Wisienschast, dem Neckst, der Kunst, der Religion. So ist er nicht nur Kantianer, der auf die Worte des Meisters schwört, er sucht in seinen eigenen Werben — der „Logik der reinen Erkenntnis", der „Ethik des reinen Willens" — vielmehr Kants Lehre von einer bestinunten Seite derselben aus weiterzubilden. (Fortsetzung auf Sette 446 unten,} Moses Mendelssohn 1729-17S6

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