Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 31-32 (5.8.1927)
- Date
- 1927-08-05
- Page
- Seite 444 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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444 Aber auch die größte Dichtung der Deutschen in neuerer Zeit, ja überhaupt Goethes Faust, dessen Prolog bekanntlich dem Buche Hiob nachgedichtet ist, wurzelt im deutschen Volksglau b e n. So: Lilith, Mephisto, dem Aschmedai Salomos entsprechend, Helena in einer Rolle, wie die Königin von Saba in der Sage, Homunculus (vgl. Sanh. 65b), der Schlüssel, der zu den Müttern führt, die Feuerbesprechung. Ariel, der im jüdischen Volksglauben durch Temuel vertreten wird. Diese und viele andere Elemente im „Faust" erinnern an den weiten Spielraum, den im deutschen Volksglauben jüdische Mystik und andere, wenn auch nicht originell jüdische, so doch durch das Judentum vermittelte Einflüsse einnehmen (die ganze Alchimie wollte man Juden zuschrciben). Wie die Sagen und Märchen wandern auch solche Vorstellungen und Praktiken von Volk zu Volk. ^Jüdische Einwirkung besteht aber unzweifelhaft dort, wo jüdische Schriften, Worte oder Wendungen zitiert werden und hebräische Formeln eine Rolle spielen. Das auf mittelalterlichem Hausgerät und in deutschen Geheimschriften immer wiederkehrende Hexagramm (D-avidschild) ist zwar nicht jüdischer Herkunft, gilt aber. z. B. in der Instruktion für die Rosenkreuzer, als Vereinigung von Wasser und Feuer im Chaos und wird mit dem hebräischen Schamajim (Himmel, nach dem Midrasch aus esch und majim, „Feuer" und „Wasser") bezeichnet, während es nach jüdischer Tradition die Verbindung der beiden Schilde Abrahams und Davids darstellt, als welche in der Heiligen Schrift Gott bezeichnet wird. Ohne auf andere Einzelheiten hier einzugehen, sei nur betont, daß im Gegensätze zu den: ursprünglich deutschen Volksglauben im jüdischen weder gestohlenes Blut noch Menfchenblut Verwendung findet, und daß der Aberglaube von Autoritäten des Judentums, besonders Maimonides, strikt abgelehnt wird*). Daß das Judentum, wie beim „Faust" sozusagen, „Pate gestanden", so auch den M y st e r i.e n, den F a st n a ch t s p i e l e n, bei Hans Sachs u. a. vielfach Stoffe geliefert hat, daß es in Kinderfielen, wie „Adam, wo bist du?", mitwirkt, mag hier anzudeuten genügen. Nicht übergehen möchte ich, daß die „Lorelei" und „Leise zieht" von Heine, „Zu Straßburg auf der Schanz" von Mosent h a l, „Wenn die Schwalben heimwärts zieh'n" von Herlossohn, „Es hatten drei Gesellen" von Elias Salomon, „Die alten ■ : -*/ i* Der Minnesänger Susskind von Trimberg (mit spitzem Jadenhut) vor einem Ceistiichen. Miniatur der Manessischen Handschrift der Heidelberger Universitätsbibliothek (13. Jahrh.) Deutschen tranken noch eins" von Kanitz, daß „O, Täler weit". „Es ist bestiunnt in Gottes Rat", „Wer hat dich, du schöner Wald" von Felix Mendelssohn in Musik gesetzt sind. So ist denn auch Sitte und Brauch der deutschen C h r i st e n von dem Zusammenleben mit den Juden nicht unberührt geblieben. Auch hier läßt sich, wie bei der Volksdichtung eine Abhängigkeit vom Judentum nicht immer klar erweisen. Viele dieser Erscheinungen sind international, mitunter schon im grauen Altertum nachweisbar, so wie etwa das Chad Z-adja-Liedchen in der Passahnacht, das übrigens auch in ,,Tes Knaben Wunderhorn" ausgenommen worden ist, nicht als ausschließlich jüdisch angesprochen werden darf. Doch liegt dies bei manchen deutschen Brauchen nahe. So läßt man kein ganzes Brot, auch kein Messer auf dem Tische liegen. Vor allem gehört Salz zur Mahlzeit. Vor ihr und nach ihr begießt man die Hände. Mit dem Linken Fuß soll man nicht zuerst aufstehen. Das Bett stehe zwischen Nord und Süd. Man schlafe nicht auf Hühncrfedern. Haare sollen bei zunehmendem Monde, am besten am Freitag, Kindern nicht unter einem Jahre geschnitten werden. Dem Neugeborenen legt man ein heiliges Buch unter das Kopfkissen. Die Nacht vor der Taufe bleibt man wach. Tie Kinder erhalten die Vornamen der Großeltern. Das Lernen beginnt damit, daß man das Kind das Alphabet, auf Kuchen geschrieben, naschen läßt. Der Braut wird vor der Hochzeit das Haar geschnitten. Feierlich wird sie ins Bad geführt. Sie besucht die Gräber der Angehörigen. Am Morgen des Hochzeitstages ißt das Brautpaar gemeinsam die Mvrgcnsuppe (Gaklhcnne genannt. Glücke! d. Hameln spricht von einem „Chossenschaletche"), nach der Trauung ein Huhn. Beide trinken aus einem Glase und werden mit Getreide beschüttet. Man zerbricht einen Topf und legt die Scherben auf den Brautwagen. Auch die Braut trägt das Totenkleid, die Brautjungfern brennende Lichte. Vornehme Gäste beginnen den Tanz, indem das Paar die Enden eines Taschentuches hält. Ein Kranker wird gemessen oder gewogen und sein Maß oder Gewicht in Speisen oder Geld den Armen geschenkt. Die kirchliche Aussegnung der Wöchnerin erfolgt! nach 40 Tagen. Nach Eintritt des Todes werden die Fenster geöffnet, die Spiegel verhängt und Wasser ausgegossen. Ter Leichnam wird gewaschen, ihm die Nägel geschnitten und der Mund geschlossen. Der Totentanz (auch bei Glücket d. Hameln ein Tanz dieses Namens) geht wohl auf den Tanz des Todesengels (Leresed. r. 36, 1 u. f.) zurück. Gegen die Einwirkung der Gestirne wird Stahl angewendet. Patenpfennige zeigen mitunter hebräische Inschriften. Der Narrenbischof der Fastnacht entspricht wohl dem Purim-Rabbi. Erfurt feierte 1631 nach feiner Befreiung ,L Tage Purim". Am 1. Ostertage ißt man in Oberschlesien Meerrettich. Zum Ostermahl gehören Eier und bittere Kräuter. Man hängt zum Schutze gegen den Blitz eine Mazza (Osterbrot) in die Stube oder nagelt sie an die Scheune. Mit der Aufschrift Agla (atta gribbor I’olara Adonai, d. h. du bist mächtig in Ewigkeit, o Herr) wirft man eine Mazza bei einem Brande als Löschrnittel in die Flamme. So wurde es 1742 von Ernst August von Sachsen anbefohlen. An den Becher Elias erinnert die schlesische „Christtindelkuse". Tie Mütze eines Rabbiners gilt in Ostpreußen als Glück bringend. In Krankheit wird sein Segen gesucht (wie im Mittelalter Christen bei Zs. Jsserlein in Wiener- Neustadt verkehrten). Am Pfingsten wird besondere Milch und Käse genossen. Eine Laubhütte gehört zum Maibaum. An Epiphanias werden Lichter angezündet. Ter Christbaum, verhältnismäßig jungen Datums (in Wien hauptsächlich durch Fanny v. Arnstein eingeführt), dürfte auf die Obannkka-Menorah zurückzuführen sein: Die Merioraa der Bibel stellt einen Baum dar, in den Kirchen heißen die sieben arrni gen Leuchter „arbores“ (Bäume). Manches Weihnachtsfpiel schließt mit der Klage Rahels Zer. 31, 15, die auch im jüdischen Zosefsspiel eine Stelle gefunden hat. Nach diesen in Eile ausgewählten Proben zeigt sich das deutsche Volksleben vom Judentum nicht viel weniger beeinflußt, als das deutsche Judentum von seiner christlichen Umgebung (vgl. „E. V.- Zeitung" vom 11. Februar d. I.). Beide Teile haben dadurch an ihrer Wesensart nichts eingebüßt, und so sollten sich jene, die jetzt wieder über „Verjudung" des Deutschtums Zeter und Mordio schreien, von einem Goethe belehren lassen, der durch Bibel, Volksglauben und Spinoza das Judentum auf sich hat wirken lassen. Er schrieb eigenhändig einen hebräischen Bibelvers — Ps. 16. 8 — auf ein Lesezeichen aus seiner Jugend, das sich heute im Frankfurter Goethe-Haus befindet. „Es zeigt sich eben, daß die anderen ebenso recht haben, nach ihrer eigentümlichen Art Zu existieren, als ich nach der meinigen." *) Auf den Jahrmärkten oft fcilgcbotene deutsche IauderLUcher. die ausdrücklich aus dem Judentum sich herschrcibcn, sind: „Die große Moses.Bibel", d. i. das 8. und 7. Buch Mosis (Philadelphia!); „D a s 6. u. 7. Buch M o f i s" (Weimar 1505!) mit „Formeln der magischen Kabbala samt Auszug der echten und wahren Clavleula Salomnni.s, Keg-is Israel", mit „Brustbildern" Moses, Ahrons, Bileams ufw. Es fordert, daß die „Citations. focmcln in hebräischer: Sprache gesprochen werden". Ein „Nigromantisches Kunstbuch" (Köln 1743) handelt von „Glücksrute, Ring und Krone Salomos" usw. und seinem „Schlüssel, den schon die Patriarchen gebraucht hatten". AehnUch spricht Agrippa von Nettesheim von den „Nomina divina respondentia numeris SaturnT“, von ben „Menjbra Del Hebraeorum Mecubalium opinlonc'*. Er dringt verschiedene kabbalistische Alpha- Lete usw. Die alten Fauftbücher selbst sind solchen Spukes voll, der in zahlreichen Manuskripten Uber Volksmedizin u. dgl. fein Wesen treibt, sich auf die Patriarchen und alle möglichen jüdischen Autoritäten, wie bei R. Lullus „Alomon Zadock Presbyter Hicrofo Eymikanus", sich beruft und in die Schriften Jacob Böhmes u. a. übergegangen ist.