Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 31-32 (5.8.1927)
- Date
- 1927-08-05
- Page
- Seite 440 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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440 rote ein Gleichnis. Wo zweitausend Jahre beheimatet sind — soll man da nicht von Heimat reden? So sollte man das Leben in seiner wunderbaren Fülle begreifen und mit Ehrfurcht annehmen, was ans seinem Schoß erwächst. Ueber den Streit des Tages hinaus klingt sein Lied — es klingt größer und majestätischer im Schatten des Lomes, aber behüteter und voll einsamer, weltverlorener Gelassenheit fingt es um die Synagoge zu Worms. /Ute Mische Familien in Deutschlanö. Von Dr. Arthur CMitzer (Berlin). Bis vor recht kurzer Zeit galt die Genealogie als eine Art Sport adliger Familien, über den andere Kreise lächelnd die Achseln zuckten. Tie Aufklärungszeit hatte das Wort von der „Liberte—egalite" geprägt, und die Geringschätzung aller Stammbäume gehörte bei einem fortschrittlich Gesinnten zum guten Ton; dies galt auch für die Juden, die der Auf- Oärung ihre Befreiung verdankten. Um so überraschender ist die Tatsache, daß es unter den deutschen Juden viel mehr Familien gibt, die einen S t a m mb a u m besitzen, als sicherlich die meisten Menschen ahnen? So stark ist der natürliche Trieb, sich für seine Herkunft zu interessieren, mit Teilnahme die Schicksale der Vorfahren, oder doch wenigstens ihre Namen, ihren Wohnort, ihren Beruf für sich und für die nach uns Kommenden auszuzeichnen! Wenn ich in den folgenden Zeilen ein wenig von Stammtafeln deutscher Juden erzähle, so mache ich hier keinen Anspruch aus vollständige Darstellung. Ich will ganz bewußt mich auf diejenigen beschränken, die im Familienarchiv der von mir begründeten Gesellschaft für jüdische F a in L l i e n - forschung vorhanden sind und kann auch aus dieser Zahl nur Stichproben bieten. Vielleicht wird in späterer Zeit Einmal zu einer vollständigen Zusammenfassung, sei es in a einem Buche, sei es in unserer Zeitschrift, den „Mitteilungen zur jüdischen FaMLienforschung", sich Gelegenheit ergeben. Während die übergroße Mehrzahl der Stammväter Gelehrte resp. Rabbiner waren, geht die Familie Mühsam zurück auf einen Soldaten Pinkus P a p p e n h e i m, 1737 bis 1807, der nach der Ueberlieferung seinen verwundeten HaupLmann aus der Schlacht bei LeuLhen aus dem Rücken heraustrug und von Friedrich dem Großen dafür neben gewissen Vergünstigungen den Namen „M ü h s a m" erhielt. Ein Teil der Verwandten hat den alten Namen Pappenhcim bewahrt, und beide Zweige haben der deutschen Kultur als Aerzte, Philologen und Kausteute wertvolle Förderer geschenkt. — Die Familie CNfftcin, heute durch die Zigarettenfabrik Eckstein in ganz Deutschland bekannt, führt ihren Stammbaum zurück auf den 1750 in Westfalen geborenen Menachem Eckstein. —Eine große Zahl von Familien rühmen sich ihres „königlichen"' Ahnherrn Saul Wahl Katzenellenbogen, der eine Nacht hindurch die polnische Königskrone getragen haben soll; dieser Saul stammt vom Rhein, von einem ans Mainz nach Padua gewanderten Rabbiner, daher auch Main;, Minz, Münz genannt. Auf dem Wege über Polen kehrten die meisten Nachkommen nach Deutschland zurück; über ihre romantischen Schicksale findet man Genaueres in den „Mitteilungen zur Mischen Farnilienforschung". Die Familie London (Mathematiker), Münz (Rabbiner), Weigert (Aerzte, Kommunalpolitiker) und viele andere sind dieses Blutes; in Deutschland find sie alle nachweisbar seit der Mitte des 18. Jahrhunderts. Durch Sauls Tochter Bela findet eine Verschwägerung statt , mit der Familie Theomim Frankel, aus der Jonas I. Frankel, der erste schlesische Landesrabbiner und zugleich Großmdustrielle, 1721—1793, als Stammvater zahlreicher angesehener Familien uns entgegentritt. Ein Nachfahr gründete in Breslau das erste moderne Nabbinerseminar und (vor achtzig Jahren?) eine Siedlung für Unbemittelte aller Konfessionen. Die Familie Kaliphari-Landsbcrg, abstammend von dem etwa 1500 in Spanien geborenen Arzte Salomon Kaliphari, rühmt sich eines Arie Loeb „Kodauseh", d. h. eines Märtyrers, der 1736 in Posen, als seine Gemeinde eines Ritnalmordes beschuldigt wurde, die ihm angebotene Flucht aus Pflichtgefühl ebenso standhaft verschmähte wie ein falsches Geständnis und den ihm angesonneuen Glanbenswechsel. Er starb nach tagelanger Folterung! — Eine lange Reihe fleißiger und erfolgreicherKausleute, die bis vor kurzem allein Mecklenburg lebten, stehen aus der Stammtafel, die aus Juda Lcvin in Crivitz (geboren 1700) zurückgeht. — Von dem Rabbiner Joel Meyer-Stargard, 1715—1811, stammen die Träger des Namens Asch, zu denen in Schlesien sehr bekannte Aerzte gehören, auch das prächtige Bild des „Dr. Klaus" von L'Arronge. — Die Meyer-Prenzlau bewahren neben einer sehr ausführlichen und kostbar ausgestatteten bis auf Baruch Meyer, 1614—1706, geführten Stammtafel pietätvoll den Schutzbrief, den Joachim Levy-Prenzlau 1698 erhalten hat. — Die Benarios gehen zurück auf Lob Aron, der etwa 1750 geboren, diesen Namen als „Hon ^rio", Sohn des Löwen, d. h. des Juda, annahm. Talmudisten, Kaufleute und^Aerzte haben ihn über ganz Deutschland getragen. — Weitere Familien mit sorgfältig geführtem Stammbaum sind die Buchhändler Jolowitz (abstammend von dem Feldscheer Joel Jolowitz, etwa 1750), die Masse von Moses Moste, der 1760 in Märkisch- Friedland lebte. Zu ihnen gehören Rudolf Mofse, der Begründer des „Berliner Tageblatt" und der Berliner Ehrenbürger Professor Albert Moste. — Die Tzyfer-Makower mit den um die Berliner jüdische Gemeinde hochverdienten beiden Justizräten Hermann und Felir Makower. — Ferner die Nachj kommen von Hermann Pinkus (Neustadt in Oberschlesien, r 1771—1850), diejenigen von Moses Levy Zachan (1762—1842),! die Rabbinersamilie der Schreiber von Benjamin Schreiber ' in Grätz, 1779—1839. — Etwas älter die Seldis, seit 1659 in Berlin ansässig, die Goldschmiede Schöpflich (seit 1617 in Südwestdeutschland). Die Lehrer, Schriftsteller und Buchhändler Lamm (von David Lamm, 1720—1790). Die Nolhmann mit mehreren hervorragenden Aerzten seit 1700 in Schocken. — Die Arons seit 1778 in Frankfurt a. d. O. Waren die genannten Familien fast alles ostdeutsche, so sind die am Rhein verbliebenen noch älter, die meist zur Gemeinde Frankfurt am Main Beziehung haben. Hier war es etwa 1860 bis -1880 üblich geworden, sich . durch einen Gemeindebamten, Elias Ullmann, sogenannte Fal milienregister Herstellen zu lasten. Leider sind diese neueri! dings nicht fortgeführt worden.und enden meist mit der Zeit :j der Errichtung des Kaiserreiches. Die Bings, abstammend ,1 von Michael in Bingen, etwa 1600 geboren, haben sich ebenso weit über unser Vaterland verbreitet wie die Schiffs mit jf vielen Aerzten, Physiologen und Bankiers, zu denen auch die 8 bekannten New Aorker Börsenherren gehören. Sie gehen auf 4 Jakob Hirsch Schiff, 1762—-1843, die Golvschmidts, ebenfalls; j zur Hochfinanz entwickelt, auf Hayum Salomon Goldschmidt, st! geboren 1772, und Benedikt Hayum Goldschmidt, geboren i 1798, zurück. Ebenso alt die Rothschilds. Weiter zurück liegt i Moses Geiger, gestorben 1633, von dessen Nachfahren der Breslauer Reformrabbiner Abraham und der ^childerer der ' Berliner Geistesgeschichte, Prosepor Ludwig Geiger, erwähnt; seien. Die vielseitig ausgezeichnete Familie Zunz kam etwa zur gleichen Zeit aus Zonz am Rhein nach der Frankfurter Judengaste. - J Alte Hannoveraner Familien sind die Bonwitt, deren Stammvater 1723 geboren wurde, die Meyerhof, mit dem zur selben Zeit in Hildesheim lebenden Ahnherrn Meyer Michael Meyerhof. Aus seinem Blut der Träger des letzten Nobelpreises und Bahnbrecher aus dem Gebiete der physiologischen Chemie. — Die Nachkommen von Hertz -Salomon Gotthelsft, der 1735 in Detmold zur Welt kam, sind es, denen Kassel seine erste moderne Zeitung dankt. — Auf Martin Mayer, 1762—1827, und seine Gattin Rosalie Eoma gehen die führenden Kaustnannsfamilien Maycr-Eoina in Mainz zurück. — Die Dinkclspic! in Mannheim sitzen dort seit drei Jahrhunderten, denn 1683 wurde dort Mordche Dinkelspiel begraben. Wie der Verfasser ihrer Chronik, Generalkonsul Earl Simon, nachwies, traten sie zu zahlreichen süddeutschen Familien in enge Beziehung, so z. V. zu den Heidelberger Oppenheimers und dem unglücklichen Finanzreformer „Jud Süß". . d Eine ausgesprochene Rabbinersamilie, anfangend mit Rabbiner Joses, 1540, ist die des Eleasar Low, genannt Leb amen Rokeach, -1758—1837, des führenden Talmudisten seiner Zeit. Sein Nachfahr Dr. I. Münz hat diese Tafel zusammengestellt. — Nach Hamburg resp. Altona führen uns die seit *1630 dort nachweislichen Ballin mit dem Schöpfer der deutschen Handelsflotte; Samson Raphael Hirsch, 1777 bis 1857, Bankier und Gelehrter, besten Vorfahren etwa 1616 von Detmold nach Hamburg zogen, sowie Daniel Samuel ~ Marburg, 1725—1790, von dem 'sowohl die New Iorker Finanziers wie die Haruburger Bankiers und die verschiedenen Naturforscher Warbnrg abstammen.