Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 31-32 (5.8.1927)
- Date
- 1927-08-05
- Page
- Seite 439 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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439 Worms. Don Dr. Friedrich M. JtterL (Worms). inmitten enger Gaffen der Altstadt nicht weit van der innersten Stadtmauer, an die die alten Häuser sich angenistet haben. Liegt die alte Synagoge — ein ganz seltsamer Vau, niedrig und mit einem fast profanen Lach abgedeckt und doch umwoben von Feierlichkeit und, was mehr heißen will, von tiefer und ganz bescheidener Frömmigkeit, daß in ihrem schmalen Schatten alle ergriffen sind von dem geheimnisvollen Leben, das in diesem Gemäuer Form geworden ist. Gewiß, in'dieser ältesten Stadt Deutschlands gibt es viele ergreifende Eriitneritngen, gibt es einen Dorm der so ganz voll reiner Majestät ist, -aß er'als der Gipfel des für Menschenkraft Gestaltbaren in unwirkliche Höhen zu ragen scheint, gibt es zerstreute Trümmer versunkener Paläste und fast tausendjährige und immer noch lebendige Kirchen — aber nirgends liegt ein ebenso altes Kleinod so im unscheinbaren Gewinkel versteckt und gleichsam geduckt und kommt so unerwartet vor die Augen, wie diese alt- Synagoge. Unerwartet? Einer, der in alten Städten Bescheid weiß und auch weiß, daß der Reichtum vergangenen Lebens nicht nur am Markt zur Schau stand, sondern, daß die ganze Stadt in allen Gaffen und Winkeln mit Portalen, Kirchen, eigenwilligen Häusern und hundert steinernen Wundern erblühte, der wird schon beim Betreten dieser Ghettostraßen auf Wunderbares gefaßt sein. Eng wie eine Schlucht ist die Judengaffe, und wie ein kleines Labyrinth verzweigen sich die kleinen weitengaffen — man spürt noch heute, wo die alte Umklammerung längst gefallen ist und ein großer Straßenzug das einst ganz für sich inmitten der Stadt abgeschlossene Viertel geöffnet^hat, die jahrhundertelange Enge und Derwachsenheit dieser Gauen, über die nur ein kleines Stück Himmel zwischen den Dachkanteu der Häuserreihen blaute. Es gibt viel imponierendere Judenviertel als dieses, das durch Brand und Not jahrhundertelang zerzaust wurde und das neben einigen machtvollen Häusern säst lauter Hütten und ärmliche ° Wohnungen birgt — es gibt auch eigenartiger bewahrte und noch heute mit seltsamem Leben, das Jahrhunderte alt zu sein scheint, erfüllte Judenviertel in anderen Städten, während in Worms die Eigenart eines jüdischen Wohn- und Handelsv'ertels völlig verschwunden ist und ein Stadtviertel daraus geworden ist wie andere auch — und doch ergreift uns die äußere Gestalt noch heute und verstrickt uns immer mehr in uralte Erinnerungen, je mehr wir in diese Gaffe hinemgehen, und führt uns schließlich mit Staunen und wunderlichen Gedanken an das 900jährige Portal der kleinen Synagoge. Betreten wir ihren Hof, so sind wir entrückt in eine Welt, über die die Zeit keine Macht zu haben scheint. Wir steigen in eine römische Zisterne, die als rituelles Frauenöad benutzt wurde, und stehen tief unter der Erde an dem nur durch zwei Erdschlihe mit Tageslicht erhellten Wafferspiegel. in dem das regelmäßige Mauerwerk de< römischen Bauleute sich spiegelt — wir gehen in die kühle romantische Halle des Männerbaues mit ihren von wundervollen Kapitalen getragenen Gewölben, wir sehen .hundertjährige Lampen, Heiligtümer auf Pergament in der Lade, wir sehen im rechten Winkel den gotischen Frauenbau sich öffnen und gehen in 'eine Kapelle, in der das Andenken an den großen Rabbi Raschi fortlebt, als lebe er selber noch und käme bald, um von seinem verwitterten Lehrstuhl ausdie in einer Zbpsis versammelten Schüler zu belehren. — Durch die Fenster blicken die Bäume und Sträucher des Gartens, hinter dem die Balkone und Hofgalerien der alten Judcnhäuser stehen. . Nun blühen die Bäume und singen die Vögel ringsum und das allerjüngste. gerade eben selig aus der Knospe entsprungene Leben erblüht neben dem tausendjährigen — was ist die Zeit und die Flucht des Vergänglichen an dieser Stelle, wo ein für menschliche Begriffe vngcheuer großer Zeitraum-so in einem Blühen umfaßt wird. Immer noch gehen die Juden diesen Weg und versammeln sich unter .den gleichen Gewölben wie vor fast tausend Jahren. Jnuner noch gehen uralte Sagen von Mund zu Mund und nirgends in dieser Een Stadt haben sich so seltsame Geschichten -um die Mauern, gleich dem Efeu, gewoben, als hier. Ein kleines Museum birgt im Obergeschoß der Vorhalle Dokumente und Gegenstände. Handschriften und Wimpel. Siegel und Vorhänge , aus vielen Jahrhunderten. In den Gewölben des Stadtarchivs ruhen noch viele Faszikel Akten aus der Geschichte der Wormser Juden. Wir wiffen, wie jedes Haus instand war, was es an Hausrat und Vermögen barg, welche Weine in den Kellern lagen. In diesen Akten ist ein Stück alten Lebens bis in die geheimen Kammern der . persönlichsten Bcrhältnipe in nüchternen Buchstaben ausgezeichnet, seitdem die Wormser Jaden durch kaiserliches Dekret in die Leibeigenschast der Stadt Worms übergegangen waren. Während wir mühsam die Verhältnisse der bürgerlichen Reichsstadt, dieser so oft Die freundliche Aufforderung Ihrer Zeitung, dass ich^ mich über den Einfluss der deutschen Juden auf die deutsche Kultur äussern solle, beweist mir, dass Sie diese Frage richtig stellen, denn sonst würden Sie mich, der ich nicht jüdischen Glaubens bin, nicht fragen. Es ist ein sonderbares Zusammentreffen. Ich beschäftige mich zurzeit mit Studien aus der Reformationsepoche. Als Ihr Brief einlraf, war ich gerade mit der Lchtüre des Buches Otto Stobbe, „Die Juden in Deutschland während des Mittelalters“, zu Ende. Ich habe das Werk aus der preussischen Staatsbibliothek entliehen, und in diesem Exemplar finden sich handschriftlich von Lesern folgende Notizen: Auf Seite 82 ist das Reichsgesetz zitiert von 1302, in dem der Zinsfuss für grössere Darlehen gesetzlich geregelt wird. Daneben steht: „arme Juden!/“ Auf Seite 45 steht, dass die Landesherren selten die Verfolger der Juden vor Gericht zogen. Daneben schrieb eine Hand: „Das soll ja auch heute noch Vorkommen“; eine zweite Hand schrieb daneben: „Beweis??“ Und wieder eine andere Hand: „Ja, die armen Juden!“ Dann sicht auf Seile 186 das Wort „KoniizU!“ Bei dem Satz „Jüdische Huren scheint cs nur eine geringe Zahl gegeben zu haben“ hat ein Leser der preussischen Staatsbibliothek dazu geschrieben: „Aber jüdische Hurenwirte!“ Auf Seite 193 sicht der Schlusssatz: „Noch kurze Zeit, und die Gleichheit der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte wird auch für den Juden kein vielfach beschränktes Prinzip sein, sondern zur Wahrheit werden.“ Daneben ist handschriftlich eingetragen: „Und ist jetzt glücklich zur Vorherrschaft geworden! Das Mittelalter hatte besseren Instinkt!“ Hiermit haben Sie meine Antwort auf Ihre Rundfrage. Die Kidturlräger und die Kulturlosen scheiden sich an der Frage des Judentums. Wenn man überlegt, dass Christus Jude war, und doss, wie Nietzsche sehr richtig bemerkt, mit Christus der einzige Christ bis heute am Kreuze starb, wenn man ferner überlegt, dass das Alte Testament jüdische Kultur ist, dass das Neue Testament von Juden oder „Judenstämmlingcndem Glauben nach, geschrieben ist, wenn man dazu ins Mittel stellt, dass der Rabbiner Saulus-Paulus die christliche Religion organisierte, und dass heute wohl niemand leugnen kann, dass das Christentum einer der wichtigsten Beiträge zur deutschen Kultur ent Wicklung war, dann ist jede weitere Aeusserung über den Einfluss der Juden auf die deutsche Kultur unnötig. Walter v. Molo. in entscheidenden Tagen hervortretenden Stadt, zu erfaßen versuchen und schließlich doch nicht bis in das Persönliche Leben des alten Bürgers Vordringen können, hat uns hier ein gütiges Geschick einen großen Teil der Akten erhalten, trotz Brand und Zerstörung, aus denen wir jenes alte Ghettoleben bis in die intime Häuslichkeit erkennen können. Es wäre zu wünschen, daß sich ein Freund der Geschichte fände, der aus diesem Material ein abgerundetes Kild schüfe über die gelegentliche Verwertung hinaus, die bisher davon Notiz genommen hat. Die Wormser jüdische Geschchte umfaßt fast zwei Jahrtausende. Sie hat den Ruhm der ältesten Judengemeinde in Deutschland. In sagenhafte Vergangenheit verliert sich ihr Anfang, der in die Zeit der Zerstörung Jerusalems und der Auslösung des jüdischen Reiches zurückreicht. Während immer wieder die eingeseffene Bevölkerung sich mit dem Eroberer vermischte, sehen wir die Juden durch alle Jahrhunderte hindurch als einen von diesem Wechsel fast unberührten, sich immer nur in sich selbst erneuernden und in bewußter Absonderung lebenden Dolksteil. Mitten in der römischcheiduischen und der germmrisch^christlichen Staatskultur leben sie ihr eigenes Leben. Sie tragen Glück und Unglück, das aus dieser Sonderstellung 'erwächst, mit gleicher Eelaffenheit. Sie beherrschen den Handel und später den Geldmarkt und tragen den Ruhm des Handelsmannes und den Haß. der dem Geldmann zuteil wird. Sie erdulden die äußersten Bedrängniffe, die den Menschm in seinem Leben bedrohen können, nnd ertragen die Demütigung der Freiheitsberaubung jahrhundertlang. Es ist, als ob sie eine Sicherheit in sich trügen, die immer wieder auch die verzweifeltste Lage zum Guten wende. Sie sind die Kammerknechte der Kaiser, die Schützlinge seiner Gesandten, des Bischofs und die Todfeinde der Bürger — seltsame Verkettung des Schicksals sehen wir in der Abfolge der Jahrhunderte, von der tiefsten ' Demütigung bis zur stolzesten Ehrung. Es handelt sich hier um Geschichte — und doch sind es ungelöste Probleme, die bis in die heiße Gegenwart hineinreichen. Gerade durch diese mit frischem Leben stets erfüllte Erneuerung erweitert sich jede Beschäftigung mit Mischer Geschichte zu einer umfaffenden Schau. — Die kleine, durch ihre Schönheit und ihr Alter ehrwürdige Synagoge zu Worms und der Frühlingszauber in ihrem Garten ist