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Central-Verein-Zeitung · 1927-08-05 · 31-32 (5.8.1927) · p. Seite 437

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
31-32 (5.8.1927)
Date
1927-08-05
Page
Seite 437 (sequence 5)
Language
German
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437 Arno Holz' Antwort. £\j$ ->4^ ‘+^+^i j --- ^_ braucht nur an Christoph Martin Wieland, Sohn eines pietistischen Pfarrers erinnert zu werden, der darin nicht zag- * Haft war, aber auch das Recht aus freiesten Ton mit der Anmut seiner Darstellung begründen durfte. Vor allem war und ist es immer wieder Goethe, der voranleuchtete, unerreichbar, aber auch niemals ausschöpsbar in der Tiefe und Breite seines Lebenswerkech An ihm besonders hat sich der von alters her geschärfte kritisch-analytische Geist der jüdischen Schriftsteller ' entzündet und bewährt. . Es ist nicht Hochmut, denn vor ihm wollen wir uns hüten, wenn wir seststellen, daß viele der sinnvollsten Kommentare zu Goethe, daß die besten Biographien, „die in keinem deutschen Hause fehlen", von begabten und gelehrten Juden verfaßt sind. Ta sich in der Goethe-Gesellschaft, verschwommen oder nicht, Spuren antisemitischer Gesinnung hervorgewagt haben, wird es vielleicht einmal nötig werden, die Jahrbücher dieser Gesellschaft durchzublättern, um den regen und erfolgreichen Anteil jüdischer Erklärer an der Goethe-Forschung darzutun. Gewiß ist das literarisch schaffende deutsche Judentum am Ausland nicht vorübergegangen. Eine geistige Grenzpfahtpolitik wurde nicht getrieben; die Organe sind immer geöffnet für hörenslnerte Stimmen, die sich bei anderen Völkern erheben. Auch hier sind ja die nichtjüdischen Führer des deutschen Geistes Vorbilder und Anreger. . Wir winen, wie sich der junge Goethe an Shakespeare berauscht hat, und daß Schtegel-Tieck mit ihren Uebersetzungen das deutsche Volk beschenkt haben; heute wagt sich der Jude Gundelfinger-Gundolf mit Glück von neuem an die gewaltige Aufgabe. Wir wipen, daß Schiller sich in fremden Literaturen heimisch gemacht und daß Johann Heinrich Voß Homer und Aristophanes, Vergit, Ovid und Hesiod überseht hat. Uns Heutigen hat Ludwig Fulda Mokiere und spanische Dramatiker gebracht, Julius Elias hat mitgeholfen, Ibsen und Björnstjerue Björnson bei uns einzubürgern, Beruard Shaw verdankt europäischen Ruhm seinem Verdeutscher Siegfried Trebitsch, und hier wie dort hat der jüdische Verleger S. Fischer die Verbreitung übernommen. Christ und Jude, Deutscher oder „Nichtdeutscher": gleichviel. Was sie eint, ist viel stärker und wichtiger, als was sie trennt. Oder besser: es gibt nichts, lvas sie trennt. Der Strich zwischen ihnen ist nur künstlich gezogen, mit einer Kreide, die sich sofort auslöschen läßt, wenn man an diese Tinge nur mit Wissen und Logik herangeht. Mögen die kleinen Köpfe, die nur leben können, wenn alles um sie herum ebenso klein ist, auch von unüberbrückbaren Gegensätzen schwätzen und zetern, weder in Form noch Gestalt, weder im Zweck noch im Ziel ist ein Unterschied dahin bemerkbar, daß die jüdischen Schriftsteller deutscher Zunge und auch die Leser rlnebenbürtig seien den „Deutschen" und ihrem Publikum. Dabei darf naturgemäß hüben wie drüben nur an diejenigen Kräfte gedacht werden, die wirklich zur Literatur gehören; Vielschreiber, Untatente, Konjunkturspekulanten, Zotenreißer findet mau ja auch an beiden Ufern. Wir sind nicht mehr, aber auch nicht weniger als die Autoren, die ihrem Ursprung nach den: Judentum fern sind. Wir sind nicht besser, aber auch nicht schlechter. Wir lernen, wir lehren wie sie. Wir sind dem deutschen Geist nicht fremd, wir sind nahe mit ihm verwandt, wir sind mit ihm identisch. Wir wollen, wir beutfcfjen Schriftsteller jüdischen Glaubens, nicht.unters Kreuz und auch nicht nach Zion flüchten,-um eru ein Recht auf Geltung zu gewinnen. Wir bleiben, was wir sind, wir bleiben Deutsche mit jedem Anspruch, der in den Grenzen dieses Begriffes enthalten ist. Wir^ werden vielter dienen, auch wenn dieser und jener uns kündigen möchte. Wir lieben dieses Land. daS uns erzogen hat. und sagen mir Goethe: „Uneigennützig zu sein in allem, am uneigennützigsten in Liebe und Freundschaft, war meine höchste Lust, meine Maxime, meine Ausübung." Mlchm EmIO bübsn Mt dEen auf dis dmNs flulfur? Von Wilhelm Michel (Tarmstadt). Mir i)t bei der Fragestellung „Einfluß der deutschen Juden auf die deutsche Kultur" nicht ganz behaglich. Ich weiß ja gar nicht, wer alles Jude war und ist unter den deutschen Menschen, die etwas Gutes oder Shlechtes im kulturellen Bereich getan haben. Tenn nach Taustettel. Herkunft. Abstammung wird mau doch nur dann forschen, wenn man der vorgefaßten Meinung ist, derlei Akzidenzien erlaubten bündige Schlüsse auf die Werthaftigkeit des betreffenden Menschen. Zwar bin ich keineswegs der Meinung, daß Blut, Herkunft, Typus vollkommene Nebensächlichkeiten seien. Vielmehr ziehe ich diese TilM recht gern als Erklärungsgrunde a posteriori heran. Aber ein Schluß a priori vom Blut auf den Wert eines Menschen ist doch so verzweifelt unsicher, im Enderfola so irreführend und verdummend, dem Reichtum der Lebenswirklichkeit so schroff widersprechend, daß ich mit dieser Tenkweise nichts zu tun haben will. Ich wünsche mich^aus alle Zeit grundsätzlich zu unterscheiden von denen, die vor lauter Stammbäumen den Wald nicht sehen — den Wald des deutschen Kulturlebens, den Wald der menschlichen Gesamtleistung. Deshalb, wie gesagt, ist meine Kenntnis der in Betracht kommenden Genealogien und Blutmischungen ungemein lückenhaft. So muß ich also, um zu Ihrer Frage zu sprechen, subjektiv verfahren, ins Gelag hinein Erfahrung oder Sentenz notieren; nicht ohne wieder-einmal zu fühlen, wie schauerlich durch japrhundertalte Sünden diese Frage kompliziert ist. Worüber ich Bescheid weiß, das ist die praktische Forderung, die das Vorhandensein jüdischer Deutscher an mich stellt: mit ihnen zu Hausen, wie mit den andern Mitbürgern. diejenigen zu suchen, die ich hochachte, diejenigen zu meiden, die mich geistig nichts angehen, und damit basta. Aber ein Werturteil füllen über eine große Bevölkerungsgruppe, das ist eine Last. Ist diese Bevölkerungsgruppe nicht von Verschiedenheiten schroffster Art durchschnitten? . Man betrachte nur einmal die endlosen Varietäten der körperlichen Erscheinung! Ter breite und der schlanke Jude, der kurze und der hochaewachsene. der massige und der zierliche, der schwere und der wendige, der Dluttyp und der Nerventyp. der Daumierschädel und der schöne "Idealkops — welche Unterschiede! Und ebenso im Geistigen. Zwischen dem Juden der prophetischen Frömmigkeit und dem ccwiyenloscn Schacherer liegt mehr als eine Welt. Und wo hört die Volksnatur aus. wo beginnen die Erildeformationen, wo die ethischen und geistigen Anleihen bei der Umgebung? Man muß schon das antifeuittifd^e sacrificium intellectus hinter sich haben, um in diese uferlosen Zusaimnenhänge mit frisch-fröhlichen-Verdikten hineinzuspringen. Martin B u b e r ist Jude. Gundolf ist Jude, Sigmund Freud ist Jude; Juden sind eine Menge von teils geschickten, teils naserveisen Zeitungsschreibern, die stirs Leben gerne spötteln und sich in größerer Anzahl in Berlin zusammeminden. Eine stunde mit Martin Buber ist mir ein Fest. Gundolf hat Tinge geschrieben, die in ihrer Bedeutung (Fragestellung, Form, WertroelI kaum zu überschätzen sind. Freud, obschon er keineswegs in allen stücken mein Mann ist, gehört zu den größten Entdeckern der Geistesgeschichte. Aber den meisten jener fingerfertigen Preste-Jntelligenzen gehe ich gern aus dem Weee. Sie mir auch. Wir verstehen einander nicht, wir reden verschiedene Sprachen. Soll ich nun aus dieser Entgegensetzung das arithmetische Mittel ziehen? Ich werde mich hüten. Gewiß gesellen sich auch für unsereinen zu dem Wort „Jude" eine Reihe von Begleitvorstellungen, die immer wiederkehren. So z B.: klar ausgebildeter Lebensverstand, große Empfänglichkeit für Reize aller Art. lebhafter Sinn für Tinge der Bildnna und der Kunst: kriti'che Fähigkeiten: Geschmack iiir das Neue. Lauter Dinae. an die ich weder bei Buber noch bei Gundolf noch bei Eohen nock) bei I. I David nock bei Mombert denke. Vermutlich zum größten Teil Neuerwerbungen au* den letzten Jahrhunderten, mehrfach Ueberscharfunaen und Vercinseiti. gungen von Anlagen, die sich vordem harmonischer zürn Ganzen fügten. Jedenfalls sieht man durch diese Eigenschaften einice^ au Mischen Kulturbeiträgen bestimmt. Alan muß da wohl an die jüdische Fähigkeit denken, dankbares Publikum für das Neue in Kunst lind Geist zu bilden: au die ständig aufrüttelnde Wirksarnkeit selbst jener jüdischen Journalistik, von deren unsympathisch Kehrseite eben aesprocken worden ist: an die lebhafte Förderung, die Juden als Publikum rvie als Künstler und Unternehmer dem Theater anqedeihen lassen, wenn schon auch ihr unerwünschte und gefährliche Einwirkungen beiaesew sind. Ter Sinn für die Vielheit der Erscheinungen, der Sinn für die Zahllosen Möglichkeiten des Lebens, der die jüdische Intelligenz ai;3. Zeichnet, paart sich zwar öfters mit einem unruhiaen Trell>en von Standpunkt zu Standplmkt, wird auch oft von solchen, die sich um billige Mühe irgendwo ansiedcln wolle», als zersetzend empfunden Aber es liegt in diesem Sinn für die Vielfalt doch ein wichtiges

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