Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 31-32 (5.8.1927)
- Date
- 1927-08-05
- Page
- Seite 436 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2277379-2277729-2277760--03858-2284416- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
V) i . j\; s\ <7 t! W "'-j '3 <1 a^a; A VW V4-^/ AA-a Aa^oA^Aä! i ■ ■■■;!/ f ./ ■: h■ i j> ■ i!/ \ . \ t i> ji i h;. i, r *•.'/<- y,; -., /. j :/' / 1/* j v \ i ■; ]» 1 i {;• t > i» » A A/ v* ^-v *•*-*/ "V AsÄ N/ V'^/ *^3/ v V n3 5v* S/”V Jkv v XjK v * '*t I + <*'4+44 ¥ ■¥ 4r*J »V * 4?4r V V $ V’ -V? ** V W 1 i VV ‘i V -'/ 2 -v •/ * f^ ,/ -j v V 4 Von Fritz Enget. Fast allein nur dem deutschen Inden ist das doppelgesichtige Schicksal zugewiesen, sich dort heimisch zu fühlen, wo man ihm die Heimat nicht gönnt. Tränen des Zornes und des Schmerzes sind deshalb geflossen. Einer cher vornehmsten deutschen Schriftsteller jüdischer Herkunft, Jakob Wassermann, hat darüber ein erschütterndes Buch geschrieben, und wenn er zuletzt, ganz anr Schluß, sich aufatmend doch zu einem von Zagen und Augst befreiten Optimismus aufschwingt, so fühlen wir immer noch sein Herz erzittern. Müssen wir, die wir auf diesen: oder jenem Posten am deutschen Schrifttum rnitschaffcn, die Tinge wirklich so besorgt und empfindlich anschauen? Warum fragen wir, warum lassen wir uns die Frage aufdrängen, ob wir „dazu gehören"? Es ist noch ein Nest von Ghcttosurcht, wenn wir erwägen und darüber grübeln, ob wir geistig gleichberechtigt sind. Wir fühlen immer noch auf unserem Gewand den ruchlosen gelben Fleck und glauben, ihn zndecken zu müssen. Unsere sonstigen Staatsbnrgerrechte und -pflichten üben wir zwar mit Selbstverständlichkeit aus, wir gehen zu den Wahlen, wir zahlen Steuern, wir haben das Vaterland in Zeilen der Not niemals im Stich gelassen. Aber wenn es sich um die Pflege der eigentlichen Kulturgüter handelt, beschäftigen wir uns, weil die Gegner uns gern an dieser Stelle kitzeln, sehr angelegentlich mit dem „Problem", ob wir legitimiert sind. Wir stellen dann fest, wie groß der -Anteil der deutschen Judenheit an Deutschlands Kultur ist, an seinem Dichter- und Denkertum,'an seinem geistigen Fortschritt, an seiner Wettgeltung. Das ist im Abwehrkampf notwendig. Täglich heißt es, der Schlange des vergiftenden Hasses aus den Kopf treten und dem dunklen Unverstand die Helligkeit der Tatsachen .gegenüberzustellen. Es ist eine dira necessita.s, eine harte Pflicht. Vielleicht aber darf auch einmal ausgesprochen Den Opfern. Frankfurier Kriegsgefallem ndcnkmal von Benno Elkan. werden, wie sehr wir unserem berechtigten Selbstgefühl wehe tun und welches Opfer wir einem erlaubten Stolz bringen, wenn wir immer wieder sagen, was in Hunderten von Urkunden längst bestätigt ist: daß der Jude seinen Anspruch auf Atttarbeiterschaft am deutschen Geistesleben genugsam erwiesen hat. Deutsche Dichter jüdischen Glaubens, Publizisten, Kritiker, Theatermänner, Verleger haben seit einem' Jahrhundert und länger die Bausteine der Vorwärtsentwicklung herangeführt, sie haben ethisch, ästhetisch, forschend, gestaltend, vermittelnd gewirkt. Sie zählen, außer bei einem verblendeten Teil unserer Heimatgcnossen, vor der wirtlichen deutschen Intelligenz und im ganzen Auslände als das, was sie sind, als Deutsche, und nicht ohne ein Lächeln der Genugtuung dürfen wir aussprechcn, daß auch unsere Feinde ihre Bildung, soweit die Rede davon sein kann, durch jene Pioniere vermehrt und von ihnen gelernt haben. Unseren Anteil am deutschen Geiste, unser Mitrecht und unsere Mitpflicht empfinden wir als so stark und eingeboren, daß wir gerade darum den Tank nicht vergessen, den wir umgekehrt der deutschen Kultur schuldig sind. Wir leugnen nicht, weil es gegen die historische Wahrheit wäre, daß unsere Urväter einst in ein fremdes Land gekommen sind, darin nicht unähnlich vielen „Urtentonen", die noch" heute slawische, wendische, welsche Namen tragen. Wir anerkennen freudig, daß viele unserer Ahnen, bevor sie selbst oder bevor ihre Söhne nach Deutschland kamen, den Entschluß, in das deutsche Sprachgebiet zu wandern, daran bekräftigten, daß von dorther in die spirituell tiefen, aber auch engen Berließe des Ghettos Stimmen einer größeren und freieren Welt gedrungen waren. Ehe unsere Alten den Stab über die Grenze setzten, war der Geist deutschen Wesens in seinen sublimsten Erscheinungen zu ihnen gekommen. Es war wie der Gruß aus einem Kanaan, und sie ruhten nicht, bis sie das Gelobte Land mit eigenen Augen zu sehen bekamen. Die Flamme deutschen Dichtens und Denkens flog ihnen voran. L es sing mit dem Banner der Toleranz, Schiller mit dem allerreinsten Gewissen eines Poeten, der die ganze Menschheit an sein Herz druckte, Goethe, der im „Faust" den Entwicktungstrieb eines höher gearteten und darum vorbildlichen Wesens darstellte, waren ihnen visionäre Gestalten, waren ihnen Weise, deren Worte Allgemeingültigkeit beanspruchen dursten, um zugleich den Drang nach Schönheit zu befriedigen, der sich in dem trüben Dasein des Ghettos unter der Schicht der Sorgen und der Verzweiflung sonnensehnsüchtig hervorwagen mußte. Samuel Meisels berichtet, daß Goethes „lieber allen Gipfeln ist Ruh'", ehe es sich im Original verständlich machen konnte, an die zwanzigmal ins Hebräische übersetzt worden ist, und als der große Deutsche vom Leben abschied, klagten die Mitglieder einer kleinen fernen Gemeinde: „Rabbi Goethe ist gestorben!" Gutzkow s „Uriet Aeosta" wurde das große tapfere Symbol des Verfolgten, und in Heinrich Heine erkannte man den deutschen Dichter, der jüdische Stoffe literaturfähig machte und, wenn er sie behandelte, einen Ernst, eine Inbrunst und ein Gefühl vererbter Anhänglichkeit an den Tag legte, das man einem solchen Spötter mit seiner vielbeschrienen und vielverkaunten „Gefühllosigkeit" nicht zugetraut hätte. Aber selbst wenn wir Heine abrechnen, weil er, wie es im antisemitischen ^chmucklerikon heißt, ein „Fremdkörper" gewesen ist, wenn wir uns nur an die anderen, die ich nannte, und an noch einige, sonst halten, spüren wir immer und sprechen es mit unverhohlener Freude aus. wie sie Meister des deutschen Judentums geworden sind, erst nur Genuß und geistiger Ansporn, Zucker und Peitsche für diejenigen, die sie im heimlichen Winkel lasen, und dann Muster und Jdeenspender für deren Sohne, die nicht nur lesen, die selber auch schreiben wollten. Jean Paul und Herder, die romantische Schule, so „urdeutsch" sie sich auch gebärdete, die genialischen Talente der „Sturm- und Drang-Periode", E. Th. A. Hoffmann und innner weiter fort bis zur Gegenwart der ganze in: engeren Sinne deutsche Parnaß Hai die jüdischen Schriftsteller bereichert, um daun Von ihnen bereichert zu werden. Und wenn man dem Juden Vorwirft, daß er sich besonders gern an sinnlichen Themen, ergötze,'