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Central-Verein-Zeitung · 1927-08-05 · 31-32 (5.8.1927) · p. Seite 435

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
31-32 (5.8.1927)
Date
1927-08-05
Page
Seite 435 (sequence 3)
Language
German
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435 3um 50* ©c6urfe -; \ jJ*. : " v r '».**■ t; L_. -._Ii; 21m 5 August 1927 feiern alle weltanschauungsmäßig zu unserem Centralverein sich bekennenden deutschen Juden --und das ist die erdrückende Mehrzahl aller deutschen Juden — den 50. Geburtstag von Ludwig Holländer. In unserer Zeit, die den Luxus des Altwerdens nicht kennen darf, in der Männer und Frauen des biblischen Alters mit jugendlicher Frische und Freudigkeit arbeiten müssen und arbeiten, kann man zweifeln, ob die Vollendung des fünften Lebensjahrzehnts schon einen Anlaß zu Feierlichkeiten gibt, und unser alter Freund Ludwig Holländer würde sicherlich schon aus diesen Erwägungen heraus sich jede Feierlichkeit verbitten. Wenn wir trotzdem den dringenden Wunsch fühlen, diesen Tag feierlich herauszuheben, so findet dies seine Rechtfertigung darin, daß wir in Phot. e. Nossen (Berlin), unserem eigenen Interesse Veranlassung haben, uns an diesem Tage rückschauend mit dem Leben von Ludwig Holländer zu beschäftigen. Die Hälfte dieses Lebens gehört der Arbeit für unseren Centralverein. Vor fünfundzwanzig Jahren bereits stellte sich Ludwig Holländer in München begeistert und begeisternd ehrenamtlich in unsere Reihen. Zu der großen Dankesschuld, die unser unvergeßlicher Rabbiner Dr. Coßmaun Werner in München uns deutschen Juden hinterlasien hat, gehört auch, daß er uns Ludwig Holländer geschenkt hat. Wir 2lelteren erinnern uns noch deutlich des Eindrucks, den der junge Holländer auf uns machte. Er war die Personifizierung des Centralvereins-Gedankens. Wir traten im Jahre 1908 an' ihn mit der Bitte heran, seine aussichtsvolle anwaltliche Tätigkeit in München aufzugeben und sich ganz in den Dienst unserer Sache zu stellen. Ludwig Holländer ist unserrn Rufe mit der Selbstverständlichkeit gefolgt, die alles Große auszeichnet. Wenn wir mit ihm auf die 19 Jahre zurückblicken, in denen er an vorderster Stelle für uns und mit uns gearbeitet und gekämpft hat, so muß er und müssen wir dankbar den Tag segnen, an dem er sein Schicksal mit dem unserer Vereinigung unlösbar verbunden hat, unlösbar, weil die Arbeit im Dienste unserer Idee für einen Mann wie Ludwig Holländer eine Lebensnotwendigkeit, eine moralische Aufgabe darstellt. Arbeit und Sorgen sind ihm in den ganzen Jahren reichlich geworden. Intra et extra muros hat er manchen Kampf bestehen müsien, der nicht immer in der vornehmen Weise, die ihm selbst eigen ist, geführt wurde. Wenn wir rhu auch heute noch mit derselben Begeisterung vor uns sehen, die den Jüngling auszeichnete, so verdankt er dieses im wesentlichen zwei Tatsachen: Er ist das Vorbild eines guten derrtschen Jrrden. Jederzeit fühlte er in sich die Kraft, die aus seinem Deutschtum und seinem Judentum in unlösbarer Verbindung ihm erwächst. Er ist ein Repräsentant der deutschen Juden, die es als göttliche Fügung empfinden, auf deutschein Boden und in tätiger Liebe zur deutschen Heimat ihrem Judentum zu leben, die in der Parole „Um Deutschtum und Judentum" nicht ein politisches Schlagwort, sondern eine innere Notwendigkeit Ludwig Holländer. Radierung von Erich Wolfsfeld. erblicken, die in Ablehnung jedes gedankenlosen Assimilantentums wissen, daß sie auch ihrem deutschen Vatertande am besten dienen, wenn sie ihrer Jahrtausende alten jüdischen Geschichte und der viele Jahrhunderte alten Geschichte der deutschen Juden auf deutschem Boden treu bleiben. Ludwig Holländer, ein Schüler des wissenschaftlich streng gen Professors Lujo Brentano, gehört zu den wenigen Politikern, die ihr Leben lang Wissenschaftler geblieben sind. Er ist niemals der Routine verfallen, die so vielen Politikern eigen ist. Seine 2lrbeit ist ein tägliches, voraussetzungsloses Ringen um das Erkennen und um die Bewältigung der großen Lebensprobleme. Er gehört zu den seltenen Menschen, die auch im politischen Kampfe dem Gegner gerecht zu werden sich bemühen. Er hat niemals in dem Gegner von vornherein einen böswilligen oder dummen Menschen gesehen. Soweit man insbesondere von Gegnern auch innerhalb des Judeutums sprechen darf, hat er in dem deutschen Juden, der andere Wege ging, immer den Menschen gesehen, der auch mit sich ringt, um den großen Problemen gerecht zu werden. 'Wenn wir den Festtag, den ein solcher Mann mit dem ihm eigenen Ernst begeht, in seinem Sinne feiern wollen, so müssen die sonst üblichen Wege versagen. Wir weihen deshalb unserem Freunde Holländer diese Sondern um merunsererZeitung, die Wissenschaftlich-voraussetzungsloser Erkenntnis gewidmet ist. Wir weihen ihm diese Nummer mit dem Wunsche, daß uns Ludwig Holländer noch viele, viele Jahre in seiner Begeisterung, in seiner Frische, in seiner Bewältigung der Probleme erhalten bleiben möge. Unser Glückwunsch ist der Nus an alle deutschen Juden, im Sinne von Ludwig Holländer weiter zu arbeiten zuiü Segen des deutschen Judentums. Dr. Julius Brodniiz. Der Dichter spricht... Die F age nach den Einflüssen des Judentums auf die deutsche Kultur verlangt ein weltgeschichtliches Werk als Antwort, nicht einen kurzen Zeitschriftenaufsatz. Vom Alten Testament und den. Jüdischen Grundlagen des Neuen Testamentes an bis zu Spinoza, von den Geheimnissen des Talmud bis zur Mystik der Chassidim im neunzehnten Jahrhundert; neben schöpferischen Männern, wie Heine, die erkennenden Naturen: Rahel Levin für Goethe, Kleist; Engländer, Kuh für Hebbel; Hitzig für Hoffmann, Chamisso und andere Romantiker; die fördernden Naturen, die so oft früher undnachdrücklicher als die eigentlichen Stammesgenossen für deutsches Genie eintraien - dieser Einfluss, der naturgemäss später eine Wechselwirkung wird, ist mit Händen zu greifen. Mir ist eine andere Seite des Vorganges persönlich noch lebendiger geworden: die einfache, mittelalterliche Tatsache des Eingesprengiseins vieler jüdischer Gemeinden in das deutsche Volksganze, die mit ihrer engen Abschliessung in sich und ihre Vergangenheit ein uraltes Geheimnis in unser Leben brachten. Trotz aller traurigen Feindschaft, aller grausamen Kämpfe, liegt hier vielleicht der Grund für ein Wesentliches in unserem Welianschauen. Das metaphysische Leid, das überweltliche Verlangen, das Ueberwinden der Wirklichkeit - ist es nicht aus diesem geheimnisvollen, marterreidien Dasein der Juden in unsere Seele gekommen? Als ich mein Trauerspiel „Der Jude von Konstanz" schrieb, war mir dies erschütterndes Erlebnis. Ich glaube nidit, hier in kurzer Prosa meine Antwort auf Ihre Frage so, gut geben zu können, als idh sie vielleicht in jener Tragödie ausgesprochen habe. Wilhelm v. Scholz.

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