Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 31-32 (5.8.1927)
- Date
- 1927-08-05
- Page
- Seite 434 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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434 gebotenen Umfang und die Gesetzlichkeit einer Zeitschristmimmet von vornherein beschränken mutzten, war die Aussonderung. dieser, die Einengung jener Gebiete unerläßlich. Des Philosophen Weisheit rühmt es als höchstes Glück, „in der eigenen Sache die allgemeine zu vertreten^. Herzliche Befriedigung würde es bedeuten, wenn auch diese Nummer, die die „Mitarbeit der deutschen Juden an der deutschen Kultur" tlarlegt, mit diesen Feststellungen dem Ansehen der deutschen Kultur schlechthin diente, die ihre reichsten Blüten nur aus einem, sich nicht in blindwütigem Haß und unerbittlicher Verfolgung zerfleischenden Volkskörper ziehen kann. Dr. Alfred Wiener. Den Mfesssr Sr. Mms EsWrin OamslM. „Ter Irrtum wiederholt sich immerfort in der Tat: deshalb muß man das Wahre unvernuidlich in Worten wiederholen/ - . Goethe. Auf die Frage nach dem Sinn des C. B. gibt es nicht eine, sondern mehrere Antworten. Ter E. D. ist zuvörderst der deutschen Juden Notgemeinschaft zur Wahrung und Verteidigung ihrer staatsbürgerlichen Rechte. Als im vorigen Jahrhundert das Wort „Antisemitismus" in Gebrauch kam, wandelte sich der Judenhaß von einem Affekt zu einer Geschichts^hitosophie. Ter Affekt ist etwas Persönliches-Znfälliges und Wandelbares, ist der Erregung des Augenblicks verhaftet. Er flammt ebenso plötzlich und schnell empor, wie er wieder erlischt. Ter Antisemitismus ist intellektualisierter Judenhaß. Was er an persönlicher Leidenschaft verloren haben mag. hat er an Erptosivstoff gewonnen. Ueber den Haß, der sich zu Prinzipien verfestigt, hat Taine die Worte geschrieben: „Ter Halbgebildete, selbst der Mensch, der sich gebildet dünkt und die Zeitungen liest, kann mit Prinzipien wenig anfangen: sie gehen über sein Verständnis hinaus; vergebens sagt er seine Dogmen her, er kann ihre Tragweite nicht ermessen, er denkt nicht an ihre Grenzen, er verfälscht rhre Anwendungsmögtichkeiten. Tie Prinzipien sind .Laboratoriumsprodukte, die in der Hand des Chemikers keinen Schaden an-' richten, die aber zu furchtbaren Erptosionen führen, wenn sie auf der Straße unter die Füße der Passanten geraten." Das ist die Geschichte des Antisemitismus als eines Systems geschichtsphilosophischer Prinzipien. Damit erst werden die Spannungen und Konflikte zwischen Juden imb Nichtjuden dem guten Willen der einzelnen entzogen. Tie Judenfrage ist jetzt nicht mehr eine Frage der Ethik, sie wird eine solche der Weltanschauung. Alle Vorwürfe und Anklagen, die man gegen die Juden erhebt, bekommen die Gewalt des Typischen und Unpersönlichen; sie erhalten Relief, sie werden einen: bestimmten Ort im System der letzten Ueberzeugungen zugewiesen, sie entwinden sich dem vergänglichen Tage. Nicht mehr aus dem Handeln, aus dem Sein werden jetzt alle behaupteten Fehler der Juden abgeleitet. Tie Rassentheorie ist nur der Ausdruck für diese Strukturveränderung des Judenhasses. Man braucht sich nicht mehr zu schämen, wenn man sich seinen ungezügelten .Affekten hingibt — die Weltanschauung beruhigt das Gewissen. Man braucht nicht mehr kritisch zu denken — das Allgemein- ' urteil über die Juden ruht sicher in einem fertigen System, dem dis Aufgabe zufällt, das Absurde plausibel zu machen. Nicht nur das Absurde der Gegenwart, auch das der Vergangenheit. Was jemals Judenfeinde aus nicht weiter kontrollierbaren Ursachen an Phantastischen Haßurteilen gesprochen und geschrieben haben, das wird der Vergessenheit entrissen und im „Lichte der Raffenforschung" neu ausgedeutet. Die Handbücher der Judenfrage verewigen die Tradition der Jrrtümer. Diese ganze Literatur bedeutet eine mittelbare Gefahr für die staatsbürgerlichen Rechte der deutschen Juden gemäß dem Worte Pascals 1'opinion dispose de tout. In demokratisch organisierten Gesellschaften werden stetig wiederholte Anklagen gegen eine Gruppe schließlich zu legislativen Maßnahmen gegen diese Gruppe führen, wenn es ihr nicht gelingt, wenigstens bei den Wohldenkenden diese Anklagen zu entkräften. ~ Hier erwächst nun dem E. B. eine literarische Aufgabe, die vom Tagesartikel aufsteigt bis zur streng wissenschaftlichen Arbeit. Auf breiter Front gilt es, in beweglicher Verteidigung den wechselvollen Angriffen des organisierten Antisemitismus zu begegnen: Es gilt, dem Fanatismus tätiger Unwissenheit entgegenzutreten, die Verdrehung politischer Tatbestände zu enthüllen, Anschuldigungen zu prüfen und richtigzustellen, es gilt aber auch systematisch und prinzipiell die Voraussetzungen zu erkennen, von denen die antisemitische Geschichtsphitosophie ausgeht und das eingewurzelte Unkraut historischer Jrrtümer auszujäten. Unsere katholischen Volksgenoyen haben mit großen Opfern für ihren Glauben vorbildliche Arbeit geschaffen. Für die kleinere jüdische Minorität ist diese Aufgabe ungleich schwieriger — es fehlen vielfach die Männer, es fehlen mehr noch die Mittel. Und doch liegt hier die Entscheidung im Kampf für unsere staatsbürgerlichen Rechte. 'Wir müssen Werke schaffen, in denen die Wahrheit über das Judentum und über dessen inneren Zusammenhang mit der deutschen Kultur klar und unangreifbar sich offenbart, und es müssen die Werke unseren nichtjüdischen Volksgenossen nahegebracht werden. Was der E. V. für diese Aufgaben an wertvoller bcittfcfjer Kulturarbeit geleistet hat, wird einer späteren Zeit erst zugute kommen. Für die gegenwärtige Arbeit gilt der Spruch, der sich als Inschrift an einer Forstschule findet: „Wir ernten, was wir nicht gesät haben, und wir säen, was wir nicht ernten werden." Aber die Literatur des Antisemitismus beeinflußt auch die Juden selbst. Sie erschüttert die Sicherheit ihrer Lebenswerte; sie lockert die seelische Einheit von Deutschtum und Judentum: sie schafft gefährliche Minderwertigkeitskomplere; sie vergiftet ihren Glauben an sich selbst, an den Sinn und das Recht ihres deutsch-jüdischen Wesenstypus. Hier steht der E. V. für eine Lebensanschauung, die auch gegen innerjüdische Strömungen den Glauben verteidigt, daß nicht die Abstammung, sondern der Geist dem Menschen sein Vaterland und fein volkhaftes Schicksal zuweist, daß über unsere Kultureristenz nicht das Woher unserer Vergangenheit, sondern das Wohin unseres Zukunftswillens entscheide. Die Emanzipation hat sich am Judentmn, nicht durch das Judentum vollzogen. Man bekommt aber in der Geschichte nichts geschenkt. Wir haben die Emanzipation zu erwerben, nachdem wir sie geerbt haben. Nur ein schlaffes Geschlecht sehnt sich danach, beati possidentes zu sein. Wer den Konflikten ausweicht, in die Gott uns hineingestellt hat, der mag aus die -Männer und Frauen des E- V. als Assirnilanten und Zwischenschichtter herabsehen; die Titulaturen treffen uns nicht, denn nicht wir sind es, die sich an den Idee;: des Zeitgeistes überrauscht haben. Darin liegt der Sinn des E. V. beschlossen, daß er die Schicksalseinhcit von Deutschtum und Judentmn besaht. Und ob auch, wie allen: Menschenwerk, dem E. V. Unzulänglichkeiten anhaften, seine Idee erfüllt immer von neuem die Herzen von Hunderttausenden deutscher Inden. Gewiß, es ist schwer, in dieser Luft anonymen Mißtrauens zu atmen und zu leben, aber solange noch edle Führerpersönlichkeiten helfend und weisend der Sache dienen, so lange schreiten wir unwankenden Schrittes der umkänrpften Zukunft entgegen, wo unsere Enkel und Urenkel dem deutschen Vaterlande dienen können, ohne daß ihre tätige Liebe noch einer Notgemeinschaft der Abwehr bedarf. Diese Sondernummer -er „C. v.-Zeitung" Unsere Mitarbeit an -er -eutschen Kultur* erscheint als Doppelnummer. Die nächste Nummer sNr. 35) erscheint erst am 19. stugust.