Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 30 (29.7.1927)
- Date
- 1927-07-29
- Page
- Seite 427 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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IfjLi Me einMualmvrdmärchen gemacht mir-. Eine Erinnerung als Warnung, ^r» Lion Wolsf. Tic lebendige Darstellung unseres alten treuen Freundes Lion Wolfs verdient noch heute das Interesse unserer Leser. Tenn auch jetzt geht kaum noch eine völkische Zeitung ins Land, in der nicht, nach Muster des Konitzer Falles, der Versuch gemacht würde, irgendeine Mordtat zum Ritualmord umzulügen. Ter „Hammer" des Herrn Fritsch, die Korrespondenz der „Völkischen Beschwerdestelle", vor allem der „Illustrierte Beobachter" des Herrn Hitler, bleiben hinter dem traurigen Können der „Ltaatsbürger-Zeitung" in nichts zurück. Tie Lchriftlcitung. Tieftraurige Bilder der Vergangenheit stiegen in meiner Erinnerung aus, als ich in der „C.-V.-Zeitung" Nr. 17 den Artikel: „Unser Kampf gegen die Ritualmordlüge" gelesen. 27 Jahre sind vergangen; aus einen: rüstigen Manne bin ich eiu "leidender Greis von 82 Jahren geworden, aber die traurigen Borkige in Könitz sind unverwischbar meinem Gedächtnis eingeprägt. Anfang April, kurz vor dem Pessachfesr, erhielt^ich eine Berufung von dem Vorstand der ^ynagogengcmeinde ^chlochau, um vertretungsweise das Amt des Predigers und Kantors .zu versehen. Ter Mord in Könitz, der am 14. Mürz 1900 entdeckt wurde, war in ganz Deutschland bekannt geworden. Tie antisemitischen Blätter erlebten eine Hausse, wie sie es nie erträumt: der Verleger der „Staatsbürger-Zeitung", Br u h n , stark unterstützt t>cn der antisemitischen Partei, durste jubeln und die vier bis fünf Reporter in Könitz, die sofort dorthin dirigiert worden waren, feierten bei Bier und Mein wahre Orgien. Ta ich seit Jahren als Korrespondent mehrerer jüdischer Wochenschriften tätig war, konnte ich über die Vorgänge in Könitz an Ort und Stelle berichten und ihre hanebüchenen, vor allem unlogischen Lügen allsklären. Daß meine Tätigkeit, die mich täglich an den Ort des Dramas führte, nicht ohne Aufregung, oft mit Lebensgefahr, verbunden war, sei nur nebenbei bemerkt. Tiefe Zeitung und ihre Vorgängerin „Im deutschen Reich" sowie die Akten des C e n t r a l v e r e i n s bilden Register über alle Machinationen unserer Feinde der verflossenen 25 Jahre und geben dein Historiker ein umfangreiches Material. Mehr aber als die Stimmen der Presie und Akten bedeuten aber die Erlebnisse, die ich aus nächster Nähe beobachtet habe. Ich war damals schon kein Renling in der Bekämpfung der Antisemiten, noch bevor diese Bezeichnung erfunden wurde. Das besagt aber alles Gewesene gegen das Trama, das ich in Könitz miterlebt habet Ich habe eine künstlich erzeugte Bolksleidenschaft beobachtet; einen Sturm des Hasses und der Rache, der nicht Tage und Wochen, sondern mehr als ein Jahr dauerte, der unschuldige Menschen ins Gefängnis, böswillig Verführte ins Zuchthaus brachte. Ein junger Mensch von 19 Jahren, Obertertianer, wurde auf eine bestialische Weise ermordet, in Leichenteile zerstückelt an verschiedenen Stellen später anfgefnnden, der Kopf in ein Taschentuch gewickelt, das einer christlichen Frau, wie sich später herausstellte, gehörte. Kein Mensch dachte an einen sogenannten Blutmord, womit eigentlich Ritualmord angedeutet werden sollte. Oie Entdeckung der „Staatsbürger-Zeitung". Ter „Blutmord" wurde erst in Berlin, in der Redaktion der „Staatsbürger-Zeitung" entdeckt und ''and von da aus unter der Bevölkerung Westprenßens und Pommerns seine beabsichtigte Verbreitung. Temals. im März 1900, mar das Jntcrepe der Zeitungsleser von den großen Begebenheiten: öoreraufstand in China, Lurenkricg und Affäre Treyfus vollauf in Änstruch genommen, und einzelne Mordtaten wurden ohne großes Aussehen aufgeklärt oder auch nicht. In demselben Monat wurde m einem Torfe des badischen Landes, wo auch Juden wohnten, ein K:nd vermißt und später als Leiche aufgesunden. Ta von keinem dernünstigeu Brenschen an einen Blutmord gedacht wurde, konnten b:e Behörden alle Spuren verfolgen und »vurden nicht durch ein Actenuntersuchuirgskomitee, wie hier in Könitz, verwirrt und irregeführt. Ich wage zu behaupten, daß auch der Konitzer Mord diese -iusklarlmg gefunden hätte, wenn nicht die g e n a n n t e Z e i - u n g u n d ihre ' Hetfershelfer durch die vorangegangenen Verhöre und Belehrungen der Zeugen. durch zahllose Anzeigen bei der Polizei diese e l b e w u h t auf falsche Fährte geleitet hätte, die Berichterstatter und Rechercheure, arbeiteten nach einem de- Mmmten Schema: Ter junge Mensch wurde ein Opfer des Blutllocrglaubens der Juden; der Mord ein Ritualmord, der Monate vorher schon von den Mitgliedern der jüdischen Gemeinde sorgfältig vorbereitet wurde.?re „Staatsbürger-Zeitung" lag damals in der Agonie; nur ein Alwalmord^oder doch ein Aufsehen erregendes Verbrechen ä 1a Trevtu*jn Deutschland, konnte Hilfe, d. h. Abonnenten bringen. Zunächst wußten Gelder hcrangeschasft werden, und so fanden sich wohl ein- Mm Fanatiker, die im guten Glauben Opfer brachten, oder solche «tuunniten, die mit Freuden diese Gelegenheit benutzten, um den ^rhaßten Juden einen vernichtenden Schlag zu versetzen. Tann wur- 2kn vwr bis süns Reporter gedungen, die in Könitz jedes Dienstmädchen, ^londers solche, die bei Juden in Stellung waren oder gewesen waren, jeden Schüler, gelegentlich auch einen rvandcrnden Handwerksburschen. im Notfälle auch Kinder auf der Straße, verhörten. Tenn diese Burschen mußten täglich zweimal Bericht cr|tatten. Tie so gefundenen Zeugen wurden daun zur Polizei geschleppt. T:ese sowie die Untersuchungsbehörden taten ihre Pfstcht, verhörten und vereidigten sie, und so mußte ein Arbeiter Bla ß l o f f und seine Schwiegermutter, die beide durch wunderbare Märchen die Reporter erfreuten, mit Zuchthaus büßen. Tie Mannen Bruhns kamen etwa 8 bis 10 Tage nach der Entdeckung nach Könitz und da die Polizei bis dahin noch nichts gesunden, nahmen sie die Untersuchung in die Hand. Ich muß der „Staatsbürger-Zeitung" das Zeugnis geben, tmöjle streng methodisch vorgegangen ist und keinen Punkt außer acht gelassen hat. Daß sie keine anderen Beweist und Zeugen gefunden, wie ich sie angegeben, ist nicht ihre Schuld. Wirklich ehrenhafte, vertrauenswürdige Männer waren für ihre Zwecke nicht zu haben, konnten nicht gefunden werden, denn nur die Tat selbst und die Motive dazu wurden entdeckt, und nicht der Schatten eines Verdachts ans irgendeinen Juden ergab die höchst eingehende Untersuchung. Mit allen Mitteln versuchte man, aus dem Mord einen Ritualmord zu machen. Zuerst ging, wie mitgeteilt, _ der Klingelbeutel herum, um den Truck der zweimal erscheinenden „Staatsbürger-Zeitung", die in den Nachbarorten urdi et orbi gratis verteilt wurde, und um die Reporter, die eine lustige, bierreiche Zeit in Könitz verlebten, zu bezahlen. Tann wurde aufs neue geschnorrt, da die 400 Mark, die d:e Antisemiten und die „I u n g f r au e n" von Könitz für ein Grabdenkmal des Ermordeten spendeten, nicht hingereicht, hatten. Tie Gesamtsumme aller dieser Aufrufe und Spenden habe ich nie in der betreffenden Zeitung gelesen. Bei dieser Gelegenheit wollen, wir nicht unerwähnt .lassen, wie diese Zeitung für. eine öffentliche Beerdigung des Ermordeten agitiert hat. Lie durfte annehmen, daß dieses Ergebnis sicher zu einer Revolte gegen die Juden führen würde. >oie hatte sich getäuscht. Tie Juden blieben selbstredend in ihren Häustrn, und wenn auch die Zeitungen behauptet haben, es hätten Jüdinnen ans den Fenstern gekichert und sich lustig gemacht, so konnten sie doch weder ein Haus noch einen Namen nennen. Oie Wirkung in der Provinz. Mehr Glück hatten die Aufwiegler in der Provinz. Man muß die Art und Weise der „Staatsbürger-Zeitung" verfolgen, in der das Volk aufgewühlt wurde: „Tie Unruhen in Könitz wachsen von Tag zu Tag. Das Volk schreit nach Rache! Ter Zorn der christlichen Bürger ist bis zur Siedehitze gestiegenl Tie Erregung spottet jeder Beschreibung!" Und wenn auch «nfangs durchaus keine Unruhe bemerkt wurde, so wirkten die Racheschreie aus der Berliner Redaktion von Nummer zu Nummer. Tie Zeitung schrieb weiter: „In der Provinz beginnt das Volk sich zu erheben; es übt seinen Zorn an den Geschäftslokalen und Fenstern." Und der Janhagel gehorchte pünktlich, wie es die Zeitung deutete. Mehrere Revolten in Schlochan, Hammerstein. Baldenburg. Bütow usw. Ueberall dieselben Rufe: „Hepp hepp!" und eine neue Stimmbandübung: „Puh!" Wie dieses einsilbige Wort auf. uns gewirkt hat, vermag ich kaum zu schildern. In Schlochau befand sich damals, und wohl noch heute, eine Taubstummenanstalt. Auch oiese Unglücklichen kannten und übten diesen Ruf, und wo ich die Eleven traf, bekam ich pünktlich diesen freundlichen Gruß. Kein Jude konnte die Straße passieren, ohne daß vor ihm ausgespuckt wurde. Als ich einst in der Bahnhofstraße einige junge Tomen bemerkte, die Ferien - Muße - Büdier f Mao liest in den Ferien Fricdlaender, Das Leben GabrielRicssers Rosenzweig, Zweistromland. Kleine Sdiriften zur Religion und Philosophie Müller, Buch für unsere Müller. Leinen Bloch, Das*jüdische Amerika.. Zweig» Caliban. Müller- Claudias, Rassenangst. Eitogen, Gestalten und Momente.... Entwicklung sstujen de rjüdischenReligion. Vorträge des Institut um Judaicum Knrtzig, Ostdeutsdies Judentum. Slem, Juden in Nordhausen.. Hesse, Steppcnwolf... Flake, Sommerroman.. Toller, Justizcrlebnisse. r,6o ö,5o 7.50 8,- 10,— 3.50 6,- 4.50 3.50 3> — 7, 6.50 4> — -M M. M. AL M. AL AL M. \L AL AL AL M. M. Zu beziehen durch Philo Verlag u. Buchhandlung G.m.b.H. Berlin SW6S, Lindcnstrassc 1Z. ä