Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 30 (29.7.1927)
- Date
- 1927-07-29
- Page
- Seite 426 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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©feg des MWen prmzys in WifrzSmg. ©runöleocnbe 33cticiijlunccn über die Entwicklung der deutschen Studentenschaft sind cclcaciulid) der früheren Studentcntage von uns veröffentlicht worden. ä9ir bringen dcehnlb über den Wurzburger Etudentcntag nur diesen Tatscichcnbcricht, um unseren Leiern dm Zusammenhänge ins Gedächtnis zu rufen, die den Würzburger Be,chlUZ herbeigeführt haben. Die ^»chrrftbertung. Das Ergebnis des 10. deutschen 3 t u b c n t c n t a g e s in 29 ü v z b u r g entsprach der völkischen Ouvertüre bei der Enthüllung des Gefallenendenkmals, über die in Verletzten Nummer der „E. B.-Zeitung" berichtet wurde. Ter nnt Spannung uns allen Seiten erwartete Beschluß des deutschen <5tndeutcntages ilöer die Lerfassirngsfrage ist gesaßr worden: Tie deutsche Studentenschaft hält am völkischen Prinzip unentwegt fest. Tie Geister von 1922, die der noch heute geltenden völkischen Würzburger Verfassung stenz der deutschen Studentenschaft. oder ihre Zerschlagung und Wiederaufrichtung auf freiheitlicher nationalkul - 1 nreller Grundlage. Tie Lage hatte sich seit dem Bonner Studententag 1926 in erheblichem Mage gewandelt: Am 1. Januar wurde Heidelberg aus dem völkischen Verbände „Deutsche Studentenschaft" ausgeschlossen, da die Mehrheit der dortigen Studentenschaft sich gegen das völkische Prinzip ausgesprochen hatte (dieses Ergebnis ist kürzlich durch ein Referendum bestätigt worden). Ter H o ch s chch l r i n g deutscher Art, einst die Hochburg aller völkischen Studentenverband/ und -Vereinigungen, erlitt starke Einbuße durch den Austritt seiner Gruppen in Freiburg, Heidelberg, Bonn. Göttingen. und selbst der große Verband der deutschen Burschenschaft empfahl auf feiner Pfingsttagung seinen Mitgliedern, die Arbeit im Hvchschnlring niederzulegen, da der Hochschulriug sich richtungspolitisch festgelegt habe. Kam noch hinzu, daß den prenßi scheu Studentenschaften durch das Kultusministerium anfgeaeben war, bis zum I. Oktober die Verfassungen der Einzclstudentenschasteu im nationalkulturellen cinne zu ändern, so ergab sich für den Vorstand der deutschen Studentenschaft eine Situation, die man möglichst durch Vertagung bis zur letzten Stunde der Verhandlungen vor einem ermüdeten Plenum im ^inne der völkischen Gruppe klären wollte. Durch eine von der Minderheit eingebrachte Interpellation, in der klar und eindeutig der Studentenschaft die Fragen vorgelegt wurden, zu deren Beantwortung man im völkischen Lager bisher nicht den Mut gefunden hatte, wurde endlich die Debatte ins Lethen gerufen und die Entscheidung herbeigeführt. Von seiten der Minderheit wurde der Studentenschaft der Mangel an Mut zur Konsequenz vorgeworfen. Sie stehe auf rasievölkischem Standpunkt und muffe folgerichtig erklären, sie halte daran fest und verzichte auf die staatliche Anerkennung.. Tann würden in Deutschland genau wie in Oesterreich völkische Gruppen entstehen, und die nichtvölkischen Studenten brauchten wenigstens kein Geld mehr für die völkischen zu zahlen. Wenn man auf völkischem Boden stehe, müsie das Prinzip nicht nur in Oesterreich, sondern auch in Deutschland durchgeführt werden. Es sei ein Irrsinn, daß ein reich-deutscher Jude, der in Deutschland zwangsweise Mitglied der deutschen Studentenschaft sei, in Oesterreich abgelehnt werde und umgekehrt. y Zum ersten Vorsitzenden wählte man einen Münchener National- /sozialisten, zugleich Angehörigen des völkischen Waffenrings. So steht also der neue Vorstand im Zeichen des Kampfes für den völkischen Gedanken in der deutschen Studentenschaft, gegen die Staatsautorität. W. S. Matzdorss. kompetente 9eurtei!un§. Ter „Völkische Herold" der Teutschvölkischen Freiheitsbewegung widmet die Letzte Seite seiner Nummer 27 dem Gau Baden mit einem Artikel des badischen Gauleiters, der beginnt: „Nachdem es einigen genialen Politikern nach langem Bcmüben gelungen ist, die „Völkische Wacht" zugrunde zu richten, eine Tat. die in den Gcbirncn engstirniger Bartcnanatitcc sicherlich als großer Erfolg gebucht wird, reicht uns unser Gesiunungssreund Herr Karl Rohm in 9orch, Mitglied der Reichsteitung. die Hand und stellt uns seinen .Völkischen Herold' von nun ab für Bekanntmachungen der badischen Gauleitung und für badi'chc Politik zur Verfügung. . . .' Am gleichen Tage unterrichtete der gleichfalls völkische „Südwestdeutsche Beobachter" in einer Bekanntmachung „an die Leser der .Völkischen Wacht'" diese davon, daß sie vom 1. August ab mit dem „Südwestdeutschen Beobachter" vereint worden sei. „Keine andere Zeitung und kein anderer Verlag als der „Südwcstdeutsche Beobachter" können Verlags- oder Urheberrechte an der .Völkischen Wacht' geltend wachen. ' Es ist erfreulich, daß die Einigung in den parteipolitischen Organisationen auch die Vereinigung der bisher in Württemberg bestandenen nationalsozialistischen Wochenzeitungen gebracht bat. Das stärkt auch die geistige (!) Kampffront der Bewegung in Württemberg." Es wird nach unserem Dafürhalten die große Oesfentlichkeit nicht sehr erregen, ob die „Völkische Wacht" mit dem „Völkischen Herold" oder mit dem „Südwestdentschen Beobachter" vereint wird. Den Schmerz der „Völkischen Wacht", gerade in jene Gruppe aufzngehen, die ohne Frage mit dem sachverständigen Urteil engstirniger Parteifanatiker gekcnnzeichuet ist, können wir aber begreifen. Im übrigen glauben wir, daß sogar sehr fein empfindende Stillsten einen geistigen Niveauunterschied beim „südwestdentschen Be. obachter" zwischen der Zeit vor der Fusion und nach der Fusion mit der „Völkischen Wacht" nicht werden bemerken können. Auch Engstirnigkeit ist relativ. Ridern*. Rrähwmkelei ist gut! Eine Zuschrift. In Nr. 27 der „E. B. - Zeitung" hat Rabbiner Tr. Mar Wiener einen Leitaussatz Jl r ä h w i n k e l e i" veröffentlicht, der sicherlich als heilsame Kapuzinerpredigt angesehen werden muß. Ter Verfasser sieht scharf und schreibt klar. Sein offenes Wort darf in einem Punkte aber nicht unwidersprochen bleiben, in dem, wo er uns deutschen Juden das Rezept zur Schaffung eines öffentlichen Lebens schreibt: „Die Entgiftung unseres öffentlichen Daseins werden wir haben, wenn wir uns wirklich ein öffentliches Leben schassen. Familie. Freundschaft, der traute Kreis unserer Rücksichten und — Rücksichtslosigkeiten in Ehren, aber keine Intimitäten, wo sie nicht Hingebören, keine intimen Freundschaften und Feindschaften, kein Stehen ans lu und Du, sondern Distanz zwischen den Menschen, damu zwischen groß und breit und schwer die Dinge Platz haben, die Gedanken und würdigen Gemein schaftsziele, die uns allein aus der — Mnchpackaliastigkeit erlösen können." Tie e ch te Oesfentlichkeit. sagt Max Wiener vorher, vollzieht immer und allüberall eine Auslese der wirklich Brauchbaren, denn hier hat ans die Dauer nur der Tüchtige Glück. Also: heraus ans der Intimität! Distanz! Tann habt ihr die echte Führerpersönlichkeiten schaffende Oesfentlichkeit. Distanz ist der Todfeind echten öffentlichen Lebens. Es ist leichter Distanz zu halten, als sich um seine Nebcnmenschen zu kümmern. Sie werden ein offenes Wort, das Sie. sehr geehrter Herr Tr. Wiener, sicherlich nicht treffen kann, nicht übelnehmen: wir wären heute im i n u e r j ü d i sch e n Leben ein ganzes Stück w e i t e r , wenn nicht ein Teil Ihrer Kollegen geglaubt hätte, aus der Distanz am b e st e u ihres s ch um e r i c] c n A m t e s walten z u k ö n n e n. Mehr Intimität im ^inne der freundschaftlichen Anteilnahme an den kleinen und großen Sorgen der Gemeindemitglieder hätte oft nichts geschadet! Mit der Distanz eines hervorragend Begabten ist nichts getan: sie verhindert Stellungnahme zu kleinen Dingen des Nebenmenschen, die diesem die Welt bedeuten können; sie läßt . den zu Führenden, um volkstümlich zu sprechen, nicht war m werden, gibt ihm nicht das Vertrauen zu dem M e n f ch e n im Führer: läßt also eine wahre Autorität nicht anstonnnen. Es ist nun einmal so im demokratischen öffentlichen Leben: wer führen will, m u ß Vertrauen haben. Das haben Sie in Ihrem ausgezeichneten Aufsatz übersehen, daß nicht die Intimität, die Mischpackahaftigkeit. sondern das mangelnde Vertraue n z u den F ü h r e r u schuld an der Zerrissenheit des öffentlichen jüdischen Lebens ist. Wenn einer sagt: ich bin der geborene Führer, weil ich Distanz zu halten verstehe, wird er von denen ausgelacht werden, die ob der Distanz gar nicht an den Führer herankommen können. Führer kann man nicht sein; Führer kann man nur werden. Und trotzdem kann man dabei Distanz halten, wenn die Geführten im Führer ein ^tück des eigenen I ch s sehen. Und so ist cs im großen wie im kleinen. Wenn sich Herr £. 'Z. in Kobyla-Gura um seine Gemeinde kümmert, wird die Jugend kein Hindernis sein. Konflikte wird cs geben, wenn ein Jugendlicher.' der sich Führer suhlt, empört darüber ist, daß von seinen Fähigkeiten noch nicht alle überzeugt sind, obwohl Taten fehlen. Wir haben im deutschen Judentum zuviel Distanz. Sie ist viel größere Gegnerin des „Freie Bahn dem Tüchtigen!" als die Mischpackahaftigkeit. Von der Distanz ist in kleinen Verhältnissen bis zum — Kastengeist nur ein kleiner schritt. Und Kastengeist ist der Totengräber vertrauensvoller Zusammenarbeit. Wie schaffen wir ein össentliches Leben im Judentum? Es gibt nur ein Rezept: Aus allen Schichten Aufwärtsstrebenden freie Bahn, die Führer werden k ö n neu. weil sie durch das Vertrauen der Gemeinschaft Führer werden sollen. Keiner aus Kobyla-Gura. :i I