Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 30 (29.7.1927)
- Date
- 1927-07-29
- Page
- Seite 425 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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425 WöMöWA ülli Berliner Einvrülke — Die Türkei frei von Antisemitismus — Das geschäftliche Leben in Äorrstantinopel — Der Verzicht auf die Minoritätsrechte — Universität und Schule — Die Tprachenfrage. Ter Oberrabbiner von Konstantinopel, Marcus, der sich gegenwärtig in Berlin aushält, hatte die Freundlichkeit, unsere Jn-Mitarbeiterin zu empfangen und ihr über die Lage der Inden, in der Türkei sowie die Eindrücke, die er in Deutschland erhalten hat, einige Mitteilungen zu , machen. SdMLööjner Markus führte aus: „Nach Berlin kam ich, um meine vielen Bekanntschaften aufzuftischen und um neue geistige Anregungen zu erhalten. Leider werde ich dringend nach Konstantinopel zurückgerufen, so daß ich hier nur mit wenigen Persönlichkeiten Zusammenkommen konnte. Mit Freuden darf ich aber feststellen, daß in Berlin wie auch foiift überall eine Vertiefung des jüdischen Lebens spürbar ist. Es. ist gut, daß die Juden zu den alten Quellen zurüctkehren und so Kräfte samrnetn für den schweren Kampf, den sie überall in Europa gegen Gehässigkeit und Vorurteile zu führen hoben. Unsere Türkei ist nach wie vor a u t i s e m i t e n r e i n. ist eines der wenigen Länder, in denen die Pflanze Judenhaß Mncii BodeU-findet. Bei uns gibt es weder Ausschreitungen gegen Men noch Studentenkrawalle. Die jüdischen Studenten an der S'mnbuler Universität unterhalten die besten Beziehungen zu ihren mu'elmanischen Kameraden. Tie jüdischen Prosesjor-n an der dorugen alma mater sind allgemein geachtet und geehrt. Muselmanische Kinder in nicht geringer Zahl besuchen jüdische Volksschulen. von denen es allein in Konstantinopel etwa 76 gibt, und die einzige jüdische Oberrealschule des Ordens Bne Brüh. Nie trübt d i e Verschiedenheit der Abstammung und der Religion das kameradschaftliche Verhältnis zwischen den Zöglingen. Auch geschäftlich ist der Verkehr zwischen nichtjüdischen und jüdischen Türken sehr rege. Namentlich in der letzten Zeit entstanden zahlreiche geschäftliche Unternehmungen, an denen sie gemeinschaftlich beteiligt sind. Allerdings herrschte in der ersten Zeit nach der Erklärung der Türkei zu einer Republik eine gewipe Mißsrrmmunmg zwischen der türkischen Majorität und der kleinen jüdischen Minderheit. Ties war die notwendige Folge einer von der Regierung eingcschlagenen sehr berechtigten Politik, die weniger gegen die jüdischen Elemente gerichtet war, als vielmehr die Hebung des türkischen Selbstbewußtseins zum Ziele hatte, das infolge der Jahrhunderte hindurch herrschenden Kapitulationsrechte aui den Nullpunkt gesunken war. Uebrigens hatten die Juden gerade bei der kematistnchen Bewegung den Anschluß verfehlt und daran «icht einen so aktiven Anteil genommen wie früher an der jungtürkischen Bewegung. Tie Inden fühlten cs, daß die regierenden kreise zu ihnen dasselbe Mißtrauen hegten wie Zn den griechischen und armenischen Elementen. Daher hatten sie das Bedürfnis, durch irgendeine Tat dem Lande, welches ihnen vor Jahrhunderten auf der Flucht von Spanien ein freundliches Asyl geboten hatte, ihre Treue zu bekunden. Ties geschah dadurch, daß sie auf die Ainoritätenrcchte bzw. aus ihre Garantie seitens der Ententemächte öffentlich Verzicht t e i st e t e n. In Amerika hat man den Sinn und die Bedeutung dieses Verzichts salsch verstanden und unnützerweise viel <rtanb deswegen aufgewirbelt. Tie Regierung hat auf den Verzicht noch nicht offiziell geantwortet. Daß aber seit diesem Ereignis das Vertrauen zu den Juden stark gewachsen ist. beweisen viele Erleichterungen, die in der Zwischenzeit geivährt worden sind. Tie Juden werden wieder Zu aktiven Diensten beim Militär herangezogen, sie werden nicht wehr aus öffentlichen Aemtern entlaffen, sie dürfen sich überall siei bewegen und ihren Berufen nachgehen. Tie Juden können in der freien türkischen Republik mehr als U s i ch als religiöse Juden 'ausleben, weil die Trennung der Kirche vom Staat vollständig durchgeführt ist. Wenn das Cemcindewesen und das sonstige jüdische Leben in der Türkei noch stark im argen liegt und viel zu wünschen übrig läßt, so ist darin das Erbe früherer Zustände und der großen ll'irtschaftlichen Rot. die noch immer unter den Juden dort herrscht, ätz erblicken. Stc dürfen aber hoffen, daß die rapide geistige Ent- Wicklung und die enorm raschen wirtschaftlichen Fortschritte der 1 jungen türkischen Republik auch die wirtschaftliche Lage der Juden 1 verbessern werden, so daß auch in der Türkei wie überall in den freien Republiken und konstitutionellen Staaten die Juden sich zu emenr wertvollen Faktor der Kultur und des Fortschritts ihres Landes entwickeln werden. Eine besondere Berechtigung zu dieser Hoffnung bietet das jüdische Schulwesen in der Türkei, welches vor dem Kriege ausschließlich vom Gelbe der Alliance Israelite Universelle in Frankreich, vom Hilssverein der deutschen Juden in Deutschland usw. erhalten wurde und jetzt, obgleich es nur auf eigene Mittel angewiesen ist. sich dennoch immer mehr und mehr entwickelt. Tie türkische Sprache wird nicht mehr aschenbrödelhaft behandelt, sondern sie wird allmählich zur Unterrichtssprache, wenn auch noch immer — und die Lage der Türkei erfordert das — neben der türkischen an den Schulen der sephardischen Juden die französische, und an denen der deutschsprechenden Juden die deutsche Sprache stark gepflegt wird. Das Erlernen der türkischen Sprache wird sicher zwischen den jüdischen und türkischen Elementen eine neue Brücke bilden." Gegen öie Konferenz zum Schutze der jüdischen Rechte. Erklärungen -es Alliance Israelite Universelle und -es Jcwisli board of Deputier In unserem Aufsatz „Tie Konferenz zum Schutze der jüdischen Rech t e" in der letzten Nummer der ,.E. B.-Zeitnng" hatten wir angedeutet, daß nach unseren Informationen die'offiziellen französischen und englischen jüdischen Organisationen die gleichen B e denken gegen d i e Z ü r i ch e r Tagung zu erheben hätten, wie wir sie an dieser Stelle zum Ausdruck brachten. .Wir sind in der Lage, aus dem Schreiben, das die Alliance Israelite Universelle an das in der Konferenzfrage treibende Comitr des Detegations Juives gerichtet hat, folgende Entschließung der Alliance zu veröffentlichen: „Tie Alliance Israelite Universelle hat den Beschluß gefaßt, sich die Freiheit ihrer äußeren Handlungen und inneren Beschlüsse;u wahrem Cie kann weder den Vorschlag ,eines Zentralorgans zur Wadrnng jüdischer Vllnderheitsrechte' noch den neuer .beigeordueter Lrgane neben den bisher bestehenden Organisationen" anerkennen. Hieraus ergibt sich, zum Bedauern des Zentralkomitees der Alliance Israelite Universelle, die Notwendigkeit, die Teilnahme an der geplanten Konferenz ablehnen zu muffen." In einer Sitzung, die der Jewish board of Deputics cm 24, d. M. abhielt, erstattete Lucien Wolf über die Maßnahmen Bericht, die das «Joint Foreign Committee in der Frage der Züricher Konferenz unternommen hat. Er verlas dabei das Schreiben, das an das Comite des Delegations Juives von seiten des Joint gerichtet worden ist. in dem in entschiedenster und sorgfältig begründeter Weife die Einladung abgelehnt wird. Die Haltung des Joint wurde vom Board gebilligt. Sollte es also trotz dieser Ablehnungen aus Amerika. England und Frankreich zitr Konferenz kommen, so wird diese, wie wir schon letzthin andeuteten, in keiner Weise eine V e r L r e t u n g 'd e r Judenheit der Welt und insbesondere nicht der deutschen Inden sein, sondern eine Z n f a m m e n - kunft unlegitimierter Vertreter. deren Beschlüsie unverbindlich sind. das Enüe -es „internationalen Juden". Henry Fords neue Erklärungen. Henry Ford hat in der gleichen großzügigen, stets ganze Arbeit machenden Form, die sein geschäftliches Wirken zu den größten. Erfolgen geführt har. auch alle Konsequenzen aus seiner veränderten Haltung in der Judenfrage gezogen. Die beiden großen politischen Prozesse, die der Anwalt Sapiro und der P u b l i z i st He r m a n n Bernstein gegen ihn angestrengt hatten, um an GerichLsstelte den Nachweis von der Grundlosigkeit und Haltlosigkeit seiner Angriffe gegen das Judentum zu führen, haben durch erneute Ehrenerklärungen Fords, der auch die recht beträchtlichen .Kosten beider Verfahren übernahm und sich auch zur Tragung von Bußen bereiterklärte, ein m enschli ch w i e politisch überaus zu begrüßendes Ende gefunden. Die Erwartungen, die wir vor zwei Wochen an der gleichen Stolle an die erste grundlegende Kundgebung Fords knüpften, haben sich also erfüllt, denn auch unser Wunsch. Henry Ford möge das ungeheure Unrecht, daß er dem Judentum durch die Abfassung und Verbreitung seines Buches „Der Internationale Jude" zugefügt hat, durch Z u r ü ck z i e h u n g des Werkes wenigstens teilweise wieder gutzumachen sich bemühen, ist nach einer neuerlichen Erklärung Henry Fords verwirklicht worden. Der mannhafte Entschluß des großen Wirtschaftsführers stellt ihn als Persönlichkeit t u r m h o ch über die Schreiber der völkischen Blätter, die ihn, als er für sie einen Plusfaktor darstellte, nicht genug verhimmeln konnten, und die ihn jetzt, wenn überhaupt, mit hämischen Glossen als Opfer seiner Profitstrcht hinstellen.