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Central-Verein-Zeitung · 1927-07-29 · 30 (29.7.1927) · p. Seite 424

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
30 (29.7.1927)
Date
1927-07-29
Page
Seite 424 (sequence 4)
Language
German
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424 J? Cotl itClibcC0 / Au feinem 50. Geburtstage. Von Gchcimral Prof. Dr. Fervinand Blnmenthal. Cnr! Neuberg, der Meister der biologischen Chemie. unser lauajährigcs Hauptvorstandsmitglied, wird am 29. Juli 50 Jahre a1t?T a s ist kein Iubiläu m, k c i n e A l t e r s e r s ch e i n u n g. Tiefer Tag gewinnt nur Bedeutung für die, welche, so jugendlich noch, schon so Hervorragendes geleistet haben. Biele haben an diesem Tage kaum ihre Entwicklung beendet. Nicht um zurnckznblrckeu. feiern wir dicwn Tag, sondern weil wir noch so vieles hoffen. Carl Ncuberg gehört zu denen, bei welchen wir nicht wissen, ob wir uns mehr darüber wundern sollen, daß sie schon 50 oder daß sie e r st 50 sind. Tie ,Tülle seiner Leistungen in der Chemie, insbesondere auch in der medizinischen Chemie, seinem eigentlichen Arbeitsgebiet, ließen eher das letztere, seine jugendliche Begeisterung das erstere erwarten. 1S77 in Hannover geboren, kam er mit seinen Ellern als Gymnasiast nach Berlin. 1896 bezog er die Universität. In Würzburg und Berlin studierte er Naturwissenschaften. Chemie und Medizin. Nach beendetem Studium wurde er Assistent bei dem bekannten Zuckerchemiker Wohl. Tie Beschäftigung mit diesem Zweig brachte ihn der Medizin nahe. Er wurde Assistent des großen physiologischen Chemi ke rs Ernst Sa l ko w ski, dessen Laboratorium im pathologischen Institut der Charite der Sammelpunkt vieler wiyensch östlich befliyencr jüngerer und älterer Mediziner war selbst ein Schüler Lalkowskis, lernte ich ihn dort zuerst kennen. Ter blutjunge Assistent hatte uns, meist älteren, gegenüber keine ganz leichte Stellung: aber seine Klugheit, seine Liebenswürdigkeit und vor allem seine imponierenden Kenntniye machten ihn beliebt und geschätzt. Alle, die dort arbeiteten, fühlten. . . , . , sich bald als feine Nach einer von den Schülern und Mitarbeitern des Schüler und allen Kais er- Wilhelm-Institn ts für Biochemie gewidmeten c unermüdlich Radierung von Fingesten,?y -d) bmm *£ rühmte Physiologe Zuntz au der Landwirtschaftlichen Hochschule eine chemische Abteilung an reinem Institut einrichtete, berief er Earl Neubcrg zu ihrem Vorsteher. Aber schon nach einigen Jahren folgte er einem Rufe an das Kaiser-Wilhclm-Jnsntut, wo er eine Abteilung für Biochemie als Leiter übernahm, um nach Wassermanns Tode Tirektor des Instituts für Biochemie zu werden. Hier ist nicht der Ort. um seine wiyemchastlichen Leistungen aus dem Gebiete der Zuckerchemie, des Stoffwechsels, der Krebsgeschwülste und der Gärungschemie zu besprechen die ihm Stellung. Ehrung, insbesondere auch von ausländischen wincnschaftlichen Gesellschaften cinbrachten. Aber cs. braucht nicht verschwiegen zu werden, daß Carl Neuberg nicht etwa als Schüler eines besonders einflußreichen Professors in der üblichen Weise in der Karriere geschoben wurde, sondern daß er sogar manchen recht e i n f l u ß r c i ch e n Wider st and zu bekämpfen hatte. Wenn er sich trotzdem durchsetzte, so hatte er dieses lediglich seinen bedeutenden wissenschaftlichen Leistungen zu verdanken. Tie Landwirtschaftliche Hochschule ernannte ihn zum ordentlichen Professor, die Universität zum ordentlichen Honorarprofessor. Ferner ist er vo. med. honoris causa der Universität Breslau, Auswärtiges Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Güttingen, Lund, Halte, Leningrad, Ehrenmitglied der Medizinischen Akademie in Rom. Ehrenmitglied der russischen Naturforschergeseltschast in Moskau, Ehrenmitglied der Gesellschaft der Acrzte in Budapest und Charkow. Ehrenmitglied der Wiener Biologischen Gesellschaft, Träger der Emil-,Fischer-Medaille des Vereins Deutscher Chemiker. Träger des Eisernen Kreuzes am Kriegs- und am Friedenshände. Aus Anlaß seines Geburtstages ist er ferner von der Biologischen Gesellschaft in Wien, der Akademie der medizinischen Wissenschaften in Rom und der Medizinischen Gesellschajt in Charkow zum Ehrenmitglied ernannt. Carl Neu der g stammt aus einem einfachen jüdischen Hause. Sein Vater war der Typ des rechtlichen Kaufmanns, der sich durch äußersten Fleiß und Pflichttreue eine hrchangesehene Stellung er- -worben hatte. Das feine Gefühl seiner Mutter "für die Begabung des einzigen Sohnes setzte es durch, daß er, anstatt Kaufmann zu werden, die Universität bezog. Tas innige Familienleben, das er in seinem Eltcrnhause vor sich sah, und das ihm eine sonnige Jugend gegeben hatte,, übertrug er ans sein eigenes sckwncs Heim, als er im Jahre 1907 in Hela Lewinski. der Tochter des hochgeschätzten Stadtverordnctenvorstehers von Posen und Justizrats Lewinski, die Verständnis-' vollc Kameradin fürs Leben gefunden hatte. Tic älteste seiner beiden Töchter studiert Chemie und folgt so den Fnßtapfeu ihres Vaters. Tem Centralverein schloß er sich bald au, und gern stellte er sich, als der Ruf an ihn erging, mit Begeisterung in den Dienst des Kampfes für unsere Gleichberechtigung. Seit fast zwanzig Jahren ist er Hauptvorstandsmitglied. Wiederholt hat er für den Verein und seine Ideen Vorträge gehalten, wobei die Werbekrasr seiner bedeutenden Persönlichkeit unserer Sache von unschätzbarem Werte wurde. Und wenn er auch in der letzten Zeit infolge seiner Berufstätigkeit in öffentlichen Kundgebungen und engeren Sitzungen^wenigcr häufig teilgenommen hat, so steht doch seine einflußreiche Stimme stets au entscheidender Stelle zur Verfügung und wird gern gehört und beachtet. Wo er ans antisemitische Gesinnung stößt, läßt er es an genügender Deutlichkeit nicht fehlen, wobei feist Sarkasmus und sein schlagfertiger Witz ihm treffliche Bundesgenossen sind. So darf am heutigen Festtage auch der Centralverein ihm seine herzlichsten Glückwünsche aussprechen und die Hoffnung hegen, daß unser Carl Neuberg noch viele Jahre als Kämpfer, Vorbild und Führer uns erhalten bleiben möge. Paul Daviöfohns werk. Mit Paul Tavidsohn, besten schafsensreichem Dasein ein Herzschlag am 18. Juli ein vorzeitiges Ende bereitete, ist der markanteste Vertreter der deutschen Kinematographie in ihrem ersten Vierteljahrhuudert hingegangen. Und wenn Deutschland stolz darauf sein darf.^das führende Filmland Europas zu sein, so darf es niemals vergeben, daß es diese Stellung der s ch ö p f e r i s ch e n L e i stu n g Paul Davids oh ns, der nuferer Filmindustrie und Filmkunst die Grundlagen schuf, zu danken hat. (Ter jetzige Generaldirektor des größten deutschen Filmrmternchmens, der Ufa, der in Personalunion zugleich Generaldirektor des Verlages August Scherl ist, Herr Klitzsch. sagt nicht zuviel, wenn er in feinem Beileidstelegramm an Tavidsohns Hinterbliebene den Satz prägt „Tie deutsche Filmindustrie, an deren Entwicklung der Entfchtasc'ue hervorragenden Anteil nahm, verliert in ihm eine ihrer markantesten Persönlichkeiten, der sie sehr viel zu verdanken hat.") Nach drei Richtungen hat Paul Tavidsohn, der früher als die meisten Zeitgenossen die ungeheure Reichweite der jungen Erfindung des Kinematographcn intuitiv erfaßte. Richtunggebendes ge schassen: Zunächst ist er der Schöpfer des modernen, im eigentlichen Sinne des Wortes theatermäßig geführten Lichtspielhauses. 1905 begann er im Rahmen seiner Allgemeinen Kinematographen-Gesellkchaft in Frankfurt a. M. mit der Errichtung würdiger Stätten für die junge Kunst in fast allen deutschen Großstädten, denen er die einheitliche Bezeichnung U. T. (Union-Theater) gab. So erhielt Berlin durch ihn 1907 sein erstes richtiges Filmtheater, das U. T. am Aleranderplatz, dem all die anderen U. T.-Lichrspie!hnuser folgten, die heute noch zn den führenden Theatern der Neichshauptftadt gehören. 56 Filmtheater hat er im In- und Auslande errichtet. Als er aus der Allgemeinen Kiucmatographen-Gesellschaft das erste deutsche Aktienunteruehmcu der Filmindustrie, die Proj e k t i o n s - A. - G. U n i o n machte, nahm er — seine zweite schöpferische Leistung — die H e r st e l l u n g g r o ß e r n n d hochwertiger beut s ch er F i l m e auf. An die Stelle gelegentlicher Filmaufnahmen setzte er die I n d u st r i a l i s i e r u n g der 'Film- Produktion. Ihr schuf er bereits 1912 die erforderliche technische Basis durch Errichtung der ersten modernen A t e l i e r a u l a g e n in Tempelhof, die heilte noch durch die Ufa betrieben werden, wie überhaupt die Projektions-A.-G. Union 1918 zur Keimzelle der heutigen Ufa wurde. Damit wäre die dritte historische Leistung Tavidsohns im Rahmen der deutschen Kinematographie auszuweisen: als Generaldirettor der Union und Produktionschef der Universum Film A.-G führte er eine noch unvergessene Blütezeit deutscher Filmkunst heraus. Fast alle großen Künstlernamen, die heute Weltklang haben, führen auf ihn zurück, sind zum großen Teil Entdeckungen feine# scharfen Blickes für filmische Begabung. Ernst Lubitsch, Deutsch-! lands stärkstes Regietalent, war seine Entdeckung. Namen wie Asta Nielsen, Pola Negri, Paul Wcgeuer, Harry Liedtke, Ncinhold Schänzel sind mit dem seinen untrennbar verwoben. Ter Stamm; an tüchtigen Regisseuren, Operateuren, Filmarchitekten, von dem heute ned) zum großen Teil der deutsche Film lebt, wurde von ihm herangezogen uub heraugebildct. Filme, die mlter seiner Aegide entstanden — wie „Engelcin", „Rübezahl", „Madame Tubarry", „Tie! Austeruprinzesuu", „Ter Golem", „Ter Galerensträfling", „Kohlj hiesels Töchter", „Tie Flamme" — sind Marksteine in der Eilt- [ Wicklung des Films; mit ihnen hat Paul Tavidsohn bni Nachweis [ überhaupt erst erbracht, daß es so etwas wie einen künstlerischen! Film geben kaum \ Wenn einst der Tag gekommen sein wird, die Geschichte der k deutsch« Filmindustrie und Filmkunst mederzuschreiben, f dann wird Paul Tavidsohns Name auf der ersten Seite dieser Annalen verzeichnet stehen. Dr. Hans Wollcrrbcrg.

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