Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 30 (29.7.1927)
- Date
- 1927-07-29
- Page
- Seite 423 (sequence 3)
- Language
- German
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423 c*et entstand ein gemeinsamer Wille, eine staatliche Zusammenfässung als Ziel und als Realität, ein gemeinsames Schicksal — eine n-nle Nation. Was aber die Rasse angeht, so hebt Hertz mit Recht hervor, daß überall die Prinzipien der Nasse und der Nation sich als gegnerisch erwiesen: das eine acht ans Abichließung und Einengung, das andere aus Expansion und Bereinigung. „W o d a 8 R a s s e n p r i n z i p extrem durchgeführt w u r t> c, w i e in dem indischen K a st e n w e s e n, dort ist es eben aus diesem Grunde zur Bildung einer Nation nicht gef c m tu e n." Und sehen wir nicht auch gerade in Temschtand die Folgen rassestolzen sich Abschließens? Mit Recht zitiert der Verfasser EonstanLiu Franh: „Was die deutsche Nation zugrunde gerichtet hat, war vor allen: die gegenseitige Absonderung und Gehässigkeit der Stände, welche wieder in den Ebenbürtigkeitsgesetzen der höheren Stände ihren prägnantesten Ausdruck wie ihre festeste Stütze gefunden hat und noch bis heute findet." Genauer zeigt es sich, daß nicht die tatsächlich bestehende Gleichheit der Abstammung eine Nation schafft, wohl aber umgekehrt: wo eme Nation, ein Wille zu nationaler und staatlicher Einheit besteht, da entsteht gern die Fiktiv n. die Legende einer gemeinsamen Abstammung. „So wenig von einer gemeinsamen Abstanunnng der Glider irgendeiner großen Nation ans irgendeinem Punkte der Erde in der Gegenwart die Nede sein kann, so sehr wirkt doch die Annahme der gleichen Abstammung als eines der wichtigsten Beispiele dafür, was Fiktionen im geschichtlichen Leben bedeuten können" fLamPrecht). Gemhl der Zusammengehörigkeit und Wille zu staatlich geeinter (ftisteriz schasst die Nation, der einzelne gehört der Nation an, der er sich in diesem Sinn verbunden weis; und verbinden will. Die G r i ft e n 3 einer Nation i st g e tv i s f e r m a ß e n eine täglich w i e d e r h 0 l t e B 0 l k s a b st i nt nt u n g, w i e jene des Individuums eine ständige L c b e n s b e j a h u n g. Natürlich fordert der Wunsch nach staatlicher Einheit, um sinnvoll zu j-:ut, den gemeinsamen Boden, das Land, ^chon aus diesem Grunde können bloße Battde der Kultur, Abstammung, Sprache nie eine Nation erzeugen. Umgekehrt, wo Menschen zusammcmvohnen. die die Sehnsucht nach staatlicher Einheit ergriffen hat, gleichgültig, welchen Motiven sie entsprang, wachsen sie zu einer Nation zusammen, und um so enger, je mehr gemeinsame Erinnerung an diesem Ziel gebrachte Opfer sie verknüpft. T er N a t i 0 n a l st a a t i st ein Produkt moderner Ent - wickttrng. Stammesverbände stehen am Anfang der Geschichte, der antiken wie der mittelalterlichen, sie toerden abgelöst durch interrutd übernationale Gemeinschaften: das römische Weltreich, das heilige Römische Reich mit dem deutschen Kaiser und dem Papst als Spitze und der ständischen Gliederung. Erst aus ihm differenziert sich die Vielheit der Nationalstaaten, der nationalen Gesellschaft, der Typ des nationalen Menschen löst den Typ des Standesmenschen ab (Kärrnäri, a. a. O.). Wie sich nun im Europa der neueren Geschichte die nationalen Einheiten aus dem Mutterboden einer gemeinsamen Kultur entwickeln, so fügt sich dauernd dem Gefühl nationaler Verbundenheit und Gegensätzlichkeit doch auch ein Gefühl übernationaler Gemeinschaft, zunächst und vor allem im religiösen Gemeinschaftsgefühl, hinzu — als Gegensatz, aber zugleich als notwendige Ergänzung. Mit Recht führt Hertz aus. daß diese internationalen Bewegungen, religiöser, wissenschaftlicher, künstlerischer, sozialer Art, die die Staaten und Nationen verflechten,^ zu wechselseitiger Befruchtung und Berührung führen, zu der Entwicklung der Nationen und ihrer lebendigen Eigenart ebensoviel beitragen, wie die Erstarktrug nationalen Selbstgefühls. Gerade heute scheint diese Entwicklung auf einem Höhepunkt: Auf der einen Seite ist das Nationalgesühl auch in den kleinen und kleinsten „Nationalitäten" erwacht und strebt, wenn nicht nach staatlicher Selbständigkeit, so doch nach Selbstverwaltung und kultureller Autonomie. Auf der anderen Seite werden Zusammenschlüße unvermeidlich. die über den Nahmen der bisherigen Staatsnationen hinausgehen: Das Problem der Nationalitäten und ihrer Autonomie im nationalen ^taat und das Problem des geeinten Europa sind notwendig sich ergänzende Probleme der historischen Entwicklung (vgl. hierzu die Abhandlungen von N. Steinmetz sAmsterdamj, „Tie Nationalität und ihr Wille", und von M. H. Boehm sBerlin-Spandausi „Tie Nationalitätensrage"). Erinnern wir uns daran, daß diese historische Entwicklung die Nation und den Menschen der nationalen Gesellschaft geschaffen hat, so gewinnen wir die Zuversicht daß sie atich die neuen Formen der Gemeinschaft und des Gemeinschaftsbewußtseins schaffen wird, deren unsere Zeit bedarf. . Noch ein kurzes Wort endlich in diesem Zusammenhang zur Stellung des Judentums. Wie G. Roffenstein (Wien) in einem Aufsatz „Zur Soziologie des Nationalismus und der nationalen Parteien" feststellt, kann keine Rede davon sein, daß etwa „rassenmäßig" dem Judeit die Bereitschaft zum Nationalgesühl und damit zum sich Einfügen in die Gemeinschast der Nation abgehe. Wir brauchen ntrr an Tisraeli und Eambetta als Führer nationaler Betvegnngeu zu erinnern, auch der italienische Jrredentismns stand z. T. unter jüdischer Führung. Wenn in Deutschland das z. T. anders zu liegen scheint, so ist der Grund das absichtliche Hinausdrängen der Inden ans der sogenannten nationalen Bewegung durch die Berbindnng mit antisetnitischen Tendenzen. Ter Antisemitismus, aber speziell in der Form des Rassenantisetnitismns, ist nichts als eine Aeußerung jenes deutschen Kastengeistes, von dem schon melier oben die Rede war, der sich in der Abfchließung der Stände, in der Ausbildung eines hochmütigen Junkertums und verwandter Erscheinungen ausbildete und das schwerste Hemmnis für die Entstehung einer einheitlichen deutschen Nation war. Siegt öie Vernunft! Abgeordneter v. Dewitz für „Entgiftung", Als eine wichtige Aufgabe unseres Ceutralvereins erachten wir es, daß er stets und freudig zu seinem Teile auf eine „E n t - gistuug der politischen Atmosphäre", auf eilte würdige Form, politische Gegensätze auszutragen, hinwirkt, sei es in all- «ptcineti deutschpolitischen. sei es in innerjüdischen Angelegenheiten. Cr hat daher wiederholt hier die wertvollen Bestrebungen der Zeitschrift ,.D er Z u s a m m e nfch l u ß" gewürdigt, und er freut sich, datz nunmehr auch <nts der Feder eines d e u t s ch n a t i 0 n a l e n Äeichstagsabgeordneten, des Herrn I. G. v. T e tv i tz , ein „Mahnruf" erschienet! ist, der gegen die unerträglichen Auswüchse des deutschen politischen Lebens eindeutig Stellung nimmt. Wir geben die folgende Stelle daraus wieder: Für jeden, der im politischen Leben steht, und sich Geschmack und Erziehung auch im politischen Kampf ungetrübt zu erhalten bemüht war, ist wohl bekannt, was man unter Vergiftung der politischen Atmosphäre verstehen muß . . . Nicht annähernd in dem Grade ist ja das alte Kaiserreich durch die Bundesstaaten und ihre besonderen Bestrebungen zerrissen gewesen, als heute das deutsche Volk durch die Parteitvirtschast zerrissen ist. Was sich im Versammlungswesen, in Umzügen und in der Wahlpropaganda vor unseren ^ugen entrollt, bedeutet die P a r t e i z e r k l ü f t u n g bis i n da s e§ a 11 e r hinein mit den vergiftenden Nebenerscheinungen. Es fehlt ja nur noch, daß in der Familie die Ehrlichkeit der Parteizugehörigkeit geschaffen wird. Dazu tnüßten die deutschen Mütter lhren noch in Windeln liegenden Kindern den Parteistetnpel mit der ueberschrift: „In. hoc signo vinccs" l„Ju diesem Zeichen wirst du siegen") auf einen bestimmten Körperteil drücken. Es fehlt ferner, das; die Väter, die bisher dem erwachsenen Jüngling Treue, Bravheit und Pflichten am Vaterlande empfahlen, ihm in Zukunft als Wunsch nF den Lebensweg mitgeben- „Sorge nur dafür, daß man?1 r b i s zu deinem siebzigsten Lebensjahr nicht l r g e n d tv r e Nachweisen k a n u, d a s; d u g e g e n das a„r Beiprogramm verstießest, luge d i ch um deiner Wähle r willen durch alle Situationen so geschickt w 1 e m ö g l ich hindurch, l e r n e n i ch t s hinzu, um nicht 3 t ct um cx zugestehen zu mü f f c n , u nd fei ein Pharisäer auf Kosten all der Zöllner, die du um dich herum i n an d eren p0liti schen Lagern zu erblicken ha ft." Ich sage hier ja nur in etwas grotesker Form zusammen, was tatsächlich längst vorhanden ist, nämlich die unter Vortäuschung von Idealen durchgeführte rein parteiische Verseuchung der Jugend in dem Moment, wo nichts für sie ^notwendiger ist als ein freier, unbefangener Blick für die Gescheht! ine im staatlichen und völkischen Leben. Gerade das, was jedem normalen Deutschen das A und O feiner Politik sein sollte, nämlich Liebe und Pflichttreue gegen Volk und Baker l a n d bis zum äußersten, sollte unserer gesamten Jugend als Fundament für jede Betätigung im öffentlichen Leben mitgegeben werden. Statt dessen wird durch die verfrühte Anspannung unreifer Jungen zu Zwecken der Parteireklame Großmäuligkeit, Selbstüberhebung, Radauluit und Haß gegen die erzeugt, mit deren Vätern der eigene Vater in den Jahren 14 bis 18 in demselben Schützengraben gekämpft und geblutet hat . . . Ist es im Interesse der Zukunft Deutschlands nicht viel wichtiger. Jungen, die noch nicht trocken hinter den Ohren sind, erst einmal zur Pflichterfüllung zu erziehen, anstatt den Boden verunkrauten zu lasten, und dieses Unkraut sind Parteigeist, Wortklauberei und aus Parteiegoismus geborene Geschichtsklitterung . . . Hubenhänöe! Besudelung der Synagoge in Hannover. Die meist versteckt betriebene völkische Agitation iu Hannover hat in den letzten Tagen einen sehr charatteriftifckjen Ausdruck gefunden. In der Milte des Monats'waren die Bürgersteige in verschiedenen Teilen der Stadt in roter Oelfarbe mit einhalb Rüster großen Buchstaben „verziert", die judenseindliche Ausrufe ergaben und durch Hakenkreuze vervollständigt wurden. Die Hannoversche Polizei, die von unserer Geschäftsstelle sofort benachrichtigt wurde, veranlaßte die Säuberung der Straße. Die völkischen Herrschaften scheinen jedoch auf den Geschmack gekommen zu sein. ^Iu der Nacht vom Donnerstag zum Freitag wurde die Synagoge durch Ins ch r i f t e n „Schlagt die I »den t 0 t", s 0 w i e d u r ch g r 0 ß e Hakenkreuze auf s s ch i m pfli ch st e besudelt. Die Krimiltalpolizei hat auf die Ergreifung der Attentäter eine Belohnung von 500 Mark ausgesetzt. Die Farbspuren führen in das Hauptquartier der Nationalfozialisteu. Es ist zu wünschen, daß es den eifrigen Bemühungen der Polizei gelingt, die feigen Buben zu ergreifen und der gerechten Strafe zuzusühreu.