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Central-Verein-Zeitung · 1927-07-22 · 29 (22.7.1927) · p. Seite 415

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
29 (22.7.1927)
Date
1927-07-22
Page
Seite 415 (sequence 7)
Language
German
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415 Die Frau in der Kleinstadt ist bis auf eine kurze, nicht sehr schmeichelhafte Nebenbemerkung in der Zuschrift des Herrn Loeb (Dieburg), völlig in der Diskussion übersehen worden. Diese Lücke füllt Dr. Margarete Edelheim (Berlin) aus: Tie sehr interessante Aussprache über das Problem „Großstadt oder Kleinstadt"' läßt eine, wie mir scheint, sehr wichtige Frage außer acht: Die Stellung der jüdischen Frau zu diesem Problem. Tenn für die Frauen liegen noch besondere erschwerende Verhältnisse, die kurz zusammengefaßt zunächst als E h e - Problem und Berufsproblem angedeutet werden können. Es mag scheinen, als ob diese Fragen nicht nur die jüdische Frau angehen, sondern jede Kleinstädterin, ob Jüdin oder Nichtjüdin. Aber wie die deutschen Juden unter allen Schwierigkeiten, der Zeit eben um ihres Judentums willen doppelt leiden, so hat^äuch die Kleinstaotjüdm neben den allgemeinen Schwierigkeiten des Fortkommens noch die des wirtschaftlichen und gesellschastlick^n Boykotts zu tragen. Das jüdische Kleinstadtmädchen war früher — und dies viel länger als die Großstadtjüdin — bis zu ihrer Verheiratung Haustochter. Fand sie keinen Mann, so lebte sie in der Regel in der Familie der Eltern, der Geschwister oder anderer naher Angehöriger berufslos oder als Hilfe im Haushalt und Geschäft. Ihre Bildung bezog sie — wenn die Eltern genug Geld hatten — aus Pensionaten im Jnltnb Auslande. Jetzt ist das anders. Auch die Kleinstadtjüdin hat ihr Recht aus Arbeit und ihre Pflicht Zur Arbeit erkannt. Die Stellung als abhängige Haustochter oder gar als bedauerte oder vergrämte alte Jungfer genügt ihr nicht mehr. Sie will, wenn sie nicht heiraten kann, einen Beruf ausfüllen, der ihr Lebensinhalt und wirtschaftliche Selbständigkeit gibt. Darin unterscheidet Jie sich nicht von den nichtjüdischen jungen Mädchen; während diese aber auch in der Kleinstadt ihren Erlverb finden, wird die Jüdin nur selten dort Anstellung finden können. Als kaufmännische und gewerbliche Angestellte, als Hausgehilfin wird auf dem Lande oder in der Kleinstadt für sie kaum ein Platz zu finden sein — sie m u ß also in die Großstadt ziehen, um dort in Großbetrieben uuterzufommen. Als Beamtin. Lehrerin oder Aerztin wird sie in der Kleinstadt mit kleinen jüdischen Gemeinden nicht angestellt werden, wird keine auskömmliche Praxis finden, zumal eine Landpraris für sie kaum in Frage kommt. Und selbst, wenn sie in die Kleinstadt, die sie um ihrer Ausbildung willen meistens jahrelang verkästen muß. zurück könnte, so wird sie in stärkerem Maße als die Nichtjüdin davor zurückscheuen — nicht, weil sie in der Großstadt ein mondäneres Leben führen kann, sondern weil ihr, die säjon als Kind unter den Gehässigkeiten des Antisemitismus in stärkerem Maße als die Mittel- und Großstadtkinder gelitten hat, durch den gesellschaftlichen Boykott ein freudeleeres Leben bevorsteht — denn die Jugend besucht Tanz und Vergnügen neben der Arbeit. Schließlich auch, weit sie doch immer hofft, in der Großstadt eher einen Mann zu finden als in der Kleinstadt, deren wenige jüdische Ehekandidaten sie gewöhnlich von Kindheit an kennt. Und weil sie die Verkümmerung kennt, die der jüdischen Familie in der Kleinstadt droht, und weiß, ein wieviel schwereres Schicksal auch ihre Kinder in der Kleinstadt erwartet als in der großzügigeren Drittel- oder Großstadt, wird sich auch die Großstadtjüdin zur Ansiedlung^ in der Kleinstadt, sei es als Berufstätige, sei -es Zur Verheiratung, schwerer entschließen als die Nichtjüdin. So mag die F r a u e n b e w e g u n g, die als Konsequenz der wirtschaftlichen Lage des Jahrhunderts die Frau aus dem Hause in den Beruf geführt hat, mit daran schuld sein, daß die Frau, und besonders die jüdische Frau, aus der Kleinstadt heraus in die Großstädte drängt. Und wenn es auch sicher lehrreich ist, sich Ursachen und Zusammenhänge der Zeitgeschehnisse ktarzumachen, so müsten wir uns dock) gerade gegenüber dieser Entwicklung klarmachen, daß es sich dabei nicht um besondere jüdische und nicht um besondere deutsche Vorgänge dreht, sondern daß diese Entwicklung in der ganzen Welt gleichmäßig so forlschreitct, wie denn auch Galsworthy in seinem Vorwort zur ForsyteSaga als Charakteristikum des Jahrhunderts — neben „Die Erfindung des Zweirads, der Automobile und Flugzeuge"' den „Verfall des Landlebens und die Vermehrung der Städte"' stellt. der Dorfjuöe. Gegenüber der Aussprache Großstadt oder Kleinstadt ist das flache Land in der Diskussion etwas in den Hintergrund getreten. Es gibt ja auch verhältnismäßig viel weniger Persönlichkeiten, die über die Landjuden auf Grund genauer Kenntnis zu schreiben in der Lage sind als über Großstadt und Kleinstadt. Die Nücksiedlung der Großstadtjuden auf das stäche Land als Heilmittel gegenüber der Degeneration der Großstadt verneint auf das energischste Emil Goldschmidt (Worpswede): Ich bin entschieden dagegen, den Juden auf dem Lande, speziell in Norddeutschland, wo jüdische Familien bisher auf dem Lande nicht gewohnt haben, zur Ansiedlung zu veranlaßen. Zudem noch Juden aus der Großstadt, welche keinerlei Gemeinschaft, mit der Dorfbevölkerung haben. Es wird immer wieder in erster Linie Gesinnung und die unter der Dorfbevölkerung weit verzweigte Verwandtschaft mitsprechen. Politische O r g a n i s a t i on e n, die heute in allen Dörfern und Bauernschaften restlos organisiert sind, und die Juden und Republikaner über einen Kamm scheren, tuen ihr übriges. Kein Landmann wird heute einen Juden irgendwie zu Rate ziehen, noch wünscht derselbe ihn zu seiner Hilfe, und dadurch wird immer der Jude ein Fremder bleiben. Tenn die Abneigung gegen einen ortsansässigen Juden ist schon so groß, daß es mir geradezu unmöglich erscheint, einen Großstadtjuden auf ein derartig schwierigen Posten zu stellen, um die Bevölkerung eines besseren zu belehren, — da viel einflußreichere Stimmen von der Gegenseite vorhanden sind. — Das Land ist und bleibt konservativ, schon durch den großen Wirtschaftsbund des Landbundes. — Ich habe besonders das Gefühl, daß da, wo sich eine kleine Gruppe Andersdenkender zusammenrafst, und wo eventuell dann der geistige Führer ein Jude ist, sich immer wieder Stimmen sofort bemerkbar machen, die lauten: schließt den Juden aus, machlls allein. Ich rate nur dann einem Juden, sich aus dem Lande anzusiedeln, wenn er besondere Fähigkeiten sowohl als Mensch wie als Landwirt besitzt, so daß sich eventuell die übrige Bevölkerung ein Beispiel an ihm nehmen kann. * Zwei Zuschriften an Dr. Keller (Egelsbach). Herr Dr. rneä. Th. Keller in Egelsbach b. Tarmstadt hatte die Verhältnisie auf dem stachen Lande in wenig anmutenden Farben geschildert. Dagegen wendet sick^ Herr Karl Simon, Langen (Hetzen) mit folgendem: Ter Zusammenhalt der Juden aus dem Torfe ist doch nicht derart zerrissen, wie es Tr. Keller darstellt. Es gibt viele Plätze, an denen sich die jüdische Jugend ihres Glaubens bewußt ist und zusammenhält. Mag es in Egelsbach nicht so gut bestellt sein, in Langen (Hessen), meinem Heimatdorf, und noch in vielen anderen Dörfern dürsten die Verhältnisse anders liegen. Jeder Turchschnittsbürger hat wohl um feine Existenz zu kämpfen, aber noch das Geistige nicht vergessen, wie Dr. Keller annimmt. Auch der Zusammenhang untereinander ist vorhanden. Diese Anschauung wird auch von vielen mir bekannten jüdischen Dorfbewohnern geteilt, und nicht allein von.Langen kann ich^dies berichten. Ich kenne viele kleine Orte, in denen die Verhältnipe nicht anders liegen. Herr Professor Ludwig Basnizki (Heidelberg) schreibt: Gestatten Sie mir zu den Ausführungen von Herrn Dr. mcd. Th. Keller eine kleine persönliche Bemerkung. Ich zähle heute 42 Lenze. Meine Dorfbekanntschaft gehört also nicht der Vergangenheit an, wie Herr Tr. Keller meint, sondern lebt im Gegenteil noch in der Gegenwart weiter. Aber ich sagte es ja von vornherein in meinem Aufsatz, daß ein jeder nur darüber Ausschluß geben kann, was er selbst erfahren hat. I t übrigen kann ich Herrn Tr. Keller versichern, daß sogar in dem mit Heidelberg verbundenen Handschuchsheim nur die „R eingezogenen", nicht aber die ortsansässigen Bauernmädchen dem Bubikopf huldigen, und ich könnte Dr. Keller stundenlang in den Dörfern des K r a i ch g a u e s herumführen, ohne einer Antenne ansichtig zu werden. Tie Gegenden sind eben verschieden. Wir schliessen nunmehr die Aussprache und werden demnächst GeorgHermann und Regier uhgsrat Bl um das Scklusswort geben. Tage für Mische Musik. Don Benno Elkan (Frankfurt a. M.). In der Reihe der musikalischen Darbietungen, die der „Somtnct der M usik" bringt, nehmen mit Recht solche Veranstaltungen einen gewissen Raum ein, die einen Vergleich der verschiedenartigsten Gestaltungen ermöglichen, wie sie Völker und Zeiten, Bekenntnisse und Zwecke zum Ausdruck ihrer Gefühle und Weltaussap ungen benutzen. Nach dem Mystizismus der katholischen Musik nun die Klänge der jüdischen. Und der von Jdelsohn durch langwierige und gründliche Studien auf vergleichender Basis erstrebte Nachweis, daß es eine jüdische Musik gäbe, ließ sich in der reichen Folge der drei Abende, die Vokal- und Gesangswerke brachte, Chöre und Einzelgesang, Ritual- und Volksmusik nebeneinanderstellte, wohl nachprüfen. Denn cs gab hier den seltenen Durchblick durch die Klangwclt aus kaum mehr erkennbarer historischer Ferne über die Einstüsse benachbarter arabischer und anderer orientalischer Völker, über primitive christliche Kirchenmusik des Palestrina-Zeitalters bis zur Barock- und romantischen Musik der Neuzeit und zu den noch tätig unter uns Schassenden, wie dem anwesenden Komponisten Emanuel Kirschner, dein laute Ovationen dargcbracht wurden. Wahrlich, eine ungewöhnliche Möglichkeit, das seltsam aus der Tiefe der biblischen Zeiten Nachklingende in allen historisch-künstlerischen Formen an sich vorüberziehen zu lasten, das schwebend immer Wiederkehrende zu fühlen oder auch nur zu ahnen, das Trennende als zeitlich Begrenztes zu erkennen. Die Hörer.aus allen Schichten der Bildung und des Besitzes und Nichtbesitzes, die die Säle bis aus den letzten Platz und darüber hinaus füllten, waren von diesen Darbietungen, unabhängig von ihrer technischen Qualität, aufs tiefste gepackt

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