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Central-Verein-Zeitung · 1927-07-22 · 29 (22.7.1927) · p. Seite 414

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
29 (22.7.1927)
Date
1927-07-22
Page
Seite 414 (sequence 6)
Language
German
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414 sicher ist, so soll sich in ihrer Stellung zum jüdischen Bevölkerungsterl ihr Selbstbehauptung-trieb bewahren. In einer Zeit, in der alles schwankt und vom Zweifel ergriffen wird, erscheint der in seiner Eigenart und Besonderheit verharrende Jude — wohlgemerkt den anderen — als der allein ruhende Pol inmitten einer bewegten Welt. So klammert sich der Haß an ihn, um auf der Suche nach einem neuen Halt, der immer und immer wieder den tastenden Händen entgleitet, nicht ganz zu versinken. So geiehen, kann man von Georg Hermann sagen, daß er die Diagnose richtig stellt; aber Ursache und Umfang der Krankheit nicht richtig erfaßt und vollends in dem von ihm empfohlenen Heilmittel, den Verkehr mit den Andersgläubigen intensiver zu pflegen, etwas recht Problematisches gibt. Aus der Verbindung von Entwurzelten mit noch Haltloseren wird kaum Wurzelhaftes entstehen. Wir erwarteten etwas Absolutes. Feststehendes und Normatives. Statt dessen bietet man uns Schwankendes und Fließendes an. Tiefes Gefüge verbürgt keinen festen, in sich selbst ruhenden Bau. Eine zu schematische Betrachtung des Problems durch die Formel „Großstadt—Kleinstadt", die berichtigt werden müsse, glaubt Notar De. Appel (Mannheim) zu erkennen: Auf den Nenner Großstadt — Kleinstadt läßt sich nämlich der Unterschied, den bezüglich des Antisemitismus Norddeutschland von gewissen Gegenden Süddeutschlands aufweist, nicht bringen. Gegen die Nichtigkeit einer derartigen These sprechen bekannte Tatsachen, die größtenteils den Lesern dieses Blattes geläufig sind ... Auch die Beobachtung Hermanns, daß in Südwestdeuischland die Zugehörigkeit zum Judentum ohne jeden Einfluß bei der Besetzung öffentlicher Stellen oder beim Dorwärtskommen in solchen sei, trifft in dieser Allgemeinheit nicht zu. Praktische Betätigung antisemiti- Kr Gesinnung ist aus den maßgebenden Stellen noch nicht gesunden, ja tritt hie und da noch in der vornehmen Form einer gewissen Staatsklugheit auf. Ter von Georg Hermann festgestellte Unterschied ist ganz einfach auf den demokratischen Grundzug süddeutschen Wesens zurückzuführen (der natürlich nicht in alle Kreise gedrungen ist) und hat mit Großstadt und Kleinstadt nichts zu tun. Mehr hat wohl auch Baurat Blum nicht sagen wollen, dessen Ausführungen vollständig zuzustimmen» ist, auch in dem, was er von dem Unterschied katholischer und evangelischer Gegenden sagt. Die Annahme, daß wirtschaftliche Verhältnisse in erster Linie den Fortzug von der Kleinstadt in die Großstadt anregen, wurde oft vertreten. Tüchtigkeit und Mäßigkeit sichern aber auch in Leinen Verhältniffen die Existenz. Hierzu führt Abraham Lseb (Dieburg) aus: Es ist eine leider sehr stark verbreitete Ansicht, daß der Jude nur in der großen Stadt leichter vorwärts komme, und es wird der Umzug dahin in vielen Fällen als eine „Erlösung" betrachtet. — Aber dies trifft nicht zu! Tas Unternehmen einer jüdischen Firma in der kleinen Stadt kann — wenn es sachgemäß betrieben wird — genau so vorteilhaft sich entwickeln wie das einer nichtjüdischen Firma, und erwiesenermaßen befindet sich ein großer Teil derselben (wenn nicht der größte) in kleineren Städten und nicht in der Großstadt! Die Sucht nachher Großstadt, um das Kind beim rechten Namen zu nennen, der wir bei unseren Glaubensgenosien häufig begegnen, hat in den meisten Fällen folgende Ursache: Es ist w e i b - l i ch e r S i n n, d e r meistens z u m U m z u g treibt; rein äußerliche Dinge geben den Ausschlag, und die Widerstandskraft des Gatten wird durch fortwährendes Nörgeln und Quälen der weiblichen Umgebung gebrochen! Bietet die Kleinstadt Annehmlichkeiten, die in hygienischer und sonstiger Beziehung sich auf der Höhe befinden- und mustergültig sind, hat man Wasierleitung, Gas, elektrisches Licht, Realschule oder Gymnasium usw., so sind die Vergnügungsstätten der Großstadt, die am kleinen Platz nicht in dieser Zahl anzutreffen sind, der Vorwand für Unvernunft und Großmannssucht! Es soll hier nicht unerwähnt bleiben, daß auch im Schatten der Großstadt „Ge schäftsauf sich Len" und sogar „Konkurse" sehr oft durch die allzugroßen Spesen, durch das „lieber die Verhältnisse leben" hervorgerufen wurden; so etwas ist allerdings auch schon am kleineren Platz vor gekommen — aber immerhin viel seltener. Aber irrig und falsch ist es, anzunehmen, daß nur der großstädtische Kaufmann Beachtung und Erfolg findet. — Man kann an kleinerem Platz in sehr geordneten, guten Verhältnissen ein mit der Zeit fortschreiten, der und streng reeller Kaufmann sein, aber auch das Gegenteil in der Großstadt — Durch vorbildliches Verhalten -läßt sich am kleinen Platz auch dem Antisemitismus leichter begegnen. Weniger in Schwierigkeiten wirtschaftlicher oder gesellschaftlicher Art als in der geistigen Not, die auf dem jüdischen Kleinstädter lastet, glaubt Ernst Golvschmidt (Bonn) die Gründe für den Zug in die Großstadt zu erkennen: Es fehlt in den kleinen Gemeinden aus dem Lande an dem sogenannten geistigen Milieu. Sehr viele Gemeinden haben keinen If&AAjtc stvil&vui' Sbxtfcü&iqtAA f^fCt64^A/aZyx^. Religionslehrer, da diese Gemeinden nicht in der Lage sind, einen Lehrer nach dem bestehenden Gehaltsregulativ zu bezahlen, anderseits aber auch die Beköstigungsmöglichkeit in den Gemeinden fehlt. Schon vor 20 Jahren habe ich schmerzlichst empfunden, daß Gemeinden mit etwa 15 bis 20 Familienohne Lehrer und dadurch auch ohne jegliche jüdische Aufklärung find. Es sind dies Gemeinden, welche noch zum Judentum halten und in welchen noch ein älterer Mann ist, welcher als Vorbeter ehrenamtlich in der Synagoge wirkt, während die Jugend vielleicht jede Woche (wenn gutes Wetter ist) eine Religion»stunde von einem Lehrer aus einer benachbarten Gemeinde bekommt. Wenn der betreffende Lehrer an diesem Tage anderweitig in seiner Gemeinde beschäftigt ist, auch an den Feiertagen, fällt einfach der Unterricht aus. Was die Jugend dann in solchen Religionsstunden lernt, kann sich jeder vorstellen. Kommen dann diese Kinder in die Stadt, so sind sie meistens für das Judentum verloren . . . Mehrfach ist auch darauf hingewiesen worden, daß die Beschleunigung in der Zusammenballung der deutschen Juden in den Großstädten auf den Verlust der blühenden jüdischen Gemeinden in den früheren deutschen Ost Provinzen zurückzuführen sei. Hierüber veröffentlichen wir das Folgende aus der Zuschrist eines Posener jüdischen Flüchtlings, des Max Krieg (Liegnitz): Posen, Westpreußen und Oberschtcsien ist uns nach dem Weltkrieg durch einen beklagenswerten Friedcnsvertrag ohne Handstreich abgenemmen worden. Nun begann für die dort ansässigen Juden ein Martyrium von seiten der Polen. Nicht etwa deshalb, weil sie Juden —, sondern weil sie Deutsche waren. Ungeschulte, mit Staatseinrichtungen wenig vertraute Fanatiker — Landräte, Bürgermeister, Verwaltungsbeamte, Militärs, die über Nacht zur Macht und zu Ansehen unter ihren Landsleuten gelangten, machten den dortigen Deutschen das Leben zur Hölle. Tie Geschäfte wurden boykottiert. Aemter wurden ihnen genommen, ihr Vermögen wurde beschlagnahmt, sequestiert, man nahm den Leuten ihr Brot — wegen geringster Vergehen wurden sie ins Gefängnis geworfen. Mir sagte ein alter Mann, der mit tränendem Auge die Stätte seiner Väter verließ und noch von seinen Lieben auf dem Friedhof für immer unter Sagen des Kaddischgebetes Abschied nahm: „Lieber in Deutschland trockenes Brot effen, als hier unter Polizeiaufsicht leben."- In seiner kleinen Heimatstadt in Posen und Westpreußen war der Jude allgemein geachtet und angesehen, er war intensiv am religiösen Leben beteiligt, während er in der Großstadt — von niemandem geliebt und gekannt — sein Leben zumeist unter Entbehrungen und Enttäuschungen verbringt. Tiefe Dölkerverschiebung hat das Judentum 31t beklagen, wir sind in unserer Entwicklung um 50 Jahre zurückgeworfen, denn die Kleinstadt war eine Stätte der Glaubensbetätigung — niemals die Großstadt. wo Mischehen an der Tagesordnung sind, wo die Gläubigen per Bahn, Droschke und Auto an den höchsten Festtagen zum Gottesdienst vorgefahren kommen, wo die heiligsten Gebräuche belächelt werden, wo Austritte wegen Steuerzahlung täglich erfolgen. Zv/S!mcmae§§cNrift 3. Jahrgang: Heft 3 erscheint am 1. August. Au* dem Inhalt de* dritten Heftes: J. V. B t e d t: Calvinismus und Judentum. — B. S e g e I: Die Juden in Russland unter Nikolaus!. — Julius Coldstein: Die subjektive Volkstheorie. — Hilde Landauer: Die Typen des deutschen Judentums in ihrer Beziehung zum Sozialismus. — Paul Frank: Brücken zur Volksgemeinschaft. — Felix Goldmann: Das Irrationale im Antisemitismus. — Han* Priester: Die Teilnahme der deutschen Juden am Geldmarkt. — Otto Meller: Uebcr die Scham. — Else Meidner: Gedanken zu Proust** Weg zu Swann. — Margarete Susman: Bewusstsein als Verhängnis. — Anzeigen. Zu beziehen: Philo Verlag, Berlin SW68, Lindenstr. 13. Einzelheit 2,25 M., Jahresabonnement 12 M.

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