Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 29 (22.7.1927)
- Date
- 1927-07-22
- Page
- Seite 413 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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\_VVv^^^ k^y'X'S^VVVvVWN/v 0i? 5l^')splMr fthsn sott: Lehrer A. ÄeOsus (FrMar), Mar Tr. Appel (Mannheim), ASrahsm LseS mmwi Ernst SslöfSmidt (Sonn), Ksx Krieg (LiegnW, Dr. Margarete Edelheim (Vettin), Emil Gold. Wmidi Worpswede), Karl Simon (Langen, Kessen), Professor Ludwig Vasnizki (Keldeiberg). Die von-Georg Hermann hier angeregte 'Aussprache über die betrübliche Beobachtung, dass die Juden in den Kleinstädten und auf dem flachen Lande an Zahl immer mehr zusammenschmelzen und nach den Gressstädten abwandern, hat, nie wir schon mllleilfen und nie aus der schon einmal geführten Aussprache („C.Y.-Zeitmg“ Nr. 27) ersichtlich ist einen 'ungemein starken Widerhall in unserem Leserkreise gefunden. Inzwischen sind ernei4t Zuschriften und Aufsätze zu dieser nächtigen Frage hei uns eingegangen. Sie alle auch nur auszugsweise zu veröffentlichen, ist leider unmöglich. Wir müssen uns daher beschränken, in dieser Nummer eine Heike wichtiger Einsendungen der Oeffentlichkeit zu übergeben. 'Die SchriftFf lie Aussprache über „Großstadt, Kleinstadt, Dorf" geht — begreiflicherweise — mehr und mehr auf Einzelsragen ml Man greift auf Ausführungen Georg Hermanns nur insoweit zurück, als eigene Erfahrung Jrrtümer festzustellen oder Wege praktischer Abhilfe zu weisen vermeint. Eine besonders gründliche, neue und wesentliche Gesichtspunkte enthaltende Ämckrist sendet uns Lehrer Sk. Neuhaus (Fritzlar). Gerade in diesem Falle bedauern wir sehr, nur Bruchstücke ferner Ausführungen veröffentlichen zu können, -die aber Durchblicke in die Gedanken des Autors gestatten dürsten. Herr Lehrer Nenhaus schreibt: Oeorg Hermann ist nicht der erste, der auf das Bedenkliche der Zusiunmeuhäusimg der jüdischen Massen in den großen Zentren hinträft. Wahrend er als ihre notwendige Folge das Beremsamnngsguuhl der Juden ansieht, macht Th ei lh aber sie für die schuld des physischen Niedergangs der jüdischen Welt verantwortlich. ^ombart rimunt in der Vorliebe der jüdischen Menschen. für die Stoinwüste der Großstadt das nirgends festen Fuß fastende Romadentum des ehemaligen Wüstenbewohners wahr. Andere wieder finden hier die wirkende Ursache des religiösen Verfalls, und so geht es fort und fort. Gemeinsam ist allen diesen Beanstandungen aber das eine: in der Konzentrierung der jüdischen Masten in der Großstadt ein seien, . . - entwurzelte Elemente aus Polen und Rumänien, die in einem geradezu ekelhaften und abstoßenden Ueberpatriotismus machen", während „der auf sein Judentmn stolze Hebräer sich des Andersgeartetsein völlig bewußt sei, . . . sich als Gast in artfremder Umgebung erkennet Man ist erschreckt und erschüttert durch diesen blinden, fanatischen Haß, mit dem hier ein Jude vor einem nichtjüdifchen Leserkreise über seine Glaubensgenosten aburteilt. Ahnt er nicht, welch unendlichen Schaden solche Aeußerungen stiften? Es ist begreiflich, daß die zionistische Ortsgruppe in Dessau sich beeilte, sogleich rn der nächsten Ausgabe des-,.Anhalter Anzeigers" den Artikel als eine private Aeußerung des Verfassers" zu bezeichnen, mit der „die zionistische Ortsgruppe sich nicht identifiziere". Aenn wir auch dieses rasche Abrücken gern anerkennen wollen, so enthält aber diese offizielle Erklärung der zionistischen Ortsgruppe nrch weitere Aeußerungen, die nach "einer ganz anderen Richtung hich eine verurtcitenswerte-Kampfesweise offenbaren. Tie Erklärung fährt nämlich alsdann fort: „Wir teilen aber seine ld. h. Michelsohns) gegnerische Einstellung zu dem . . . Artikel des Herrn Mecklenburg, der in völlig unzulänglicher Weise es unternimmt, eine wissenschaftlich längst ausgetragene innerjüdische Weltanschauungsfrage zu behandeln. Tie deutsche Oeffentlichkeit hak zu dieser Frage bereits durch die Gründung des P r o - P a l ä st i n a - K o m i t e e s in Berlin Stellung genommen . . r Es wird also rn der ossiziellen Erklärung der zionistischen Ortsgruppe, wie übrigens auch vielfach bei weniger offiziellen Gelegenheiten in zionistischen Aersanunlungen und Zeitungsartikeln, der Schein erweckt, als ob das Eintreten des Pro-Palästina- Komitees für den Palästinaausbau auch ein Eintreten zu der ^Beltanschanuugsfrage" des Nationaljudentums bedeute. Das Komitee Pro-Palästina wird in ein Komitee pro Nationaljudeutum umgesälscht. Hierin liegt eine grobe Täuschung der Oeffentlichkeit. Tas Komitee Pro-Palästina will den Palästinaanfbau lediglich als ein bedeutsames soziales und wirtschaftliches Werk fördern, ohne jede Stellungnahme zu innerjüdischen Fragen, insbesondere also zur natioualjüdischon Idee. Das hat der Vorsitzende des deutschen Komitees Pro-Palästina, Graf Bernstorff, noch jüngst in feierlichster Form zum Ausdruck gebracht, indem er erklärte: „Das Pro-Palästina-Komitee legt besonderen Wert darauf, auch heute w i e d e r u tu z u erklären, daß wir uns von allen inkernen Meinungsver - ch i e d e n h e i t e n der I u d e n h e i t f e r n b a l t e n wollen." chuffe Erklärung war zwei Wochen vorher in der zionistischen jüdischen N n n d scha it* abgedruckt, also unzweifelhaft der genauer zionistischen Ortsgruppe "bekannt, als sie ihre damit in völligem Widerspruch stehende Auslastung veröffentlichte. Rechtsanwalt Karl Locwcttstelrr (Aachen). Faktum zu sehen, das sich für die je nach der persönlichen Einstellung des Autors geforderte Steigerung jüdischen Wesens als ein starkes Hemmnis erweist. Diese Urteile heben sich in ihren verschiedenartigen Koustatierungen nicht gegenseitig auf. sondern ergeben bei näherer Prüfung neben der Gemeinsamkeit der schädlichen Folgen auch die ihnen allen zugrunde liegende wirkliche Ursache, die unmittelbar aus dem Chaos der Großstadt hervorguillt: d e n M a n g e I an der Totalität, an der Ganzheit des Lebens. In lebendiger Anschaulichkeit offenbart sich dieser Mangel dem Landbewohner, den sein Weg in die Großstadt rührt. Das der Großstädter ihm als ländliche Einfalt undichter, ist in Wahrheit die Unfähigkeit, sich in einem Teilstücke des Lebens als ganzem zu orientieren. Tort in seiner ländlichen Heimat übersieht er auf verhältnismäßig kleinem Raume den gesamten Kreislauf des natürlichen Lebens, ^ein Auge umiaßt Werden und Vergehen der äußeren Natur wie Geburt und Tod im Nieuschenkreife. Auf wirtschaftlichem Gebiet überschaut er Oie Erzeugung der Güter und ihren Verbrauch: überall sieht er einen geschloffenen Kreis, der ihm nach allen Seiten die Orientierung gestattet. Aber die Großstadt stellt ihn mitten in das Gewirr des vielgestaltigen, rastlos schärfenden Lebens hinein, in das Wogen und Fluten, von dem er niche weiß, woher es kommt, wohin es geht. Und doch ist alles war ein Bruchstück des Lebens, aber seine Dimensionen sind von einer solchen Weite, daß das Ganze dem Blicke entschwindet. Das ist die staunende Einfalt des Landbewohners, die ihren Träger mit seelischem Unbehagen erfüllt und das Gefühl der Entwurzelung erzeugt. Er fühlt sich auf schwankendem Boden, der ihm jeden Halt versagt. Ouellen und Ausgänge des Lebens bleiben dem suchenden Blick verhüllt. Der Eindruck einer trostlosen Leere fetzt sich fest, die das Gemüt schwer belastet. Ich habe Freunde gekannt, die die Verpflanzung von der Kleinstadt in die Großstadt fast unglücklich gemacht hat. In die chaotische Fülle der neuen Eindrücke wußten sie weder Sinn noch Regel zu bringen. Erst das Studium. der das Wirtschaftsleben beherrschenden Entwicklungsgesetze, aus das sie sich aus ihrer Notwendigkeit heraus mit wahrer Leidenschaft warfen, gab ihnen das Leitseik der Orientierung. Was diese Menfclren erleben, erlebt die große Masse der Stadtbewohner mit ihnen. Nur daß sie aus der Macht der Gewohnheit sich denen nicht bewußt wird. Aber die drrrch Generationen gequälte mt> verletzte Seele niadjt eines Tages ihre Rechte geltend. Im physischen Organismus kann jede Krankheit als ern Selbstheilungsprozeß angesehen werden, in dem der Körper sich von allen angesammekten kranken und ungesunden Stoffen befreien will. Der soziale Organismus steht unter gleichen Gesetzen. Wenn Störungen des sozialen Zttsammenslebens sich zeigen, so sind sie ein Zeichen dafür, daß irgendwo ein Krankheitserreger fein Unwesen treibt. In dieser Lage befindet sich das jüdische Verölkerungselement der Großstadt. An ihrem sozialen Körper entdecken wir allerhand Mißbildungen und fragen nach den Ursachen und Wirkungen. Und wir erkennen als treibendes Element die Verkümmerung des seelischen Lebens durch die Abgeschlossenheit von der Ganzheit des Lebens, und als seine Folgen stellen wir die Wrrrzellosigkeit des jüdischen Seins fest. Georg Hermann hat also mir seiner Diagnose recht, und ich stimme mit ihm überein. Aber ich entferne mich von ihm, sobald es sich um die Feststellung des Umfanges der Entwurzelung handelt. Sie ist meines Erachtens nick>: nur auf das Verhalten zu unserer nichtjüdischen Umwelt beschränkt, sondern greift auch aus andere Gebiete über und zeigt sich in so vielen unserer Lebensäußerungen wirksam und tätig. Hub nickst nur in den unfngeu! Die Wurzellosigkeit der Großstadt ergreift, nur st ja nach allgemoin-mewchlichen Gesetzen ihren nichtjüdischen Heroohner mit derselben Intensität ergreifen wie seinen jüdischen Genoffen. Und so ergibt sich uns das Bild der a l t g e m e i n e n H a l k l s s i g k e i t. Wir erleben es in der Tat. daß fast jeder Tag neue Ideale aus den Thron setzt. Und was heute noch ein t^rpslichtendes Sollen bedeutet, gehört morgen schon zu den gestürzten Göttern. Diese allgemeine Haltlosigkeit aber — diese Tatfadje wird nicht genügend gewürdigt — ist der Boden, aus dem der Judenhaß seine vergiftenden Kräfte saugt. Die antisemitische Einstellung unserer Zeit erwächst zum großen Teile m i t a u § ihrer Kultnrkrise, die in ihrer Ziellosigkeit nicht weiß, wohin sie sich wenden soll. Und weil diese Generation in dem sie unablässig sorttreiüenden Wechsel der Anschauungen sich ihrer selbst nicht ganz