Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 29 (22.7.1927)
- Date
- 1927-07-22
- Page
- Seite 412 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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41L V Sr> f V v -V>J Neberslüssige Bcstrebuttgen. — Ablehnung in Frankreich, England, Amerika. — Unser TtanVPurrkt. Während der Vorbereitungen zu den Friedensverträgcn bildete sich ein aus Vertretern jüdischer Organisationen der sogenannten Liegerstaaten zusammengesetztes Comltd des delegations juives, das sich der Ausgabe unterzog, für die Regelung der rechtlichen Lage der jüdischen Minderheiten in Ostunb Zentraleuropa den mit Bearbeitung der Minderhcirsfragen an sich betrauten Persönlichkeiten^ die notwendigen speziellen Unterlagen und Vorschläge zu unterbreiten. Auch der American Jewish Congress unter Führung des Richters Mack sowie das American Jewish Committee unter Louis Marshall hatten sich an diesen Arbeiten aktiv beteiligt. Es ist bekannt, daß durch Vertrüge die Rechte dechüdischen Minderheiten im Osten geregelt wurden und daß sich in der Lektion für Minderheiten des Völkerbundes in Eens auch eine jüdische Abteilung befindet, durch die eine Garantie für die Wahrung der in den Verträgen gewährleisteten Rechte geschaffen werden soll. In letzter Zeit machten sich nun im ziouistisch-nationQliüdischen Lager Bestrebungen geltend, neben den sozusagen amtlichen Organen in Genf eine eigene jüdische internationale Zentrale für die Interessen der j ü d i s ch n a t i o n a l e n M i n d e rheiten zu schaffen. Vom 17. bis 19. August d. I. soll in Zürich eine Konferenz zum Schutze der jüdischen Rechte zusammentreten, zu der die großen jüdischen Organisationen der einzelnen Staaten durch Zirkular eingeladen werden, die vom American Jewish Congress «Mack und Stephen Miss) und von: Comiko des deiegaiions juives iNahum Sokolow, bcm Ehest der zionistischen Exekutive, und Motzkin unterzeichnet sind. "Es steht außer jedem Zweifel, daß eine solche Konferenz keine Legitimation hat, sich als eine Vertretung der gesamten Judenheit der Welt zu gelieren. Aber auch abgesehen davon, muß eine Konferenz mit dem. gekennzeichneten Zweck und Ziel die s ch w e r st e n Bedenken aller nichtzionistischen, das Nationaljudentum ablehnenden Kreise erregen und ihren schärfsten Widerspruch herausjordern. Nichts anderes müßte ja eine solche Konferenz bedeuten, als die Konstituierung d es Iudentums'alsüber staatlicher, politisch erund diplomatischer Faktor. In amerikanisch-jüdischen und französisch-jüdischen Kreisen hat das Projekt heftigen Widerspruch hervorgerufen. Louis Marshall, der Präsident des American Jewish Committee hat feine und seiner Organisation Teilnahme aus das entschiedenste warnend abgelehnt. Die Kontroverse zwischen ihm und Stephen Wise füllt die Spalten der jüdischen Presse Amerikas. Von maßgebender französischer Seite wird^ebenso gewarnt. Es wird dabei auch darauf hingewiesen, daß von weiten des Komitees der jüdischen Delegation kein Hehl daraus gemacht worden sei, daß für die Inden die Rechte der nationalen Minderheiten gefordert werden sollen. Selbst wenn dieses auch auf die Juden im Osten beschränkt wird, so bieten die Einberufer der Konferenz keine Garantie dafür, daß diese Beschränkung gewahrt bleibt. Es ist vielmehr die Befürchtung gerechtfertigt, daß der Kongreß sich zum Interpreten des Gedankens macht, daß die Juden die Rechte nationaler Minderheiten allgemein in Anspruch nehmen. Wir wissen auch, daß unsere Bedenken von maßgebenden englischen Inden geteilt werden. Für die psychologische Würdigung der Züricher Pläne ist vor allem die Stimmung der „Betroffenen" wesentlich, d. h. von Juden derjenigen oft- oder zentraleuropäischen Staaten, deren Rechte durch die Konferenz und die aus ihr hervorgehenden Institutionen gleichfalls „geschützt" werden sollen, obschon dieser Schutz gar nicht gewünscht wird oder notwendig ist. Tie Wiener orthodore „I ü d i s ch e Presse" veröffentlichte, als die ersten Nachrichten laut wurden, den Notschrei eines tschechoslowakischen Juden, der schreibt: . . Tie Konserenz will sich als Exekutive der jüdischen Gesamtheit betrachten, um die steckengebliebene politische Arbeit des „Pariser Delegations-Komitees" wieder aufzunehuwn und insbesondere Wege und Mittel ausfindig machen, um im "Rainen des gesamten Judentums die faktische Erteilung politischer „nationaler Minderheirsrechte" an die Juden mancher Länder zu fordern und zu erwirken. Man sieht daraus, daß die Zionisten trotz des unsäglichen Elends, das die unselige Tätigkeit ihres Pariser Komitees auf die Juden Polens und Litauens gebracht hat, und trotz der klaren und unzweideutigen Ablehnung, die ihre „Segnungen" bei der gesamten nichtzionistischen Judenheit erfahren haben, an der unheilvollen Idee von der politischen „Minderheitsuationalität" der Juden festhalteu wollen. Sie erachten sogar den Zeitpunkt gekommen, von einer jüdischen Zentralstelle ans sich int - Namen des „jüdischen Volkes" ungebeten und ungcrusen in die inneren Angelegenheiten der einzelnen Staaten und in das Verhältnis der Juden der einzelnen Länder zu ihren nichtjüdischen Mitbürgern einzumongen und „Forderungen" aufzustcllen, über deren Wert unter den Juden der betreffenden Länder selbst zumindest nicht volle Einigkeit herrscht. Das ist abermals ein solch starkes Stück zionistischer Kurzsichtigkeit und gesährlicher lieberhcbuchkrit, daß sich das ganze Judentum.: mitschuldig mechen würde, wenn es nicht rechtzeitig seine warnende Stimme deutlich und hörbar er! All und gegen diesen Versuch der politischen Verelendung von Millionen Juden nicht auf das entschiedenste Verwahrung einlegt . . . . . . Sollte auf der Genfer Konserenz abermals der Versuch gemacht werden, das tschechoslmvakische Judentum in die rationalistische Minderheffspolirik der Zionisten stiurinzuzieheu, so mögen die Herren erfahren, bevor es 311 spät : ft: W i r wollen nicht! ..." Gegen diese wie aus Herzensnot quellenden Worte klingen alle Gegenargumente von natwnaljüdisch-zionistifcher Seite, auch wenn sie von so prominenter ^cite wie Professor T ubn 0 w ftanunen, gekünstelt, verstandeskalt, kaum mehr als Aufguß der bekannten Argumentationen, die das Judentum zur Nation mnzudeuten sich bemühen. Tie deutsche Oesfentlichkeit hat bisher fast nur referierend zu der Frage des Züricher Kongresses Stellung genommen. Es mag dies vielleicht daran liegen, daß das Problem der Minderheiten in Deutschland, zurzeit wenigstens, ohne jedes aktive Interesse ist. Wir T-eutschen haben aber allen Anlaß, vorsich-üg zu sein und allen nationaljüdischen Minderheitsgelüsten von Beginn an zu begegnen. Wir vereinen uns warnend mit den Stimmen Englands. Frankreichs und Amerikas. d Was an jüdischem Minderheitenschutz notwendig erscheint, findet seine Grundlage in der Dölkerbundssatzung. Hier kann weitergearbeitet werden; was darüber hinaus eine eigene jüdische Vertretung herbeiführen^ soll, ist vom Hebel. Wir deutschen Juden müssen laut unsere stimmen erheben: Wir haben mit diesem Kongreß nichts zu tun. Er ist keine Vertretung der Judenh e i t der Welt u n d insbesondere nicht der deutschen Jude n. „knechtisches, würdeloses Emschleichsn." Ein Beitrag zur Entartung -es politischen Kampfes. Wiederholt ist in diesen Blättern für eine Entgiftung des innerjüdischen Kampfes eingetreten worden. Das richtete sich nicht gegen diesen Kampf überhaupt. Ta nun einmal die innerjüdischen Gegensätze bestehen, wäre es töricht, einem kraftlosen und schwächlichen Vertuschen und Verkleistern das Wort reden zu wollen. Ter Kampf als solcher schadet auch nichts. Kampf bringt Leben. Den Schaden stiftet nur die vergütete Form, in der er vielfach ausgetragen wird. Anstatt die gegnerische Sache zu bekämpfen, sucht man vielfach die Persönlichkeit, die hinter der Sache steht, durch hämische Bemerkungen herabzusetzen. . Man glaubt schon der eigenen Sache genützt zu haben, wenn man den Gegner verkleinert hat. Und vielfach geschieht es gar nicht einmal so sehr aus bösem Willen als aus politischer Unreife. Politisch unreife Menschen können sich nicht vorsiellen, daß jemand eine andere Auffassung haben kann, als sie selbst. Sie sind von ihrer eigenen Meinung so überzeugt, vielfach darin bestärkt durch einseitiasie Parteipropaganda, daß sie von jedem, der diese Meinung nicht teilt, glauben, er wolle aus Boshaftigkeit nicht verstehen oder lehne sie aus Egoismus oder Feigheit ab. Nicht nur die gegnerische Meinung ist unrichtig, nein, auch deren Träger erscheint ihm sittlich minderwertig. Ein typisches Beispiel dafür liefert ein zionistischer Artikel, den Tr. m ichels0hn aus Dessau in dem „A nh a lt er Anzeiger" vom 14. Juli als Erwiderung auf einen Aussatz von Geora Mecklenburg (Ehemnitz) über „Zionismus'und Deutschtum" veröffentlicht hat. Ohne auch nur eine sachliche Erwiderung zu versuchen, weiß er nichts Besseres, als vor dem nichtjüdischen Leserkreise die andersdenkenden Juden in der gehässigsten Weise zu beschimpfen, ohne Rücksicht darauf, ob er damit den Antisemiten in die Hände arbeitet. Er nimmt ohne weiteres an, daß Mecklenburg nur aus „bösartigem Richtverstehenwollou" bei seiner Meinung „verharre". In jener naiv-primitiven Auffassung erscheinen ihm die Zionisten als die „von Idealismus beseelte Ekrte", die „Assimilcmten" als die würdelosen Heuchler. Einige Stilproben mögen diese Kampfesweise beleuchten. Er erklärt, „eine kurze Erwiderung für seine christlichen Mitbürger, die den Unterschied zwischen Juden und Manschet nicht kennen", geben zu wollen, wobei natürlich als „Jude" der Zionist, als „Manschet" der Autizionist gemeint ist. Den Artikel Mecklenburgs nennt er „würdelos bis zum letzten Buchstaben". Testen Bekenntnis zum Deutschtum bezeichne: Michelsohn als „knechtisches, würdeloses Ein s ch l e i ch e n und E i n s ch m ugge! n". Aus die Feststellung Mecklenburgs, daß die Zionisten nur einen Bruchteil der deutsche«! Juden bilden, erwidert Michelsohn: „Freilich, zum Zionismus gehört nur eine vorn Idealismus beseelte Elite. Aber die Masten, die die Assimilanteuvereine füllen, sind völlig indifferente, vom Antisemitismus eingeäugstigte Menschen." Er schreibt dann weiter: „Die »liberalen' Führer des deutschen Judentums sind in den politischen Parteien Deutschlands kläglich gescheiterte, abgetakelte Abgeordnete des Reichstags und Landtags . . . sind von krankhaftem Ehrgeiz beseelte Menschen." Die Wahrheit ganz auf den Kops stellend, führt er dann ans, daß die deutschsuhlenden Juden „erst vor kurzem aus dem Osten eingcwandcrt