Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 29 (22.7.1927)
- Date
- 1927-07-22
- Page
- Seite 411 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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411 Die Zahnen von Langemarö. Die Totenehrung der Deutschen StuDentenschaft. Aus dem Geiste der Gemeinschaftlichkeit und Gemeinsamkeit großen und schweren Erlebens stammt der Brauch, Tagungen der Deuts chenStudentenschast mit einer Gedenkfeier für die gefallenen Kommilitonen zu beginnen. Wie bedeutungslos müßten doch, wenn die Erinnerung an Leiden, Sieg und Tod der Kriegsjahre stimmungsvoll heraufbeschworen war, all die Streitpunkte erscheinen, die nicht der ganzen, wichtigen Sache deutschen Iungakademikertums dienen sollen, wie müßten eigentlich nach dem großen Erleben der Kriegszeit alle kleinlichen, engen, Spaltung bergenden Wünsche von Gruppen und Cliquen verwehen. Müßten eigentlich — doch was geschah am 17. Juli 1927 in Würzburg auf dem X. Deutschen Studententag? Ein Gedenkstein für die Kriegsgefallenen wird enthüllt. Das Programm nennt einen protestantischen, einen katholischen Geistlichen als Weiheredner. Der Rabbiner fehlt. Anfrage der jüdischen und paritätischen Verbindungen Würzburgs: Warum wird kein jüdischer Geistlicher Zugezogen? Antwort der Deutschen Studentenschaft: Zeitmangel, jetzt noch Aenderungen vorzunehmen, aber auch wenn die Zeit gereicht hatte, einen Rabbiner hätte man doch nicht zugezogen, mit dem gleichen Recht hätten die Baptisten und Buddhisten geistliche Vertreter zu entsenden beantragen können. Trotzdem nahmen die jüdischen Studenten an der Feier teil. Heldenehrung ist ihnen- Herzenssache, sie wollen sich nicht absondern lassen. Am Nachmittag zuvor wurden die Fahnen jener Freiwilligenregimenter für die Gedenksteinweihe eingeholt, die 1914 bei Langemarck mit dem Gesang von „Deutschland, Deutschland über alles" auf den Lippen den Heldentod für ihr Vaterland starben. Zahllose jüdische Abiturienten und Studenten unter ihnen. Von der Einholung der Fahnen schließt man die Juden aus. Jene, die unter Deutschlands Fahnen stürmten und starben, konnten hinter den zersetzten Fahnen nicht mit denen feiern, die leben blieben. Tie Volksgemeinschaft des Massengrabes gönnt man ihnen, wann kommt die Volksgemeinschaft der Lebenden? rg. „der Angriff." Dr. Goebbels" neues Organ. Die Liste der völkischen Blätter ist in der letzten Woche durch eine Neugründung verlängert worden. Der berüchtigte völkische Organisator und Agitator Dr. Josef Goebbels läßt in Berlin erstmalig „Für die Unterdrückten, Gegen die Ausbeuter" ein „Deutsches Montagsblatt" erscheinen. Der Inhalt des Blattes bietet für den, der Goebbels' Stt! und Taktik kennt, nichts Neues. Die Aussätze sind brutal bis zur Zynik, und der Humor — eine Beilage wird „Der Philosemit" genannt! — wirkt geistlos gekrampft. Die neue Zeitung dürste die Wirkung erzielen, ernsthafte Fach wohl nicht als Vertreter des Finanzkapitals betrachten, war, wenigstens unter dem Begleitpersonal, der jüdische Einschlag stärker, unter den fünf Haupt delegierten befand sich aber auch bei den Russen nur ein Jude (^okolnikoff). Demnach wird man. ohne völlige Verdrehung der Wahrheit, auch nicht gut behaupten können, wie cs tatsächlich aber jetzt schon wieder in deutschnationalen und völkischen Blättern geschieht, daß die antiprotektiouistischen, freihändlerischen Beschlüsse von Genf von der jüdischen Hochfinanz und vom jüdischen Händlcrgeist diktiert worden seien. Die Genfer Weltwirtschastskonferenz ist allenthalben als ein Weltparlament angesehen_worden, dessen Zusammensetzung den tatsächlichen Machtverhältnifsen und Gruppierungen innerhalb der Weltwirtschaft im wesentlichen entsprach. Nur zwei Einwände ließen sich vielleicht dagegen machen: einmal, daß jeder Staat den Anspruch auf dieselbe Zahl, nämlich auf fünf Delegierte, hatte, was aber praktisch bedeutungslos war. weil es ja in Genf nicht auf Mehrheitsabstimmungen ankam. Und der zweite Eimvand: daß namentlich aus Amerika die ganz großen Bankiers fehlten. Man hat in Genf selbst die WettwirLschaftskonferenz scherzweise Je parlement des anciens“ genannt, weil so viel alte Minister. Botschafter und andere Würdenträger a. D. dort versammelt waren, während die aktivsten Privatwirtschaftler offenbar nicht glaubten, das Opfer an Zeit bringen 311 können, um drei Wochen lang in Genf über Fragen der Gesaurtwirtfchast zu beraten. Dieser Einwand aber läßt sich nicht gegen die zweite große Wirtschastskonfcrenz dieses Jahres erheben: gegen den Kongreß der Internationalen Handelskammer, der unmittelbar nach Eens. Ende Juni und Anfang Juli, in Stockholm tagte. Die Zusammensetzung der Stockholmer Tagung war nicht so abgewogen wie die des Genfer Parlaments. die Zahl der Delegierten nicht fixiert, dazu kam, daß in der internationalen Handelskammer ohnehin Finanz- Leser von der Inhaltslosigkeit der von Goebbels gepredigten Lehre zu überzeugen. . . Dem Herausgeber schwebte vielleicht, als er die Zeitung „Der Angriff" nannte, der Gedanke vor, der Hieb sei die beste Parade. Dieser Hieb dürste ins Leere gehen. Der Präsident von Mexiko. Untaugliche Mittel im religiösen Kampfe. Hg. In Mexiko, dem klassischen Lande der Revolutionen, haben die Bestrebungen auf Trennung von Staat und Kirche 311 einem Kampf gegen die katholische Kirche^ geführt, der Erscheinungsformen angenommen hat, wie man sie aus Chroniken und Geschichtswerken, die die Zeiten der Religionskriege in Europa schildern, in Erinnerung hat. Es bedeutet keine Einmischung in die inneren Verhältnisse eines fremden Staates, wenn wir auch in diesen Blättern unserem Bedauern darüber Ausdruck geben, daß in einem großen und blühenden Lande ganze Ktasien von Menschen um ihres Glaubens willen Gegenstand schärfster Verfolgung sind. Mehr als die meisten Blätter hat auch wohl dieses Organ die innere Berechtigung zu einer solchen Aeußerung; denn seit seinem Bestehen gilt sein Kampf allen Verfolgungen, die Menschen um ihres Glaubens willen erleiden müssen. Und unsere Haltung gegenüber den mexikanischen Vorgängen wird auch dadurch in keiner Weise schwankend, und unsere Ileberzeugung von der Notwendigkeit der Glaubensfreiheit wird auch dadurch nicht ins Wanken gebracht, daß in katholischen Blattern Deutschlands, und zwar teilweife in sehr angesehenen und weitverbreiteten Zeitungen, die merkwürdige Version auftaucht, Präsident E a l l e s, auf dessen Initiative die Bekämpfung der katholischen Kirche in so ungemein scharfer Form vor sich gehe, sti I u d e. sogar, was eine Steigerung bedeuten soll, eingewanderter Ostjude. Die Behauptung wird wirklich ernsthaft aufgestellt, und so sehr man sie psychologisch auch verstehen kann, weil es sich ja um einen beinahe durch Uebung geheiligten Brauch handelt, dadurch die Verworfenheit des Gegners zu entschuldigen und seine womöglich ehrliche Meinung zu diskreditieren, daß man ihn zum Juden stempelt, so unpsychologisch ist es. Mittel des religiösen Hasses wiederum zur Abwehr eines Religiouskampfes zu verwenden. "Nun trifft von Calles' Judentum nur eines zu: er trügt neben seinen anderen Vornamen auch den: Elias, und eine rege Reporterphantasie sieht in „Calles" eine raffinierte Buchstabenauswechslung von Elias. Die Herrschaften wissen nicht, daß der volle Name des übrigens katholischen Generals und jetzigen Präsidenten lautet: Plutarco Elias Calles. Die Vorfahren des Präsidenten sollen aus Syrien in Mexiko eingewandert sein. Aus der Tatsache alttestamentarischer Vornamen auf jüdische Herkunft zu schließen, dürste ein recht bequemes, aber ebenso unsicheres Mittel ein. Denn die Vorliebe, Vornamen aus dem Kreise biblischer Pervnen zu wählen, ist ja gerade in streng religiösen christlichen Kreisen weit verbreitet. Wenn die katholische Presse sich gegen mittelalterliche Methoden der Bekämpfung der katholischen Kirche wehrt, so Dürste die Verwendung gleichfalls mittelalterlicher Mittel hierbei wenig geeignet sein, den Gegner moralisch ins Unrecht zu setzen. und Handelskapital stärker vertreten sind als das Industriekapital. Dafür aber nahmen an der Stockholmer Tagung mm auch wirklich aus allen großkapitalistischen Ländern die hervorragendsten Führer teil, während die Landwirtschaft, die Genossenschaften und die Gewerkschaften diesem Kreise nicht angchören. das angeblich so „verludet^ Großkapital war also hier „unter sich". Aber auch in Stockholm war von einem jüdischen Einfluß oder gar von einem jüdischen Uebergewicht nicht allzuviel zu spüren. Die hervorragendsten Vertreter des amerikanischen Großkapitals, der Ehrenpräsident der Internationalen Handelskammer. Willis H. Booth. der Vizepräsident der Guarauty Trust Company, und der Präsident der amerikanischen Gruppe. Owen D. Houng von der General Electric Company, sind Nichtjuden, ebenso wie die große Mehrzahl der anderen amerikanischen Kongreßteilnehmer. Die englische, die französische und die italienische Abteilung der Internationalen Handelskammer sind fast vollkommen „judenrein" und nur in der deutschen Gruppe führt ein Mann jüdischer Abstammung den Vorsitz. der Berliner Handelskammerpräsidem ' Franz v. Mendel sohn. fce|)en Familie sich freilich schon in der vierten Generation nicht mehr zum jüdischen Glauben bekennt. Also auch in Stockholm wären die Verteidiger des wirtschaftlich begründeten Antisemitismus nicht auf ihre Rechnung gekommen. Die große Parade der kapitalistischen Weltorganisation hat sich ebenso wie das Wirtschaftspartamcnt des Völkerbundes, zu einem unzweideutigen Beweise gegen die antisemitische These gestaltet. Wir glauben nicht, daß dadurch die Fanatiker oder die Geschäftsleute des Antisemitismus zu einem Wendel ihrer Anschauungen gelangen werden. Aber denjenigen, die. überzeugt durch antisemitische „Argumentes bisher au die „Derjuduna" der Weltwirtschaft geglaubt l^ben, müßte nach den Erfahrungen von Genf und Stockholm doch eine andere Erkenntnis dämmern