Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 29 (22.7.1927)
- Date
- 1927-07-22
- Page
- Seite 410 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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410 Wucherer und Halsabschneider, gegen den deutsches Gewerbeleben und deutsche Wirtschaftssitte geschützt lverden müssen. Ebenso selbstverständlich wird er in einer Epoche, als sich das reichgewordene deutsche Bürgertum feudalisiert und biologische und Rassenwerte zu hohem Kurs hinauftreibt, der blutsfremde zersetzende Schädling. Und ebenso selbstverständlich und in eben der gleichen geschichtlichen Schuldlosigkeit wird er in einer Zeit der Kulturkrtse und Kulturangst der Träger negativer Zivilisationswerte, die das auslösende Eist für alle wahre und organische Kultur bedeuten. Ter Prügelknabe muß immer vorhanden sein, und aus dem trüben Abgrund der Fremdenscheu und des Fremdenhasses kocht Blase um Blase heraus. Daß man sich dabei in erster Linie an den Juden hält — im übrigen haben auch der dekadente Franzose, der händlerische Engländer, der nihilistische Russe vorübergehend die gleiche Rolle gespielt, daneben auch der Demokrat, der Sozialist und der Großstädter —, liegt lediglich daran, daß er sozusagen am nächsten bei der Hand ist, und daß man um seiner sozialen Unbeschütztheit willen die exzessivsten Tumultinstinkte am ungestraftesten gegen ihn toben lassen darf. Es würde gut sein, einer Neuauflage des Müllerschen Buches, die hoffentlich notwendig werden wird, diese breitere soziologische Fassung zu geben, wobei die an den Anfang gesetzteil Ausführungen über die „Satanssymbolik" zum Nutzen der Klarheit und der konstruktiven Einheitlichkeit des Buches wegfallen könnten. Höchst bedeutsam und wertvoll aber bleiben alle weiteren Folgerungen, bleibt besonders die politische Wendung, die aus dem Buche von Tr. Müller-Claudius herauswächst. Und geradezu erschütternd wirkt das dem jüdischen Kinde gewidmete Kapitel, das mit den besten Forschungsmethoden moderner Tiefenpsychologie in Abgründe und Dunkelheiten hineinleuchtet, an denen wir Nichtjuden meist achtlos vorübergehen, weil wir gar nicht ahnen können, über welche Abstürze das Leben des jüdischen Kindes inmitten einer ihm fremd und feindlich gegenüberstehenden Umwelt von Schulkameraden und Lebensgefährten hinweggleitet, wenn es nicht gar in ihnen stumm versinkt oder klaglos zerbricht. „Seine Jugendfreude - ist nicht die gleiche, die uns umleuchtete, denn dieses Lachen hat keinen Boden unter sich.. Es steht über einer Wunde. Der Blutende muß ein anderer sein als der Lachende"; kann man es zarter und furchtbarer' zugleich ausdrücken, wie sich die verhängnisvolle Wahnsymbolrk in ein jugendliches Leben einfrißt, das auch unbeschwert bleiben möchte die wenigen jungen Sonnentage hindurch, die dem Menschen unwiederkehrbar geschenkt sind? Strass aber wächst aus dem Schluß des Buches die politische Tendenz und die praktische Anwendung: Aus gesundem Raffengefühl und Rassenstolz wurde Rassen a n g ft. Ein gesundes Raffengefühl macht nie neidisch und scheelsüchtig, wir aber find hämisch und ängstlich geworden. Sind Symbole oft Quellen der Kraft, so ist das antisemitische Symbol für unser Volk ein Zersetzungskeim. Wir sind auf dem besten Wege, ein Volk von Neurotikern zu werden. Wenn es wahr wäre, daß uns der Jude gefährdet, der noch nicht ein Prozent unseres Volkes allsmacht, so ist unsere Rasse verderbt und gefährdet, aber nicht durch Judenverstricktheit, sondern durch eigene Schuld. Das ist ja überhaupt die schwerste Gefahr des ganzen Rassenwahns, daß er den Kampf um die innere Läuterung des eigenen Wesens ablcnkt zu einem nutzlosen Gespensterkampf gegen ein von uns konstruiertes und dann von uns unter Anklage gestelltes Symbol. In diesem Sinne schrieb ich einmal an anderer Stelle: „Antisemitismus ist Scheinalarm, der unsere Aufmerksamkeit und Tatbereitschaft von den wirklich bedrohten Emstnrzstellen unserer Kultur und unserer Gesellschaft abzieht." Denn läutern, ergänzt Müller- Claudius diesen Gedanken, kann nur die Flamme, die in llns brennt, nicht aber die, die wir in andere werfen. Wie soll man nun die Eötzenmacht der fatschen Symbole zerbrechen? Müller-Claudius gibt als Weg an, „das Unbewußte ins kritische Bewußtsein heben", durch „Wissen" ein symbolischer Mensch werden und die Ueberruacht der Symbole ln uns zertrümmern. Wir stimmen gern zu, und alle unsere Bemühung war seit je in den Dienst dieser Idee gestellt. Dennoch bleibt uns der Zweifel: Wäre hier die Kräfteverteilung nicht gar zu ungleich? Wuchern die Symbole nicht in einer tieferen Schicht des Bewußtseins, in die Kritik und Ueberlegung gar nicht zu dringen vermögen? Sind wir nicht so bilderbedürftig, wir Armen, daß keine Hand uns die wahnvolle Täuschung vom Auge reißen kann? War es nicht gerade Müller-Claudius selbst, der im Hauptteil seines Buches eine meisterhafte Analyse des Entlastungswertes der Raffenshmbolik gab? Und braucht die Menschheit und die soziale Gruppe nicht noch stärker als der einzelne die einhüllende Lebenslüge? Ich begrüße das schmetternde Signal, das auf die Schanze ruft zu Arbeit und Aufklärung. Aber ich glaube, erledigt wird der Antisemitismus nur dadurch, daß irgendwann einmal eine neue, vom Objekt des Juden abgelöste Massenpsychose heraufsteigt und die alte verdrängt (genau so wie wir nach Ansicht von Müller-Claudius vor '1095 wohl eine Satanssymbolik, aber keine Judensymbolik hatten). Freilich heißt das, den Teufel durch Beelzebub vertreiben. Aber wenn schon ein Prügelknabe da sein muß — braucht es immer ausgerechnet der Jude zu sein? $ Gmf Mh SisckhslM. Wo waren öle jüdischen „Welist'nanziers"? Von Dr. Richard Lcwirrsohrr. Ist Großkapital und Judentum ein und dasselbe? Beherrschen ' die Juden die Welt, weil sie die Träger des Großkapitals sind? Diese Fragen, die heute den Angelpunkt des internationalen Antisemitismus bilden, werden auch von denjenigen Antisemiten, die sich ihr Metier etwas schwerer machen, gewöhnlich daraufhin bejaht, daß man kurzerhand die Namen einiger prominenter jüdischer Bankiers in den verschiedenen Ländern aneinanderreiht und so die These von der „jüdischeu Finanzherrschast" zu „beweisen" sucht. Das Verfahren ist gewiß von äußerster Primitivität, aber man muß zugeben, daß es auch schwierig ist, gegen diese unbewiesene Behauptung den Gegenbeweis zu führen. Tenn die antisemitische These ist so komplex und weitschweifig, daß man in exakter Weise eigentlich nie mehr als einen kleinen Ausschnitt aus dem gesamten Gebiet, eine Teilansicht des . ganzen Weltwirtschastsbildes erfaßen kann. Deshalb war es für alle, die an der sachlichen Nachprüfung der antisemitischen These ein Jnteresie haben, ein glücklicher Zufall, daß sich in diesem Jahr aus zivei großen internationalen Wirtschaftskonferenzen kurz hintereinander einmal Gelegenheit bot, die führenden Vertreter des Großkapitals aus aller Herren Ländern ' einmal in einem Saal versammelt zu sehen und sie unter dem Kennwort „jüdisch oder nichtjüdisch* Revue passieren zu taffen. Hier brauchte mau nun nicht mehr „geheimen Fäden" nachzugehen, die nach der Auffassung der Antisemiten von den dreihundert Großen der jüdischen Weltfinanz gesponnen und fest in der Hand gehalten werden, hier hatte man die „Fadenjpinner" und „Fadenhalter" öffentlich beisammen und konnte einwandfrei die Probe aufs E x e m p e l machen. Wie ist sie ausgefallen? Zunächst die erste und weltpolitisch bedeutendere der beiden VeranitaUintcjcti: die vom Völkerbund einberufene Internationale W i r t s ch a f t s k o n f e r e n z, die im Mai dieses Jahres in den Räumen des Völkerbundes in Genf tagte. Annähernd zweihundert Delegierte aus rund fünfzig verschiedenen Staaten nahmen daran teil, dazu noch etwa sechshundert Sachverständige. Unter den Delegierten und '^achtstündigen befanden sich etwa dreißig Gewerkschaftsvertreter und über hundert aktive Beamte aus den Wirtschasrsdepartements und Gesandtschaften der verschiedenen Staaten, die aber auch zum großen Teil ihrem früheren Wirkungskreis und ihren persönlichen Beziehungen nach dem Großkapital nahestehen. Ferner waren einige Dutzend Landwirtschaftsvertreter hinzugezogen worden und schließlich einige Delegierte der Genossenschaftsbewegung. Der Rest, also die große M e h r h e i t der Konferenzteilnehmer, waren ausgesprochene Vertreter des Großkapitals. Schon äußerlich konnte man in dem Bilde der Genfer Plenarversammlungen wahrnehmen, wie selten unter den Teilnehmern der Konferenz ein jüdischer Typus war. Aber dieser physiognomische Eindruck konnte natürlich täuschen, zumal in einer Versammlung, in der so verschiedene Völker und Nassen dicht nebeneinander saßen. Allein eine Durchsicht der amtlichen Teilnehmerliste ergab denselben ' Befund. Jn^dcr deutschen Delegation befand sich unter den delegierten sachverständigen kein einziger Jude. In der j französischen Delegation, die ziffernmäßig die größte war, weil die Franzosen an die fünfzig Experten mitgebracht hatten, befand sich unter den Delegierten ebenfalls kein einziger, unter den Sachverständigen e i n Jude. In der englischen Delegation war weder unter den Delegierten noch unter del^ Sachverständigen ein Jude. Unter den fünf Delegierten und zehn sachverständigen ans den Vereinigten Staaten von Nordamerika war allein der Direktor der staatlichen Handclsabtciluug, Julius Klein, jüdischer Abstammung. In der italienischen Delegation befand sich kein einziger Jude, in der japanischen Delegation natürlich ebenfalls keiner, und auch innerhalb der großen belgischen Delegation gab cs keinen Mann jüdischer Herkunft. Aehnlich verhielt cs sich mit der „Verjudung" in den kleineren Delegationen der Genfer Weltwirtschastskonferenz. Lediglich in der s o w j e t x u {f i f cf} c n Delegation, die aber selbst Antisemiten von (Fortsetzung auf Seite 411 unten.)