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Central-Verein-Zeitung · 1927-07-22 · 29 (22.7.1927) · p. Seite 409

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
29 (22.7.1927)
Date
1927-07-22
Page
Seite 409 (sequence 1)
Language
German
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s I /i;di 21 | Juli 1SL7 YL Jahrgang ❖ Nr. 2Y ^'Ij-»t H vji^kS^ I.) t/ji'.,{)| ^.,-s -F.-. - Bierteijahrsabonnement 1,20 WS». Csuaügl. Bestellgeld). Einzelnummer 10 Pfennig, Verlag rr. SchrifUe!tung: Berlin 8W 63, Lindenstr. 13. .:. Fernsprecher: Amt Dönhoff 3591,3595. .:. Bostscheckkonto: Berlin 3017 stubr O, Berlin 8W 6k, Lir.denstr. 7, und von Soldschmidt-Roihschüd & Co., Berlm W8, Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen.Expedition Rudolf Moffe, Berlin SW 19, und deren Filialen. Anzeigenpreise^ 0,99 <7?J< f Normalzeilenmesser Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche (nicht Stellenangebote) für Mitglieder des Centralvereins v,4o Jio San MoMr §r. Erik Nölting MEmr a.M. i nt I i i J . i ij i| ii; Es ist ein altes Thema der Soziologie, daß im sozialen Eruppenleben die Unmittelbarkeit der Anschauung verlorengeht. Völker und Rassen, Klassen und Parteien sehen sich nur noch durch einen Schleier von Vorurteilen und Entstellungen. Die Oelonomie des Lebens zwingt uns dazu, in Verdichtungen zu denken. Wir mussen den Begriff „des Deutschen", „der Frau", „des Proletariers" bilden, wenn wir in einem unübersehbaren Gewoge die Ordnung nicht gänzlich aus der Hand geben wollen. Nun ist mit jedem typologisierenden Denken die Gefahr einer Schematisierung unlösbar verbunden. Ich kann nicht ein gesellschaftliches Kollektivurteil über die Frau abgeben, ohne der einzelnen Erscheinung, der konkreten Nuance damit unrecht zu tun. Dennoch wäre die Gefahr nicht so schlimm, wenn es sich bei den durch Typisierung entstehenden Kollektivgebilden um das handelte, was die Wissenschaft den „reinen Jdealtypus" nennt, d. h. um den Prägnantesten und konzentriertesten Wesensertrakt. Jede Gruppe aber, die, um zu klarem Eigenbewußtsein zu gelangen, ihr Eruppenselbst heraushebr und die sich als Korrelat das Bild der anderen Gruppe gegenüberstellt, ist bei diesem Prozeß dem unentrinnbaren Zwang unterworfen, von der Wirklichkell abzuweichen und statt wirklichkeitstreuer Porträts Klischees anzufertigen, die die Lebensrealität verfälschen. Man ßilijtert und idealisiert das eigene Bild und verzerrt und entstellt das fremde. Immer ist die Firierung des eigenen Wesens verbunden mit Eigenlob und Dünkel. Immer wird aus den eigenen Zügen eine Anserwähltheit, eine Sendung herausgelesen, möge sie auf göttlichem Beschluß oder auf Raffenanlage oder besonderer historischer Mission beruhen. Der Ueb^rbelichtung des eigenen entspricht aber eine Verdunkelung des fremden Wesens. Stets führt hier, wenn auch häufig unbewußt, eine unfreundliche Absicht die zeichnende Feder. Nur auf dem dunklen Hintergrund der anderen erhebt sich nur so augenfälliger die strahlende Reinheit der eigenen Art. Statt Wesensanalyse treiben wir Symbolik. Diese Symbole aber, die wir von uns und den anderen entwerfen, sind ebenso ausgezeichnet durch eine außerordentliche Beharrlichkeit wie durch eine tiefe Unbekümmertheit um alle wirkliche und reale Erfahrung. Symbolurteile sind souverän, und jenseits aller Empirie, nicht gestützt ans Erfahrungen, deuten sie diese um. Niemals vermag eine Theorie sie zu widerlegen, niemals ein Vorgang sie zu erschüttern. Erhöhung des eigenen und Herabsetzung des fremden Wesens ist der Zweck aller sozialen Symbolik; sich selbst zu entlasten, den anderen aber zu beschweren, ist ihr geheimer Sinn. Dabei sind solche Symbole keineswegs nur das Spiel einer müßigen Phantasie. Sie sind geschichtsbewegende Mächte von außerordentlicher Wirksamkeit. Sie sind die fürchterlichsten Eötzenaltäre der Menschheit, von denen Blutströme durch alle Zeiten rinnen. In historische Phantasiekostüme gekleidet, sind bte Menschen zu allen Zeiten aufeinander losgerannt, immer war das verlogene Spiegelbild ihnen wichtiger als der unverfälschte Wesensausdruck. Liegt im Menschlichen das Gemeinsame begründet, so das Trennende im Klischee. Uns aber treibt ein finsterer Dämon, das Trennende und das Klischee zu sehen. Von der unheilvollen Macht der sozialen Symbolik handelt ein Buch, das Dr. Michael Müller-Claudius unter dem Titel „Deutsche Rassenangst" unlängst im Verlag E. A. Schwetschke & Sohn erscheinen ließ. Es ist ein Nachteil dieser sonst sehr bedeutsamen und wertvollen Schrift, daß sie den. Antisemitismus zu sehr als bloßen Einzelsall betrachtet, statt in ihm eine der unzähligen Abwandlungen zu erblicken, die die moderne Soziologie längst analysiert hat. Aus diesem Grunde vermögen wir auch dem Kernsatz dieses Buches, der heutige Antisemitismus sei nur entstanden aus Religionssymbolik, nur mit starker Einschränkung zuzustimmen. Der Antisemitismus entsteht unseres Erachtens vielmehr aus dem jeder Gruppe innewohnenden triebe nach Selbstabgrenzuug uud Ueberhebung. Dabei ist es selbstverständlich, daß in einer Zeit, wo alle Empfindung und alles Denken die religiöse Orientierung auftoeist, die erste judenfeindliche Symbolik zunächst die religiöse Färbung anninunt. Als sich später im allgemeinen Kurssturz der religiösen Werte die Bewertungsweise von der religiösen auf die rassischen und nationalen Unterschiedsmerkmale umlagerte, konnte sich natürlich auch das Jndensymbol diesem Bedeutungswandel nicht entziehen, so daß neben dem religiösen der ökonomisch-biologischkulturelle Antisemitismus in den Vordergrund tritt. Auf dem Grunde aber wirkt der ewig gleiche Abhebungsdrang, der von dem Allgenblick an vorhanden ist. wo das zunächst vegetative und unbewußte Gruppeuleben in die Zone der Bewußtheit und Selbstspiegelnng tritt. Nur die historische Ausdrncksform der Symbolik wechselt, aber bleibend ist ihr Gehalt und ihr Fnnktionswert. Immer soll der Jude als der Schädling dargestellt, immer sollen die abwehrenden Grnpperünstinkte am feindlichen Symbol aufgestachelt und mobilisiert werden. Ist der Jude um die Zeit der Kreuzzüge (Müller-Elaudius setzt als Anfangspunkt die Jahre 1093 bzw. 1146), als die erste antisemitische Woge über Deutschland hinweggeht. der Messiasmörder, der Ungläubige und Gottwidrige, der Gottes Zorn ins Land trägt, an dem die Tat von Golgatha noch einmal zu verdammen und zu richten ist, so ist er später in einer Zeit, in der die ökonomische Zielsetzung überwiegt, der VÜlä Richard Lewinsohn: Genf und *ütiP Stockholm. — Die Konferenz zum Schuh der jüdischen Rechte. — Rechtsanwalt Karl Loewerrstein (Aachen): „Knechtisches, würdeloses Eirrschleichcn." — Großstadt oder Kleinstadt, der Aussprache Fortsetzung. — Benno Elkan (Frankfurt a. M.): Tage für jüdische Musik. — Dr. Joseph Lehmann: Juden auf der Wanderschaft.

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