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Central-Verein-Zeitung · 1927-07-15 · 28 (15.7.1927) · p. Seite 403

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
28 (15.7.1927)
Date
1927-07-15
Page
Seite 403 (sequence 7)
Language
German
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403 1 t . i; 3! j I U n! , i f!! I;! Fu-en in New Zork. Eindrücke von Rudi Bach (New York) (Aelterrnbund -er „Kamcravcn".) Die folgenden Darlegungen enthalten in der Hauptsache persönliche Beobachtungen von möglichster Genauigkeit, erheben jedoch weder auf WiffenschaftlichkeiL noch auf irgendwelche Vollständigkeit Anspruch. Der Verfasser. Für den Fremden, der N e w Dort kennenlernt, ist eine der auffallendsten Tatsachen die kompakte Masse der jüdischen Bevölkerung. Tie ungefähr ein dreiviertel Millron Juden, die in der Stadt leben, machen zahlenmäßig rund 27 v. H. der Bevölkerung aus, und sie sind nicht nur in den verschiedenen Gettobezirken hervorstechend, sondern im ganzen Getriebe der Stadt. Zum weitaus größten Teil sind diese Massen im Verlauf der letzten vierzig Jahre aus Ost- und Südosteuropa zugewandert, das heißt also aus den Ländern, in denen die Juden unter irgendwelchem Druck zu leiden haben. Bei näherer Berührung überrascht zunächst ein außerordentlich schroffer Gegensatz d e r G e n e r a t i o n e n, weit schroffer noch, als wir sie in Deutschland und dem übrigen Europa als Kriegsfolge kennengelernt haben. Die drei lebenden Generationen unterscheiden sich nicht nur in Ansichten und Meinungen, sondern im eigentlichsten Wesen der Menschen selber. Was sich dabei vollzieht, ist jedoch weniger ein Kampf, als eine völlige W e g e n t w i ck l u n g der Jüngeren von den Aelteren. Da sehen wir einmal die Alten, die herüberkamen, als der tätige Abschnitt ihres Lebens schon nahezu oder ganz abgeschlossen war. Sie haben sich unter den neuen Einflüssen wenig verändert. Man sieht sie, alte, verbrauchte Männer und Frauen, in den Straßen der Gettos, in einer Umgebung, die nahezu vollkommen der drüben gewohnten, mit ihren engen, alten und dumpfen Häusern, dem östlicher Straßenhandel und Srraßenleben angeglichen ist. Sie sprechen wenig englisch, da sie ausschließlich unter sich leben und der Verkehr mit der Außenwelt auf das Notwendigste beschränkt ist. Während sich diese Alten der freieren Lust, die sie hier atmen, freuen, vermissen sie doch zugleich die alte Heimat, in der trotz allen Druckes ihre Wurzeln liegen. Die Söhne und Töchter dieser Generation stehen als „tragende Schicht" im heutigen Leben, die Männer im Beruf, die Frauen allermeist aus Haus und Familie beschränkt. Sie kamen herüber in einem Alter, in dem die inneren Grundzüge des Menschen bereits geprägt sind, aber äußere Anpassungen an Lebensumstände durchaus noch möglich sind. Das sind die Männer, die — als Arbeiter — einzelne Berufsgruppen, wie zum Beispiel Tertilfertigfabrikation, Zu einem tatsächlich jüdischen Monopol gemacht haben, die Männer, die wir in den unzähligen rituellen und nichtrituellen Frühstücksrüumen und Restaurants arbeiten sehen, die vielen, die als Angestellte, Verkäufer, Reisende ihr Leben fristen, aber auch die, die besondere Tüchtigkeit oder Skrupellosigkeit (oder der Krieg) zu Besitzern von Fabrikunternehmungen und Grundstücken gemacht hat. Tie'Arbeiter finden wir in mächtigen Organisationen — den Unions — vereinigt, deren einige bis zu 70 v. H. Juden zu ihren Mitgliedern zählen (der Rest meist Italiener). Gerade in den Berufen der Handarbeiter also, in denen wir in Westeuropa wenig Juden finden, sind sie hier sehr zahlreich vertreten. Tie Unterschiede der Bildung und Kultur innerhalb dieser Schicht sind beträchtlich. Ihre Spannweite läßt sich ungefähr aufzeigen in der Gegenüberstellung zweier Männer, die als Kollegen am gleichen Schnerdertisch arbeiten: Mike hat seine amerikanische Laufbahn als Hausierer irgendwo in Pennsylvania begonnen. Er ist völlig ungebildet, liest und schreibt Jiddisch schlecht und Englisch kaum, das heißt, nur mühsam. Seine Interessen sind ausschließlich auf das Materielle beschränkt. Mit eisernem Fleiß und einer Sparsamkeit, die mau besser als Geiz bezeichnet, verfolgt er das eine Ziel, seinen Kindern ein Vermögen Zu hinterlassen, das ihnen einen „Start" im Leben gibt. Dafür versagt er sich alles. Durch glückliche Spekulation gehört diesem Mann ein Haus iur Werte von 30 000 Dollar, und er" ist auf ferne Würde als „landlord" — Hauswirt — nicht wenig stolz. Dazu bringt ihm seine Arbeit ungefähr 50 Dollar die Woche ein. (Das ist, an den Kosten der Lebenshaltung gemessen, ein guter Lohn; Handarbeit ist verhältnismäßig gut bezahlt.) Mike ist noch einigermaßen religiös, macht jedoch außerhalb des Hauses beträchtliche Konzessionen. Vor Pessach wrrd er gefragt: „Wirst du am Scder auch beten kschonoh haboh bejeruscholajim?" Da sagt er: ^krusebolajim? Kost sich das Steamerücket zwahuudertsufzich Dollar . . Das ist Mike. Anders Ben; als er mit fünfzehn oder sechzehn Jahren heruberkam, hat er zuerst für seine Geschwister, dann für seine Eltern me Uebersahrt erarbeitet, und nachher mit neunzehn geheiratet. wäre gern Anwalt geworden und hat in den Abendstunden studiert, aber daun war die Arbeit zu hart — er hat es nicht fertiggebracht. Ganz Autodidakt, weiß er auf allen Wissensgebieten leidlich Bescheid, spricht auch einigermaßen Deutsch. Er 'ist ein Grübler und Zweifler, der sich mit seinen Erkenntnissen nicht leicht Zufrieden gibt. Natürlich wird sein '^ohn studieren. Ben hat sich als tüchtiger und verläßlicher Arbeiter Schritt um schritt hcraufkssarbeitet und verdient heute 75 Dollar die Woche. Auch er lebt sparsam, wenngleich nicht kleinlich. Sein Vater war ein orthodoxer ^-horaschreiber. Beu aber ist in religiösen Dingen liberal, und da ist km Satz der Lehre, an dem er nicht seinen Verstand versucht. Zwischen diesen beiden Extremen liegen natürlich viele Zwischenschichten. Ben ist die Ausnahme. . . Unter sich sprechen diese Juden fast ausschließlich I i d d r s ch. Ter Jargon ist hier mit etwa 25 v. H. englischer Worte gemischt und bringt die unwahrscheinlichsten Wortgebrlde hervor. Ein Beispiel dafür das in hebräischen Buchstaben gemalte Schild: „Mir Printen Noschhaschonohkarden" („Wir drucken Neujahrskarten"). Zu Hause mit den Kindern aber spricht man englisch. Diese Generation fühlt sich wohl hier. Wirtschaftlich geht es ihnen, die durchweg vermögenslos eingewandert sind, gut; sie sind nicht unterdrückt, wenn auch nicht immer gern gesehen, ihr Leben ist dem amerikanischen sehr ähnlich. Hier sei auch bemerkt, daß die Kinder zahl in diesen Schichten, die fast ausnahmslos aus kinderreichen Familien kommen, stark zurückgegangen ist. Trotz aller Anpassung aber — wenn man einen dieser Männer nach seiner Nationalität fragt, so wird er bestimmt mit „I u d e" antworten. Anders aber sein Sohn. Ter ist stolz darauf, in Amerika geboren zu sein und ist Amerikaner. Er spricht kaum mehr siddisch, jedenfalls nie mit seinesgleichen, aber versteht eben genug, um sich mit seinen Großeltern unterhalten zu können. Das Getto hat er vollkommen abgestreift, und mit ihm alles Jüdische, von dem er weniger weiß und noch weniger hält als der durchschnittliche junge Jude in Deutschland. So sieht man denn zwischen den alten Leuten in den Judenvierteln auch die junge Generation: das „klapper" girt mit sehr kurzem Rock, Puder, Lippenstift und Bubikopf. Sie unterscheidet sich in nichts mehr von den 99 v. H. der anderen, wenn man sie irgendwo aus dem Kontorstuhl oder hinter dem Ladentisch sieht," ebensowenig wie ihr Bruder, wenn er Baseball spielr oder mit seiner „girllriend" ausgeht. Tie Eltern aber sind stolz auf die Amcrikanisierung der Kinder und suchen sie keineswegs zu verhindern. Gewiß gibt es viele Ausnahmen und Zwischenstufen, das muß bei dergleichen Verallgemeinerungen immer wieder betont werden. Auch sind Bestrebungen vorhanden, die jiddische Sprache und jüdische Kenntnis unter den Jüngeren zu pflegen. Aber der „Zug der Zeit" wird leider stärker sein. In Literatur und Kunst sind eine Reihe junger Kräfte am Werk. Hier sowohl, wie im Anwaltsberuf, im Lehramt und unter den Aerzten finden wir die Intelligenzen dieser jüngeren Gruppe. Viele von ihnen arbeiten am Tage in irgendeinem Brotberus, um sich die Mittel zum Leben und Studium zu verdienen und dann am Abend für sich zu arbeiten. Manche von ihnen^ haben schon geachtete Namen, außer den Aelteren die ihn, wie c dj ß I o m A s ch zum Beispiel, schon von drüben mitgeöracht haben. Allein irr New Dort erschemen etwa ein halbes Dutzend Zeitungen in jiddischer Sprache, darunter eine sozialistische, und man sseht sie aus dem Weg zur Arbeit in vielen Händen. Es gibt eine beträchtliche Anzahl Jargontheater und Kabaretts, und Spiele wie die der Moskauer „Habima" finden ein zahlreiches und verständnisvolles Publikum. Tie Juden deutscher Abstammung sind natürlich weit weniger zahlreich; andere westeuropäische Gruppen, mit Ausnahme vielleicht der Portugiesen, überhaupt bedeutungslos. Es ist bezeichnend, daß fast alle deutschen Juden, auch die, die in Deutschland sicher für Juden gehalten werden, hier nicht als solche, sondern als Romanen gelten, da sie sich in Typus, Sprache und Haltung von den anderen unterscheiden. Vor der Hochflut der ostjüdischen Einwanderung waren einzelne Handelszweige, wie der ' Uhren-, Juwelen- und Konfektionshandet, ausschließlich in deutschjüdischen Händen. Diese Monopole hat die Einwanderung vernichtet. Daß die „Alten" auf die Reuen nicht sehr gut zu sprechen find, ist nicht weiter verwunderlich. Es ist eine große Anzahl beträchtlicher Vermögen in den Händen von Ostjuden, aber nur sehr wenige sind in soziale und gesellschaftliche Spitzenstellungen vorgerückt, in denen Juden deutscher Abstammung, wie zum Beispiel Julius Rosenwald oder Otto H. Kahn, eine große Rolle spielen. Das bleibt der nächsten Generation Vorbehalten; schon heute sind jene jedoch in der „Jntelligenzschicht" stark vertreten. Sonst ist der Jude im allgemeinen und der Ostjude im besonderen, trotz der amerikanischen Liberalität, keineswegs über-

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