Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 28 (15.7.1927)
- Date
- 1927-07-15
- Page
- Seite 402 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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402 Von Artur Schweriner. im mm Vorbemerkung der SchristlciLung. In der letzten Woche stand der Schriftleiter der Bamberger nationalsozialistischen Zeitung „Die Flamme", Moelter, vor dem Bamberger Schlvurgericht. Anklage war gegen ihn wegen des von ihm selbst verfaßten Aussatzes: „Deutsche Mädchen als F r e i w i l d" erhoben. Rabbiner K s i n s k i (Burgpreppach), der sich als Nebenkläger dem Verfahren angeschlossen hatte, war von dem Angeklagten in einem Aufsätze des Münchner „V ö l k i s ch e n Beobachters" schwer beschimpft worden. Die Verhandlung, über die wir in der vorhergehenden Nummer unserer Zeitung eingehend berichteten, endigte mit einer Verurteilung des Angeklagten zu einer Gesamtstrafe von 500 Mark Geldbuße. Ter Prozeß hat besonders darin seine Bedeutung, daß der so laut angekündigte völkische Beweis der Unsittlichkeit des talmudischcn Schrifttums v o l l - kommenmißlang. * Vor der Pforte zum Bamberger Schwurgerichtssaal. „Haben Sie einen Ausweis?" fragt man gemütlich bayerisch. „Von der ,E. V.-Zeitung' in Berlin!" Ich erwartete eine kritische Bemerkung und eine Gegenfrage. Etwa so: „Aus Berlin — daran ist ja leider nichts zu ändern. Aber ,C. V.-Zeitung'? Was ist das?" — Nichts von beiden. Man kennt in Bayern a l l g e in e i n die M o n a t s a u s g a b e der „C. D.-Zeitung", deren Versendung dort mustergültig ist. Auch die neben mir sitzenden Bamberger Kollegen erhalten die „C. V.-Zeitung" pünktlich. Es ist also nichts Außergewöhnliches, wenn man für die „(L 23.* Zeitung" nach Bamberg kommt. Solche Feststellungen sollten allüberall schönster Lohn für unsere Aufklärungsarbeit sein. des Angeklagten lesen würde. „P e rlcn vor die Säue werfen" fet schließlich doch auch ein Wort des Neuen Testaments. Tr. Johannes hat das Ohr aller Anwesenden, als er in seinem Gutachten zu dem Schluß kommt, der geradezu vernichtend für die Behauptungen des Angeklagten ist: Das Gegenteil von dem, was in Riesenlettern in völkischen Blättern der jüdischen Gemeinschaft aus Talmud und Schulchan Aruch zum Vorwurf gemacht werde, sei wahr. Die Tendenz dieser Quellen w'c r k e sei Liebe zu dem Mitmenschen und soziales E in p s i n d e n auch dem N i ch t j u d e n g e g e n ü b e r. So freudig man die Aufklärungstat dieses Gelehrten von Rang begrüßen konnte — man wurde das traurige Gefühl nicht los, daß dieser Mann zu schade für den kleinen Angeklagten war. * E. V. und „C. D. - Z e i t u n g" haben es Herrn Moelter angetan. In seiner „Flamme" beschäftigt er sich in jeder Nummer mit uns. Man'braucht auch vor Gericht nur den Namen Cen tralverein auszusprechen — die Flamme des leidenschaftlichen Hasses lodert empor. „Aufklärungsschriften vom jüdischen Centralverein erkenne ich nicht a n". Nicht den Distriktsrabbincr Ksinski habe er treffen wollen, sondern die „pöbelhafte und freche Kampfesweise" der „Central-Vereins- Zeitung". Ganz Israel bürge füreinander, das habe man am bestell an dem Mitleid der Indenpresse mit dem jüdischen Eisenbahn* Massenmörder — Schlesinger (dem Unchristen. Die Schriftleituna) gesehen. Selten hat man einen noch nicht vorbestraften völkischen „Führer" so hemmungslos andere bezichtigen hören wie hier im Bamberger Schwurgerichtssaal. Und doch fehlte ihm nockj die Routine seiner Lehrineister. Strack lehnte er ab, um sich auf B i s ch o f zu berufen. Dank der vortrefflichen Sachkenntnis des Vertreters des Nebenklägers Ksinski, unseres Freundes Rechtsanwalt Levin g er in Blümchen, sitzt Moelter bald fest. Lcvingcr fragt ihn, ob er nicht \v:]}c, daß Bischof seine bedeutendste Schrift in Ehrerbietung und Dankbarkeit dem großen Gelehrten Strack gewidmet habe. * * Der Gerichtshof. Nützlicher Anschauungsunterricht für Leute, die gern verallgemeinern. Nichts, aber auch gar nichts an diesem bayerischen Gericht, was zum Gruseln wäre. Im Gegenteil. Der Vorsitzende — Abgeklärtheit und Güte selbst. Kein lautes Wort während der ganzen Verhandlung. Tie geschraubtesten Tiraden des Angeklagten bringen ihn nicht aus der Ruhe. Er schätzt die Begeisterung des jungen Mannes richtig ein. Sie ist auf Flaschen gefüllt, denn Herr Moelter liest die Notwendigkeit der Vernichtung Judas vom M ann skr i P t ab. Ter Staatsanwalt, ohne jede Bcrufsfalie in der Stirn, rückt unruhig auf dem Amtssitz hin und her, wenn der jugendliche Talmudforscher in Hitler-Uniform immer wieder aus seinem wohlsortierten Lager alte Ladenhüter triumphierend zum Vorschein bringt. Auch ein gelegentlicher Zuruf: „Wie lange noch . . .?" kann den Vorsitzenden nicht veranlassen, ob des beschrankten Verständnisses des Angeklagten für den „Choschen Haniischpot“ die Verteidigung zu beschränken. Für den jüdischen Zuhörer ist es von besonderem Intcreffe, wie' der Talmudhasser, der natürlich die hebräische Sprache auch nicht in den Anfangsgründen kennt und einen Talmud nie gesehen hat, die Traktate mißhandelt. Ich habe in einer kleinen Gemeinde einen Unkundigen einmal den ^egensspruch über die Thora ans deutscher Schrift vorlesen hören. Der war ein Schristgelchrter gegen den Talmndwcisen der Bamberger „Flamme". Drei stunden, vier Stunden ... der Redefluß aus Fritfchs und Dinters Quellen ebbt nicht ab. Drei von den sechs Geschworenen — arbeitsame Männer aus dem Volke, die den Produktiven Werten des Angeklagten wenig Geschmack abgewinnen können — sind schon sichtlich erschöpft, als Moelter mit der völligen Vernichtung Judas noch lange nicht zu Ende ist. * Wer den Hochschnlprofessvr. Geh. Rat Prälat Tr. theol. Adolf Johannes im Schwnrgerichtssaal sehen und hören konnte, wußte, daß man, Feind jedes Byzantinismus, mit innerer Anteilnahme einen solchen prächtigen Mann „Ehrwürden" titulieren muß. Ja, Ehrwürden vom Scheitel bis zur stöhle. Siebzigjährig mrd dennoch jugendfrisch. Ein Gelehrter, dem. nicht beizukommen ist. weil er wirklich ein Gelehrter ist. Die Hakenkrcuzleute im Zuhörerraum raunten sich einander zu, wie man Eckert, Rohling, Bischof. Fritsch und Dinier gegen den greisen Herrn aufmarschicren lasten^ und ihn zur Strecke bringen werde. Sie kamen an die falsche Adresse. Und wenn Herr Moelter in respektvoller Haltung den Gelehrten stundenlang um Aufklärung bat. wie er cs z. B. gutheitzen könne, daß im Talmud angeblich Nichtjuden immer wieder mit Schweinen und Hunden verglichen werden, dann beschränkte sich Dr. Johannes nicht nur daraus, die Dinge formell richtig, zustellen, sondern versuchte Freunden und Feinden im. Saale bei dieser Gelegenheit llar^umachen, daß man nie vergessen dürfte, aus welcher Zerr derlei Anschauungen stammen. Und dann ließ er Kirchenväter mit genauester Angabe der Zeit ihres Wirkens aufmarschieren, denen man gleichfalls Mißverständlichkeiteu in der Ausdrucksweise vorwerfen könnte, wenn man sie mit den Augen Die Sache des Centralvereins wurde durch Rcchtsamralt Levinger in jedem Stadium des Prozeßes gut vertreten. Während der Verteidiger des Angeklagten es hin und wieder auf Beifall und Heiterkeit im Znhörerraum abgesehen hatte, blieb Levinger sachlich und ein Anwalt des Rechts. Und wenn dcr^ Verteidiger des Angeklagten einmal und dann noch einmal im Tone der Verzweiflung in den Saal ries: „Herr Direktor, hier ist ja der Vertreter des Nebenklägers der Staatsanwalt!", so lag in diesem Ausspruch zwar durchaus eine Unrichtigkeit, aber ein gutes Stück Werturteil über Qualitäten unseres Freundes Levinger. Herr Moelter ist dieses Mal noch mit einer Geldstrafe davongekommen, weil er noch nicht vorbestraft ist. Tie Bedeutung des Bamberger Prozeßes liegt darin, daß all das prahlerische Geschrei, in Bamberg die „Unsittlichkeit des Talmud" endgültig an den Pranger zu stellen, eben Geschrei und Prahlerei war — ohne irgendwelchen ernsten Hintergrund. Heilsam ist dem Schriftleiter Moelter auch die hohe Geldstrafe. Vielleicht mahnt sie ihn zur Zurückhaltung, zumal dem so vorbestraften Herrn Moelter in zukünftigen Fällen Freiheitsstrafen winken dürsten. Ferien - Muße - Bücher Man liest in den Ferien Friedlaender, Das Leben Gabriel Riessers 7,— Af. Rosenzweig, Zweislromland. Kleine Schriften zur Religion und Philosophie 7,ÖO AI. Müller, Budi für unsere Mütter. 6,50 M. Leinen 7,50 AL Bloch, Das jüdisdic Amerika... 8,— AL Zweig, Caliban.IO,— AL Müller-Claudius, Rassenansrst. <3,50 AL Elbogen, Gestalten und Momente. 6,— AL Entwicklungsstufen der jüdischen Religion. ] ortragc des Institutum Judaicum 4>SO AL Stern, Juden in Nordlnmsen. «3,— AL Neumann, Der Teufet. 7,50 AL Hesse, Steppenwolf.. 7> — AL Flake, Sonmerroman. 6,50 AI. Toller, Justizerlebnisse. 4,— AL Zu beziehen durch Philo Verlag u. Buchhandlung G.m.b. Berlin SW68, Lindenstrasse 13. H.