Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 28 (15.7.1927)
- Date
- 1927-07-15
- Page
- Seite 401 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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401 yenrp Joris Sekehrung. Ungeheures Aufsehen in Amerika. Hg. Ueber der Erklär« ngvonHenry Ford, die Arthur Brisbane in der Hear st -Presse veröffentlichte und in der Ford seine gesamte politische Vergangenheit, soweit sie die Judenfrage betraf, auszulöfchen sich dein ü h t, lag zunächst trotz der spaltentangen Kabelberichte der gesamten europäischen Presse ein Schleier, der sich erst in den letzten Tagen langsam zu heben beginnt. Tie Leser der „C. B.-Zeitung" sind durch eine Reihe von Aufsätzen sachverständiger Kenner der amerikanischen Verhältnisse wie C A. B r a t t e r (6. Mai d. I.) und Hermann Bernstein, des Herausgebers der bekannten amerikanischen Zeitschrift „The Jewisli Tribüne“ (23. Juni d. I.) genau über die grasten politischen Prozesse unterrichtet, die zwischen Ford und dem Mischen Anwalt S a p i r o sowie zwischen Ford und Hermann Bernstein schweben. Im Falle Sapiro hatte die Verhandlung bekanntlich, als sie schon recht weit vorgeschritten war. mit der „mistria1"-(FehlsPruch-)Entscheidung des Richters geendet, so daß eine neue Vertändlung in Aussicht stand. Zwischen Ford und Louis Mar sh all, dem Präsidenten des American Jewish Comitce, hatte sich nun in der letzten Zeit eine indirekte Unterhaltung entspannen. Ford hatte den früheren Assistenzstaatsanwalt der Vereinigten Staaten, General Davis, sowie seinen Ehefdetektiv Palma zu Marshall gesandt, um ihn zu fragen, was er tun könne, um den Juden für das Unrecht, das er ihnen angetan, Genugtuung zu verschaffen. Marshall antwortete zunächst abweisend, woraufhin Ford trotzdem die bekannte von i[]m persönlich Unterzeichnete Kundgebung erließ, die bedeutet, da st er seine gegen das Judentum gerichtete Tätigkeit und die seiner Zeitschrift „The Deaborn Indepedent“ aufs 11 c f ft c bedauert n n d dem Judentum eine Ehrenerklärung abgibt. Marshall nahm dieses Tokmnent entgegen und übergab es Brisbane, der es seinerseits in der Hearst-Preße veröffentlichte. Es wäre ein interessantes, aber letzten Endes müßiges Beginnen, den Hintergründen des Entschlußes von Henrh Ford nachzuspüren. Man könnte meinen, daß wirtschaftliche Schwierigkeiten ausschlaggebend gewesen seien, vor allem die Notwendigkeit, für feinen neuen Wagentyp im großen Publikum eine günstige A u s n a h m e st i m m u n g zu schaffen. Man könnte auch glauben, daß die Schatten, die die lhm noch bevorstehenden großen politischen Prozeße voranwarsen. ihn angesichts der Tatsache, daß ihm der Wahrheitsbeweis für seine Verleumdungen gegen das Judentum nicht gelungen wäre, zu einem Rückzüge bewogen hätten. Man kann aber auch schließlich meinen, und wir sind geneigt, diese letzte Auffasiung als die richtige ß?z unterstellen, daß ein von wirtschaftlichen Erfolgen wie kein Zweiter gekrönter Mann an der Schwelle des Gr eisen alters sein außerberufliches Leben vor seinem geistigen Auge vorüberziehen laßt und nach reiflicher innerer Prüfung und seelischen Kämpfen den mannhaften Entschluß faßt, wieder grrtz u machen, was er gesündigt h a t. Die seelische Last Fords ist auch in der Tat eine ungeheure. Waggonweise hat der „Hammers-Verlag seinen „Internationalen Juden" nach Rumänien und in die Ukraine gesandt, und man weiß, welche blutigen Früchte diese Saat getragen hat. Wir sind ebenso weit von der charakteristischen Auslegung der deutschvölkischen Presse entfernt, die den früheren Geldgeber der völkischen Bewegung mit einem höhnischen Achselzucken fallen läßt, wo sie von ihm nichts mehr zu erhoffen hat, wie von der gewisser jüdisch-nationaler Blätter, die die Fordsche Erklärung mit Leitartikeln unter der Ueberfchrift „Feig und dum m" oder ,.Henry Fords neuester Rekln metrick" glaubten abtun zu können. Die Bedeutung der Erklärung von Henry Ford für die Gesamtlage des internationalen Judenhasses ist unbestreitbar. Tas Ausscheiden des „Internationalen Juden" aus der judenfeindlichen Literatur bedeutet eine ungeheure Schwächung öreser Phalanx des Hasics. Man wird nur wünschen muffen, daß ftvrd sich die erste Antwort Louis Marchalls zur Lehre nimmt, dw da lautete: „Worte allein können Wunden nicht heilen", und seine Energie nunmehr dahin einsetzt, daß sein ^tich in allen Staaten der Welt zurückgezogen oder sonstwie wirkungslos gemacht wird. Eine überparteiliche Tagung. Der Arbeitsausschuß Deutscher Verbände in Goslar. Am 5., 6. und 7. Juli tagte in Goslar der A r b e i t 8 - a.u sschuß deutscher Verbände. Dieser Ausschuß bildet einen überparteilichen Zusammenschluß aller der Verbände, die in der These von der „Kriegsschuld Deutschlands" eine durchaus ungerechte, scharf abzuweisende und schwer schädigende Willkür sehen. Es rst erfreulich, daß sich in der Ablehnung dieser These eine große Zahl politischer Verbände und Vereine — im ganzen siebzig — unter der sachlichen und taktvollen Leitung des Ausschußes, an dessen spitze der Reichstagsabgeordnete Dr. Schnee steht, zufammengefunden haben, die zum Äst wenig Gemeinsames haben, sich sogar cjt als scharfe Gegner fühlen. Eine Reihe wertvoller Vorträge wurde in Goslar gehalten, so vom Geschäftsführer des Ausschußes Hans Draeger (Berlin). Tr. Otto Kriegt (Berlin), Vrowffor Dr. I. Jastrow (Berlm). Professor Dr. Obst (Hannover). Oberst a. D. Schwertfeger (Hannover) u. a. Die Tagung förderte ersichtlich die Bemühungen des Ausschusses deutscher Verbände, Deutschland von der Krregsschuldlüge zu reinigen. Sie war aber auch ein hoffnungsvolle- Symbol der Einigung der verschiedensten deutschen polnischen, kulturellen und religiösen Richtungen in der berechtigten Abwehr einer das große Ganze treffenden Bezichtigung. Ter Eentralverein war auf der^Tagung durch das Hauptvorstandsmitglied Direktor I. B a r u ch (Herford), den Sundikus. des Landesverbandes Hannover, Negierungsbaumeister W i tt e l s h ö f e r, sowie durch den Vorsitzenden der Ortsgruppe Goslar, Steinberg, vertreten. Helö Dauöet. Frankreichs antisemitischer Führer. Leon Daudet beschäftigte durch seinen Hauskrieg in Paris, durch seine abertenerliche Befreiung aus dem Gefängnis in^ den letzten Wochen lebhaft die französische und außerfranzösische Oeft'entlichkeit. Er ist der geistige, der publizistische Führer der nationalistischen ,,Action Fran^aise“. Seine stark ju de mein blich gefärbten Romane werden in Frankreich in Zehntausenden von Exemplaren gelesen. Ter ungarische Satyriker Ladislaus Lakatos nimmt in der letzten Nummer des Stefan Großmannscheu „Tagebuchs" (Heft 28) Daudet unter die Lupe. So treffend, so humorvoll und in vielem so wahrheitsgetreu, daß wir einen Ausschnitt aus dem amüsanten Aufsatz unseren Lesern hier vorlegen: „Ter große A l p h o n s e Daudet hinter ließ viele Romane und zwei Söhne. Tie Romane waren ihm gelungen, die Söhne nicht. Leon war der eine. Ernest der zweite. Keiner der beiden hatte die schriftstellerische Begabung des Vaters geerbt, demzufolge wollte» selbstverständlich beide Schriftsteller werden. Das ist nur natürlich. Wer als Bourbon geboren wird, will herrschen, wer als Daudet zur Welt kommt, will schreiben. Die beiden Daudet-Söhne schrieben eine antisemitische Zeitung. Leon war der Bedeutendere. Leon Daudet» Laufbahn wurde von zwei Erinnerungen bestimmt. Tie eine Erinnerung ist der Name seines Vaters, die zweite die Treyfuß-Affäre, die sein ganzes Leben erfüllt. Den Namen seines Vaters mißbrauchte er so lange, bis er ihn verdunkelte. Ein lebendiger Antisemit ist immer interessanter als ein toter Klassiker, und die gesammelten Werke eines Schriftstellers sind nicht imstande, mit den gesammelten Skandalen eines Hetzjournalisten zn wetteifern. Heutzutage lesen in Paris mehr Leute Leon Daudets tobsüchtige Artikel als Alphonse Daudet» sonnige Romane, und wenn ich zum Beispiel noch weiß, daß Leon Daudet der Sohn Alphonse Daudets ist, so wird die Generation nach mir bereits wissen, daß Alphonse Daudet der Vater Leon Daudets war. Tie Treyfuß-Affäre. Sie lastet auf Leon Daudets Leben. Mit ihrer vergifteten Romantik, mit ihrer aufregenden Jagd, mit ihren feurigen Phrasen, mit ihren ruhelosen Leidenschaften. Die Affäre liegt bereits über fünfundzwanzig Jahre zurück, für Leon Daudet jedoch sind diese fünfundzwanzig Jahre noch nicht Vergangenheit. Für ihn ist seither nichts geschehen, und er hält noch immer bei den gefälschten Dokumenten und unverfälschten Lügen, bei den hundertprozentigen Verleumdungen und übelgesinnten Angriffen. Und auch seine jetzige Flucht ans dem Gefängnis ist eine getreue Parodie auf Jules Guorins Fort Ehabrol, als sich ein Führer der Demagogie in einer Straße verbarrikadiert hatte, bis ihn schließlich die Feuerwehr, gleich einer Maus, aus dem Versteck schwemmte. * Leon Daudet ist romantisch, unruhig, ein Hetzer und — Jude. Das ist kein Witz. Im heutigen Frankreich gibt es eine große Anzahl jüdischer Schriftsteller (Porto-Riehe, Tristan Bernard, Henri Bernstein, Pierre Benoit usw.), doch ist keiner von ihnen ein derart typischer Jude wie Daudet, der Vollblntsranzose und Christ. Tristan Bernards Humor ist direkt molierisch, die Offenbarung reinsten lateinischen Geistes, erfüllt von den ältesten französischen Traditionen. Dieser jüdische Künstler ist restlos menschlich und französisch. Der antisemitische Publizist dagegen ist ein waschechter, vierzehnkarätiaer Sennte. feine Schriften sind voll jener Wendüngen, jener Nervosität, Unruhe, Verblendung, jener über allem Leben und aller Realität stehenden, nur noch im fremden Leiden wurzelnden leidenschaftlichen Nervosität, die von den Antisemiten (ich lveiß nicht, ob mit Recht) als die typisch internationale Eigen-' schast des jüdischen Agitators und Pamphletisten bezeichnet wird.