Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 28 (15.7.1927)
- Date
- 1927-07-15
- Page
- Seite 400 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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400 zu ihrem 60. Geburtstag gratuliert. Von ihrer Wohnung aus sicht mau den alten» Friedhof in der Schönhauser Allee. Ta habe ich mir gesagt: Das ist ein feines Gefühl, zu wißen, da ruhen deine Großeltern und deine Eltern, und da wirst du auch einmal ruhen. Meine l Mutter war sehr fromm. Mein Pater ist auch immer zur Synagoge gegangen, aber so fromm wie die Mutter war er nicht. Ich bin seit dem Tode meiner Eltern nicht mehr in der^Synagoge gewesen, tteberhaupt die Religion, das ist eine innere Sache. Darüber kann man nicht sprechen; entweder man fühlt es oder man fühlt es nicht. Einer, der mich gut gekannt hat,' hat mal geschrieben, ich hätte keine Frömmigkeit, aber ich wäre fromm. Das ist ganz richtig. * Ich bin ein deutscher Jude und daraus habe ich immer weinen besonderen Stolz gehabt. Ich Lin in deutsche schulen gegangen, die deutsche Sprache ist meine Muttersprache und das Deutsche gehört nun einmal zu mir. Es kann sein, daß andere hinter meinem Rücken schimpfen. Das Hab" ich auch schon einmal getan. Warum sollen sie das auch nicht. Wenn ich's gehört habe, dann habe ich mich kräftig gewehrt. Wissen Sie, vor vielen Jahren hat man mir mal die Leitung einer Akademie angeöoten, und in dem Briefe stand in so schonen Worten, daß ich mich nur eben schnell Laufen lassen solle. Ich habe den Leuten wiedergeschcieben: Wenn ich dadurch besser malen würde, dann würde ich mich vielleicht taufen lasten. « Was die Juden anbetrifft, so müsten sie nich immer so überempfindlich sein. Es gibt doch bei uns wie überall „so 'ne" und „so 'ne". Kennen Sie den Witz vom Berliner Schusterjungen? „Kein Mensch kann mir leiden, ick bin aber auch danach." „So ne" Juden gibt's natürlich auch. Aber im Grunde sind sie doch nicht besser und nicht schlechter als alle andern Menschen. Ich habe mit dem verstorbenen Paul Nathan oft über die Judensrage gesprochen. Das ist ja vielleicht eine höchstpolitische Frage. Aber die Lösung ist nicht so einfach. Alan versucht ja eine Lösung durch den Zionismus. Ter Zionismus ist eine edle und ideale Bestrebung, aber für mich ist das nichts. * Glauben Sie, daß mein Vetter Walther Rathenau nicht ermordet worden wäre, wenn er nicht Jude gewesen wäre? Kein Mensch kann das sagen. Erzberger ist doch leider auch ermordet worden. Und der war kein Jude. Ten schrecklichen Tag kann ich nicht vergessen, als mein Nachbar, Herr 3t., heulend in den Garten kam. Morgens um elf Uhr war's. Ich stand gerade da drüben im Garten, wo meine Staffelei steht. „Ter Walther ist ermordet", schrie er. Schrecklich, fchrecklichl Als ich eben Präsident der Akademie geworden war, bekam ich auch einen anonymen Brief. Ich sollte binnen drei Tagen zurücktreten oder ich würde abgeknallt. Ich habe das Dings in den Papierkorb geworfen. Der Krieg und all die schlimmen Zeiten haben auch viel Schuld, daß manche Menschen so verdreht geworden sind. Ich habe viel mit Walther Rarhenau darüber gesprochen. * Wenn man darüber nachdenkt, dann muß man ja auch zugeöen, daß man mir als Jude viel Ehre antut. Es ist ja nur ein Zufall, daß „ick son bißken wat geworn bin". Vor dreißig bis vierzig Jahren, da hat man nach mit Dreck beworfen, da könnt' ich nichts und da verstand ich nichts. Ich habe mir dann immer gesagt, da mußt du eben noch etwas zulernen. Kaiser Wilhelm war ja auch immer gegen mich. Das war er aber nicht, weil ich Jude bin. sondern weil er meine Kunst nicht mochte. Das ist doch durchaus verständlich. Die Kollwitz hat er auch nicht gemocht. Es hat eben jeder seinen eigenen Geschmack. Goethe hat recht. Man kann nur Hammer oder Amboß sein. Wissen Sie, neulich hat mir jemand erzählt, Goerhes Großmutter sei eine Jüdin gewesen. Ich bin nicht dabei gewesen, als sie zur Welt kam. Ich kann das nicht sagen. Das ist ja aber auch ganz egal. Was aber nicht egal ist und was die größte Schweinerei ist: Da is eine Bank, die stellt keine Juden an. nur weil sie Juden sind. Ich Hab' dem einen Direktor nicht so knapp meine Meinung gesagt. Solche Leute sollten sich ein Beispiel an unserem Reichspräsidenten nehmen. Gestern war ich noch bei Hindenburg. Das ist ein schlichter, vornehmer, streng rcdjfUcIjer Mann. Neulich hat ein Hitler-Blatt geschrieben — man hat mir tws zugeschickt —, es wäre unerhört, daß ein Jude den Reichspräsidenten malt. Ueber so etwas kann ich nur lachen. Ich bin überzeugt, wenn Hindenburg das erführt, lacht er auch darüber. Ich bin doch nur ein Maler, und das kann ein Jude doch auch sein. * Man sollte allen Juden sagen, sie sollte!? sich nicht so aösoudern. Eine Portion Selbstbewußtsein, wenn einer was ist und was kann, und der richtige Takt dazu, das kann niemals schaden. Zu mir kommen mancherlei Leute. Ich frage immer, was bist f du und was kannst bui Aber niemals, was hast du für eine f Religion? Ich bin doch kein Beichtvater! Wenn ich weiß, daß jemand Antisemit ist, dann „schmeiße ich ihn raus". So einer steckt seine Beine nicht unter meinen Tisch. Bei mir hat mal der bej kannte Herr von I. seine Karte abgegeben. Ich habe gar nicht! darauf reagiert, keine Karte wieder abgegeben, ihn nicht ein-! geladen. „Liebermann," hat mein Freund gesagt, „r-ie sind doch i sonst ein Mann von Form und Schliss, warum beleidigen Sie den Herrn von I. so?" „Ter Kerl ist Antisemit; ich weiß das genau; so! einer kommt mir nicht in mein Haus." j * i In dem herrlichen Garten, der das Haus vom Lee trennt, haben wir unter dem Schatten der Bäume, die der Meister, wie er mit Stolz erzählt, zum Teil selbst gepflanzt hat, noch manches wertvolle Wort von ihm gehört. In seiner schlichten, freimütigen, humorvollen Art, die den Zauber seiner Persönlichkeit so unendlich erhöht, ging er erst ins Haus seinen Hut zu holen, „damit ick auch sein bin, wenn Sie mich knipsen wollen". Max Liebennann begleitete uns durch das Haus und durch den Vorgarten mit seinen blühenden, duftenden, farbengtühenden Lieblingen, mitten drin die Staffele!, an der er vor wenigen Stunden gearbeitet hatte. An dem Ausgangstor verabschiedete er uns: „Jetzt verlaßen Sie mich durch das ,Scliar Misrach’, das Tor des Ostens', da geht die Sonne immer wieder aus über Christen und Juden, über Gerechte und Ungerechte." Weitere Maßnahmen der Lärrderregierrrrlgeri. In der „C. V.-Zeitung" Nr. 26 konnten wir mittcilcn, daß auf die Eingabe des Centralvereins an die Ministerien der deutschen Länder bisher sechs Antworten eingegangen seien. Wir veröffentlichten daneben die Bescheide des preußischen und des bayerischen Innenministers, aus denen hervocgmg, daß diese den ihnen unterstellten Behörden Anweisungen im Sinne unseres Schreibens erteilt haben. In der Zwischenzeit haben noch folgende Negierungen geantwortet: Der Braunschweigische Minister des Inifern. Das Württembergische I n n e n m i n i st e r i u m. Das Württembergische Ministeriunr für Kirchen- und Schulwesen. Das Württembergische I u ft i z ni i n i ft e r i u m. Das Hessische Mrnrsterium des Innern. Die Lippische Regierung in Detmold. Das Anhaltische Staatsmini st er in m. Ter Innenminister in Brannschweig hat unsere Eingabe zum Gegenstand eines R u n d e r l a s s e s folgenden Inhalts gemacht: Braunschweig, 17. Juni 1927. ' Der Braunschweigische Minister des Innern. An die Landespolizeibehörden. Bctr. Grabschändungen auf israelitischen Friedhöfen. Der Eentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Landesverband Hannover in Hannover, hat in einer Eingabe an j mich zur Sprache gebracht, daß in den letzten Jahren die j israelitischen Friedhöfe Deutschlands von Rohlingen heimgesucht [ und die Grabstätten durch Beschmutzung oder Beschädigung der I Grabplatten, Grabsteine und Trnkmäler oder der Einsriedungcn; geschändet seien. Indem ich den Landespolizeibehörden hiervon i Kenntnis gebe, weise ich daraus hin, daß derartige Grabschändungen Zu verfolgen sind. gez. Liejf. Die Antwort der Lippischen Negierung lautet: Detmold, den 21. Juni 1V27. i Lippische Regierung. * Der Landespolizeidirektor. | Die Ortspolizeibehörden und die Kriminaldienststellen des Landes [ haben Abschrift des dortigen Schreibens erhalten, sind aus den Schutz der Friedhöfe besonders ausruerksam gemacht worden und angewiesen, in jedem Fall der Beschädigung eines Friedhofes umgehend die notwendigen Ermittlrurgsmastnahrucn * zrr ergreifen. gez. Unterschrift. j Die Maßnahmen der Behörden dürsten des Beifalls aller An- L ständigen sicher fein. | Die Schächtfragc im englischen Unterhaus erledigt. Der frühere englisch Minister für Landwirtschaft, Buxton, hatte einen Antrag im Unterhaus eingebracht, der in seiner Wirkung aus ein j Verbot der Schechita hinauslicf. Sämtliclje Parteien | hatten jedoch Ab and eru n gs vor schlä ge gemacht, die den Antrag wirkungslos machten. Infolgedessen hat Burton seinen Antrag zurückge- : zogen, wodurch die Erörterung der Schächtsrage bis auf weiter e s aus der englischen Diskussion ausgeschaltet ist.