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Central-Verein-Zeitung · 1927-07-15 · 28 (15.7.1927) · p. Seite 399

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
28 (15.7.1927)
Date
1927-07-15
Page
Seite 399 (sequence 3)
Language
German
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Mit Erlaubnis ton Paul Cassircr (JBcrl'rJ. „Meinen Eltern zur goldenen Hochzeit.“ Max Lieb ermann. Jene Erregbarkeit unserer Generation aber, so entgegengesetzt der gemesseneren Art der Väter, in Liebermann ist sie von Jugend nuj sichtbar ,in seiner hastigen, nervösen. Art zu sprechen — noch heut' erkennt man ihre Spuren in der kurzen, abgeripenen Form seiner hingeworsenen Bemerkungen —, in den schnellen, hastigen Schritten noch des reifen Mannes, im Geist fast aller seiner Werke, „in denen Ausdauer und nervöse Unrast, Heftigkeit und Nachgiebigkeit sich vereinen". Ein Zug allerdings, der seit einem Jahrhundert dem Antlitz des Berliners eingegraben ist, ist Liebermauns Kunst fremd geblieben: Ditz und Ironie. Seiner Kunst, nicht dem Menschen! Wem es nicht vergönnt war, den Reiz seines geistreich funkelnden Gesprächs zu genießen, der schlage irgendeine seiner glänzend geschriebenen Abhandlungen aus oder versenke sich in eines seiner Selbstporträts, um deren Lippen Geist und Sarkasmus zucken. Und so wäre Liebermann Prädestiniert gewesen, von Beginn seiner Laufbahn an ein Liebling des Berliner Publikums zu werden — wenn er kein Genie wäre! Denn so viel von Berlinertnm in ihm lebendig ist, cp ijt doch nur die eine Grundlage seiner Persönlichkeit. Das Genie ist seiner Zeit immer voraus, und die Menge und ihre Wortführer können gar nicht anders, als in ihm immer erst das Fremde, Revolutionäre, ihrem Geschmack Entgegengeseüte zu sehen^Es hat tzenau ein Vierteljahrhundcrt gedauert, ehe Liebermanns Stellung in Berlin eine unumstrittene geworden war, und mit die verständnislosesten Kritiken seiner ^stärksten Leistungen sind ans der Feder jenes Ludwig Pietsch geflogen, der das Sprachrohr des gebildeten Berliner Bürgertums war. Und wie hätte dies anders sein können, da doch selbst die, die ihm durch das Blut die Wachsten waren, die eigenen Eltern, seinem Schaffen im Innersten fremd geblieben sind. Eben dies ist übrigens ein Zeugnis, wie unsinnig es wäre, Liebermanns Werk ans seiner „Nasie" zu erklären. , Erst eine neue Generation hat sich zu ihm zu bekennen vermocht. Die Kollektivausstellung in der „Großen Berliner" vom Jahre 1897 hat ihm den entscheidenden Erfolg in der Stadt seiner Geburt und als äußeres Kennzeichen des Sieges fast gleichzeitig die Große Coldene Medaille, die Wahl in die Akademie und den Professortitel gebracht. Auf sein Schaffen hat dieser Sieg so wenig Einfluß ausüben können wie der Unverstand in den Jahren vorher. „Das ist das S ch 5 n st e im Leben: sich nichts a n s e ch t e n lassen", ist heute die Ueberzeugung des Achtzigjährigen, wie cs von jeher der Leitsatz seines Handelns gewesen ist. Keine Ungerechtest hat ihn verleiten können, seine Objektivität im Urteilen auf- Zugeben. Toleranz ist die Forderung, die er im persönlichen Leben wie als Präsident der Akademie weitherzig vertritt, im Einklang nut allen guten Ueberliefcrungen Berlins. Unerschüttert durch Beifall oder Ablehnung ist Liebermann den von seiner künstlerischen Ueberzeugung ihm vorgcschriebenen Weg gegangen. Nicht so, daß er vor fremder Leistung die Augen verschlosien, daß er künstlerischen Einflüssen unzugänglich gewesen wäre. Aber mochten es Muncstesy oder Israels. Leibl oder Planet sein,?e:neu er Anregung verdankte, keines seiner Werke ist Nachahmung, jedes ist Ausdruck seiner Persönlichkeit. Diese selbst aber war der Wandlungen fähig, schritt nicht starr in der einmal cingeschlagenen Richtung fort. Es gibt kaum einen Meister im Reiche der Kunst, der so wie er immer ein Werdender gewesen ist. Gerade in dieser Ruhelosigkeit, dieser Mißachtung des schon Gewonnenen, in diesem steten Sicherneuern, hat man ^jedermanns eigenste Natur erkennen wollen. Wenn das Wort Karl Schefsters zu trifft, daß es Berlins Schicksal sei, immer zu werden, so gleicht seinem Geschick seltsam das seines großen Sohnes. Denn auch von Berlin wird es, wie von Liebermann, gelten dürfen, daß es in jedem Stadium seines Bon Lise Leibholz. Wir kannten das Haus nicht. Ein Blumenbeet hält unfern BUck gefangen. Blau, rot, gelb, weiß leuchten die Blüten. Die kennen wir. In der Natiouakg.alerie, in der Ehreuaussrellung der Kunstakademie leuchtet diese Pracht des Gartens in den Bildern des Meisters. Kein anderes Haus in Waunfee kann solche Blumenbeete haben. Blumen und immer wieder Blumen, Bauerugartenblumen, blaßrote, tief rote Gartenmelken, Noten. Der Meister erwartet uns. Ter vornehme künstlerische Raum, dessen ,Türen weit zum Garten hin geöffnet sind, ist der Nahmen, für diese schlanke, ungebeugte Gestalt. Große, leuchtende, helle Augen überfliegen uns mit einem prüfenden Blick. Bor zwei Jahren mh ich den Meister nach eben überstandener Krankheit in seinem Atelier, in dem vornehmen Bürgerhause der Liebermanns am Brandenburger Tor. Heute ist er jünger, elastischer, temperamentvoller. Ich sah vrrfj niemals einen körperlich und geistig so lebendigen Menschen, der ach: Jahrzehnte voll Arbeit und Kampf hinter sich hat. ,.D e t ick een richtiger Berliner bin, dethör'nSe doch." Die Berliner Klangfarbe verleiht seiner Sprache eine reizvolle Lebendigkeit und Ursprünglichkeit. Er hat uns viel erzählt in den unvergeßlichen Stunden. Seine ausdrucksvolle Hand hebt mit einer unaussprechlichen Zärtlichkeit ein rotes Mohnblatt vom Tisch. Auf dem leuchtend blauen Topf mit den feuerroten großen Mohnblüten ruht minutenlang sein Blick. „Ich habe Ihnen ja mancherlei erzählt. Sie haben da an eine Seite gerührt, wo ich gesprächig werde. Daß sage-ich Ihnen aber: in die Zeitrmg dürfen Sie das nicht alles setzen. Ich mag die Zeitungen nicht gern. Tie nehmen oft den Mund so voll, und dann sind sie so pathetisch, und das kann ich nun mal nicht leiden." Mein Versprechen werde ich halten. Die Lebensweisheiten dieser Stunden sollen ihren Ehrenplatz finden. An seinem 80. Geburtstag soll der deutsche Jude Max Liebermann aus diesen Blättern zu denen sprechen, die stolz aus ihn sind. ¥ Georg Her m aun hat mir neulich mal, so erzählt der Meister, ein Buch geschickt über den Antisemitismus. Ich habe ihm daraus mit einem langen Brie? geantwortet, und ausnahmsweise habe ich erlaubt, daß der veröffentlicht wird. Wißen Sie, sonst ist das solche Eigentümlichkeit von mir. Ich beantworte alle aukommeuden Briefe sofort und zerreiße sie dann. Wenn ich mal nicht mehr bin, dann sollen sie mit meinen Triefen nicht so „rumhaudeln". & Mit dem Professor Einstein habe ich schon oft über die Judenfrage gesprochen. Mein ganzes Leben lang habe -ich immer zuerst gefragt: Was bist du für ein Mensch? Niemals aber: Bist du Jude, Ehrist oder Heide? Ich bin als Jude geboren und werde als Jude, sterben. Gestern habe ich meiner Freundin, der Käthe K o l l w i tz . (Fortsetzung S. 400.) Daseins einen eigenen Wert repräsentiert hat, daß es nicht nur immer geworden, sondern zugleich immer etwas gervesen ist. Und Liebermauns eigene Stellungnahme gegenüber Berlin? Er selbst nennt sich einen Berliner mit Leib und ^eele und glaubt damit, nur etwas Selbstverständliches auszusprechen. Eines allerdings ist ihm die Stadt seiner Geburt so wenig geworden, wie die märkische Landschaft — künstlerische Heimat. Das war ihm Holland. "Aus Hollands Dünen, aus seinen Feldern, seinen Seen und feinen Dörfern und Gauen hat er die Motive fast für sein ganzes Lebenswerk sich geholt. Nur dem T i e r g a r t e n, dem schon sein Atelier in der Köuigiu-Augusta-^traße und dann, seit 1899, das am Pariser Platz so eng benachbart sind, hat er oft gezeichnet und gemalt. Stärker aber als den Zusammenhang mit der Landschaft hat er den mit der künstlerischen Ueberlieferung Berlins empfunden. Seine Sympathien galten den norddeutschen Malern Ehodow i e c k i und Franz K r ü g e r , seine Bewunderung Adolf M e n z e l. Es ist kein Zufall, daß der säst vergessene Franz Krüger erst durch Liebermann wieder lebendig gemacht, daß durch seinen Einfluß die Schwarz-Wciß-Ausstellung der Berliner Sezession vom Jahre 1908 durch eine große Sammlung Krügcrscher Zeichnungen das Verständnis für den alten Berliner Meister wieder erweckt hat. Und wie Liebermann sich des Zusammenhangs mit der alten Berliner Kunst dankbar bewußt war, so ist seine Kunst zuerst von den im rechten Sinne des Wortes konservativen Kunstsachverstündigen, wie von Wilhelm Bode, gewürdigt worden, die in ihr. die wahre Tradition wiederfanden. So dürfen denn die Berliner Mar Liebermann an seinem 80. Geburtstag als einen der Ihren feiern. Aber sie würden dem Geiste des Meisters sehr fremd sein, wenn sie es in derheute nicht nur in Berlin beliebten Art tun wollten, die mehr nach einer Huldigung vor der eigenen Eitelkeit als vor dem zu Feiernden aussteht. Ihnen allen sei das seine Wort Liebermanns zugeruseu: „Seien Sie stolz in Ihrem stillen Kämmerlein."

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