Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 28 (15.7.1927)
- Date
- 1927-07-15
- Page
- Seite 398 (sequence 2)
- Language
- German
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Menzel unter denselben Verhältnissen seine gewaltige Höhe. Noch strahlte die fördernde Sonne wohl mehr dem Charakter seiner historischen Darstellungen als den originellen künstlerischen Seiten dieses Genies. Nach der Flucht Liebermanns aus dem Berlin jener Tage und den dementsprechenden Akademieverhältnissen begann ein erbittertes Ringen mit sich und seinen Fähigkeiten. Mit allen Ssinreißenden Kunstleistungen suchte er sich auseinanderzuehen und daran seine Kräfte 31t messen. Dabei kam es nie zu äußerlichem Nachahmen, vielmehr suchte er mit bienenähnlichem Trieb Qualitäten sich nutzbar zu machen, wobei ihn ein unerhört sicherer Instinkt für wahre Werte unterstützte. Eine geistig so rege Natur wie Licbermann war natürlich für Eindrücke empfänglich, wie etwa ein hochempfindliches Instrument auf leise Berührung reagiert. Doch war es durchaus nicht immer das sensationell Neue, das ihn in seinen Barm zog, und es ist ja erkennbar, wie Vermeer und besonders Hals ihn ergriffen. Dieses wahrnehmbare Sichhingeben hat oftmals Mißtrauen gegen ihn erweckt. Doch ist es es ja mit den Autodidakten in der bildenden Kunst solche Sache. Bei Tage besehen kommt vieles anscheinend Originelle ins Wanken. Irgendwelche Spuren führen meistens zu einem Ausgangspunkt zurück. Schließlich ist der bildende Künstler in erster Linie Augenmensch und wird, je reger sein Intellekt und je sicherer sein Gefühl für das ihm Dienliche ist, um so aufnahmefähiger für einschneidende Eindrücke sein. Immer wird eß erstaunlich bleiben, mit welch sicherem Instinkt der junge Liebermann m dem heranrückenden Naturalismus seine künftige Welt sah. Wenn schon der damals unverrückbare Kunstgeschmack den Zielen dieses werdenden Malers sich entgegenstemmte, erschwerte ihm noch den harten Weg seine Eigenschaft als bewußter Jude. Ganz abgesehen von dem bereits Legende gewordenen Bildersturm in München, der während der Ausstellung des „jungen Christus im Tempel" sich mit einer auch heute unbegreiflichen Heftigkeit gegen die „Unheiligkeit" der Christus-Figur erhob, sind die jedem Juden gegenüber geltenden Vorurteile gerade Liebermann nicht erspart geblieben. Tie bekannten judenfeindlichen Mittelchen waren auch ihm gegenüber die bequemste und billigste Methode ihm am Zeuge zu sticken. Noch 1908, dazu in einem nur aus Künstlern bestehenden Kreise in Rom, konnte einer, in der Annahme, man wäre „unter sich", ohne allgemeinen Widerspruch seiner Empörung darüber Ausdruck geben, daß der Jude Liebermann es wagt, den Papst zu malen. Man vergegenwärtige sich das gemeinte Dild. Da strebt eine leidenschaftlich bewegte Menge einer schemenhaften hellen Gestalt zu. Es handelte sich um eine offenbar aus dem Gedächtnis gemalte Impression, die drastisch die erregte Stimmung während desPapstsegens wiedergab. Nur mit Mühe war jener Gesellschaft durchaus gebildeter Menschen auseinanderzusehen, daß die künstlerischen Eindrücke sich schwer für die einzelnen Konfesiionen registrieren lassen, und daß die Person des Papstes durch die damalige Papstbildindustrie, die unsere längst abgeblühte Gipsfigurenfabrikation an Schrecken kräftig überbot, überhaupt erst profaniert wurde. Mögen so naive Stimmen später geschwiegen haben — Liebermann schlägt mit seiner Feder ja auch in eigener Sache eine gute Klinge—, so hat doch mancher von der öffentlichen Meinung weniger Begünstigte sich damit zu trösten versucht, Liebenuanns Erfolge seien lediglich Resultate seiner rasienmäßrg geschäftlichen Tüchtigkeit. Nun, seine Stellung auf dem Kunstmarkt maa auch durch kunsthändlerische Hilfe gefördert worden sein, jedoch seine Bedeutung im Kunstleben und die ihm einstimmig znerkannte Führerrolle ist lediglich die Krönung eines in hartem Ringen erarbeiteten Lebenswerkes. Berlins zurzeit unbestrittene Stellung als führende deutsche Kunststadt ist zweifellos das Werk Lrcbermanns und der Künstler, die sich um ihn sammelten. Und sicher war er in entscheidenden Jahren das geistige Zentrum unseres Kunstlebens. Es werden andere Zeiten mit anderen Kunstidealen kommen, aber Liebenuanns Werk wird unverrückbar in der Geschichte stehen. Bo» Dr. Kaeber, Direktor Des Berliner Stadtarchivs. Tief im Wesen des Genies liegt es begründet, nie restlos erklärbar zu sein. Könnten wir es bis in seine letzten Wurzeln ergründen, was sollte dann uns hindern, Genies zu züchten? Und doch, nicht mir unser Herz laßen wir dem Genie entgegenschlagen, unverdrängbar lebt in uns das Verlangen, es zu begreifen, einen Teil wenigstens seiner Erscheinung in die Welt unseres Vörstettens und Denkens c-inzuordnen. Gilt dies Verlangen schon dem Genie als solchem, wie viel stärker dann noch dem der eigenen Heimat Entsprossenen! Mag es in ruhiger Stunde uns auch 'vermessen erscheinen — wir hoffen, in ihm uns selbst wiederzusinden, suchen in ihm eine dem heimischen Boden geheimnisvoll verbundene Kraft zu erkennen. Ohne die Schranken unseres Wissens zu leugnen, ohne die ^cheu vor der Einzigartigkeit der Größe zu verletzen, dürfen wir den Zusammenhängen nach-puren zwischen der Erscheinung Mar Liebermanns und der Stadt, die ihn gebar, ihn erzog und ihn nach den Jahren des Lernens und Reifens in Paris, Holland und München seit länger als einem Menschenalter wieder den Ihren nennt. Ein Jahrhundert ist es l)er, seit der Großvater Max Liebcrmanns, Joseph Liebermann, als Vierzigjähriger Märkisch- F r i e d l a n d verließ, jene Kleinstadt der heutigen Grenzmark, in der sein Vater gelebt hatte und gestorben war, in der er selbst Wohlstand und Achtung genoffen. „Daß er sich stets als treuer, redlicher Bürger gezeigt, und daß sein Betragen lobenswert" hieß es in dem Zeugnis, das ihm der Magistratchon Märkisch-Friedland mitgab. Rach der Hauptstadt des preußischen Staates führte ihn sein Weg. Auf dem gefährlichen Boden der zur Großstadt sich wandelnden Residenz aber wurde ans dem Kaufmann der Industrielle. Er brachte der neuen Heimat die Kraft seines Unternehmerwillens und seine Intelligenz, baute in harter Konkurrenzarbeit gegen das Maschinen-, gewaltige England eine moderne Kattunindustrie ans und empfing als Gegengabe Berlins die reichen Möglichkeiten der großen Stadt, die so lange latente Energie seines Charakters zu schöpferischem Werke zu gestalten und in seiner Lebensführung die Enge der Kleinstadt al-zustreisen. In der Heirat seines zweiten Lohnes Louis mit Philivpine Haller, der Angehörigen einer der alten, unter dem Großen Kurfürsten nach Berlin gekommenen jüdischen Familien von Tradition und Kultur, kam die Verwurzelung des Zugewanderten nnt dem Boden Berlins zu symbolischem Ausdruck. Dieser Ehe ist Mar Liebermann entsprossen. Er ist aufgcwachün in einem Hause, dem der Geist des vornehmen Judentums jener Jahre mit seiner Frömmigkeit, seinem Familiensinn, seiner Strenge und Arbeitsamkeit das Gepräge gab, ein Geist, der zugleich der debürgerlichen Berlins überhaupt war. So weit sich Mar Liebermann auch, gemäß dem unentrinnbaren Schicksal des Genies, im Lause seiner Künstlerschaft von den Seinen und den Kreisen des höheren Berliner Bürgertum.» entfernen mußte, in seiner Lebensgestaltung hat er stets zu ihnen gehört. Wie seine elegante Erscheinung, das Harmonische seiner Figur, das dem jungen Münchener Maler Erich Hancke, seinem späteren Biographen, beim ersten Kennenlernen Liebermanns im Jahre 1893 anssiel, das Erbteil der Mnen war, so bewahrte er in seiner Abneigung gegen alles an Boheme Anklingende die Zugehörig, fett zu den Traditionen der Berliner Bürgerlichkeit. Freilich sind das Aeußerlichkeiten. doch entbehren sie nicht der Bedeutung. Die Korrektheit etwa seiner Erscheinung spiegelt die eine große Seite seines Schaffens wieder: ihre tiefe und erschütternde Ehrlichkeit. Keines der vielen Tausende seiner Gemälde, Zeichnungen und Radierungen ist um der Wirkung auf das Publikum willen auch nur in einem Strich anders geworden, als es der künstlerischen Ueberzeugung ihres Schöpfers entsprach. Ein Hauch von Reinheit undPhrasenlosigkeit, den die Blinden für Nüchternheit halten mochten, liegt über allem, was er geschaffen. Was der fast Achtzigjährige vor wenigen Tagen mir noch gesagt, daß ihm Uebertreibung zuwider, daß Sentimentalität schrecklich, und daß es bester sei, gefühllos zu erscheinen, als sentimental — seine Kunst ist seit sechs Jahrzehnten dieser Ueberzeugung gefolgt. Hier rühren wir an eine der Duellen seiner Persönlichkeit und fühlen im gleichen Augenblick, daß sic ans Berliner Boden entsprungen ist. Rur daß der irren würde, der Liebermann oder dem Berliner das Gefühl absprechen wollte! Wer die Schilderung Hanckcs von dem nach der Beerdigung des Vaters „vollständig fahl" in sein Atelier kommenden Malers gelesen, wer Liebermann mit seinem Hunde gesehen hat — welch typischer Berliner Zug auch in dieser Liebe zur Kreatur —. wer einmal vor den „Netzslickcrinncn" oder der „Alten Frau mit den Ziegen" stand, wird Furcht vor Sentimentalität nicht gleichsetzen mit Mangel an echtem Gefühl. Freilich weiß Liebermann um ein Mittel, die aus seelischer Erschütterung aufsteigende Gefahr für die Bel>auptung des eigenen Ich zu bannen. Wie er unmittelbar nach der Beisetzung des Vaters in (ein Atelier geht, an dem begonnenen Bilde weitermatt und am Ende eines Tagewerks die Worte ausstößt: „Die Arbeit ist noch das einzige, was mich ausrechterhält", so sagte er mir, unabsichtlich und so ganz nebenbei und gerade darum so einprägsam: „Mich interessiert immer nur die Arbeit/ Ueberwältigend trat bei diesem Wort das ark des seit sechzig Jahren Schaffenden vor mein Auge, und ich cumte das Antlitz jenes wahren Berlins wieder, das die Stadt der Arbeit ist.