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Von deutsch-jüdischer Jugend · 1927-07-01 · 4-5 (1.7.1927) · p. Seite 11

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Journal
Von deutsch-jüdischer Jugend
Volume
3 (1927)
Issue
4-5 (1.7.1927)
Date
1927-07-01
Page
Seite 11 (sequence 3)
Language
German
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11 f-i I I * r c : I r r \ i! \ ( «! t i f? c S R a .1 x l) 11 %\ weniger: ein Meister zugleich und ein Schülers Er 5nrderd an Stelle des einseitigen Vortrages „die Gegensertrgkeitder »Sprechstund eUnd mit Recht weist er in diesen Ausführungen. die als ein Programm für das freie jüdische Lehrhaus in Frankfurt gedacht sind, aus die segensreiche Wirkung hin, die drese Leffentlichkeit einer solchen „Sprechstunde' auf dre „Programme', die Varteischablone, haben würde. „Tenn diese Oefsentlichkert ist eme mörderische Atmosphäre für die Macht des Todes, die unserer deutscken Judenheit und — ehrlich gesagt — insbesondere der nichtmonistischen, im Nacken sitzt: das Bonzentum. Me jene Verdonzten und alle, die es werden wollen, sie werden sich einfach nicht hinwagen. Tenn hier wird gefragt. Und sie wollen Kundgebungen, hier wird gezweifelt. Und sie wollen Programme.' Wir können hier nur im Vorbeigehen darauf Hinweisen, daß Rosenzweig mit dieser Erkenntnis der Not unserer Jugend die Notwendigkeit hinstellt, ein stärkeres Band für das deutsche Judentum ,u schaffen, als den „jüdischen Kamps ums Recht". So nötig er ist, so wenig kann doch er allein den inneren Zusammenhalt geben. Durch das ganze Buch geht das Streben nach der Wiederbelebung jüdischer Lebensinhalte, nach der „jüdischen Einheit'. Mit Recht sieht Rosenzweig in der Erfüllung dieser Aufgabe die wahre Lösung unserer Nöte, während er den Zionismus sehr fein einen „genialen Diagnostiker, aber sehr mittelmäßigen Behandler' nennt, der „das Uebel erkannt, aber die falsche Therapie angegeben hat'. Mehr als eine Anregung zum Studium bannen und wollen diese Zeilen nicht seim Wer dieses Buch mit innerer Aufmerksamkeit liest, der wird sür sich und den Kreis seiner Gemeinschaft die Meinung Rosenzweigs bestätigt finden, der von seinem Werk sagt: „es eröffnet ein Gespräch, das, hoffentlich mehr mit Taten und Lebensläufen geführt, als mit Worten, unter denen, die ich in meinem „Wir' zusammenzuschließen mich unterfing, nicht mehr zur Ruhe kommen soll'. Wohl das Schönste, was man von einem Buche sagen kann! Das Elternhaus. Don Herbert Gerstrnann. Wenn Kant sagte: „Tie Erziehung ist das schwierigste Problem', so können wir heute dem hinzusügen: besonders für die jüdischen Eltern; denn nirgendwo sonst ist der Fragenkomplex so groß wie hier, wo Tradition als Heiligtum modernem Zeitgeist als Notwendigkeit sich feindlich gegenüberstehen. Es ist — auch an dieser Stelle — schon so häufig vom Zweck und Uebel der Tradition gesprochen worden, daß es sich erübrigt, hierüber noch weiter zu diskutieren. Die heutige Jugend ist sich zum größten Teil einig in dem Bewußtsein, daß sür sie die Tradition nur ein Ballast bedeutet, der um so schwerer anhängt, je eigensinniger sie die Erzieher als Axiom für die Richtigkeit ihrer Pädagogik betrachten. Was bedeutet heute denn vielen — auch älteren — Juden ihre Religion? Nicht viel mehr als Pietät; sie halren gerade an manchen Gebräuchen fest, weil sie damit ihre Eltern ehren, sie gehen gern in die Synagoge, um sich durch vertraute Töne in ihre Kindheit versetzen zu lasten. Aber all das ohne inneren Glauben, ohne das wahre Gefühl von der Echtheit ihrer Ueberzeugung. Und die Schuld daran trifft die Erziehung, die zwischen neuzeitlicher Einstellung und mitgebrachter Ueberlieserung schwankt. Hier zunächst einmal den Ausgleich für sich selbst zu finden, ist die erste Aufgabe der Eltern; denn nur wer eine gewiste Festigkeit der Anschauung in sich selbst entwickelt hat, ist befähigt, andere zu belehren und zu erziehen. Wichtig ist, das Wesen eines Kindes als Maßstab der Erziehungstaktik anzuschen, notwendig. seine Individualität zu achten, unerläßlich, ihm seine Religion, seelisch fühlbar zu machen, nicht aber sie ihm einzupauken. Ob jedes Kind weiß, wenn es mit zwölf oder dreizehn Jahren konfirmiert wird, was für einen Schritt es tut, ob sein religiöses Begriffsvermögen ausreicht, den Sinn des heiligen Glaubenschwurs, den es leisten muß, auch nur annähernd zu verstehen? Tiefer Tag bedeutet den Eltern mehr als dem Eingesegneten, zu ihrer Ehre und Freude, die oft weniger religiöser als gesellschaftlicher Natur ist, scheint das Kind in die Gemeinschaft Israels ausgenommen zu sein. Und wenn wir lesen, daß wieder einmal ein Jude seinem Elanben untreu wurde, dann dürfen wir mit 90 Prozent Richtigkeü annehmen, daß keine oder eine falsche Erziehung schuld ist an seuiem Abtrünnigwerden. Wir lesen nun so oft von jüdischer Erneuerung, hören von jugendlichem Zusammenschluß und vernehmen nicht ungern, daß ^sr Wille zur Religiosität die Herzen der Jugend begeistert. Solange ^e Erzieher sich nur immer passiv, wenn nicht gar abwchrend dem verlangen der jüngeren, Generation gegenüber verhalten, solange wird jüdischer Erneuerung kein Erfolg beschieden sein. An das Alter ' ^her der Ruf-, sich der Bewegung der Jugend nicht zu verlcyneßen, sondern sich zu bemühen, ihr Verständnis entgcgenzubringen und an ihr mitzuareiten, ihnen zu Nutzer^ den Kindern zur Freude, gesamter. Judentum zur Ehre! Jüdisches Milieu. Von Julius Carlebach (Hamburg). Ein wesentlicher Faktor der jüdischen Erziehung ist bisher nicht genügend gewürdigt worden: das jüdische Milieu. Dieses Mrlieu bedarf einerseits alttraditioneller Formen —, denn welche Wirkung hätte z. B. der Sederabend ohne Zeremonien gedankentiefer, symbolischer Art —, anderseits Liebe zum Judentum und dessen Verinnerlichung. Das jüdische Gebot darf nicht Form ohne Inhalt sein, bloßer Wegweiser für ein frommes Leben. Tas -Oberhaupt der Thoralehranstalt Slo.bodka (Litauen) erzählte seinen Jüngern einmal folgendes Gleichnis: „In Slobodka stand ein sehr großes Haus, das weil über alle anderen hervorragte. Wollte man jemand einen Weg beschreiben, sagte man: ,Geht bis zu Frumkins Haus und dann rechts oder links/ Eines Tages meinte deshalb ein alter Jude: ,Jetzt weiß ich, wozu Frumkins Haus steht; damit man den Weg findet/ Tiefer Mann vergaß, daß im Frumkinschen Haus soundsoviele Zimmer sind, und daß jedes einen besonderen Zweck erfüllen soll. So betrachtet man auch das jüdische Gebot als Wegweiser sür ein frommes Leben und bedenkt nicht, daß jede Mizwoh ihr eigenes Innenleben, einen tiefen Sinn hat.' Durch das Legen der Tefilla soll man Tat und Gedanken Gott unterordnen, durch die Beschneidung seine Triebe heiligen. Religiöse Verinnerlichung wird nicht durch gedankenflaches Erfüllen der Gebote erreicht, sondern nur durch stetes Ringen um den Geist des Judentums und seiner Mizwaus und ihrer Erfüllung mit jener Szimhas schel Mizwoh, jener Freude, der die Erfüllung eines Gebotes höchste Befriedigung und Selbstzweck ist. Tech kann auch das traditionelle Halten der Gebote zum religiösen Erleben führen. Naaße Wnischmah, wir wollen uns erst den Geboten fügen, selbst wenn wir ihren Geist noch nicht verstanden haben, so sprachen die Kinder Israel am Berge Sinai, als sie die Thora empfangen sollten. Deshalb stimme ich mit Alfons Nosenberg nicht überein, der meinte, daß jüdische Eltern, deren Religion sich im Halten der jüdischen Formen erschöpft, diese Formen ausgeben sollen. Auch diese Juden, deren Judentum erstarrt, abgestorben ist, können zum lebendigen Judentum zurückfinden, vielleicht wenn sie sehen, wie ihre Kinder mit der Frage der Religion ringen, denn hier gilt es. dem jungen Menschen beizustehen und seinen Glauben zu festigen. So werden auch die Eltern um ihren Glauben ringen müssen, und so ist wieder die Grundlage für eine religiöse Erneuerung gegeben. Werden die Zweifel des Kindes mit diesem bewußt durchdacht, so werden sie dadurch erheblich ^geschwächt oder vernichtet. Ties 'zur Antwort auf das, was Manfred Markus über juaendliche Zweifel und Kämpfe sagte. ^o ist gerade das jüdische Milieu im Elternhaus geeignet, religwses Empfinden dem Kinde einzuflößem Was nun . . .! Don Gerhard Silbernrann. Tie Beiträge der letzten Beilage waren sich einig in der Ansicht, daß das bestehende Erziehungssystem den Anforderungen unserer Zeit nicht mehr entspricht. Wer die Erzieher der Jugend sind, zeigt deutlich Hans Nothmann in seinem Aufsatz, nämlich: Elternhaus, Jugenderzieher und als letztes — aber bei weitem nicht Unwichtigstes — die Jugendbewegung. Es ist klar, aber es kann trotzdem nicht oft genug betont werden, daß eine Erziehung nur dann Ausstcht auf Erfolg hat, wenn diese drei Faktoren gemeinsam ans Werk gehen, und nicht, wie es bisher leider die Regel ist, gegeneinander arbeiten. Es ist eine Binsenwahrheit, zu sagen, daß unsere Generation im großen und ganzen von Hanse aus und auch in der schule sehr wenig jüdische Erziehung genossen hat, so daß es für uns notwendig war, den Weg zum Judentum allein zu suchen; daraus erwächst die Pflicht, den nach uns Kommenden unsere Erfahrungen zu widmen, denn wie schon Goethe sagt: „Warum sucht ich den Weg so sehnsuchtsvoll. Wenn ich ihn nicht den Brüdern zeigen soll.' Die Erziehung in den einzelnen Altersstufen ist sehr verschieden, und so ist es erklärlich, daß sich dieser Aufsatz nur mit einem Stadium beschäftigen kann, und zwar mit dem Krnde. In diesem Alter ist der grundlegende Fehler der, daß der Erwachsene von dem Kinde verlangt, daß es alles glaubt, was er ihm vorsetzt. Das Kind aber in seiner außerordentlichen Feinfühligkeit mißversteht ihn leicht. Wie bringen wir nun dem Kinde unser Judentum näher? Aus dem Gesagten erhellt, daß wir nur Dinge geben dürfen, die das Kind sich vorstellen kann, d. h. wir müssen mit der Ethik beginnen. Praktisch bedeutet das, dem Kinde die' sozialen Forderungen des Judentums in ^elifatefter Form vor Augen zu führen. Ans dieser Grundlage können wir die ganze jüdische Religion anfbancn, und so wird der Geist des Kindes reifen, um dann ein tieferes Verständnis für das Metaphysische zu haben. Bei allen diesen Betrackstungen muh den Gedanken des Kindes möglichster Spielraum gelapen werden (wobei darauf zu achten ist, daß das Kind nicht auf falsche Wege kommt); jeder Sprung und jede Unglattheil ist zu vermeiden, und möglichst muß mit dem Wortschatz des Kindes gearbeitet werden. Ich glaube, daß auf dieser Basis die drei Faktoren der Jugenderziehung (Eltern. Jugenderzieher, Jugendbewegung) ohne jede Schwierigkeit Zusammenarbeiten können zürn Wohl des Kindes und zum Besten des Judentums. 1;

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