Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 4-5 (1.7.1927)
- Date
- 1927-07-01
- Page
- Seite 12 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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12 Religiöse Erneuerung. Don Fritz Friedländer. Im Maiheft der „Neuen N u n d s ch a u" veröffentlicht Samuel Saenger einen Beitrag über „Religiöse Erneuerung", der insofern Interesse erheischt, als er die gleiche Problemstellung aufweist, die gegenwärtig an dieser Stelle zur Debatte steht. Der feinsinnige Publizist konstatiert das unverkennbare Erwachen eines religiösen Triebes, den er mit Recht als Folgeerscheinung der seelischen Erschütterung, in die der deutsche^ Mensch durch Kriegs- und Nevolutionsjahre versetzt wurde, auffaßt. Angesichts dessen wittert er nun für die geistige und politische Freiheit eine schwere Gefahr darin, daß dieser religiöse Trieb — von dem die konfessionelle Kirchenfrömmigkeit zumeist profitiere — von der politischen Reaktion eingefangen und für ihre dunklen Zwecke mißbraucht werde. Obzwar die deutsche republikanische Reichsverfassung im allgemeinen das Prinzip der Trennung von Staat und Kirche ausgesprochen habe, sei dennoch dem Zentrum zuliebe die weltliche Staatsschule nur unter einem Vorbehalt eingeführt worden; und dieser an sich unscheinbare Vorbehalt bilde nunmehr die Keimzelle der rückschrittlichen Entwicklung. Das Bedeutsame dieser Ausführungen liegt in dem indirekten Nachweis, wie sehr dieses eminent politische Kernproblem der deut-!chen Gegenwart letzten Endes in den: Konflikt der religiösen Anchauungen und Parteien verwurzelt ist. Saenger hat zur Interpretation des gegenwärtigen Vorganges die Restauration im Zeitalter Metternichs und der heiligen Allianzen als geschichtliche Parallele herangezogen: auch damals habe die politische Romanttk als Hüterin der gefährdeten religiösen Bedürfnisse sich der Aufklärung und der Wissenschaft hindernd in den Weg gestellt; das ist gewiß durchaus zutreffend, aber den Umsang dieses Geschehens erschöpft man doch erst, wenn man einen auch nur flüchtigen Blick auf die religionsgeschichtliche Entwicklung Deutschlands wirft. Das deutsche Mittelalter kannte noch keine relrgröse Skepsis im modernen Sinne, weil die Scholastik die logische Unanfechtbarkeit des kirchlichen Lehrbeariffs darlegte und weil die freie Forschung die Rolle der ancilla theologia© spielte. Die erste Bresche in dieses System legt die Mystik und der Humanismus, indem einerseits die individuelle Religiosität der Einzelpersönlichkeit wiedererweckt und anderseits der mnerwelttich-naturalistische Religionsbegriff der Antike wiederentdeckt wird. Ter deutsche Geist entledigt sich in hartnäckigem Kampfe der dogmatischen Fesseln, daher konnte der Geist der Gegenreformation in unserem Vaterlands nie völlig Raum gewinnen, denn mitten auf der Strecke steht Leibniz, der das kirchliche Dogma vor das Forum der Vernunft nötigte, und am Ende der Bahn der psychologistische Kant, der die cheologische Moral dadurch revolutionierte, daß er dem einzelnen aufgaö, sich so zu verhalten, als ob ein Gott existiere. Seit Kant ward es unmöglich, die religiöse Allmacht bloß auf das kirchliche Autoritatsprinzip zu stützen, man sah sich nach geeigneten Hilfsmitteln um; das gangbarste Ersatzstück lieferte Hegel mit seiner Apothese des Staates, — und es mutet wie eine Ironie auf seine vielgerühmte List der Idee an, daß Saenger in einer beinah boshasten Nuance mit Argumenten aus Lagardes konservativer Weltanschauung gegen diese Lehre von der Staatsomnipotenz zu Felde zieht. Wenn wir nun aus diesem Sachverhalt für die religiöse Lage unseres deutschen Judentums die Folgerungen ziehen, so ergibt sich wiederum die Erkenntnis unserer Schicksalsverbundenheit mit der allgemeinen deutschen Entwicklung. Nur mit dem Unterschiede, daß „unser Mittelalter" einige Jahrhunderte länger wahrte, denn die Position eines Bahnbrechers, die innerhalb der deutsch-christlichen Entwickluna etwa Erasmus einmmmt, nimmt innerhalb der deutschjüdischen Moses Mendelssohn ein, wobei übrigens nicht unerwäynt bleiben soll, daß eine berühmte kulturgeschichtliche These von Troeltsch den Ausgang des Mittelalters erst mit der Aufklärungsbewegung des 18. Jahrhunderts gegeben sieht. Indem Mendelssohn rn seinem nebelbeleuchtenden Buche .Jerusalem, oder über religiöse DLacht und Judentum" im Anschluß an Leibniz den Primat der Vernunft für die Religion des Judentums verkündete, trat in die Geschichte der jüdischen Religion eine Gedankenfolge ein. die sich bei dem tiefsinnigsten Denker des deutschen Judentums zum System rundete: wir meinen Hermann Cohens „Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums"; erst seitdem konnte es eine „Wissenschaft des Judentums" geben, die seit Zunz und Geiger sich durchaus analog der religionsgeschichtlichen Kritik und religwnssozioloaisckjen Methode der protestantischen Theologie entwickelte. Die ziomstische Anklageliteratur quittierte diese Entwicklung mit dem Zeugnis einer „Entjudung des Judentums"; aber, falls sie die Erhaltung der traditionellen Form des Religiösen für sich in Anspruch nehmen wollte, war dieses Pulver umsonst verschossen, denn ein Realpolitiker wie Herzl wurde doch vor allem von profanen Motiven bestimmt, und eine tief religiöse Natur wie Martin Buber bewegt sich frei vom Gesetz in der Sphäre individueller Religiosität. Unsere religiösen Zustande sind eben im übertragenen Sinne eine Spiegelung derselben Zerrissenheit, die das chrisrlich-deutsche Lager durchzieht: analog dem Katholizismus fordert das gesetzestreue Judentum ans religiös-traditionellen Gründen die Konfessionsschule, die die jüdischnationale Richtung aus politischen Gründen fordert, während die Mendelssohn-Zunzsche Richtung analog dem deutschen Liberalismus die freie Gemeinschaftsschule verteidigen muß. Wer religiöse Probleme erörtern will, muß sich damit abfinden, daß er es keiner Partei recht machen kann; er vermag gegen Mißdeutung nur seine intellektuelle Redlichkeit als Gegengewicht in die Wagschale zu werfen. Unter diesem Vorbehalte vertrete ich die Ansicht, daß das vietbeklagte Dilemma unseres Religionsunterrichts, das hier die Kritik der Jugend in reichlichem Maße herausgefordert hat, hauptsächlich von der Nichtberücksichtigung des Umstandes herrührt, daß die moderne Religiosität im Gegensatz zur mittelalterlichen immanenten und nicht mehr transzendenten Charakter aufweist. Der jüdische Religionsunterricht lasse in Anbetracht der seelichen Empfmdlichkett der Jugend das individuelle religiöse Gefühl unangetastet und beschränke sich darauf, das zum religionsgeschichtlichen Verständnis notwendige wissenschaftliche Ataterial darzubieten; er behandle die Religion nicht, wie es zumeist geschieht, als Sonderprovinz des Kulturganzen, sondern als Zentralidee, die alle Sphären des Kulturganzen gleichmäßig durchstrahlt. Ich bin keineswegs leichtfertig genug, mit diesem Praktisch gemeinten Vorschlag das richtige Rezept oder die richtige Methode verabfolgen zu wollen; aber vielleicht könnte aus diese Weise in der Seele des jungen Deutschjuden etwas von dem überkonfessionellen Gefühl Goethes aufglimmen: Innere Wärme, Seetemvärme, Mittelpunkt! Lehrer und Zührer. Von Ernst Heinrich Seeligsohn. Wenn sich ein Jude, ein Katholik und ein Protestant, eingedenk der schicksalvoll notwendigen Eigenheit ihrer Religion, zur Herausgabe einer Zeitschrift vereinen, um über die Schranken ihres seelischen Raumes einander zu grüßen und von der ihnen allen gemeinsamen Not der Geschöpflichkeit zu künden, dann wird auch die verantwortungsvolle Frage: „Was wird aus der Jugendbewegung" gestellt iverden müssen. In der neuen Zeitschrift „Die Kreatur", herausgegeben von Martin Buber. Victor v. Weizsäcker und Joseph Wittig (Verlag Lambert Schneider), ist deshalb auch das Problem der Weiterentwicklung der Jugendbewegung ausführlich behandelt worden. Eugen R o s e n st o ck (S. 51 ff.) glaubt zwei Grundtypen von Menschenerziehern seststellen zu können: den Führer und den Lehrer. Im Führer verkörpert sich eine einzige Generation. Er hat ihre Eigenschaften in gesteigertem Maße. Seine eigene Begeisterung pflanzt sich fort in der Begeisterung seiner Gruppe. Das Geheimnis des Erfolges der Jugendbewegung — vor dem Kriege war sie kaum bekannt. heute ist sie allgemein anerkannt —- beruht daraus, daß sie die jungen Menschen in die eine ungeteilte Wirklichkeit wieder hin* eingerufen hat. nachdem die Vorkriegszeit in einer unendlichen Zersplitterung der Lebensgebiete und Tätigkeiten aufgegangen war. Run aber muß gegenüber dem Fortleben der Gruppe in der Personengebundenheit an den Führer ein Neues betont werden, soll sich die jugendbewegte Gruppe nicht überleben. Auch der Führer kann nicht immer Führer bleiben, er wächst aus den Bindungen an die Gruppe heraus, die nachdrängende Generation — schon ein Jahrfünft später kann es sein — kann in ihm nicht mehr die Verkörperung ihres Wesens erblicken. Da ist — und dies nicht nur der Jugendbewegung, sondern auch unserer ganzen Zeit — der Lehrer notwendig. Der Lehrer verbindet die Gruppe nicht mit seiner „einaltrigen" Persönlichkeit, sondern mit der „mehraltrigen Lehre". Er ist der Uebermittler des Geistes, der über die Zeiten, durch je und je rebellierende Jugendgeschlechter wirken will und soll. Nicht den Lehrer, den wir gemeinhin darunter verstehen, will Rosenstock neben den Führer treten sehen. Nein, denjenigen, der die Lehre nicht als belangloses Spezialwissen, Auchwissen weitergibt, sondern als ein das ganze Leben bestimmendes Erbgut von Generationengeist. — Es mag für uns in diesem Zusammenhang gleichgültig bleiben, ob die Rosenstocksche Unterscheidung vom Typus des Lehrers und Führers so scharf zu trennen ist. Er selbst hat das zugegeben, daß in vielen Menschen beide Typen gemischt sind. Und M i r ge l e r hat in der gleichen Zeitschrift (I!. Heft) dieser Scheidung widersprochen. Aber sickjer ist, daß hier die Kernfragen, die die Jugendbewegung heute bewegen, berührt sind. Die große Frage bleibt bestehen, ob das Eingespounensein einer jugendbewegten Gruppe ihre Glieder nicht lebensuntüchtig macht, ob das geheimnisvolle Etwas, das „Bundesgefühl" oder wie man dergleichen nennt, nicht allmählich leere Phrase, unklares und unwahres Gefühl wird. Da ist der Gedanke, daß die Jugendbewegung wieder überzeitliche Bindungen knüpfen soll, überaus fruchtbar. Nicht ein Versinken in den „Gegebenheiten des Lebens, ein plötzliches Stürzen in die Einzelwissenschaften und Praktiken der modernen Zivilisation (so, als wenn man etwas versäumt hätte), sondern ein „neuer Aufbruch der Aelteren", wie das Mirgeler formuliert hat. In diesem Aufbruch werden die Aelteren der Jugendbewegung gerade aus dem Instinkt, der ihnen durch die Wertung nur ihres Menschentums in der Jugendbewegung geschärft worden ist, dort an den überzeitlichn Geist anknüpfen, wo er — so hoffen wir — der Zeitlichkeit neue Antriebe zu geben vermag. Gerade diejenigen, die das Führersein in der Gruppe durchgekostet haben, werden dann auch in neuer Gestalt als Lehrer oder besser: als Meister (im Sinne deS Handioerks) den Jüngeren gegenübertreten dürfen. Der „vertrocknete Lehrer" wird aus diesen Kreisen niemals kommen, aber hoffentlich ein lebenskluger „Könner", der den menschlichen Zusammenhang mit den nachkommenden Geschlechtern nicht verloren hat. Verantwortlich filc d!e Beilage „Von deulsch.Mischee Jugend": Alfred Hirsch, berg (Berlin-Charloltendurg). Druck von Rudolf Moffe, Berlin SW 19.