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Von deutsch-jüdischer Jugend · 1927-07-01 · 4-5 (1.7.1927) · p. Seite 10

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Journal
Von deutsch-jüdischer Jugend
Volume
3 (1927)
Issue
4-5 (1.7.1927)
Date
1927-07-01
Page
Seite 10 (sequence 2)
Language
German
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10 ist anderes als das distanzierte Verhältnis des „und". Es ist aber dasselbe wie unsere Einstellung zum Judentum, unsere JüdischkeiL. Es mußten und durften, um die Ganzheit unseres Lebenskreises zu umschließen, auch Andersgläubige im Lchrhause reden, und so stehen neben ben Leitern und Lehrern Franz Rosenzweig, Martin Buber, Eduard Strauß, Ernst Simon, Rud. Hallo u. a. auch der Pfarrer Schasst oder der Dichter Alfons Paquet. Die Namen der Dozenten, der ordnende und über allem waltende Geist der Leitung bürgten in jedem Trimester dafür, daß die an so vielen Seiten aufgegriffenen Fragen sich zu einem einheitlichen Ganzen fügten. Und nicht nur das Vorlesungsprogramm mit seinen weisenden Titeln und Obertiteln, sondern ebensosehr die nahe geistige Beziehung aller Führer waren wirkender Beweis dafür. Vom Hergang einer Stunde selbst aber kann ich nicht erzählen. Sie zu beschreiben wäre nur Inhaltsangabe eines Referates — bestenfalls Stenogramm eines Gespräches. Das Leben, der Kern müßte fehlen. Es mag auch äußerlich die Vorlesung dem Fernen nicht anders erschienen sein als Vorträge sonst. Es kamen auch ins Lehrhaus Leute, die nichts anderes von ihm wollten als Unterhaltung und Bildung — zu den Arbeitsgemeinschaften und Aussprachen fand sich immer nur ein enger Kreis.^ Und nach acht Jahren stiller Arbeit ist der Ruf des Lehrhauses wohl weit gedrungen, die Bildungsdurstigen und Interessierten aber haben sich neuen Interessen zugewandt, seine Gemeinde ist eng geblieben. Das kommt, weil erst der zum Lehrhaus und seiner Gemeinde gehört, der allein schon, in sich den Zusammenstoß von Judentum und Judesein erlebt hat, dessen Ausdruck, dessen Wirksorm nur das Lehrhaus sein will. Nur der Aufgerüttelte findet in ihm heim. Deren Schar aber ist jung und klein — sonst brauchten wir ja nicht gegen Bonzen und Formen zu kämpfen um das Leben. Möifthe Erziehung. Von Friedrich BroDnitz. In der letzten Nummer der Beilage ist das Problem der religiösen Erneuerung angeschnitten worden. Es ist damit in erfreulicher Offenheit die Diskussion über eine Frage eröffnet worden, die heute — ausgesprochen oder nicht ausgesprochen — im Zentrum jeder nich t zionistischen jüdischen Jugendbewegung steht. Wenn man versucht, durch die Artikel dieser stummer einen Querschnitt zu legen, so erscheint mir zweierlei bemerkenswert. Erstens ist durch den Geist, in dem dort dieses schwierige Problem behandelt worden ist, erneut der Beweis für die Nichtigkeit unserer Anschauung geliefert worden, daß innerhalb der Jugend auch religiöse Fragen, unbeschadet der Einstellung und Richtung des einzelnen, auf allgemeiner Grundlage behandelt werden können und müssen. Tie religiöse Not ist in der Jugend so fühlbar und so groß, die Sehnsucht, sich aus dem Wege über die Religion ein positives Judentum Zu schassen, so stark, daß bei der Erörterung dieser Tinge die abweichenden Meinungen zurücktreten gegenüber dem gemeinsamen Ziel. Um dieses Ziel aber zu erreichen, genügt nicht mehr eine passive oder kritische Stellung zum religiösen Erziehungsproblem; an die Stelle der passiven Aufnahme muß aktive Produktion treten. Und hierin sehe ich das zweite wesentliche Ergebnis der bisherigen Diskussion. Aus allen Aufsätzen, vor allem aus dem von Alfons Rosenberg, spricht der entschiedene Wille, auf dem Gebiete der religiösen Erziehung selber, da die bisher maßgebenden Faktoren versagt haben, die p ä d - agogischeDerantwortung zu übe r^n eh men. Mit Recht wrrd hervorgehoben, daß das Erziehungsproblem in erster Linie ein Problem des Erziehers ist. Und mit Recht wird betont, daß den jüdischen Jugendgruppen als den stärksten Mächten innerhalb der jüdischen Jugend die volle Verantwortung für die jüdische Erziehung zufällt. Es geht eben nicht mehr an, sich um die Vorgänge außerhalb der Bewegung nicht zu kümmern. Schule und Unterricht muffen der lebendigen Beeinflussung durch die bewußte Jugend unterworfen tverden; Beeinflussung im Sinne aktivster Mitarbeit an allen Erziehungsfragen. — Die folgenden Zeilen wollen nun in dieser Erörterung auf die gewichtige Stimme eines Mannes Hinweisen: Franz Rosen- Z w erg hat in dem eben erschienenen Band seiner gesammelten Aufsätze „Zweistromland" Philo-Berlag) die drei ersten Artikel unter dem gemeinsamen Titel „Zur jüdischen E r z i e h u n g" zusammengesaßt. Abgesehen davon, daß hier einer der bedeutendsten Köpfe des deutschen Judentums spricht, sind diese Aufsätze unserer höchsten Beachtung wert, weil aus ihnen ein Geist freiester, von Parteienge ungebundener Betrachtung spricht, der gerade uns zutiefst berührt. Franz Rosenzweig hat hier denen, die es noch nicht, wie unsere Frankfurter Kameraden, wußten, den Beweis geliefert, daß ein freies Denken, das sich nicht in die Schablone einer „Richtung'" einsügt, nicht an die Jahre der Jugend gebunden ist. Es kann nicht meine Aufgabe sein, den ganzen Gedankenreichtum dieser Aussatze hier nachzuzeichncn zu versuchen; dafür mußte man Wort für Wort Rosenzweig nachsprechen. Hier sei nur als kleine Probe, die zur Lektüre des Ganzen anregen möchte, auf ein paar Gedanken der ersten Artikelreihe kurz hingewlesen Wenn in der letzten Nummer mit Recht von allen Seiten auf die Mängel des Religionsunterrichtes hingedeutet wurde, so gibt Rosenzweig in dem ersten Aussatz „Zeit ist's"" die Antwort auf die Urfachen dieses Uebelstandes. Er weist darauf hin, daß alle Versuche, den Religionsunterricht wirklich gehaltvoll zu gestalten, daran scheitern müssen, daß die jüdische Oefsentlichkeit es nicht verstanden hat, sich einen wirklich aus der Höhe stehenden jüdischen Lehrcrstand zu erhalten. Er geht von der Tatsache aus, daß der Lehrer, oft unter dem Druck der äußeren Verhältniffe, aufgehört hat, wie früher, Lehrer und gleichzeitig Forscher zu sein. Er sieht in emem Lehrerstand, der so ausgebildet und so gestellt ist, daß er Ze n t r u tn eines lebendigen jüdischen Gei st eslebe ns wird, das wichtigste Mittel, um der geistigen Verflachung der jüdischen Oefsentlichkeit cntgegenzuwirken. Es unterliegt wohl keinem Zrveifel, daß unter der jüdischen Jugend Kräfte genug vorhanden waren, die sich mit Hingabe in den Dienst einer solchen Ausgabe stellen würden, wenn sich in den jüdischen Gemeinden mehr Verständnis dafür durchsetzte, daß sie mit einer materiell ausreichenden Sicherstellung ihrer Lehrkräfte eine Ausgabe erfüllen, deren Nichtbeachtung sich schon in kurzer Zeit schwer rächen wird. Mag der großzügige Plan einer großen Schule von geistigen Arbeitern mit einer jüdischen Akademie als Spitze, wie ihn Rosenzweig entwickelt, sich in der Ungunst der Zeit noch nicht ganz in die Tat umsetzen lassen, so könnte doch bei gutem Willen und Erkenntnis der Dringlichkeit vieles geschehen. Hier erwächst der Jugend eine wichtige Aufgabe, diese Forderung immer wieder zu erheben; die deutschen Juden können sicher sein, daß in dem Maße, in dem von den Aelteren der äußere Nahmen für eine solche Arbeit geschaffen wird, sich aus den Reihen der Jugend Menschen genug finden werden, die ihre Lebensarbeit in den Dienst dieser Sache zu stellen bereit sind. Ein solcher Lehrerstand wird dann fähig sein, den jungen Menschen nicht nur nüchterne Tatsachen, sondern, wie es Rosenzweig nennt, „eine jüdische Welt" zu vermitteln. Daß die Sehnsucht nach dieser jüdischen Welt heute stärker denn je in der jüdischen Jugend lebt, weiß jeder, der sie kennt. Daß diese Sehnsucht aber nur aas dem Weg über wirkliches Wissen zu stillen ist, ist ebenso sicher. Es darf nicht sein, daß die nächste Generation immer noch das peinliche Gefühl des Viel-zu-wenig-Wissens kennt, das uns oft genug überfällt. Und so entwickelt Rosenzweig einen eingehenden Lehrplan, von dem er selbst sagt, er habe ihn nur „als Beispiel entwickelt, um die Richtung zu weisen". Mag man diesem Plan in Einzelheiten zustimmen oder nicht, so trifft er doch das Richtige, wenn er statt des bisher geübten Vortragens von Lehren die intensive Beschäftigung mit den Quellen, mit dem Schrifttum verlangt. Und er schließt den Aufruf mit den Worten: „Das jüdische Bildungsproblem auf allen Stufen und in allen Formen ist die jüdische Lebensfrage des Augenblicks". In welchem Geist dieses Bildungsproblem gelöst werden soll, davon spricht Rosenzweig in dem zweiten Artikel „Bildung und kein Ende". Mit bewundernswerter Feinfühligkeit stellt er sich hier auf das Empfinden des jungen Menschen ein, wenn er die Bedeutung des „Buches" und der lebendigen Aussprache gegeneinander abgrenzt. „Denn ein Geheimnis, obwohl ein ganz hüllenloses, ist's diesen bildnngbesessenen und bildungserstickten Zeilen, daß Bücher nur da sind, um Gewordenes dem Werdenden zu vermitteln, daß aber, was zwischen Gewordenem und Werdendem stehr, der Tag, das Heute, die Gegenwart, das — Leben, keines Buches bedarf." Und der Jugend aus tiefster Seele gesprochen, wenn er sagt: „Kein Ende kennt die Belehrung der Künftigen, sie, die den Augenblick nur braucht, um mit seiner Glut die unerwachtcn Seelen der Werdenden aufzuschließen, und die von der Vergangenheit nur nimmt, was lehrbar ist, was in den aufgeschlossenen Seelen des neuen Geschlechts Raum findet." Erst wenn rückwärts gewandtes Wissen und lebendiges Erleben des Augenblicks sich finden, daun kann es in uns wieder eine „jüdische Welt" geben. Die Schuld daran, daß sie in so vielen von uns kaum noch vorhanden ist, gibt Rosenzweig der schwindenden Bedeutung des jüdischen Hauses: „Auch das jüdische Hans ist heute, wo cs noch aufrcchterhalten wird, nicht mehr das Herz, ans dem der Blutstrom alles jüdischen Lebens hervorgetrieben wird und in das er wieder zurückkehrt; die Familie hat, langsam aber sicher, ihre Machtstellung im jüdischen Dasein verloren." Wenn wir Jungen in unseren Gemeinschaften versuchen, Zentren jüdischen Seins zu schaffen, so sind wir sicher auf dem richtigen Wege. Wir wiffcn aber auch, daß eines der wichtigsten Ergebnisse dieser Arbeit die Neuerstarkung der jüdischen Familie, als der natürlichen Grundlage der Gcsamtgemeinschaft, sein wird. Ganz entspricht es unserem Empfinden, tvcnn Rosenzweig dann die Forderung ausstellt, daß der Lehrer sich selber als Lernender fühlen muß, daß er es verstehen soll, die „Wünsche" in der Seele des Schülers aufzuspüren. „Tonn der Lehrer, der solchen gewachsenen Menschen entgegenkommcn kann, darf so gar nicht Lehrer nach irgendeinem Schema sein; er muß viel inehr sein und viel

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