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Von deutsch-jüdischer Jugend · 1927-07-01 · 4-5 (1.7.1927) · p. Seite 9

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Journal
Von deutsch-jüdischer Jugend
Volume
3 (1927)
Issue
4-5 (1.7.1927)
Date
1927-07-01
Page
Seite 9 (sequence 1)
Language
German
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Serlkn, 1. Juli 1927 ff. £ifX um m Nach -em auf üem flelterenbunöestag üer «Ramera-en'" am 2H. Mai 1927 in Dessau gegebenen Dericht. von Martin Golöner. Die letzte Nummer dieser Beilage trug das. Motto „Wille zur religiösen Erneuerung". Unter dem Gesichtswinkel religiöser Erziehungsarbeit kamen die mannigfachsten Wünsche und Anregungen zum Ausdruck. Die vorliegende Beilage ergänzt und vollendet die Grundlegung der Problemstellung und beginnt die Anssprache. Die Schristleitung. Liebe Freunde! Der heutige erste Tag unseres Zusammenseins aalt der Erprobung unserer Gemeinsamkeit an dem Bilde, das dre jüdische Welt in ihren organisierten Kräften der Verwaltung und der Parteien in uns erweckt —: an unserer Einstellung zu den praktisch-politischen Strömungen. Und wir sind einmütig gewesen darin, daß wir sagten, so wertvoll und wichtig diese Kräfte und ihre Aufgaben find und so sehr auch wir zur Mitarbeit an ihnen uns bereiten wollen — es bleibt, daß es nur Kräfte der Sicherung und des Schutzes sind, und die dafür geleistete Arbeit muß darum aus anderer Berufung als aus Verwaltungssähigkeit und Verteidigungslust (apologetischem Geiste) getan werden. Das ist die verantwortungsbewußte Besinnung aus das Gut. das um seines Lebens willen auch solchen Apparates bedarf und erst aus seinem Leben ihn beseelt. Das ist die Berufung aus der lebendigen Teilhastigkeit am Judentum. Darunter aber verstehen wir den Augenblick und die von ihm rechnende Zeit, wo Judentum und Judesein sich verbindet. Wo das eine über das andere hereinbricht, wo aus Schulweisheit und Bildungsstoff, aus Wissenschaft und Religion im freien Menschen eine ins Leben wirkende Wirklichkeit werden will. Wo es uns nicht mehr genügt, als Jude geboren zu fein und als Jude unser Tagewerk zu tun, sondern wo wir es „in Jüdischkeit" verrichten wollen. Das ist der führerlose Weg, der sich spannt zwischen den zeitlosen Plätzen der Schule, dre bis zu dieser Gegenwart geleitet, und der Synagoge, die über sie hinaus führt. Hier wirkte früher für alle — jetzt für nur wenige — das Mische Haus, der jüdische Alltag: die Gemeinde. Hier war die Plattform, der Unterricht und Wissenschaft zu dienen hatten, aus der sie aber auch immer ihre eigenen Kräfte zogen. Neben der Schule und der Synagoge stand die Lernstube, das Lehrhaus, in das am Alltage die Männer der Gemeinde einkehrten, um miteinander zu „lernen" —- in dem Sinne, den dieses Wort in jüdischem Munde stets besitzt: der lehren und lernen, forschen und erbauen zugleich bedeutet; dorther tragt das Freie Jüdische Lehrhaus, das Franz Rosenzweig vor nun acht Jahren in Frankfurt am Main ins Leben rief, seinen Namen: Sprechraum und Sprechzeit sollte es bieten allen, die derart lebendig lernen, sprechen wollen. „Bildung — mb kein Ende" (1920 Verlag Kaufmann, ^uch im „Zweistromland", Schriften zur Religion und Philosophie, Philo-Berlag) heißt die Schrift, in der er dem Freimde und Mitleiter des Lehrhauses, Eduard Strauß, den Plan vorkegt. Auf sie zumeist und auf die anderen Berichte: im „Juden" Dezember 1923, von Richard Koch; im „Großlogenblatt" 1925, von Eduard Strauß, muß ich Hinweisen für die, die das Bild, das rch nur grob und lückenhaft umreißen kann, vertiefter tmb vielsertrger sehen wollen. Die nicht mehr vorhandene Plattform im jüdischen Leben Lchrhaus sein, auf der alle, die tätig in engem Kreise, sn "ud Partei, an ihm teilhaben, sich treffen und be- Mechen. sich bekanntmachen können, ohne jedwede äußere Frei heißt daher das Lehrhaus: allen, denen hinter Lesen und Hören die eigene Sprache, das eigene Leben fragend und antwortend, selbst gesprächig geworden ist. So ist das Lchrhaus ebensowenig Schule wie Volkshochschule. §)enn weder will es für das Leben vorbereiten und erziehen, noch den im Leben Stehenden Verbindung mit den geistigen Strömungen der Zeit — Bildungsstoff — geben. Und es ist keine Stätte religiöser Grfcaitunß und Erneuerung. So sehr es selbst im religiösen Judentum gründet, so wenig braucht in ihm über jüdische Religion die Rede zu sein. Es will in das gelebte Leben hineinwirken, dort, wo es nottut, den Tätigen Halt. Auskunft, Raum geben, den Wissenden Fragen und den Fragenden Wissen. Das aber geht nicht mit einem festen Lehrplan und geht nicht mit einer Lehrerschaft der Schülerschaft gegenüber. Aber das geht, wo Lehrer und Schüler, unmerklich geschieden, im Gespräch mit wechselnder Frage und Antwort pch treffen, wo eben keiner mehr von Beruf lehrt, sondern beide „lernen". Das geht, wo nicht Amtsgeschäfte und zufällige Ernennung, sondern menschliche Nähe die Lehrer unter sich zusammensührt und im Lehrhause selbst den einen jeweils zum Schüler des anderen werden läßt. Das geht, wo vertrauende Menschen miteinander gehen. Das aber wieder macht, daß die Freiheit und Weite des Lehrhauses nicht ins Raum- und Zeitlose wachsen, daß sein Ausgangsort auch sein Ziel ist: lebendige Verbindung von Judentum und Judesein mit unserer Zeit. Das Lehrjahr ist in Trimester eingeteilt. In ihnen finden Vorlesungen, Arbeitsgemeinschaften, Kurse und Aussprachen statt. Aber keine Vorlesung wurde gehalten, an die sich nicht — mehr Zeit beanspruchend als diese — eine Arbeitsgemeinschaft anschlöffe. In ihr erst wurde durch Hebung am Text, durch Kritik und Gespräch der Hörer zum Mitarbeiter, so daß in Wahrheit die Vorlesung oft nur Vorbereitung, die Hebung aber der Gewinn, die Belehrung war. Derart gingen auch bis in weit spätere Trimester und Lehrjahre in engem Krctfe die einmal begonnenen Arbeitsgemeinschaften fort, ohne daß ein Bortrag sie noch begleitete. Fest im Vorlesungsplan stand nur die im ersten Jahre begonnene und durch alle Jahre hindurchgeführte Lesung der „Schrift" von Eduard Strauß, die heute nach acht Jahren erst am Ende des dritten Buches angekommen ist. Worüber sonst gelesen wurde, das läßt sich mit kurzen Worten nur nach außen abgrenzen: über alles, das in sich lebendig genug und nicht seine Bedeutung erst aus einer „und"- Beziehung entlehnt. Also über alles, sei es „Jüdische Geschichte", sei es „G a n d h i", mrr nicht über „DasJudent u m u n d ..Nur so konnte und mußte gesprochen werden, denn es war gewiß, daß wer etwa über Dante ans dem Lehrhause lesen wollte, jüdisch von ihm sprechen würde. Das aber ffflid hdtfl Martin Goldner: Das Freie Jüdische 'imS? v&lll Lehrhaus. — Friedrich Brodnitz: Jüdische Erziehung. — Herbert Gerstmarrrr: Das Elternhaus. — Julius Earlebach (Hamburg): Jüdisches Milieu. — Gerhard Sttbermann: Was mm.. — Fritz Fried länder: Religiöse Erneuerung. - Ernst Heinrich Seeligsohn: Lehrer und Führer.

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