Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 26 (1.7.1927)
- Date
- 1927-07-01
- Page
- Seite 377 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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377 Sagen von Moses. Von Ernst Lifsaner. Das große Werk „Die Sagen der Juden" wird, nach einer Pause von mehreren Jahren, vom Verlag Nutten u. Loening in Frankfurt a. Main wieder ausgenommen. Micha Josef bin Gor io n hat den Stoff dieses Bandes noch zu seinen Lebzeiten gesammelt; als Uebersetzer und Herausgeber zeichnen mm nach seinem Tode R a h e l und (Imanuel b i n G o r i o n. Wer, wie der Verfasser dieser Anzeige, an diesem gesamten Bereich mit besonderer Eindringlichkeit -teiluimmt, dem ist jede Zeile unschätzbar; eine andere Frage ist, inwieweit diese Sagen einen gebildeten deutschen Inden, eine gebildeten Deutschen überhaupt, angehen, wie weit sie nur geistesgeschichtliche Zeugnisse von allerdings nicht überschätzbarer Bedeutung sind, oder aber eine sozusagen selbstverständliche Lektüre, gleich den Volksmärchen- und -sagen der Deutschen oder anderer Völker, wie sie etwa das große Märchenwelt des Verlages Diederichs sammelt. Diese Sagen sind dem gesamten nachüiblischen Schrifttum entnommen, insbesondere, wie es im Vorwort zum ersten Bande heißt, dem talnmdisch-midraschischen. Sie deuten die Erzählungen der Bibel und legen sie aus, doch nicht begrifflich, sondern wiederum durch Erzählung. Man glaubt oft mit vollkommener Klarheit zu erkennen, wie diese Sagen entstanden: Fragen wurden im Gespräch von Lehrern untereinander oder in der rabbinifchen Schule aufgeworfen, und die Antwort gab neue ergänzende oder ausschmückende Tatsachen. Mit anderen Worten: man erfand, man fabulierte, ohne sich dessen bewußt zu sein; man dichtete — und je nachdem nun das dichterische oder das begriffliche Element überwiegt, wirkt diese gleichsam von selbst entstandene neue Neberlieferung auf den heutigen Leser dichterisch, visionär, segenhaft oder aber verstandesmäßig, erklügelt, allegorisch. Diese Sagen ergänzen die Nachrichten, die wortwörtlich geglaubten Nachrichten der Bibel. Ter Stil der biblischen Ueberlieserung ist in großen, sehr anschaulichen-, sehr konkreter; Umrissen gehalten; diese werden nun durch naturalistische Einzelheiten ausgeschmückk. Der Text des Alten Testaments besteht, wie vielfach heute angenommen wird, aus einer Anzahl verschiedener, im Alter um Jahrhunderte getrennter und mannigfach durcheinander geflochtener Schichten: viele Züge widersprechen der Frömmigkeit der Spätzeiten; diese Unstimmigkeiten werden abgeglichen. Wenn wir uns diese eigentümliche Einstellung vergegenwärtigen wollen: es ist, als ob wer fragte: Warum ist es dem Dichter Goethe gegeben, in Versen zu sprechen, und man darauf mit einer Begründung antwortete, die selbst Dichtung wäre, oder, als ob jemand die großen frcskohaften Linien von Goethes „Iphigenie" durch Züge im Stil des „Florian Geyer" auffüllte. So wird einmal ausdrücklich eine Unterhaltung zweier Lehrer über die Wanderung in der Wüste gegeben. Der eine fragt: „Zogen da auch Weber mit?" Ter andere verneint. Auf die weitere Frage, wie es also um die Kleidung bestellt war, erfolgt die Antwort: „Sie waren gekleidet wie die diensttuenden Engel: in köstlich gemustertes Zeug." Und weiter Frage und Antwort: „Wurden den Kleinen die Kleider nicht eng?" — „Tie Hülle wuchs mit dem Kind." — „Verdarben nicht die Kleider?" — „Die Wolken der Herrlichkeit machten sie neu und glänzend." — „Rochen sie nicht nach dem Schweiß?" — „Ter Wunderbrunnen ließ Gewürze und duftende Kräuter aufsteigen, und mit denen wurden die Kleider abgerieben und dufteten so herrlich wie diese." Man sieht: die Notwendigkeit macht den Antwortenden zum Dichter. Oder: es wird als unwahrscheinlich empfunden, daß Moses nach der Tötung des Aufsehers entfliehen konnte. Antwort: „Es war so: 2tls Pharao den Mose bei der Tat euzriss, wollte cr ihm den Kopf abhauen, aber das Schwert glitt von Nkefes Hals ab und zerbrach." Nun aber knüpft sich an die Vorstellung des Halses in dem die Gesamtheit des Alten Testaments überschauenden, der Parallelismen gewohnten Hirn des antwortenden Rabbis eine Assostmion: „Es heißt im Hohelied: „Tein Hals ist wie ein elfenbeinerner Turm." Damit ist der Hals Moses gemeint. Das ist natürlich vollkommen unsinnig, und dergleichen hat uns gar nichts zu sagen. Oder es l)eißt: „Unsere Lehrer erzählen: Mose sah mit seinem Propbetenauge, daß dem Gottlosen in der ganzen Kette seiner Nachkounncn nimmer ein Gerechter entsprießen würde, und so hielt er Nat mit den Engeln und fragte: »Verdient es dieser, getötet zu werden?' Sie antworteten: .Jawohl/" Diese Deutung erscheint gleichfalls überaus erklügelt; sie ist offenbar die Antwort auf die Frage, wie Moses, der später das Gebot erließ: „Du sollst nicht toten", jenen Totschlag begehen konnte. So ist in diesen Sagen Herrliches un'd Abstruses, Geschautes und Gedachtes, Gcsichtchastes und Getüfteltes durchemandergemischt, und so auch in den ersten drei.Bänden des Werkes, die von der Urzeit, den Erzvätern und den zwölf Stämmen handeln. Als einmal erörtert wurde, worin die besondere Artung des westlichen Juden sich auspräge, der doch weithin den Völkern gleicht, denen er zugehört, erinnerte Julius Bab an den Anfang des „Nathan". Daja ruft, gefühlsmäßig, unlogisch: „Er ist es, Nathan! Gott sei ewig Tank, daß Ihr doch endlich eimnak wiederkommt!" Nathan antwortet mit heiter fragender Logik: „Ja, T-aja! Gott sei Dank! Doch warum »endlich'? Hal^ ich denn eher wiederkommen wollen? Und wiederkommen können?" Und wir erinnern uns der bekannten, auch im Witz festgehaltenen Unsitte vieler Juden, auf eine Frage mit einer — nicht immer logischen — Frage zu antworten. Dieses Fragen liegt diesen Sagen zugrunde. Eine ungeheure Wißbegier drängt und wogt. Eine unermeßliche Liebe umfaßt die lieberlieserungen der herrlichen Vorzeiten. Diese Frager sind wie Kinder, frühreife, scharfsinnige Kinder; seltsam mischen sich Naivität und Bewußtheit, hingegebener Glaube und logische Kritik. Nicht selten sind die Vorstellungen, die in den Antworten aufscheinen, unvorstellbar, eben mehr erdacht als geschaut; zum Beispiel findet sich in einem anderen Werke bin Gorions, dem „Born Judas", die gewaltige Legende: Moses, um eine Taube vor dem Falken zu retten, schneidet sich von seinen eigenen Armen Fleisch herunter. Ter Gedanke ist über die Maßen herrlich, das Bild gräulich. Jedoch, solche abstrakten oder häßlichen Vorstellungen finden sich auch in den christlichen Legenden des Mittelalters; aber sie sind schlechthin aus Bewunderung entstanden, es mangelt jedes Element der Frage. In diesem Sinne ist es tief charakteristisch, wenn Sarah nicht glaubt, daß sie in ihrem Alter noch ein Kind gebären kann, wenn selbst Moses am Gelingen seines Werkes Zweifelt, und so wird das „Murren" des Volkes in der Wüste in einer dieser Sagen höchst bezeichnend mit dem Wort gegeben: „Da begannen sie untereinander zu grübeln und zu murren: Ist wohl der Herr unter uns oder nicht?" Sie grübeln; sie fragen. Ein ganz außerordentlicher Reichtum an Zügen und Deutungen, Erfindungen, Gesichten solcher Art ist in jedem dieser vier Bände enthalten. Noch sei einiges ethisch und dichterisch Mächtige herausgehoben. Welche tiefe Aussage über Nachwirkung des großen Urschöpsers in diesem Sah, der das Werk endet: „Tie Seele Moses breitet sich aus und ist da in jedem Geschlecht und Zeitalter; sie erlebt ihre Urständ in jedem weisen und gerechten Manne, der in der Lehre forscht." Dieser Gedanke der Nachwirkung — der „Tradition" —, der für das Judentuu; so überaus bedeutsam ist, ward herrlich Bild in dieser anderen Deutung: „Gott sprach zu Mose: Von deinem Geist will ich nehmen und aus die siebzig Aeltesten legen. Nahm Moses Weisheit dadurch nicht ab? Nein, Mose war wie ein Licht, mit dem man viele Lichter cmzünden kann, und es behält doch seine Leuchtkraft." Und wiederum der Gedanke des Zusammenhangs und der fortwährenden Verschuldung: „Rabbi Assi sprach: Es gibt kein Geschlecht, das nicht mittrüge an der Last, die die Sünde vom goldenen Kalb verursacht hat", — eine dichtensch-gei stliche Deutung der Hab- und Gutgier, die alle Zeitalter kennzeichnet. Ungeheure Visionen erwachsen im Umkreis der biblischen Eesetzgebmig und stehen ihr an Gewalt nicht nach. Ter Sinai erzittert in Erwartung Mose; als aber Moses ihn betreten hat, steht er still. Die Berge Karmel und Tabor begehren, daß die göttliche Majestät auf ihnen ihren ^itz ausschlage; ihnen wird verheißen, daß sie erhöht werden, jener durch Elias, dieser durch Deborah. Ta beben alle Berge in zorniger Eifersucht^ ihnen wird Antwort: der Sinai wird erwählt, weil er ,^er geringste ist". Ein seelisches Wort aus christlichem Umkreis: „Die Letzten sollen die Ersten sein" erklingt hier seltsam als eine Bergsage. Oder die mächtige Schilderung des Schweigens während der Berkmrdigung des Gesetzes. Hier wird von verborgenem Gut Kunde gegeben, das mindestens zu einem Teil dem Grundsatz menschlicher Dichtung angehört. Gerade darum erscheint es kaum zweckmäßig, auch solche Teut'imgen und Züge zu bringen, die unserem heutigen Gefühl widersinnig oder widerwärtig erscheinen; denn es steht zu befürchten, daß die Wirkung der hohen Ueberliefernngen durch die geringeren beeinträchtigt wird. Wie dem aber auch sei: das Werk bedarf liebevoller Versenkung und Sammlung, in der sich das Mächtige und das Dürftige von selbst scheiden. In diesem Sinne wünschen wir es in viele Hände.