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Central-Verein-Zeitung · 1927-07-01 · 26 (1.7.1927) · p. Seite 376

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
26 (1.7.1927)
Date
1927-07-01
Page
Seite 376 (sequence 8)
Language
German
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376 Ich richte ixrher Len dringenden Mahnruf an unsere Glaubensgenossen: Zeigt mehr Interesse für unser Schrifttum, verfolgt unsere Neuerscheinungen und streut sie unter die Massen, denn diese müssen ja in erster Linie von den: Gift antisemitischer Gesinnung befreit werden, — was ohne Aufklärung nie gelingen kann. N. St. H. Zur.Londoner Konferenz. Vom 22. bis 24. Juni tagte in L o n d o n eine jüdischinternationale Konferenz, welche von der in England wirkenden Jüdischen Vereinigung zum Schuhe von Frauen und M ä d ch e n cinberufen worden war. Tie Einberufung der Konferenz hatte sich' darum als unbedingt notwendig erwiesen, weil einerseits bereits seit siebzehn Jahren keinerlei internationale Besprechungen dieser für das Judentum so wichtigen Fragen stattgesrmdeu hatten, anderseits aber noch vor dem siebenten allgemeinen internationalen Kongreß zur Unterdrückung des Handels mit Frauen und Kindern, der vom 23. Juni bis zum 1. Juli gleichfalls in London stattjindet, eine Klärung der Meinungen der jüdischen Delegierten aller Länder herbeigeführt werden sollte. Aus aller Wett waren Delegierte erschienen, insbesondere war naturgemäß der Osten stark vertreten. Die großen deutschen Organisationen, die sich von jeher mit Wohlfahrtsfragen befassen und zu denen neu die Soziale Kommission des N ab - binerverdandes in Deutschland getreten ist, hatten etwa ein Dutzend Vertreter entsandt. Geleitet wurde die Konferenz von dem um alles Jüdische so hoch verdienten E l a u d e M o n t e - fiore, ihre geistigen Anregungen erhielt sie vornehmlich vondem Generalsekretär der Jüdischen Bereinigung zum Schlitze von Frauen und Mädchen, S. Cohen, der auch der für diese Fragen zuständigen Kommission des Völkerbundes angehört. Warum ist es nun notwendig, in diesen Blättern, die in der Hauptsache dem Kampf gegen den Antisemitismus lmd der Erringung der Gleichberechtigung dienen, eine Veranstaltung und eine Bewegung zu würdigen, die ossensichttich rein sozialer und philanthropischer Natur sind? Wenn dem wirklich so wäre, würde gewiß keine Veranlassung dazil bestehen. Leider aber spielt in diesen Fragen der Judenhaß eine sehr große Rolle. Zunächst ist es von jeher üblich gelvesen, in einer mehr oder weniger ausgeprägten antisemitischen Form den angeblich starken Anteil des Judentums am Mädchenhandel zu behaupten. Daun aber sührt jeder auch nur flüchtige Einblick in die Notwendigkeit eines besonderen Schutzes für Frauen zu der Erkenntnis, daß die furchtbare soziale Lage der Judenmafsen des Ostens ihn bedingt. Und da Not und Elend aus die Rechtlosigkeit, auf judenfeindliche Derlvaltungsmaßnahmen. aus wirtschaftlichen Boykott und sonstige Beschränkungen zurückgehen, trägt letzten Endes der Antisemitismus die Schuld an den Hebeln", die wir beklagen. Daß es einen Mädchenhandel im rechtlichen Sinne gibt, daß also Frauen gegen ihren Willen gewaltsam verschleppt und der Schande Angeführt loerden, wird von fast allen namhaften Kriminalisten und Juristen bestritten, wobei rmtürlich weder ausgeschlossen ist, daß solche Fülle sich vereinzelt ereignen, noch auch daß hier und da auch Juden an solchen fluchwürdigen Verbrechen beteiligt sein können. Versteht man dagegen unter diesem Begriffe jede Verleitung von. Frauen zur gewerbsmäßigen Unzucht, jede Verschleppung ins Ausland, selbst lvenn sie mit Wissen und Willen der Opfer geschieht, so wird man das Bestehen eines Mädchenhandels gewiß nicht bestreiten können. Unsinnige gehässige Uebertreibung ist es freilich, wenn der Antisemitismus ihn für ein spezifisch jüdisches Laster erklärt, und wenn manche Kreise, deren Einsicht eine größere sein könnte, solches Urteil nachsprechcn, ohne es zu prüfen. Töricht wäre es zu bestreiten, daß an diesem Ucbel auch Juden beteiligt sind! Nur vergißt man leider, daß das sich vor allem auf die Opfer bezieht. Jüdische Mädchen sind unter denen, die dem Würgengel der Prostitution anheimfallen, die in ferne Länder gelockt lvcrden, wo sie dann die öffentlichen Häuser füllen. Daß in solchen Fällen auch die Vermittler Juden sein werden, bedarf kaum einer Erörterung. Einerseits ergibt sich das aus dem Milieu, aus der Abgeschlossenheit der Juden des Ostens von ihrer Umgebung, anderseits ist es aber selbstverständlich. daß in einer Gemeinschaft von fünfzehn Millionen Menschen auch Verbrecher sein werden, im-b jene absolute Sittenreinheit aller Juden, die die Antisemiten so eindringlich fordern, ist leider nicht zu erzielen. Wir haben nichts zn vertuschen, und offen geben wir zu, daß an dieser Schmach, unter der jüdische Schw-estern so unendlich leiden, auch Juden die Schuld tragen. Aber zwei wesentlich einschränkende Bemerkungen seien mir gestattet, von denen die erste die Zahlenverhältuiffe, die zweite das Wesen der Erscheinung angeht. Es existiert nämlich keinerlei Statistik, weder über die Opfer noch über ihre Verführer! Stichproben aber, die man vereinzelt hat vornehmen können, beweisen, daß der jüdische Anteil an diesen: Kapitel menschlicher Not und menschlicher Schlechtigkeit nicht nur — was ja eigent- VZBmmZmaGrms. des jüdischen Volkes seit dcc Zerüvrung Jerusalems", neue ins auf die Gegenwnr»;or:genlhrte Ausgabe. 448 Ä. Er.-L^, in BuctranUernen. SubslrwtionsvreiÄMm. 10,- i statt Rnr.!?.—). Lalwer Vereiusduchbandtung, Siuttgart. T:ests sachlich geschriebene Werk bietet eine aus wujer.schafuicher Grundlage beruhende fesselnde Darstellung der jüdischen Geschichte, oeren Kenntnis tür jeden GcbUdcttu. uncrläüUch ist. lich ganz selbstverständlich ist — weit kleiner ist, als der Judenhaß behauptet, sondern daß er auch längst nicht jener: Umfang erreicht, den scheinbare jüdische Objektivität, die in Wahrheit durch nichts begründete, maßlos übertreibende Selbstpeinigung ist, zugcfteht. Zum anderen aber muß bedacht werden, daß auch die Zahlen selbst noch so übertreibender Sekbstanklage nichts bedeuten gegen die Fülle des Elends im Osten, die gar nicht beschrieben werden fnmi. Nach gewissenhaften Schätzungen sind mehr als drei Viertel der o st j ü d i s ch e n Bevölkerung ohne Berns u n d ohne Erwerb, sind angewiesen aus seltene Gelegenheitsarbeit mit kleinstem Verdienst, auf gezählte Pfennige an Armenunterstützung, oft auch auf erbettelte Almosen. Und in Wahrheit bewähren sich im allgemeinen trotzdem die auch von den gehässigsten Gegnern stets anerkannte Sittenstrenge, die Reinheit des Familienlebens. Die Zahl der Frauen, die der 'Schande anheimfallen, die Zahl der Verbrecher, die sie verleiten, schrumpft in ihrer Bedeutung um so m ehr zusammen, je deutlicher die Fülle der bitteren erschreckenden Armut der Ostjudenmassen sichtbar wird. Wer wirklich gerecht denkt, wird sich nicht über die Ausdehnung des Nebels entrüsten, sondern er wird seine verhältnismäßige Geringfügigkeit ehrlich bewundern. Alle beklagenswerten Erscheinungen würden mit einem Schlage verschwinden, sobald die ökonomische und politische Lage der Juden im Ost e n normal wäre. T-enn sie sind lediglich Ausfluß der sozialen Nöte, die man auch bei jeder anderen Gemeinschaft beobachten würde, sofern sie — freilich gibt es keine solche — jüdisches Schicksal teilen würde. Die Londoner Konferenz hat sich auch mit diesen Gcdankengängen beschäftigt. Für die von uns vertretenen Interessen ist sie aber noch darüber hinaus bedeutsam gewesen, weil sie sich zn unseren Methoden bekannt hat. Sie will nicht nur das Nebel, wo es bereits besteht, bekämpfen, sondern sie will Vorbeugen! Das Wort „Erziehung"' hat in London die allergrößte Rolle gespielt. Durch die Schaffung eines internationalen Fonds für jüdisch-soziale Arbeit soll es möglich werden, in den Ländern jüdischer Not die Einrichtungen insbesondere für Mädchen auszubauen oder $\ schaffen, die sie zu einem produktiven Lebensberufe führen, die sie während ihrer freien Zeit angemessen beschäftigen und ihnen Lebensmut einflößen, Lebensfreude in ihnen erwecken. Zu erziehen ist aber auch die öffentliche Meinung in allen Ländern der Welt. Sie muß eiufel>en. daß das Problem des Mädchenhandels in jeglicher Gestalt, mag es die Juden, mag es außerjüdische Kreise Ixtreffen, lediglich ein besonders schlimmes Glied in der langen Kette der sozialen Nebel darstellt. Und das Welt gewissen muß geweckt werden! Ernsthafte, vorbeugende soziale Tat würde jeglichen Mädchenhandel zum Schwinden bringen. Schließlich hat die Londoner Konferenz auch dadurch unseren Ideen gedient, daß sie den Grundsatz der Selbsthilfe verkündet hat. Mögen auch die Meinungen über den Umfang des Mädchenhandels weit auseinandergeheu, in einem waren alle Vertreter aller Länder unbedingt einig: daß es jüdische Pflicht ist, das Nebel überall und in jeglicher Gestalt in i t aller Macht z u bekämpfen! Die Entschiedenheit, nüt der solches verkündet wurde, lvar ein wundervolles Zeichen für die sittliche Verantwortlichkeit, deren sich die Juden in aller Welt bewußt sind. Und es ist zu hoffen, daß es den vereinigten Anstrengungen aller gerecht und menschenfreundlich Denkenden, gleichviel welcher Nationalität und ivelches Glaubens sie sind, gelingen wird. Erscheinungen zu beseitigen, die, selbst wenn sie noch so vereinzelt sind, eine furchtbare Schande für die Kultnrmenschheit darstellen. Dr. Felix Goldmarm (Leipzig). Der bestrafte Rohling. Vor kurzem berichteten wir über einen n a t i o n a l s o z i a l i st i s ch e n U e b e r f a l l auf eilten jüdischen Herrn. Zn der Gerichtsverhandlung am 24. Juni wurde der Haupttäter, der zwan-iaiährige Nationalsozialist Schonen, za vier M o n a t e n Gefängnis ohne Bewährungsfrist verurteilt. Bemerkenswert ist das von ihm unterschriebene Untersuchun-gsprotokoll, worin er als Grund zur Tat angibt, in dem Ucbcrsallcnen einen Juden erkannt zu haben, und daß ihm gesagt worden sei, reden Juden nicderz uschlagen. Wenn er in der Verhandlung diese Aussage nicht mehr anerkennen und behaupten, wollte, zuerst angegriffen worden zu sein, so kann diese Behauptung nur als Ausrede gewertet werden. Eigentümlich berührte cs, daß der Staatsanwalt für die rohe Tat. die eine schwere A u ge n v e r l e h u ng zur Folge hatte. 150 Mark Geldstrafe beantragt hatte. Das Gcricht aber ging über diesen Antrag weit hinaus und erkannte auf die oben genannte Strafe. Zur Jurifteritagrrrrg des C. V. erschien noch ein Aussatz des Herrn Rechtsanwalt L. F o e r b e r (BreSlau) „R e ch t s v c r w i r r u n g" in der „Jüdischen Zeitung für Ostdeutschland" (Nr. 24 vom 17. Juni), aus den auch an dieser Stelle hingewiescn sei.

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