Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 26 (1.7.1927)
- Date
- 1927-07-01
- Page
- Seite 375 (sequence 7)
- Language
- German
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37 5 Die Silöer im Schaufenster. Der Kasseler Antiquar zu 500 Mark Geldstrafe verurteilt. Am Donnerstag, den 23. Juni, fand inKassel vor dem Gros^n Sck)ösfengericht eine Derl>andlung statt, in der die jüdisck>e Religion und darüber hinaus unser Eentralverein vor den Schranken des Gerichts zur Debatte standen. Angeklagt nxrr der völkische Buck)- Händler Herbert v. Dolsperg wegen Aufreizung zum Klassenhaß und Beschimpfung einer Religionsgemeinschaft. lieber die Angeleqenheit und das erfolgreiche Eingreifen des Vorsitzenden unserer Kasseler Ortsgruppe haben wir schon früher („C. V.-Ztg." Nr. 53, 1926) berichtet. Die Velveisaufnahme stellte fest, daß dieser Buchhändler am 14. Dezember in seinem Ladenfenster eine Nummer des „Dcut* scheu Beobachters" cmsgehängt hatte. In einer Beilage, betitelt „Der Judenspiegel", wurden zwei Illustrationen gezeigt. Die eine stellte auf einem angeblich alten Stich die „Schachtung" des heiligen Rudolph dar. Man sah eine Kellerszene, bei der einige verzerrt-jüdisch gezeichnete Priester einen jungen Mann abschlachteten, während ein Priester das Blut in einer Opferschale aufsing. Die zweite Darstellung stellte eine Talmud-Illustration dar. Vor dem heiligen Schrein steht ein Geistlicher, der zu zwei gleichfalls jüdischen Priestern, die mit großen Dlessern bewaffnet sind, eine angebliche T a l m u b ft c 11 e zittert: „E s i st e i n gutes W e r k, e i n e n N i ch t j u d e n 3 u töten." Verschiedene jüdische Gemeiikdemitglieder nahmen, neben auch andersgesinnten Personen, Anstoß an diesen Macksiverken. Eine lokale Zeitung schrieb scharf gegen diese Verhetzung. Auf Eingreifen des Leiters der Ortsgruppe Kassel des Cen tra tvere i ns wurden die Exemplare beschlagnahmt und ein Strafverfahren eingeleitet. Die Beweisaufnahme ergab u. a. die Tatsache, daß der Angeklagte erst Opernsänger. dann Chorsänger und schließlich sogar mit Hilfejüdischen Kapitals und jüdischer Kundschaft sich einen Antiquitätenladen nebst Buchvertrieb schuf, daß ferner der Angeklagte kein Reichsdeutscher, sondern aus dem österreichischen Galizien zugewandert ist. Auf Grund der Paragraphen 130 (Aufreizung zum Klassenhaß) und des Paragraphen 166 (Beschimpfung einer Religionsgemeinschrst) beantragte der öffentliche Ankläger an Stelle einer verwirkten Gefängnisstrafe von sechs Wochen fünfhundert Mark Geldstrafe. Ms Verteidiger erschien der völkische Führer Kasiels, Rechtsanwalt Roland F r e i s l e r. Seine Verteidigungsrede war eine andauernde Beschimpfung der Juden und der jüdischen Religion. So sprach er vom Eentralverein deutscher Staatsbürger als „t^r wirtschaftlich stärksten Gruppe Deutschlands, die diesen deutschen Dlann wirtschaftlich vernichten wolle". Wörtlich sprach er von den „Inden, die uns heute knechten, die uns kuuten" und erhob iveitere Angriffe, in denen er die jüdische Religion als verlogen und keineswegs schlchbedürftig hinstellte. Das Gericht fällte folgendes Urteil: Ter Angeklagte hat sich eines Vergehens nach § 166 schuldig gemacht. Die Aufreizung zum Klapeuhaß sieht das Gericht nicht für gegeben. Der Angeklagte hat die Bilder gesehen. Er hat sie gerade so gehängt und durch diese Bilder den Eindruck zu erwecken versucht, als ob die jüdische Religion die Schlichtung von Menschen kenne, oder sogar die Religionsleitung derartige Morde billige. Diese Beschimpfung war an Stelle einer verwirkten Gefängnisstrafe von einem Monat rn i t fünfhundert Mark Geldstrafe zu ahnden. Deutschlands Erneuerer. „Sprachliche Sünden jungdeutschen Schrifttums." Einen bemerkenswerten, fesiclnden Beitrag zum Verständnis völkischen Schrifttums enthält, gewiß ohne jede politische Spitze, eine der letzten Nummern der „M u 11ersprache", der Zeitschrift des Deutschen Sprachvereins (Heft 1, Jahrgang 1927), dessen wichtige Bestrebungen auch deutsch-jüdische Kreise mehr als bisher fördern sollten. Professor Dr. Friedrich Sigismund (Weimar), schreibt auf Seite 10 der Zeitschrift folgendes, dein wir nichts hinzuzusetzen haben: „Bekanntlich wollen die Völkischen uns zu den Quellen zu ruckführen, ans denen das lautere Deutschtum stießt. Darunter müßte sich — sollte man wenigsten meinen — auch der sprudelnde Born sprachlicher Reinheit befinden. Darum war ich erstaunt, in einem weit verbreiteten völkischen Blatte vor einiger Zeit eine Fcstbetrachtung 8^ finden, die mit etwa fünfzig, zum Teil ganz lächerlichen Fremdwörtern verunziert war. dtber was noch schlinuuer ist: zu dieser Formentstellung hat sich auch noch eine arge Stilvcrwitderung gesellt, die die ärgsten Befürchtungen envecken muß. Ein ansehnlicher Kreis juugdeutscher Schriftsteller schwärmt offenbar für Lohcustein und Hofmannswaldau. Für Klarheit ist Dunkelheit, für Einfachheit Geschraubtheit, für Natürlichreü Schwulst, für Kraft Ueberschwenglichkeit emgetreten. Diese Leute würden niemals mit Fällst sagen: „Pudel, laß das Heulen!", sorldern etwa: „Schwarzwolliger Vierfüßler aus dem Huudegeschtecht. allshöre (so! ja nicht: hör' auf!), die Luft mit dem deinem Nachen entquellenden Geheul in Schwingungen zu versetzen, die mein Ohr beleidigen!" Einige Proben aus einer großen Tageszeitung zur Erläuterung! Einer der Schriftleiter orakelt in einer Kritik so: „Die Technik, die ökonomische Sammlung der Dinge an sich, scheinbar entseelt, wütet ein verzaubertes Leben im sllggestiven Einfluß auf das Gehirn." Daß „wüten" auch den Wenfall regieren kann, war mir neu. Ich schlage vor, daß wir noch etwas weiter gehen und „anwüten" bilden. Wie herrlich würde klingen: „Mein Vater hat mich angewütet." . . . Ebenda schreibt ein bekannter Schriftsteller: „Der heutige Dichter steht vor verriegelten Kammern. Niemand gesellt sich zu ihm. Ist er gering, vergeht er an einsamer Melancholie oder verschmiert mit Verzerrung die ängstlick)ett Türen. Ist er groß und wesentlich, so öffnet er sich selbst . . . Heimlich, namenlos schauen Augen zu " Aus diesen Sätzen habe ich viel gelernt. Erstens: daß Dichter die Türen verschmieren — wie ich annehmen muß, wenn ihnen das Papier ausgeht. Zweitens: daß Türen sich fürchten können. So erklärt es sich wohl, daß sie manchmal knarren. Drittens: daß Dichter sich öffnen, also auch sich zufchließen können. Offenbar haben sie ein Triebwerk in sich, das gewöhnlickM Sterblichen fehlt . . . Viertens: daß Augen keine Namen haben. Warum tauft mau sie nicht? .... Solches Unkraut sprießt aus dem Acker eines Schrifttums, das uns aus unseren geistigen und sittlichen Nöten erlösen will! Solcher Unsinn wird als etwas Bedeutendes und Eigenartiges angepriejen und einem Volke aufgetischt, dem der Himmel zwei Meister der Form, wie Goethe und Schiller geschenkt hat! Gott bessert!" Ein zeitgemäßer Mahnruf. Von einem jüdischen Verleger wird uns geschrieben: Es ist eine unbestrittene Tatsache, daß das jüdische Publikum einen großen Teil der deutschen Büchcrkäuser stellt: das entspricht nicht nur dem Anteil, den das Judentum in schöpferischer Beziehung an der deutschen Literatur hat, sondern auch seinem Anteil an der Verbreitung ihrer Erzeugnige, den es durch regen Kauf Mimbct. Aber allen unseren Glaubensgenosien müsien wir gerade im Hinblick auf die Förderung, die sie dem deutschen Schrifttum angedeihen lassen, eindringlich zurufen: Vergeht darüber das jüdische Buch nicht! So manche Autoren und Verleger erfahren, wie germg das Jnterepe am jüdischen Buche trotz des frischen Zuges, der jetzt durch das jüdische Lager geht, ist, wie Bücher, die einer großen Verbreitung wert und würdig sind, kümmerlich im Verborgenen dahmschlummern. Kein Wunder, da sich ein gewiyer, sehr beachtlicher Teil des Sortimentsbuchhandels den Erscheinungen jüdischer Verleger und Berlage oder den der Sache des Judentums dienenden Schriften fast völlig ablehnend verhält. Aber nicht ihn allein darf man dafür verantwortlich machen, — es ist das Judentum selbst, das diesen unausgesprochenen Boykott durch seine. Gleichgültigkeit fördert. Alan verfolge im übrigen auch, wie spärlich Besprechungen jüdischer Bücher in der angeblich verjudeten deutschen Presse erscheinen, wie selbst in den als Judenblättern so falsch „gebrandmarkten" großen Tageszeitungen für jüdische Angelegenheiten sehr, sehr wenig Raum frei ist. Darum nochmals: Vergeht das jüdische Buch nicht, ob es sich um die eigene Bibliothek handelt oder um ein Geschenk! Denkt daran, daß wir eine reichhaltige jüdische Literatur haben, darunter auch sehr wertvolle, in hohem Matze auch vorwiegend für unsere christlichen Mitbürger bestimmte Aufklürungsliteratur, der nur eines fehlt: daß sie mehr gekauft wird! Fordert sie bei eurem Buchhändler, der sich für sie allmählich auch etwas verwenden wird, wenn er merkt, daß seine Kundschaft danach begehrt. Wir wissen, daß die Literatur aus dem gegnerischen Lager große Verbreitung findet und viel Unheil stiftet. Sollte das Judentum sich daher nicht erst recht auf sein Schrifttum besinnen? Wir sprechen in diesem Zusammenhang nicht etwa von wissenschaftlicher oder theologischer Literatur; nein, alle Arten sind vertreten und kein Buchhändler wird in Verlegenheit geraten, Vorschläge zn machen, wenn die eigene Kenntnis der jüdischen Literatur — wir oft hört man diesen Klageruf von Kanzel- und Versammlungsredneru! — unzureichend fein sollte. Für jeden Juden liegt hier auch eine ernste moralische Pflicht vor. Gewiß — er soll, er muß weiter das deutsche Buch kaufen; er lebt nn deutschen Volk und seine Literatur ist auch seine eigene; aber er darf das jüdische nicht ausschalten. Insbesondere bei jüdischen festlichen Gelegenheiten, bei den Barmizwoth, am Chanukkatage soll er daran denken. Bedarf es angesichts der erschreckend hohen Auflagenzisfern judenfeindlicher Schriften noch eines Beweises, wie schwach es noch trotz aller hochzuwertenden Arbeit des P h i l 0 - B e r lages um die Verbreitung unserer Aufklärungsliteratur bestellt ist. wie achtlos wir unsere geistigen Waffen liegen lassen, während der Gegner die steinigen planmäßig und zielbewußt zu nutzen versteht! Unsere Aufklärungsliteratur müßte in vielen Hunderttausenden in die Lande flattern; sie würde auch den zahlreichen Versammlungen und Vorträgen, die der Aufklärung dienen, glänzende Vorspanndienste leisten!