Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1927-07-01 · 26 (1.7.1927) · p. Seite 373

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
26 (1.7.1927)
Date
1927-07-01
Page
Seite 373 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2277379-2277729-2277755--03790-2284338
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

373 buchte es mii sich, daß sie nicht derart, wie im Westen, im Volkstum anäzchen konnten. Ich reibst stamme von der Wasserkante, wo meine Familie schon 'dt Mitte und Anfang des achtzehnten Jahrhunderts ansässig war. Tort lebte das Judentum, die Plattdeutsche Sprache sprechend, völlig im Volkstum, ja in einer Werse, daß cs ein „jüdisches" Leben ] faunt noch gab. Ich habe als Kind nie etwas von „Pessach" / gehört, das war Ostern; und nie etwas von „Mazze", das waren ' Osterk-nchen. Das Judentum, um es von der andern Seite zu betrachten, mag dabei zu kurz gekommen sein, aber die Leute blieben trotzdem Juden und lebten glücklich und zufrieden und unangefochten im Volk. Tie Zeiten änderten sich. Es tarnen neue Verhältnisse und damit wurden auch die Juden vor andere Verhältnisse gestellt. Eine der Faktoren nach dieser Richtung liegt schon in der natürlichen Bevölkerungsbewegung des Judentums und der Bevölkerung Deutschlands überhaupt. In der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts betrug der jährliche Bevölkerungszuwachs Deutschlands etwa 1A bis 1A Prozent. Beim Judentum vielleicht noch etwas mehr, denn die jüdischen Familien waren früher kinderreich. Bei einem derartigen Zuwachs vermehrt sich die Bevölkerung in 50 Jahren um etwa 60 Prozent, in 100 Jahren um das Zwei- bis Dreifache. Nun denke man an eine derartig unzureichende Vermehrung in den früher recht ansehnlichen Gemeinden der Kleinstädte. Die Erwerbsmöglichkeit läßt nach, ja hört fast auf, die Bevölkerung wächst. Die natürliche Folge ist die A b - w a n d e r u n g. Das ist doch aber keineswegs eine jüdische, sondern eine allgemeine Erscheinung. Die Kleinstadt stagniert, die Großstadt wLchst. Das ist überall so. Der Jude kann dagegen so w r n i g w i e d e r N i ch t j -u d e e t w a s tu n. Es heißt im Hermannschen Aussätze: Ter Jude drängt gern dorthin, wo er glaubt, daß seinem Dorwärtskommen sich die größte ssutwicklungsmöglichkeit bietet. Nein, er drangt gar nicht gern. Er bliebe auch wie andere lieber in seiner Heimat. Aber er wird gedrängt, vielleicht der Jude etwas mehr als andere. Das kommt daher, weil er seit zweitausend Jahren immer gegen Widerstande kämpfen muß und weil 'ihm manche Erwerbsmöglichkeiten verschlossen sind, die anderen osfcnstehen. Es wird uns nun viel erzählt von dem schonen Leben dereinst aus dem Dorf und in der kleinen, trauten Stadt. Gewiß war es schon. Man lebte im Volke und mit dem Volke. Die Jugend verkehrte ungehindert miteinander, die Männer trasen sich im Wirtshaus und auf der Kegelbahn, die Frau sprach bei der Nachbarin vor, aber wie war es mit dem gesellschaftlichen Verkehr? Ging das jüdische Ehepaar -in den christlichen Häusern aus und ein und umgekehrt? Ich glaube kaum. Die gesellschaftliche Trennung, von Ausnahmen natürlich abgesehen, wird auch dort bestanden haben. Man muß auch berücksichtigen, daß die Emanzipation der Juden kaum mehr als hundert Jahre hinter uns liegt. Bis dahin führten die Juden ein sehr starkes Sonderleben, wollten außerdem auch kein anderes Leben führen. Die Emanzipation ist zum großen Teil nicht von ihnen selber ausgegangen; sie ist von außen gekommen/ Die Juden lebten derzeit meist in bescheidenen Verhältnissen. Erst in den dreißiger, vierziger und fünfziger Jahren des Die Enthüllung des Gefallenendenksieins in Berlin-Weissensee. Phot* E, Nossen. vorigen Jahrhunderts setzte ihr wirtschaftlicher Aufschwung ein. All das ist in der Nachzeit natürlich nicht so schnell vergesien. Zu jenen Jngendorinnerungen. von denen hier erzählt wurde, möge mir eine Zwischenbemerkung gestattet sein. Goethe zeigte in Jena Eckermann einmal das Haus, in dem der Dichter Doß gewohnt hatte, das mit Obftbäumen umstanden rvar. Goethe sagte: „Das war etwas für Ernestine (Voß' Frau), die auch hier ihre trefflichen Eutiner Aepfel nicht vergeben konnte und die sie rühmte ails etwas ohnegleichen. Es waren aber doch nur die Aepfel ihrer Kindheit gewesen." Ja, ich glaube, jene Herren sehen in ihren Erinnerungen zum guten Teil auch nur — die Aepfel ihrer Kindheit. Würden sie zurück wollen an den Ort, wo jene schönen Aepfel wuchsen? Ich glaube kaum. So geht es andern auch, und es hat gar keinen Ziveck, anderen Leuten diese Mckkehr zu predigen. Wir sind nun einmal Kinder der Großstadt geworden, die ihre Vorzüge und selbstredend auch ihre großen Nachteile hat. Aber gegen das Wort Großstadt j u d e, das immer so einen gewissen unangenehmen Unterton hat, der zwar nicht ausgesprochen ist, aber dennoch zwischen den Zeilen schwebt, muß ich Protest einlegen. Die Zeiten sind anders geworden. Wir leben nicht mehr in der Jettchen-Gebert-Zeit. Vielleicht ist die Wandlung viel größer, als wir, die wir sie von Tag zu Tag durchlebt haben, selber empfinden. Man denke sich einmal die Zeit der französischen Revolution 1789 und dann betrachte man die Menschen von 1820. Wie anders schritten sie einher und wie anders lebten sie, und dazwischen liebt nun ein Zeitraum von dreißig Jahren, so viel wie von heute brs Anfang dieses Jahrhunderts. Und von diesen dreißig Jahren kann inen vielleicht noch zehn Jahre streichen, so daß nur zwanzig übrig bleiben, und welche Wandlung! Auch uns hat die letzte Zeit eine ungeheuere Wandlung gebracht. Großstadt und Großstädter sind andere geworden, aber K l e inst a d t u n d K l e i n st ä d t er auch. Es ist dort auch nicht mehr so wie ehedem. Und ist nun der Kleinstädter wirklich ein besierer Mensch als der Großstädter? Es gab vor vielen Jahren -ein viel gespieltes Lustspiel: „Großstadtluft". Darin hieß es „enge Straßen manchen auch enge Herzen". Ja, so eine kleine Stadt bringt viel Engherzigkeit, viel Kleinlichkeit, viel Klatsch mit sich. In dieser Beziehung ist die Großstadt beger. Georg Hermann sagt weiter, daß es besser wäre, wenn der Jude nicht nur Städter und vor allem nich^ nur Großstädter wäre. Sicherlich wäre das besser. Aber das trifft doch nicht nur für das Judentum zu, sondern für die gesamte Bevölkerung überhaupt. Das Hineinströmen in die Großstadt ist doch eine rein soziale, aber keine jüdische Frage. Und wird angenommen, daß der Antisemitismus dort, wo der Jude aufdem Lande und in den kleinen Städten in geringer Zahl eingebettet ist, weniger Boden fände? Das ist ein entschiedener Irrtum. Ter Antisemitismus tritt auch dort auf, wo der Jude in winziger Minderheit lebt. Der Antisemitismus hat mit dem Einzeljuden überhaupt nichts zu tun, sondern tut mit dem Begriff des Judentums. . . . Der deutsche Jude ist überwiegend Großstädter, weil er es sein muß. Er steht im Erwerbs- und im wchenschafttichen Leben und dafür findet er in der Großstadt mehr Betätigung als in der Kleinstadt. Er ist Großstädter geworden, aber damit nicht Großstadt -Jude. Die Frage G r o ß st a d t und Kleinstadt ist nicht zu lösen, indem wir auf Zeiten zurückschauen. die ein ganzes oder ein halbes Jahrhundert hinter uns liegen, nicht zu lösen durch schöne Jugenderinnerungen und durch Rühmen der — Aepfel unserer Kindheit. Man darf heutzutage nicht, roeNiger als je, der Zukunft rückwärtsschanend entgegengehen, wie das so große Volkskreise leider tun. Man muß immer hübsch vorwärtsschauen und darauf achten, was wird, nicht was war. Ms letzter in der Reihe der heute an der Aussprache Beteiligten, die den verschiedensten Gegenden des Reiches und den verschiedensten Berufen entstammen, sei Lehrer a.v. Hermann Oecker lfrührrWoUstem.prov.posrni angeführt: Nach längeren Darlegungen, die sich^eingehcnd mit den dem Verkäster besonders vertrauten Verhältnipen der früheren Provinz Posen bcsasten, kommt er zu folgendem Ergebnis, daß 1. die Mehrzahl der Kleinstadtjuden, die nach Berlin und anderen Großstädten strömen, sich in das Volkstum eingelebt hat. und daß sie schon vorher in der Kleinstadt, und nid)t nur in bet* {entgen Süddeutschland3, den Zusammenhang mit ihren andersgläubigen Mitbürgern vermöge ihrer Erziehung in Haus und Schule nienials verloren hatten; 2. daß der Antisemitismtis aber trotzdem überall ein solches Zn- Kaminenleben, eine solche Einfühlung in die deutsche Volksgemeinschaft, Ln Berlin, Ln das Berlinertuut leugne und sich ohne jegliche Unterlage den Typ eines wurzellosen Großstadtjuden schasst, ohne klarzustellen, worin denn der Typ eines solchen Großstadtjuden besteht (nebenbei bemerkt, hat auch Georg Hermann uns nicht

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.