Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 26 (1.7.1927)
- Date
- 1927-07-01
- Page
- Seite 372 (sequence 4)
- Language
- German
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372 Der Torsjude soll „Torfjude" bleiben, aber es muß ihm auch das Material an die Hand gegeben werden, das ihn in nötigen Fällen zur Führung eines mehr geistigeil Kampfes befähigt. Im Gegensatz zu Tr. Salomons Ausführungen sieht Dr. mfcd. Th. Roller (Egelsbüch b. DQrmsraöL) die Verhältnisse aus dem Lande alles andere als rosig: Der Artikel „Der Dorsjude" klingt wie ein Märchen aus alten Zeiten. Und die Erinnerungen des Versagers fallen wohl auch in Zeiten, die schon lange der Vergangenheit angehören. Es muß schon sehr lange her sein, daß Herr Professor Basnizki aus dem Lande war. Um zunächst auf Aeußerlichkotten eiuzugeheu, muß ich sagen, daß in den Dörfern bei alt und jung, ob Jud, ob Christ, die Bubiköpfe wie Pilze aus dem Boden schießen, ßn den kleinen Laden der Schuhmacher sind schuhe in den modernsten Farben ausgestellt. Und was es sonst im Dorf nicht gibt, wird in der Stadt gekauft. Für die nötige Reklame sorgt das Nadir», das in keinem Hanse fehlt. Und in buntem Firlefanz schmückt sich die Jugend. Die Nöcke der Mädchen sind kein Lot länger als in der Stadt. In den Tanzsälen sind .Jazzband, Foxtrott an der Tagesordnung. Die Festlichkeiten im Dorf sind oft gar keine Freudenfeste mehr. Aber das Dorsjudentum krankt hauptsächlich, wenn es auch von den Aeußerlichkeitcn des Lebens schon sehr infiziert ist, an ganz anderen Krankheiten, die mehr seinem inneren Wesen entspringen. —Ter Dorfjude ist arm, ein großer Teil bettelarm. Ter Kampf ums Existenznünnnum ist äußerst schwierig, zumal der Jude auch auf dem Lande doch inuner das Bestreben hat, vorwärts zu kommen. Er ist von seinen eigenen^ Wirtschaftssorgen so erfüllt, daß er kaum mehr Opfer für das jüdische Gernein.delebcn. bringen kann. Noch weniger kann er in der politischen Gemeinde eine Nolle spielen. Das jüdische Gemeindelebcn in dein Dorf ist ein Trümmerhaufen, den wegglräumen die alte Generation die Kraft nicht mehr hat, weil der Kampf ums tägliche Brot die wenigen Kräfte aufsaugt; die junge Generation aber steht allen jüdischen Fragen so indifferent gegenüber, daß man erstaunt darüber ist, wenn man hört, daß diese jungen Juden, wenn sie in die Städte strömen, einen gewinnbringenden Zuwachs jür das Stadtjudenturn bedeuten sollen. Diese jungen Juden strönren in die Städte, um dort ihren Lebensunterhalt zu suchen, sie eilen oft dorthin, um dem Vergnügen zu dienen. Ihr Judentum haben sie vergessen. Don einem derartigen Dorsjudentum ist eine Bekämpfung des Antisemitismus, der sich auch auf dem Laude viel neue Anhänger erworben hat, nicht 511 erwarten. Auch glaube ich nicht, daß die junge Generation der Dorfjuden, wenn sie in die Städte strömt, für unser Judentum die wertvolle Stütze ist, die sie früher einmal war. Das Torfjudentnm ist das beste Spiegelbild für unsere heutige Zeit. Es geht seinem Untergang entgegen, wenn ihm nicht von den Städten die notige Hilfe bald gebracht wird. Aber das gesamte Judentum hat eine Auffrischung so dringend uötig. Wenn ihm das Dorfjudentum eine seiner Hauptkräste war, und wenn es auf diese Kraft, die jetzt nur geschwächt ist, nicht verzichten will, dann muß alles getan werden, daß auch dieser so wertvolle Teil des deutschen Judentums wieder lebensfähig wird. Wichtig ist auch eine geschichtliche und wir' t - fchastspolitischeBetrachtungsform über jüdische Dorfbewohner und Kleinstädter. Sie liefert aus reichem Erfahrungsschätze vr. 3. Holöschmiöt Gorrröerg, öez. Nasse!). Er schreibt: Georg H e r m a n n hat ein Problem zur Diskussion gegellt, dessen Lösung in der vom Versager angedeuteten Weise erhebliche Schwierigkeiten bietet. Nur ganz flüchtig hat der Verfasser den h ist 0 - rischen Teil gestreift, und doch liegt m. E. hier der Schlüssel zur Erkenntnis und zur teilweisen Lösung. Von meinen 48 Lebensjahren habe ich 25 Jahre teils in einem kleinen hessischen Dorf, in dem meine Vorfahren nachwelsüch seit über 200 Jahren ansässig sind, teils in einer kleinen hessischen Kreisstadt, zugebracht. Zehn Jahre habe ich vor dem Krieg, brs 1914, in Berlin geweilt, vier Jahre während des Krieges in Feindesland und die übrige Zeit in deutschen Mittelstädten. Lege ich nun die in meiner Heimat gemachten Erfahrungen, die nachweislich auch für die meisten anderen deutschen Gebietsteile gelten, zugrunde, so ergibt sich folgendes: Die früher auf dem flachen Lande vorhandenen zahlreichen und numerisch starken Gemeinden sind bis auf winzige Neste verschwunden. Dieser Rückgang ist bekanntlich nicht erst nach dem Krieg eingetreten, sondern nahin, wie ich überall feststellen konnte, bereits vor ungefähr 30 bis 40 Jahren seinen Anfang. Es war dies gerade die Zeit, in dem das flache Land wirtschaftlich entschieden vorwärts kam. und die 3ei t in welcher der Antisemitis m u 8 Provinz aust 0 bte. Gehe ich, was meine hessische Heimat betrifft, in die vorprenßifche Zeit vor 1866 zurück. so kann ich hierüber auf Grund der ausführlichen Mitteilungen meines 81jährigen Vaters folgendes ansführcn: In Hessen gab es zu jener Zeit eine große Anzahl blühender jüdischer Gemeinden auf dem stachen Lande. Volks antisemitismns kannte man nicht, dafür aber N e g i e r u n g s antisemitismus. Tie hessischen Juden hatten bekanntlich unter den reaktionären hessischen Gesetzen eine gewisse untergeordnete Stellung, sie waren in vieler Hinsicht Bürger zweiten Grades. Ihr Verhältnis zu ihren christlichen Mitbürgern war aber trotzdem, ein rcchr gutes, und zwar lag der Grund hierfür in dem g e mein s a m en Wirt s ch a s t l i ch e 11 Elend, das den Juden mit dem Bauern und Tagelöhner verband. Gemeinsame Not bringt bekanntlich die Menschen näher, und dewar tatsächlich zu jener Zeit der Fall. Als mm Hessen Preußisch wurde und nach dem Krieg von 1870 ein zunehmender W 0 h l st a u d des bäuerlichen Elementes, besonders in den neunziger Jahren dck vorigen Jahrhunderts, sich bemerkbar inachte, da trat eine Tcheiduug und ^Entfremdung ein. Zunächst machte sich eine solche zwischen der landbesitzenden bäuerlichen und der besitzlosen 'Arbeiterklasse bemerkbar, die teilweise sehr scharfe Formen annahm und die heute noch in unverminderter stärke besteht. Zwischen diesen beiden Schichten stand der Indo, der sich bisher als H a u sier e r oder V ieh - hä ndle r mit mehr oder weniger Erfolg durchgeschlagen hatte. Dieser Haiwelszweig erlitt aber durch verschiedene Umstände eine zunehmende Einschränkung. Tie Bauern taten sich zu Organisationen zusammen, besorgten ihre Einkäufe gemeinschaftlich oder sie deckten ihre Bedürfnisse in der benachbarten Stadt, woselbst sie naturgemäß; eine viel größere Auswahl hatten als bei dem. kleinen Hausierer, bei dem sie früher jahrelang borgten. Wandte sich nun der eine oder andere Jude der Landwirtschaft zu. so wurde das vieterfeits mit Neid undMißgunst beobachtet. Der Bauer erblickte hierin einen Eingriff in die ihm seit Jahrhunderten zustehenden Besitz rechte, — den Juden war ja früher Grunderlverb untersagt, — der Arbeiter hinwiederum betrachtete den ackerbautreibenden Juden als einen wirtschaftlichen Gegner. Betätigte sich nun der Jude außerdem politisch, so mußte er unweigerlich bei der einen oder anderen Gruppe in Mißkredit und Verruf kommen. Eine derartige Stellung mußte auf die Tauer dem Juden unerträglich werden, selbst wenn man den Inden, was bei dem früheren Abschälmngsstütem recht häufig vorkam., die höchste Steuerlast in der Gemeinde aufbnrdete, so dachte man doch nie daran, ihm in der Gemeindevertretung irgendeinen Einfluß zu gestatten; noch vor einigen Jahren mußte ich es erleben, welcher Entrüstnngsjturm mein Heimatdorf durchtobte, als mein Bruder mit in die Gemeindevertretung gewählt wurde; das war etwas Unerhört^, einen Inden in dieser Korporation zu sehen. Ich will einen derartigen Fall nicht verallgemeinern, aber das eine ist sicher, daß es gerade aus dein, Dorfe und in der Kleinstadt gegenwärtig dem Juden in jeder Hinsicht außerordentlich schwer wird, vorwärts zu kommen. Ist der Jude in einem freien Beruf, z. B. als Arzt oder Rechtsaiuvalt, tätig, so kann er sich nur durchsetzen, wenn er in seinem Fache durchaus auf der Höhe ist. Die Erpouiertheit einer derartigen Stellung legt ihm nicht nur in bezug auf sein Privates Leben die schärfste Selbstzucht auf, sondern zwingt ihn auch zur stärksten Anspornung seiner Fähigkeiten, um nicht durch eine übelwollende Kritik den Boden zu verlieren. Für den G r 0 ß st a d t j u d e n fallen diese Momente 'sicherlich bei weitem nicht derart ins Gewicht; er steht nicht, wie der Jude auf dem Lande, ständig auf Vorposten, auf einem Posten, der viel Nervcnkraft und starke Selbstbeherrschung verlangt. Wehe, wenn der Jude auf dem Lande cs sich einfallen ließe, gleich seinem christlichen Nachbar Erzesse in Alkohol zu begehen oder in sittlicher Hinsicht Flecke aufzuweisen, oder sein Dienstpersonal schlecht zu bezahlen; er wäre öffentlich gebrandmarkt und wirtschaftlich verloren. Tie Einbettung in das Volksganze, von der Georg Hernmnn spricht, ist für die Landjnden zurzeit noch recht hart. Ich verspreche mir von irgendwelchen äußerlichen Maßnahmen keinen Erfolg. Es ist der Mangel an Gerechtigkeirsgefülst in weiten Schichten des deutschen Volkes, der den deutschen Juden bedrückt. Läßt man ihm Gerechtigkeit widerfahren, so ist die Judenfrage, sowohl iit Eroßals auch in Kleinstadt, restlos gelöst. Viele Zuschriften wenden sich dagegen, daß die Entwicklung der Großstädte unheilvolle Folgen für deren Bevölkerung hcraufführt. Der Zwang, der in allen berührten Fragen enthaltenen, unentrinnbaren und unabwendbaren Erscheinungen der Bevölkerungsbewegung kommt dabei zum Ausdruck. Wir gebe;: dazu Gtto Neumann l9erlin-Wi!mersSorf) das Wort. Die kleinen Städte des rein agrarischen O st e n s Deutschland? bieten nicht die Erwerbsmögbichkeit wie die des Westens. Tic Kleinstadt hat dort, im Osten, nicht mehr die Bedeutung für umgebende Land wie vor fünfzig Jahren. Ueberdies liegen dic Verhältnisse im Osten völlig anders als im Westen. Dort, in den jetzt polnischen L a n d e s t e i >1 c n, spaltete sich schon die christliche Bevölkerung in zwei Teile, die deutsche (pro!e)tautisck)e) und die polnische (katholische). Beide lebten streng getrennt. Dazu kam der dritte Teil, die Juden; diese verhältnismäßig sehr zahlreich und überwiegend orthodox. All das