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Central-Verein-Zeitung · 1927-07-01 · 26 (1.7.1927) · p. Seite 371

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
26 (1.7.1927)
Date
1927-07-01
Page
Seite 371 (sequence 3)
Language
German
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D0f f / Eine Aussprache. von Dr. Solomon (Zrankfurt a. M), Dr. med. Th. Keller (Egelsbach b. varmstaötj, Dr. 3. Gol-schmköt (Homberg, Lez. Kassel), Otto Neummm (öerlin-WÜmersövl f), Lehrer a. D. Hermann Decker (früher Wollsieln). Wir vermuteten, dass der Aufsatz Georg Hermanns in unserer „G.V.-Zeitung“, „Grossstadt oder Kleinstadt?“ in unsern Freundeskreisen lebhaften Widerhall finden würde. Der Erfolg aber iibertrifft jede Erwartung. Es ist ersichtlich: Georg Hermann, der beileibe keine Lösung dieser entscheidenden Frage, lediglich ihre Stellung und eine Aussprache darüber beabsichtigte, hat damit eine ernste Sorge berührt, an der das deutsche Volk und nicht minder in besonderer Art der jüdische Teil darin, vor allem seit Kriegsausgang, schwer trägt. Liegt nicht der Ausgangspunkt der deidschen Jugendbewegung in dem mehr oder minder klar erkannten Tatbestand der den Menschen gefährlich umformenden Grossstadt? Fragen sich nicht besorgt alle Emsichtigen unter den jüdischen Deutschen: Was soll aus der jüdischen Dorfjugend, aus der jüdischen Kleinstadtjugend werden, nachdem gewaltiger wirtschaftlicher Druck und oft leider tief zu beklagende Kurzsichtigkeit oder manchmal gar Hartherzigkeit die Möglichkeit religiöser Unterweisung und gottesdienstlicher Betätigung in der Kleinstadt und auf dem flachen Lande hier äusserst eingeengt, dort gar vernichtet haben? Und sehen andere nicht mit Bangen, zu welchen bedcjiklichen Folgen, zu welchen Einseitigkeiten der Berufsschichtung die Zusammenballung der in die Grossstadt abwandernden Kleinstadt juden führt? Diese und andere Fragen und Sorgen hat Georg Hermanns Feder zur nötigen Aussprache gebracht. Wie stark sie den Ceniralverein und seine Arbeit berühren, ergibt sich dabei auf Schritt und Tritt. Aus der Fülle der Einsendungen veröffentlichen wir vorerst die folgenden. Georg Hermann wird, wofür wir ihm dankbar sind, selbst noch ein Wort zu dieser bemerkensiverten Aussprache sagen. Die Beurteilung der jüdischen Verhältnisse auf dem flachen Lande ist bei den verschiedenen Einsendern in hohem Maße verschieden. Persönliche Erfahrungen, die Zeit der Betrachtung, auch die Gegenden, über die gesprochen wird, ob Osten oder Westen des Vaterlandes, geben dabei den Ausschlag. Professor Ludwig Basnizkis (Heidelberg) hier veröffentlichte Jugendbetrachtungen aus dem Badener Lande unterstreicht Dr. Solomon (Frankfurt a.!N.). Er schreib!: Es ist aufs wärmste zu begrüßen, daß Prof. Ludwig Basnizki der Frage Georg Hermanns „Großstadt oder Kleinstadt" das notwendige dritte Glied, den „Dorfjuden", als selbständigen und für das Canze unentbehrlichen Faktor eingefügt hat. Was er als sein persönliches Kindheits- und Jugenderlebnis wiedergibt, ist tausendfältiges Lebensgut, ist für die meisten der heute in der Großstadt lebenden Juden das Reservoir, aus dem sie immer und immer wieder die Kraft und den Mut zum aufreibenden Kampf ums Dasein in materieller wie ideeller Hinsicht ziehen. Wie aus einer nie versiegenden Quelle strömt aus ihm in unsere Seele die Erinnerung an jene Zeit. wo. ungetrübt durch äußere Geschehnisse und unabhängig vom Drange der Zeit, das Natürliche in uns sich frei und ungebunden in ebenso natürlichen Lebensverhältnissen entfalten konnte. Diese Erinnerung brauchen wir für unser ganzes Sein so nötig wie das tägliche Brot. Lie erhält die Seele rein und bewahrt uns in der von außen her bedingten Regulierung unseres Daseins den Sinn für das Echte und Natürliche. Bon hier aus gesehen ist die ganze Frage von ungeheurer pädagogischer Bedeutung und ist als wichtiger Faktor in die Erziehung des jüdischen Großstadtkindcs einzustellen. Gar manche Eltern, die, sobald es nur irgend möglich ist. ihre Kinder in elegante Badeplätze des In- und Auslandes führen, täten besser daran, sie zunächst einmal mit den Verhältnissen des Platten Landes unb den hier herrschenden einfachen Lebensformen vertraut zu machen. Dadurch würde, leichter und wirksamer als es sonst irgendwie möglich ist. die Achtung vor den einfachen und natürlichen Werten des Lebens hervorgerufen, die Ueberschätzung des eigenen Jchs und die Mißachtung elementarer Lebensverhältnisse beseitigt werden. Auch würden sie die für das Leben bedeutungsvolle Erkenntnis erlangen, daß so viele Gegensätze Politischer, religiöser und sozialer Art nicht ursprünglich, sondern zum Teil künstlich geschaffen sind, ihre Beseitigung aber aus dem letzten und höchsten Sinne des Lebens heraus eine unbedingte Forderung darstellt. Aber auch im Hinblick auf den Dorf juden selbst erscheint diese Fühlungnahme zwischen Stadt und Land notwendig. Nicht allein, daß sie ihm das Gefühl der Isoliertheit raubt und ihm den Kampf auf vorgeschobenem Posten leichter macht, sie gibt ihm auch eher die Möglichkeit, sich das geistige Rüstzeug für die wirksame Führung dieses Kampfes an die Hand geben zu lassen. Wo es sich um eine ausgesprochen bäuerliche Bevölkerung handelt, genügt jene bis in die einfachsten ^md alltäglichsten Lebensformen hinreichende Einfühlung und Anpassung. Das ist aber heute beileibe nicht die übliche soziologische Struktur des Dorfes. Ganz abgesehen davon, daß es auch hier eine, wenn auch zahlenmäßig geringe geistige Oberschicht gibt, die viel eher mit den Mitteln einer sachlichen Aufklärung gewonnen werden kann, ist überall mit einem starken Prozentsatz von Arbeitern zu rechnen, die, politisch mehr geschult, eine über den engen Rahmen des Torfes hinausgehende Belehrung und Aufklärung erfordern. Hier ist Sachkenntnis, Vertrautsein mit politischen, sozialen, ökonomischen, ja religiösen Verhältnissen vonnöten. ihm vor allem ist der Kampf gewidmet. Es starren einem nur so die großen Inschriften entgegen, die eine wahre Flut des Hasses gegen alles, was katholisch ist, verraten. Man glaubt sich in die wildesten Zeiten des Kulturkampfes versetzt, wenn man diese „Flammeuzeichen" liest. Es bleibt aber nichts, rein gar nichts Gutes für den Katholizismus übrig. Höchstens die geradezu lächerliche Unterscheidung Zwischen Katholizismus und Ultramontanismus! Man kann nur sagen "lächerliche" Unterscheidung, weit dieser Unterschied gar nicht besteht, es sei denn, daß der sogenannte Katholizismus, den diese Leute im Kopse l'Lben, gar keiner ist. Der P a p st ist mm einmal das Oberhaupt der katholischen Kirche, und ohne ihn und feine Macht gibt cs gar keinen Katholizismus. Alle diese törichteil Redereien, die da zugrunde liegen und von den ein dutzendmal mißglückten Ideen einer katholischen Aationalkirche träumen, verdienen keinerlei Beachtung. Katholizismus oder, um im Jargon dieser Leute zu reden. Ultranwntanismus und Deutschtum sind gar keine Gegensätze, sondern ergänzen sich im Sinne wahren Christentums aufs glücklichste. Der wahre Gegnerdes Christentums i st der Nationalismus und der Chauvinismus, wie er hier verkündet und wie er hier in fanatischer und durchaus unwissenschaftlicher W e i s e v e r t r e t e n w i r d. Es ist doch ein starkes Stück und nur m Deutschland möglich, wenn einem Drittel des deutschen Volkes, denn das sind doch die Katholiken, abgestritten lDird, daß sie aufrichtige Deutscheseren! Man erkennt unt Grausen diese unseligen Kräfte, die hier am Marke Deutschlands zehren, immer bereit, jeden Aufstieg zu verhindern und immer neue Zwietracht zu säen! Ihr Geist ist unchristlich im tiefsten Sinne; sie sammeln nicht, sondern sie zerstreuen. In der Tat, dieser Nationalismus völkischer Prägung, politisch heute tot und bedeutungslos, ist ein Symptom jener noch i m m e r wache n Kräfte, die lieber heute wie morgen einen Kulturkarnpf gegen den deutschen Katholizismus führen möchten. — Interessant wäre es auch, zu wissen, wer die Zeitschrift finanziert. Sie ist geistig derart anspruchslos, daß sie sich nur mit großen Unterstützungen halten kann. Wo sind die Geldgeber eines so bedauerlichen Unternehmens? Aber immerhin! Diese Blatter sind wertvoll: sie beweisen dem deutschen Katholizismus immer wieder, daß er auf der Wacht sein muß, um sich zu halten. Die dunklen Kräfte, die ihn einst bekämpften, leben auch heute noch. Es ist nicht von ungefähr, daß gerade in der letzten Zeit eine ganze Reihe ähnlicher Organe aus dem Boden gewachsen ist; es ist etwas im Werke wider den deutschen Katholizismus! Man sage nicht: das sind Fanatiker, und sie haben keinen Anhang? Es wäre für das deutsche Volk gut, wenn es wahr wäre! Aber diese Kreise mit ihrem fanatischen Haß wider Katholizismus und Judentum wissen wohl, was sie wollen. Ziel ist, die innere Zerreißung Deutschlands noch zu vermehren und ein deutsches Ideal zu stabilisieren, dessen Inhalt Unduldsamkeit und Unfreiheit wäre! DerChauvinis musi st dieHäresiedes2 0. Jahrhunderts, und feine Bekämpfung liegt im Interesse des Fortschritts der Menschheit und der Freiheit der Völker und Religionen l

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