Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 26 (1.7.1927)
- Date
- 1927-07-01
- Page
- Seite 370 (sequence 2)
- Language
- German
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370 lichen Gehalt mußte er sich absindeu — hierbei teilte er das Schicksal des christlichen Richters —, sondern er mußte auch von vornherein auf die Stellung verzichten, die ihm vielleicht hervorragende Tüchtigkeit hätte geben können. Denn weiter als bis zum Landgerichts rat und Amtsgerichtsrat brachte es kaum je ein Jude. Jüdische Oberlandesgerichtsräte Zahlten zu den allerseltensten Ausnahmen. Jüdische Landgerichtsdrrektoren gab es in Preußen überhaupt nicht, von Präsidenten ganz zu schweigen. Nichtsdestoweniger haben diese Richter, die in den siebziger, achtziger und neunziger Jahren in den Justizdienst eintraten, ihre Pflicht in vorbildlicher Weise erfüllt. Es ist ein Ehrenmal für sie, daß die in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts von Stoecker entfachte antisemitische Bewegung sich nicht an sie herangewagt hat. Jedenfalls ist mir kein Fall bekannt, daß ein jüdischer Richter um seines Judentums willen zum Gegenstand antisemitischer Kritik gemacht wurde. Die Anstellungsverhältnisie der Juden verschlechterten sich um die Jahrhundertwende. Es begann die Aera Schönstedts, jenes Justizministers, dessen Schatten noch heute unseren Berliner Anwälten im Traum erscheint. Ist er doch der Schöpfer jener unglückseligen Dezentralisation der Berliner Gerichte, unter der der Justizbetrieb in schwerster Werse leidet, und die den Berliner Rechtsauwalt zu einem der gehetztesten Wesen macht, die Gottes Erdboden bevölkern. Schönstedt teilte seine Assessoren in drei Teile, Christen, ungetanste Juden und getaufte Juden. Einem ungetansten Inden war es unter Schönstedt fast unmöglich, eine Anstellung als Richter zu erlangen, während die Taufe wegen der geringen Zahl der in Frage kommenden Anwärter unter Umständen eine schnellere Beförderung gewährleistete, als es bei den christlich geborenen Kollegen der Fall war. Schönstedt ging und Beseler kam. Unter diesem grundgerechten und aufrichtigen Mann bewerten sich die Anstellungsverhältnisse für jüdische Affessoren wieder zusehends. Auch war es in der letzten Zeit vor dem Kriege und im Kriege selbst nicht mehr ganz so aussichtslos, höhere Stellen zu erreichen, als vordem. Die Aera Schönstedts sowohl als die Beselers Pitigte gleichfalls keine antisemitischen Angriffe auf jüdische Richter. Dies ist erst der Nachkriegszeit Vorbehalten geblieben. Fragt man sich, woher diese Wendung, so kann man nur die Antwort geben: Die Berdächtigungen jüdischer Richter sind krankhafte Ausgeburten einer aufgewühlten Zeit. Sie suchen einen Gegensatz zwischen dem jüdischen und dem christlichen Richter zu schaffen, der nicht existiert und der auch von der breiten Masse des Publikums bisher nicht gemacht worden ist. Jeder jüdische Richter wird es mir bestätigen, daß ihm der Rechtsuchende mit demselben Vertrauen entgegentritt wie dem christlichen Richter. Erfreulicherweise habe ich sogar die Beobachtung machen können, daß manche deutschvölkisch gesinnte Kreise und deutschvölkrsche Anwälte, wenn sie mit einem jüdischen Richter in Berührung fommen, ihm dieselbe Hochachtung erweisen wie dem nichtjüdischen. Dies gestattet wohl den Schluß, daß das Gift jener Verdächtigungen noch nicht allzuties in den Volkskörper gedrungen ist, und begründet erscheint daher die Hoffnung, es werde bald ausgesondert fein, ohne Spuren zu hinterlasien. Der deutsche Richter ist in seiner weitaus überwiegenden Mehrzahl — die wenigen Ausnahmen bestätigen nur die Regel —, sobald er die Robe trägt, nicht Katholik, nicht Protestant und nicht Jude, nicht Deutschnationaler, nicht Demokrat und nicht Sozialist, er ist nur „5 er Richter", beseckt von der hohen Aufgabe, die ihm sein Amt stellt, der höchsten und verantwortungsreichsten, die Menschen auf Erden haben. Der deutsche Richter ohne Unterschied des Glaubens und der politischen Ueberzeugung ist das Produkt deutscher Gymnasialerziehung und deutscher Hochschulbildung. Es ist nicht meines Amtes, die Angriffe, welchen neuerdings auch diese Institutionen ansgesetzt sind, einer näheren Erörterung zu unterziehen. Nur so viel sei gesagt: Zu der Zeit, als der große Teil der heute wirkenden Richter Gymnasium und Universität besuchten, standen die beiden Einrichtungen auf einer auch im Ausland viel bewunderten Höhe. Der Idealismus der Klassikerzeit — hier fand er noch begeisterte Verkünder und willige Ohren. Er bildete ein Geschlecht heran, überzeugungstreu und beseelt von dem Willen, das Gute um des Guten willen zu tun und das Schlechte unr des Schlechten willen zu Haffen. Den Juden und den Christen trennten wohl Dogma und Kultus, aber gemeinsam war ihnen das hohe Ethos, in dem sie sich auf ihren Beruf vorbereiteten. So ist auch der deutsche Richter gewachsen, wie er heute vor uns steht. Nichts unterscheidet in der Ausübung seines Amtes den Inden von dem Christen. Die Ethik der Bibel und die Spinozas, Kants und Goethes ist beider Leitstern. Sie beide wiffen: Verschwände die Gerechtigkeit, so l 0 h n t e es sich nicht mehr, daß Menschen auf Erden weilen. Und so wandelt der Richter seine Bahn, folgend den: Gestirn der Gerechtigkeit, unbeirrt durch Haß oder Liebe, nicht nach rechts und nicht nach links schauend. „Und hinter ihm im wesenlosen Scheine Liegt, was uns alle bändigt, das Gemeine/ Von Dr. Lco Schwerins (Köln), M. v. L. Als in Liesen Togen im Preußischen Landtag die völlilche, gegen Katholizismus und Judentum gerichtete Zeitschrift „Flammenreichen" den Abgeordneten zugestellt wurde, wandte sich der Zenlrumsabgeordnete Dr. Schwerins (Köln) energisch gegen die den katholischen Deutschen zugefllgten Beschimpfungen. Wir baten Herrn Dr. Schwering um eine Darlegung feines Standpunktes Katholiken und Juden gegenüber. Er gab sie uns liebenswürdigerweise sofort im Interesse aller der Kräfte, die darauf hinausgehen, eine Front derer, die guten Willens sind, zum Heile des deutschen Volkes zu schaffen. Sie richtet sich gegen die, die nur daran denken, dem verengten Begriff eines mißverstandenen „nationalen" Ideals zu dienen, das in Wahrheit Unterdrückung und Unfreiheit hcraufführen würde. Die Schriftleitung. Unter dem Titel „Fla mmenzeichen" erscheint eine Wochenschrift, auf die inan lucitcrc Kreise überall da aufmerksam -machen mutz, wo man bestrebt ist, für den konfessionellen Frieden zu wirken und alles zu vermeiden, was die ohnehin bestehenden politischen und religiösen Gegensätze in Deutschland noch fördern kann. Man würde von diesen Dingen am liebsten nicht reden, so unsagbar traurig sind sie. Aber die Art des Kampfes, den die Gegner anzuwcuden belieben, zwingt zn kurzer und energischer Abwehr. Diese ist im Preußischen Landtage namens der Zentrumsfraktion erfolgt, in dem man es sich verbat, diese Zeitschrift durch die Mappe zugestellt zu erhalten, die jedem Abgeordneten mit dem für den Tag wichtigen Material zugeht. Es war eine Geschmacklosigkeit, anders kann es nicht bezeichnet werden, dem preußischen Zentrum dieses Blatt überhaupt zu überreichen. Aber sehen wir uns diese „Flammenzeichen" etwas näher an! Sie nennen sich im Untertsipl: „Ueberparteiliche Blatter für Deutsche Selbstbesinnung und nordisches Nassebewußtsein, gegen ultramontane Machtgier und allen F r e m d g e i st/ Daß dies Blatt überparteilich sei, wird niemand behaupten wollen, der auch nur einen kurzen Blick hineinwirft. Zweifellos ist es ein völkisches Blatt, wie es auch ein völkischer Abgeordneter war, der es den Mitgliedern des Preußischen Landtages vorlegte. Nicht umsonst preisen sich im Annoncenteil völkische Blätter an! Und „deutsche Selbstbesinnung/ „nordisches Rasiebewußtseu/? Wir wollen mit den Herausgebern über diese Dinge nicht rechten. Aber uns will bedünken, als wenn deutsche Selbstbesinnung am besten bei denen aufgehoben ist, die alles vermeiden, was Deutschland schwächen und was das deutsche Volk noch weiter zerreißen kann. Es ist schon weit genug damit! Daß es eine reine Rasse heute nicht gibt und nie gegeben hat, weiß jeder. Und vollends! Was „nordisches" Nassebewußtsein sei das zu begreifen, wird wohl nur denen möglich sein, die das Paradies nach Pommern verlegen! Wir jedenfalls bedanken uns für solche gehaltnnd inhaltlosen Schlagworte. Niemand kann damit etwas anfangen, und die Geschichte der völkischen Bewegung in Deutschland seit ihrem Glanzjahr, 1922, ist der beste Beweis dafür, wie wenig sie geeignet ist, Naffebewnßtsein, und zmnal nordisches, zu predigen und zn schassen! Die sch a r f e a n t i j ü d i s ch e Tendenz des Blattes ist damit gegeben. Es genügen wenige Aussätze, um zu sehen, wie abgrundtief d e r H a ß gegen d e n I u d e n als solchen ist! Vergessen sind die Tausende jüdischer Soldaten, die im Kriege für Deutschland gefallen sind. Man klammert sich an einige, überall leicht zu findende, ungünstige Tatsachen, verallgemeinert sie. und schon ist der Kamps gegen den „S e m i t i s m u s* da und wird mit dem ganzen Rüstzeug der iw diesen Kreisen üblichen Unwissenschaftlichkcit geführt. Es ist hier nicht der Ort, den tieferen psychologischen Gründen nachzufpürcn, weshalb diese „Flannnenzeicheu" neben dem Judentum v o x allem den „ U lt r a m o n t a n i s m u s " befehden; denn (Fortsetzung des Textes Seite 371 unten.)