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Central-Verein-Zeitung · 1927-06-24 · 25 (24.6.1927) · p. Seite 360

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
25 (24.6.1927)
Date
1927-06-24
Page
Seite 360 (sequence 8)
Language
German
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360 Der numerus clausus als jüdisches Problem. Von Dr. Hugo Splegler. Es kann auf die Dauer nicht genügen, über die Tatsache, daß in Ungarn durch das Gesetz, in Rumänien. Polen, und — mit der Einschränkung auf die Ausländer — auch in D e u t s ch öst e rreich durch Terror eine Prozentnorm für die Zulassung jüdischer Studenten an den Hochschulen errichtet ist, sich moralisch zu entrüsten. Die Schande fällt auf die anderen, uns aber, den Juden aller Länder, kommt es zu, aus praktische Abwehr zu sinnen oder wenigstens die von den Judenfeinden erstrebte Wirkung ihrer Taktik aufzuheben. Eine planmäßige Abwehr darf sich nicht bei der Verurteilung der Terrorakte aufhalten, mit denen der numerus clausus erzwungen oder, wo dies schon geglückt ist, „geschützt" werden soll. Denn bei dieser Methode erleben wir nur immer wieder die schönsten Krokodilstränen der Eebrandmarkten, ihre rührenden Beteuerungen, wie sie selbst die Ausschreitungen bedauern, schon deshalb, weil sie der, ach, so „guten Sache", der sie dienen wollen, nur schaden. Und an diese Versicherungen schließen sich regelmäßig Darlegungen, wie gut die so hitzig verfochtene Sache im Grunde eigentlich sei, und daß nur die Gleichgültigkeit der Behörden, die sich dieser Erkenntnis verschließen, schuld daran sei, daß die „Nassenschutzbestrebune n" an den Hochschulen bisweilen so verwerfliche Formen annehmen, iese Taktik hat vor allem in Ungarn Glück gehabt, wo sie sich der Ministerpräsident zu eigen gemacht hat, indem er bei jeder Gelegenheit versichert, der numerus clausus sei eine vorübergehende, zur Beruhigung der erhitzten Gemüter notwendige Maßregel. Wobei der Hauptton wohl nicht auf dem Wort „vorübergehend", sondern aus dem „notwendig" liegt. Und doch hat die Erfahrung gerade in Ungarn gelehrt, daß die legale Einführung des numerus clausus die Rauflust der Nassenschützler durchaus nicht beeinträchtigt, sondern nur zu neuen Taten ermuntert. Hieraus müßten die für die Ruhe und Ordnung an den Hochschulen maßgebenden Gewalten, hätten sie wirklich nur ihre Pflicht im Auge, die entsprechenden Folgerungen ziehen. Tun sie dies nicht, dann geht es ihnen um andere Dinge. Sollte es sich wirklich dabei weniger um die akademische Würde als um die akademischen — Würden handeln . . .? Das zeigt sich besonders deutlich in Wien, wo gerade in den letzten Tagen die numerus-clausus-Frage mit Radau, Schlägerei und Universitätsschließung wieder zur Aussprache gestellt wurde. Wien besitzt Gelehrte, die in der Welt Geltung haben. Ich nenne nur die Namen Siegmund Freud. Steinach . . . Aber diese wissenschaftlichen Köpfe spielen im akademischen Leben der ^Irna Mater Rudolfina nur eine ganz unbedeutende Rolle. Das große Wort an den österreichischen Hochschulen führen — gute „Arie r". Begreift man, daß diese Gelehrte einer Studentenbewegung gern Vorschub leisten, die schon bereits bei der Zulasiung zum Studium die Auslese der Begabungen durch die der Abstammung Vortäuschen will? Während sie sich aber in Oesterreich diplomatisch im Hintergrund halten, haben in Ungarn und Rumänien einzelne Prosesioren in aller Form die Führung der „Raflenschützler" an sich gerisien. Vorläufig haben diese Drahtzieher der numerus-clausus-Bewegung ihre Stellungen so zu festigen verstanden, daß die dringendste Gegenmaßregel die ist, den Schaden, den sie anrichten, wieder gut zu machen. Und kann man. ja muß man die Abwehr den jüdischen Organisationen der einzelnen Länder überlasten, so erheischt die zweite Ausgabe die Teilnahme der von der Gefahr selbst allerdings nicht unmittelbar bedrohten Juden Deutschlands. Besitzen diese doch im Hilfsverein der deutschen Juden ein wirksames Instrument zur Organisierung und Finanzierung einer jüdisch enWanderbewegung. Die jüdischen Studenten, denen die Hochschulen ihres Landes verschlossen sind, müssen in die Lage versetzt werden, ihren — gutjüdrschen! — Wissensdrang an den Lehrstätten des Auslandes zu befriedigen. Bei der Organisierung dieser Wanderbewegung wird man aber das entgegengesetzte Ziel verfolgen müsten als bei der agrarpolitischen Siedlerbewegung. Während sich bei der Schaffung eines jüdischen Bauernstandes möglichst große Zusammenballung der Kolonisten in geschlossenen Gebieten — wie in Südrußland — empfiehlt, weil solch gesckstossene jüdische Kolonien den Stürmen politischer Umstürze leichter zu widerstehen vermögen als vereinzelte, weit verstreute Siedlungen, wird man bei den jüdischen Studenten Zusammenballung an gewisten bevorzugten Hochschulen bester vermeiden, weil sonst die Erschöpfung der Aufnahmefähigkeit dieser Schulen leicht ähnliche Erscheinungen Hervorrufen könnte wie die. durch die die jüdischen Studenten aus der Heimat Vertrieben wurden. Es wäre sogar ratsam, wenn jeder einzelne Student die Hochschule öfter wechseln könnte. Das wäre auch für sein Studium nur vorteilhaft und würde sein geistiges Gesichtsfeld bedeutend erweitern. Auf diese Weise würde der numerus clausus einiger Länder den jüdischen Studenten statt der beabsichtigten Schädigung geradezu Segen bringen, zumal ein Diplom der Universität von Oxford, Paris oder Heidelberg zumindest die gleiche Empfehlung in der Welt bedeutet als eines aus Jassy oder Wilna. Die Verfechter des numerus clausus würden wohl in ihrer Begeisterung sehr rasch erlahmen, wenn sie erkennen müßten, daß ihre Methoden des „Rassenschutzes" gerade das bewirkt haben, was vermieden werden sollte: daß die .. i 77lein (Kind, ich rate (Dir gut: j BmMAhZ. Das beliebteste und verbreitetste Nähr- und Kräftigungsmittel. Hergesteilt aus edelstem Gerstenmalz. Lrli3.lt>.In Apotheken u.Drogenhandluntren. i~.7.. —- - Öebr. Pater mann, Teltow- Berlin 14. jüdischen Studenten ihren christlichen Kommilitonen gegenüber zumindest gleichwertige Bildung besitzen. Wie rasch ihnen diese heilsame Erkenntnis vermittelt wird, hängt von der Bereitwilligkeit des Judentums ab, die von mir hier vorgeschlagenen Wege zur Rettung der in ihrem Lerneifer bedrohten jüdischen Intelligenz einzuschlagen. Gabriel Uießer als Hamburger. Von Willy Aron (Hamburg). Die Wurzeln der Wesenskraft Gabriel R i e ß e r s liegen in seiner Vaterstadt Hamburg. In der Reihe der Ahnen Gabriel Rießers begegnet uns fein Großvater Rabbi Raphael Cohen, Präsident des Jüdischen Gerichts zu Altona von 1776bis 1799, besten hervorragende juriftifdje Begabung sich auf seinen Enkel Gabriel vererbte, der als Sohn von Lazarus Jacob Rießer zu Hamburg am 2. April 1806 geboren wurde. Vom Großvater und Vater hatte der junge Gabriel die Fähigkeit zur Betrachtung der Realitäten des Lebens einerseits und das Hingegebensein zu den Problemen der Transzendenz anderseits! Im zarten Kindesalter verließ der junge Gabriel mit . feinen Eltern im Jahre 1813 Hamburg und zog nach Lübeck. 1820 sehen wir ihn wieder in Hamburg; dort lernte er bis 1824 in der Gelehrtenschule des Johanneums. Sein Hauptlehrer Tr... Heinrich W ü r tz e r pflanzte in sein Gemüt die Keime der k o n f e s s i o - nellen Toleranz. Sein Vater, ein schwer arbeitender, in bescheidensten Verhältnissen lebender Kaufmann und Autodidakt, lehrte ihn die t a l m u d i s ch e Jurisprudenz. Griechische und römische Dichter, Plato und Italiens Poeten waren ihm früh vertraut! Nach Schulabgang bildeten seinen wistenschaftlichen Verkehr: H. Baumeister, später hamburgischer Obergerichtsrat, Johannes Classen, Direktor der Eelehrtenschule des Johanneums in Hamburg, Oberappellationsgerichtsrat in Lübeck I. F. Voigt u. a. m. Rach seiner zwischenzeitlich (1826) erfolgten Promotion in Heidelberg zum Doctor juris, mehrjährigen Aufenthalten in verschiedenen deutschen Städten meldet er sich 1830 zur Lldvokatur in Hamburg. Sein Gesuch wirb vom Senat abschlägig beschieden! Es ist die Epoche seines ..blumenbekränzten Märtyrertums"! 1831 erscheint Rießers erste Schrift, in Hamburg gedruckt und in Altona verlegt: „Ueber die Stellung der Bekenner des mosaischen Glaubens in Deutschland. An die Deutschen aller Konfessionen." Im gleichen Jahre erschien die in nur sechs Tagen verfaßte Schrift: „Verteidigung der bürgerlichen Gleich st ellung der Juden gegen die Einwürfe des Herrn Dr. H. E. G. Paulus. Den gesetzgebenden Versammlungen Deutschlands gewidmet von Gabriel Rießer, Doktor der Rechte." Motto: „Einen Vater in den Höhen, eine Mutter haben wir. Gott, ihn aller Wesen Vater. Deutschland unsere Mutter hier." Damals bildete sich ein juristischer Klub, dem neben Rießer angehörten: Haller, der Senator, Baumeister, Voigt u. a. m. In jene Zeit fällt Rießers Bekanntschaft mit dem berühmten altonaischen Arzt, Philosophen, Dichter und Sprachforscher Dr. Steinheim. Karl Gutzkow schildert in seinem Buch: „Rückblick auf mein Leben". (Allgemeiner Verein für deutsche Literatur, A. Hofmann! u. Co., Berlin 1875), seinen Aufenthalt in Rießers Häuschen an der 5(1 ft er vor dem Dammtor. „Der berühmte Vorkämpfer für die Emanzipation der Juden hatte das Haar eines Negers. Zwar blond, aber so kurz gelockt, daß man es für Wolle hätte halten können. Rießers Art, sich zu geben, war die spezifisch hamburgische. Alles kam naiv, kindlich, fast schämig heraus, und doch konnte er plötzlich Schneid zeigen." 1832 und 1833 erscheint in Hamburg „Der Jude, periodische Blätter für Religion und Gewissensfreiheit. In zwanglosen Abteilungen von Dr. Gabriel Rießer." In diesen beiden Jahren war er schriftstellerisch und gemeinnützig sehr tätig. Er gehörte den Verwaltungen der Israelitischen Freischule und des Vereins zur Beförderung nützlicher Gewerbe unter den Israeliten an (siehe Näheres im Archiv der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg). 1832 erscheint seine Schrift ,^8örne und die Juden", welche wegen der Zensur in Hamburg und Altona in Älteuburg verlegt wurde. Ende 1833 sehen wir ihn in der Redaktionsstube der „Hamburgischen Abendzeitung, Liste der Börsenhalle". 1S34 veröffentlicht er Betrachtungen über die Verhältnisse der jüdischen Untertanen der preußischen Monarchie" (487 Seiten). Seine sämtlichen wichtigsten Publikationen sind in Hamburg entstanden! Im gleichen Jahre erscheint seine hochbedeutsame „Denkschrift über die bürgerlichen Verhältnisse der Hamburgischen Israeliten zur Unterstützung der von denselben an Einen Htxhedlen und Hochweisen Rath übergebenen Supplik. Als Manuskript gedruckt für die Mitglieder Eines Hochedlen und und Hochweisen Raches und der Hochlvblichen bürgerliches

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