Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 23 (10.6.1927)
- Date
- 1927-06-10
- Page
- Seite 327 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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327 Sine Eingabe an sämtliche zuständige Mnisterien. Der Centralv erein hat durch seine Zentrale in P r e u ß e n, durch seine Landesverbände in allen Ländern des Reiches Eingaben an die Ministerien der Justiz, des Innern und des Kultus gerichtet, in denen er auf die ständig weiter zunehmenden Zahlen der Friedhofsschändungen, auf die bedenklichen Folgen dieser ruchlosen Taten für das Ansehen Deutschlands und auf die dadurch möglichen Schlüsse über die deutsche Moral überhaupt hinweist. Der C e n t r a l v e r e i n hat weiter die Zuständigen Behörden gebeten, diesen Vorfällen ernsteste Beachtung zu schenken -und geeignete Maßnahmen dagegen zu treffen. Ten Eingaben ist ausführliches Material, darunter eine genaue Liste sämtlicher Friedhofsschändungen, beigesügt. Ausruf Wilhelm Wichels. Im neuesten Heft des „Morgen" (Heft 2, 3. Jahrgang, Herausgeber: Professor Julius Goldstern sDarmstadtj) befindet sich ein flammender Aufruf des bekannten süddeutschen Schriftstellers Wilhelm Michel ,M a m p f gegen Gräber". In ihm heißt es: . . Mögen also andere, die zum Reden berufen sind, schweigen: ich für meinen Teil will aussprechen, daß ich mich als Deutscher jener Bestien bis ins Herz schäme, daß ich die Stumpfheit, die so Scheußliches erträgt, tief beklage, und daß ich die Predigt einer Haßgesinnung, die zu solchen Taten führt, für ein nationales Unglück halte.' Der Aufruf ist als Sonderabdruck über 10000 f ü h r e n b c n Pers 5 nlichkeiten Deutschlands aus der Geistlichkeit, dem Lehrerstande, der Poesie, der Justiz, der Wohlfahrtspflege u. a. zugegangen. 3ur Zeit -es Men Fritz wurden Friedhofsschänder mit dem Veil gestraft. Immer und immer wieder berichten diese Blätter von neuen Schändungen jüdisä)er Begräbnisstätten. Sie muten — nicht nur uns — wie ein eitriges Geschwür am Organismus deutscher Kultur an. Noch ist die Erinnerung an das Umstürzen und das teilweise Zertrümmern von neun alten Grabsteinen des Friedhofes an der Claaßenstraße zu Breslau in aller Erinnerung, des Friedhofes, desien künstlerisch bedeutsame Grabsteine aus sriderizianischer Zeit für würdig erachtet wurden, das Heft 1 der „Monographien für Denkmalpflege und Heimatschutz**) zu füllen. Am 26. Februar 1927 teilte der Oberstaatsanwalt der Gemeinde amtlich mit, daß das Verfahren eingestellt werden mußte, da die Ermittlungen leider erfolglos waren. Mit Stolz mögen sich nunmehr völkische Edelknaben dieser Heldentat rühmen. Vielleicht aber dürfte es diese interessieren, wie man zur Zeit ihres großen Königs, des Fridericus, über solche Aeußerung Leutschen Heldentums dachte. Bekanntlich ist der erwähnte Breslauer Fri-edhos auf Befehl des Königs angelegt worden, dessen weit über seine Zeit hinausragendes hygienisches Empfinden nicht mehr länger dulden wollte, daß Leichen kilometerweit verfrachtet lverden mußten, um zur ewigen Ruhe zu gelangen. In Menzel: „Topographische Chronik von B r e s l a u", 7. Quart., S. 702 (Breslau 1806) lesen wir nun. in welcher Weise der Friedhof entstand und wie man gegen desien Ruhestörer vorzugehen willens war: „Die Erlaubniß zur Erbauung eines Kirchhofes, zur Errichtung eines Lazareths und zum Ankauf eines Gemeindehauses erhielten *) Verlag Hackebeil (Berlin); besprochen S. 6b (1927) dieser Zeitschrift. die Breslauschen Juden im Jahr 1760. Jener liegt vor dem Schweidnitzer Thore aus der Landstraße nach Strehlen, u n d i st sehr auffallend mit einer neu aufgemahlten Tafel geschmückt, worauf ein Block mit einer abgehackten Hand und folgende Inschrift zu lesen ist: „Wer diese Ruhestatt verletzt. Dem wird durchs Beil ein Schlag versetzt. Man haut durchs Beil die Hand ihm ab. Der hier beschädiget das Grab/ Warum dergleichen ungewöhnliche Exemtion aus Josuas und Davids Zeiten hier zu Lande an öffentlichen Landstraßen abgemahlt wird, ist nicht einzusehen/ Man muß wohl annehmen, daß das Anbringen einer derartigen Tafel mit obrigkeitlicher Genehmigung erfolgte, und mag daraus entnehmen, wie die Gerichte damals, vor 150 Jahren, in Preußen über derartige feige und nichtswürdige Delikte dachten. Wohl hat sich der Kulturfortschritt auch bei gerichtlichen Strafen seither erfreulicherweise bemerkbar gemacht. Wo aber sehen wir den Fortschritt in der Kultur des Geistes, wenn solche Anschläge heute, anderthalb Jahrhunderte später, noch möglich sind? Gr. ^uristentagung des C. v. am 18. und IH.Dni 1927. Wichtige juristische Fragen, die die Rechtsverhältnisse der deutschen Juden betreffen, haben den H a u p t v o r st a nd des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens veranlaßt, eine Konferenz unserer juristischen Fr e rinde aus dem Reiche und aus Berlin für den 18. und 19. Juni einzuberufen. Die Konferenz, zu der über jedes Erwarten zahlreiche Anmeldungen vorliegen, wird nach folgender Tagesordnung vor sich gehen: Sonnabend, öen 18. Juni 1927: 4,10 Uhr: Eröffnung «nd Bc- Justizrat Dr. Julius Brod^ grüßung. nitz, Vorsitzender des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. 4.20 Uhr: Völkische Rechts- Landaerichtsrat Dr- JaqueS und Staatsphilosophie. Stern (Berlin). 5,15 Uhr: Entwurf eines All ge- JustizratDr.SiegfriedLöwenmeinen Deutschen Strafstein (Berlin). Gesetzbuches. 6.20 Uhr: Aussprache. 9 Uhr: Bierabend mit Damen im Hotel „Der Kaiserhos" (Wilhelm-, Ecke Zietenplatz). Sonntag, öerr 19. ^uni 1927: Vorm. 9,30 Uhr: Die Stellung Rechtsanwalt Dr. Erich Eyck der Rechtspflege zu Juden (Berlin), und Judentum. Vorm. 10,40 Uhr: Aussprache. Mittagspause von 1 bis 2,30 Uhr. Nachm. 2,40 Uhr: Der politische Rechtsanwalt Dr. Bruno Weil Prozeß. (Berlin). Nachm. 3,40 Uhr: Aussprache. französischen Einfluß sind die judenfeindlichen Bewegungen in Nordafrika stark zurückgegangen, und die eingesessenen Juden haben sich als die anpassungsfähigsten Objekte der Kolonisierung bewiesen. Während der Kämpfe Abd-cl-Krims toat-en sie in Marokko zwar vorübergehend in eine etwas schiefe Positiongeraten, aber nachdem jetzt die französische Kolonisierung sich, in ruhigeren Formen bewegt, wird sich ihr Eintritt in die europäische Zivilisation sehr schnell vollziehem Die zahlreichen, Juden Syriens standen schon früher kulturell durch französische Vermittlung mit der westlichen Zivilisation in Verbindung und ihre Ajsimilierung macht erstaunliche Fortschritte. Zahlreich^ ginge syrische Juden studieren zurzeit an der Pariser Sorbonne, und die Zeit wird nicht mehr fern sein, wo auch die jüdische Jugend Nordafrikas kulturell einen Aufstieg nehmen wird. Man sieht, wie vielfältig sich heute die Beziehungen Frankreichs zum Judentum einerseits und die speziellen jüdischen Interessen anderseits darstellen. Ein wesentlicher Teil Mischer Problematik ist so nach Frankreich verlegt worden, das ein wenig unvorbereitet diesen neuen Eindrücken gegenübersteht. Man findet jüdische Namen ebensowohl als Mitglieder der Regierung, als Vertreter von Kunst und Literatur, wie die namenlosen Scharen durch die Kriegsschrecken vertriebener Ostjuden und Juden als Bestandteile französischer Kolonialvölker. So nimmt Frankreich heute für Vas jüdische Leben einen ganz besonderen Platz ein.