Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1927-06-10 · 23 (10.6.1927) · p. Seite 326

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
23 (10.6.1927)
Date
1927-06-10
Page
Seite 326 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2277379-2277729-2277752--03740-2284285
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

reich auftaucht, und nur sie erklärt in Verbindung mit den Politischen Interessen Frankreichs im nahen Osten die verstärkte Beschäftigung der Oesfentlichkeit mit den ihr sonst so fernliegenden jüdischen Dingen. Sie Rolle -es Zionismus. Die durch das Kriegselend versprengten o st j ü d i s ch e n Elemente, die sich in Paris angesiedelt haben, stehen zwar nur zum Teil dem Z i o n i s m u s nahe. Aber sie haben doch eine neue Note in die Mosaik des Pariser politischen Emigranten-- tums gebracht. Die ganze Auseinandersetzung innerhalb des Zionismus 'selbst und um die jüdischen Schicksalsfragen überhaupt ist so auch nach Frankreich getragen worden, und auch die alteingesessenen französischen Juden werden stark davon berührt. So lebhaft jedoch das Interesse geworden ist, — die Kluft zwischen den französischen Juden, die in der Landeskultur aufgewachsen sind, und den Zugewanderten ist zu groß, als daß das französische Judentum in seiner Gesamtheit in die Diskussion einbezogen werden könnte. Es spielt doch im wesentlichen nur eine zuschauende Rolle, die dadurch erleichtert wird, daß die Probleme, wie sie sich hier darstellen, ähnlich wie in England vornehnrlich einen machtpolitischen Charakter tragen. Palästina bedeutet für Frankreich zunächst einmal eine englische Position im nahen Osten, die mit dem angrenzenden französischen Syrien jederzeit in politische Konflikted geraten kann. Man besaßt sich daher sehr ausgiebig auch in ntchtjüdischen Kreisen mit der palästinischen Frage, aber dabei steht doch weniger eine jüdische Angelegenheit, als vielmehr die politische Gestaltung Vorderasiens im Vordergrund. Mag der Zionismus so äußerlich in der Tagesdebatte eine erhebliche Rolle spielen, der eigentliche Kreis des^ französischen Judentums bleibt ihm fremd. Wohl ist die jüngere Generation, vor allem die intellektuelle Jugend, hier und da dem Zionismus nähergetreten, aber die Erklärung hierfür liegt auf der Hand. Der Zionismus ist beinahe die einzige Form, in der den sranzösischen Juden Fragen der jüdischen Gemeinschaft an sich vor Augen geführt werden. Gerade ihre Losgelöstheit von den Sorgen des Tages, soweit es sich um das Judentum handelt, hat bewirkt, daß sie vorher kaum irgendeine Form von Verbundenheit gekannt haben. Ob sich die Periode des individualistischen Nebeneinanderlebens der französischen Juden unter dem Einfluß der neueren Enhvicklung in eine stärkere Gebundenheit verwandeln wird, bleibt abzuwarten, aber die Ansätze hierzu find offenbar vorhanden. Es kann nicht ausbleiben, daß gerade die französischen Juden, die chrer ganzen Geschichte und Entwicklung nach sehr stark mit ihrer Heimat verbunden sind, in Zukunft noch weit stärker sich mit den Seiten des Problems beschäftigen werden, die sie selbst betreffen, als dies schon seither geschehen ist. Im übrigen ist der Zionismus in Frankreich eine vorwiegend literarische Angelegenheit. Die Diskussion geht hier, wie dies auch sonst sehr beliebt ist, stark ins Feuilletonistische über, und die Hauptsache ist, daß jüdische wie nichtjüdische Schriftsteller in Palästina Sujets mit dem ein wenig exotischen und kosmopolitischen Anstrich finden, der sich heute einer besonderen Beliebtheit erfreut. Die soziale Struktur des französischen Judentums jedoch wird durch diese Erscheinung nicht im geringsten beeinflußt. Men ln allen Vmkelen! Der französische Jude ist heute noch genau so wie vor Generationen über sämtliche Weltanschauungen und über sämtliche Parteirichtungen Frankreichs verstreut. Man findet in Frankreich weit häufiger als bei uns jüdische Politiker, die den Rechts gruppen angehören. So gehört zum Beispiel der gegenwärtige Handelsminifter Bokanowski zu der Gruppe Poincarä, und die ehemalige „graue Eminenz" Clcmenceaus, Mandel, ist gleichfalls noch in aller Erinnerung, ^ogar die äußerste Rechte, die Aciiou fran^aise, zählt, wie bereits erwähnt, jüdische Anhänger. Zahlreich sind jüdische Politiker in der größten politischen Partei, unter den Radnalsozialisten, vertreten, weniger stark unter den Sozialisten, obwohl der gegenwärtige Führer der sozialistischen Partei, L^on Blum, Jude ist. Ebenso ist das Judentum gesellschaftlich in allen Schichten des Volkes anzutreffen. Die jüdische Hochfinanz ist schon seit Geschlechtern mit Kreisen des Hochadels verschwägert; die freien Berufe, Handel und Wirtschaft zählen Juden 31t ihren besten Mitgliedern, und ähnlich wie in Deutschland ist das Judentum sehr zahlreich im eigentlichen Mittelstand vertreten. Die politische und kulturelle Einstellung der französischen Juden wird durch diese soziale Gliederung im wesentlichen bedingt, und eine Abdrängung in ausschließlich oppositionelle Politik ist in Frankreich niemals erfolgt. Auf diese Weise ist allen politischen Parteien die Mitwirkung jüdischer Elemente gesichert worden. Aus eben diesem Grunde ist der politische Judenhaß kaum spürbar, da die gelegentlichen Extravaganzen Läon Daudets und anderer seines Schlages schon von vornherein niemand ernstnimmt. Sie Einwanderung aus dem Orten. So vollzieht sich gegenwärtig der Prozeß der Aufnahme der ' neu zugewanderten I u d e n a u s d e m Osten eigentlich ganz l isoliert. Die Gäste, die Frankreich beherbergt, verschmelzen l sich nicht etwa mit der alten jüdischen Bevölkerung Frankrerchs, sondern sie gehen genau so in das Volk auf wie die zahlreichen anderen politischen Emigranten, Russen, Italiener, Spanier, Rumänen und andere mehr. Sie gehören;um Teil dem Proletariat an, zum größeren Teil jedoch dein kleinen Mittelstand. Im Pariser Stadtviertel von Bellevillc und um das Hotel do Ville (Rathaus) hausen sie noch ziemlich zusammengedrängt; indes vollzieht sich der Prozeß der Assimilierung, vor allem bei den jüngeren Elementen, sehr schnell. Mit der jetzt eifriger betriebenen Naturalisierung werden diese Flüchtlinge auch immer häufiger das französische Staawbürgerrecht erwerben, und so wird Frankreich bald um eine größere Zahl neuer jüdischer Elemente bereichert sein. Erst wenn die neuen Kreise mit den älteren in eine direkte Fühlung treten, wird man sehen können, ob die Kluft, wie sie heute besteht, sich noch länger erhält oder ob von beiden Seiten eine Anpassung erstrebt wird. L Ele ist willkommen.? An sich darf dieses neue Element in Frankreich als eine durchaus günstige Erscheinung angesprochen werden. Auch [l das französische Judentum leidet an dem für ganz Frankreich typischen Geburtenmangel, und es bedarf ebenso wie das ganze ' )\ übrige Land in Ermangelung eines eigenen Nachwuchses der l] Aufnahme fremder Elemente, die zwar zunächst sich nicht ganz J leicht einsügen lassen, die aber doch schließlich in den Kreis K der alten französischen Kultur hineingezogen werden und aus r: deren Verschmelzung mit dem älteren Volkskörper eine neue [ Synthese erstehen wird. Demgemäß hat auch das ostjüdische i Problem für das französische Judentum eine ganz andere Be-!; deutung als etwa für Deutschland. Frankreich sucht < geradezudenZuzugaus demSüdenundOften, und die ostjüdischen Elemente sind zunächst nichts anderes als ein Bruchteil der halben Million Polen, die nach Ende; des Krieges nach Frankreich gewandert sind. Leider gerät der f brachliegende französische Boden im Süden, der an sich nach I Arbeitskräften ruft, mehr in die Hände der Italiener und l Spanier, die sich hier um das fruchtbare Land reißen. Die \ jüdischen Zuwanderer sind mit ihren polnischen christlichen 1 Mitbürgern zum wesentlichen von den Großstädten aufgesogen worden, wo sie zunächst in der Industrie, die für den Wiederaufbau jeden Arm willkommen hieß, Aufnahme gesunden haben. j Nachdem mit dem Stabilwerden des Francs der erste Konjunkturrückgang in der französischen Industrie eintrat, macht sich eine gewiffe R ü ck w a n d e r u n g bemerkbar, aber es sind doch im wesentlichen nur die ungelernten polnischen Arbeiter, die sich unter den veränderten Umständen als nicht aufnahmefähig erwiesen haben. Die neuen jüdischen Bürger Frankreichs haben sich bereits als eine durchaus wurzelschlagende Be-« völkeruug bewährt und damit den Beweis erbracht, daß sie zu den Elementen zu rechnen sind, auf deren Zuwachs der französische Staat Wert legt und deren völligem Nebergang in das neue Frankreich nichts im Wege steht. t : Die Juden der Kownien und Pro-Mornie. b Nicht zu vergessen ist übrigens, daß auri> kolonialpolitisch; Frankreich mit dem Judentum in Berührung tritt. Nach; Kriegsende haben die sranzösischen Protektorate über Ma-! r 0 k k 0 , Algier und Tunis eine immer größere Bedeu-! tung gewonnen, und der zivilisatorische Einfluß Frankreichs j ist hier unverkennbar. So darf man hoffen, daß auf diese i Weise auch das u 0 r d a f r i k a n i s ch e Judentum, das j unter der Herrschaft des Islams in einen Jahrhunderte währen-; | den Schlaf versunken war, wieder erwachen wird. Unter dem i (Fortsetzung S. 327 unten) f j

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.