Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 23 (10.6.1927)
- Date
- 1927-06-10
- Page
- Seite 325 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Verlin, IS. Juni 1-27 VI. Jahrgang » Nr.2Z (Linzeluummer IO Bfennig g BierteljahrsabounemenL 1,20 RM. (Luzügl. Bestellgeld). Bankkonto: Dresdner Dank, Wechsel» |tUVt VI p W t-1 1 l %J » » W, , VII4VI WU II U/ V kW ] VlJ*« tMT VW UJ| UJ UW VV. «UbVIUk » * W« Llleinlge Anzeigenannahme: Annoncen-Expedttion Rudolf Mosse, Berlin SW 19, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,90 JiM für die 7gespaltene Zeile nach Rudolf Moffe» Iiormalzeilenmeffer Nr. 4, F^rmilienanzeigen und Stellengesuche (nicht Stellenangebote) für Mitglieder d. Lentralvereins 0,45 JUk, die 90 mm breite Netlamezeile 4,80 3M*~ Verlag u. SchrlftleiLung: Berlin SW 63, Ctnöenfic. 13. Fernsprecher: Amt Dönhoff 3594,3595. .:. Postscheckkonto: Berlin 304 72. stube G, Berlin SV.' 63, Lindenstr.^, und von Doldschmidt-Ro^hschild L Co., Derlin^W 8. IMG» / Kein Wilrher Snternationaiismus! Die Judengegnerschast aller Schattierungen arbeitet in ihrem Kampf immer wieder mit dem angeblichen Internationalismus des Judentums, der es verhindern soll, daß der Jude überhaupt sich als Staatsbürger fühlen und damit auch seine Pflichten als Staatsbürger erfüllen könne. Demnach müßte zwischen den Juden Deutschlands und Frankreichs doch immerhin ein gewisses Band und eine gewisse Gemeinsamkeit zu erkennen sein. In Wirklichkeit liegen jedoch die Dinge ganz anders. Gewiß mag es unter den französischen Juden manche Anhänger einer Richtung geben, die man, wenn man will, als Internationalismus bezeichnen mag, aber niemals werden sie sich diesem Internationalismus in ihrer Eigenschaft als Juden oder etwa zur Wahrung gemeinsamer jüdischer Interessen verschreiben^ Zwischen dem Leben der deutschen Juden, zwischen ihren kulturellen und staatspolitischen Interessen und dem, was die französischen Juden bewegt, ist auch nicht die Spur einer Gemeinsamkeit zu entdecken. Tie deutschen und die französischen Juden sind genau so isoliert, freilich auch genau so verbunden wie die beiden Nationen, die mit neuen Hoffnungen in eine Periode eingetreten sind, die für die Völker und für Europa bessere Friedensbü-rgschasten als die Vergangenheit in sich birgt. Die Folgen des DretzkußMrszenes. ' Die französischen Juden sind vor allem den staatsbürgerlichen Interessen ihrer Glaubensgenossen jenseits des Reiches völlig entrückt. Nachdem sie bereits mit der Revolution und Napoleon die volle staatsbürgerliche Gleichheit errungen hatten, haben sie eigentlich nie den Kampf gegen den Antisemitismus mit der Schärfe durchzukämpfen gehabt wie die deutschen Juden. Gewiß blieb ihnen die große Prüfung der Drehfus -Affäre nicht erspart. Aber dieser Kampf, der das ganze sittliche Schicksal des französischen Volkes aufs Spiel setzte, der die geistigen Führer der Nation auf den Plan rief, Amg in seiner Bedeutung doch weit über den Kreis der jüdischen Interessen hinaus. Hier war es vielmehr der uralte Gegensatz von Nacht und Recht, der zur Debatte stand, und daß es sich dabei um den Fall des jüdischen Haupünanns Dreyfus drehte, war fast nur eine Zufälligkeit. Immerhin kommt es den französischen Juden zunutze, daß diese Klärung mit solcher Eindringlichkeit durchgesührt wurde und das ganze moralische Gewissen des Volkes wachrüttelte. Seither kann der Antiseminsmus in Frankreich kaum noch irgendwelche nennenswerte Positionen verteidigen. Waren es zur Dreyfus-Zeit Kreise des Klerikalismus, die sich mit den Nationalisten verbrüdert hatten, so spielt heute die eigentlich klerikale Judenfeindschaft M Frankreich nur noch eine ganz untergeordnete Rolle. Auch vie Acüon^ fran^aise, die übrigens auch Juden zu ihren Anhängern zählt und mit dem Antisemitismus eigentlich nur rhetorische Demagogie treibt, ist ganz erheblich zurückgedrängt und heute noch weniger ernst zu nehmen als früher. Wohl gibt es auch in. Frankreich einen gesellschaftlichen Antisemitismus. Aber das soziale Leben der französischen Juden wird kaum davon berührt, und ein eigentlicher Kamps gegen den Antisemitismus ist in Frankreich überflüssig. Die französischen Juden sind seit ein und einem viertel Jahrhundert im vollen Genuß staatsbürgerlicher Rechte und Pflichten, und ihr volles Ausgehen im französischen Staat wird weder durch Einflüsse der Regierungsautorität noch durch andere aus dem sozialen Unterbau hervorgehende Einwirkungen gehindert. Die Hakenkreuzparole: „Frankreich und der Jude sind eins!" sucht sich gern auf diese gesellschaftlich korrekte Einordnung der französischen Juden in den Staat zu berufen. Wenn es einen Sinn hätte, von diesen Verblendeten Logik zu verlangen, so müßte man aus dieser Stellung der französischen Juden zum mindesten den Schluß ziehen, daß die andere Formel von der Jnternationalitat des Juden damit all absurckum geführt wird. Religiöse und ManthropilÄe Betätigung. Es erklärt sich somit, daß die französischen Juden, da sie weder gegen die Auswirkungen von ..Rasseinstinkten" noch gegen sonstige judenseindliche Tendenzen energischer aufzutretcn haben, sich weit mehr als ihre deutschen 'Glaubensgenossen ausschließlich -den Interessen der r el i g i ö,sen G e mei n s cha f t und einer pH i la n th r oPische n Tä tigke i t widmen können. Aber es ist unverkennbar, daß die Entwicklung der Nachkriegsjahre die große Ruhe, die das jüdische Leben in Frankreich genoß, gestört hat. und daß auch dort Probleme der verschiedensten Natur auftauchen. Zunächst hat sich die Zahl der französischen Juden infolge des politischen Kriegsendes um die elsaß-lothringischen Glaubensgenossen vermehrt, und ein altes jüdisches Kulturzentrum, das früher im Deutschen Reich eine Rolle spielte, ist heute wieder zu Frankreich geschlagen worden. Indes wirkt diese Tatsache — schon aus dem Grunde, weil sich das Aufgchen Elsaß-Lothringens in der dritten Republik beinahe als eine Unmöglichkeit herausstellt — nicht so sehr als der starke Zuzug ostjüdischer Elemente, der sich naturgemäß in erster Linie nach Paris ergossen hat. Man kann sagen, daß gerade durch diese Erscheinung erst eine eigentliche jüdische Problematik in Frankhsttl ttlfinff. ®C(TC!t die Fricdliofs'chändnngen. AUS v I» _ Jnristcntaguug des C. B. am irr. und 19. Funi 1927. — Klagt Ford gegen Fritsch? Eine Unterredung mit Heruran Bernstein. — Die „JVovos Christa««“ in Portugal. Bon Dr. Hans Wese man» (Lissabon). — Für und wider daS Alte Testament. Bo«» Dr. Hugo Hahn (Essen).